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Interviews

Wir haben Olivia Jones gefragt, warum sie die AfD angezeigt hat

Sie erzählt uns, wie die Polizisten auf der Hamburger Davidwache reagierten, als sie einen AfD-Politiker wegen Volksverhetzung anzeigte.

von Sofia Faltenbacher
16 September 2016, 8:00am

Ihre Welt ist bunt: Olivia Jones klagt jetzt gegen die AfD | Foto: imago | Raimund Müller

Die Website der Dragqueen Olivia Jones bricht gerade immer wieder zusammen. Das ist selbst der Hamburger Kiez-Koryphäe und Grande Dame der Travestie noch nicht passiert. Der Grund, warum ihre Seite so oft angeklickt wird: Sie postete auf Facebook den Link zu einem offenen Brief an die AfD Sachsen-Anhalt. Sie zeigte sie an, wegen Volksverhetzung.

Die Vorgeschichte: Das Ministerium für Gleichstellung in Sachsen-Anhalt hat eine Broschüre mit Kinderbuch-Empfehlungen für Kitas und Grundschulen zum Thema Homosexualität veröffentlicht. Unter den Empfehlungen war auch Olivia Jones' Buch Keine Angst in Andersrum. Die AfD Sachsen-Anhalt reagierte darauf mit einem Facebook-Post, der noch immer auf der Seite steht. Überschrift: "Neue Bildungslektüre für Kinder." Darunter ist ein Buch mit Regenbogen zu sehen, auf dem drei Sätze stehen: "Wie kann ich als Kind Sex haben? 5 Schritte einfach erklärt." Außerdem: "Heute: Warum Du in Wirklichkeit homo bist." Und: "Schreibe Deine 7 erotischen Szenarien mit einem Erwachsenen auf."

Olivia Jones schreibt in ihrem offenen Brief, sie habe auf der Davidwache an der Hamburger Reeperbahn Anzeige gegen André Poggenburg, den Vorsitzenden der AfD Sachsen-Anhalt, erstattet. "Mir ist klar, dass er das von jemandem wie mir vermutlich als 'Ritterschlag' empfinden wird." Trotzdem könne sie nicht ignorieren, wenn auf der Facebook-Seite der AfD Sachsen-Anhalt Homosexualität mit Pädophilie in Zusammenhang gebracht werde.

VICE: Was haben die Beamten in der Davidwache gesagt, als du die Anzeige aufgegeben hast?
Olivia Jones: Die haben sofort gesehen, dass die Anzeige zurecht rausgeht, es wird ja offensichtlich beleidigt und gehetzt. Gerade die Polizei ist auch immer bedacht, die Wogen in der Gesellschaft zu glätten. Ich fühlte mich da auf jeden Fall sehr gut aufgehoben und merkte, dass ich mit Justiz und Polizei an einem Strang ziehe.

Woran hast du das gemerkt?
Die Polizei hat Beweise gesichert, erst dann bin ich an die Öffentlichkeit gegangen. Nicht, dass die AfD am Ende sagen kann, das habe nur die Putzfrau gepostet, oder es war nur Humor und Spaß. Denn um Humor geht es bei der AfD ja wirklich selten—und irgendwo hört der Spaß auch auf.

Glaubst du, die Klage wirkt sich auf deine nächsten Auftritte aus?
Ich habe keine Ahnung. Ich merke nur, dass meine Internetseite zusammengebrochen ist und es immer noch ein gesellschaftsrelevantes Thema ist. Man muss vielen Leuten die Ängste nehmen—gerade auch der AfD. Man darf nicht populistisch reden, aber man muss mit Populisten reden. Und ich sage denen jetzt: So geht es nicht. Ich freue mich, dass ich durchweg positive Resonanz bekomme. Das zeigt doch, das die AfD mit ihrer Diskriminierung und ihrer Hetze auf dem Holzweg ist.

Ist die AfD dein Feind?
Die AfD ist ein großer Feind Minderheiten gegenüber, Homosexuellen in besonderer Weise, das sieht man an den Äußerungen. Was sie sich jetzt geleistet haben, ist an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten, und da ist auch sehr viel Dummheit drin. Die denken immer noch, dass Homosexuelität irgendetwas ist, das man anerziehen kann. Die wissen wahrscheinlich gar nicht, dass es eine ganz normale Veranlagung ist, die man sich nicht aussuchen kann—und Schwule und Lesben haben es ja schon schwer genug in der Gesellschaft.

Wenn du dem AfDler André Poggenburg wirklich etwas vorlesen dürftest—du schreibst in deinem offenen Brief, du würdest das machen—, was wäre es?
Ich würde ihm einfach vorlesen, dass Männer und Männer oder Frauen und Frauen sich lieben, und dass es eine ganz normale Veranlagung ist, die überall auch in der Natur vorkommt. Dass davon die Welt nicht untergeht, und dass vor allem keine Gefahr davon ausgeht—weil die haben doch immer so furchtbare Angst. Vor was, wissen sie wahrscheinlich selber nicht.

Im Hintergrund klackern Stöckelschuhe.

Ist der Kiez politisch und sind es deine Läden?
St. Pauli hat schon immer eine gesellschaftspolitische Vorreiterrolle, weil hier so viele Kulturen und Menschen zusammenwohnen, die sowas von unterschiedlich sind. Das wird bei mir in meinen Läden gelebt und ist für mich sehr wichtig. So wie es in meinen Läden abgeht, so tolerant, so würde ich es mir für die Gesellschaft auch wünschen.

Wie beeinflusst das Nachtleben die Politik?
Alles hat auf Politik einen Einfluss, wenn so viele Menschen unterschiedlicher Couleur zusammenkommen. Gerade in Ballungszentren wie St. Pauli steht Respekt an vorderster Stelle. Aber Respekt und Toleranz muss man lernen und immer wieder neu erkämpfen.

Jetzt muss ich mich schminken, ich habe gleich einen Auftritt.

Alles klar, ciao!
Tschüss!