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Drogen

2015 ist es ziemlich einfach, einen lukrativen Drogenring zu gründen

Vor Kurzem haben ein paar milchgesichtige Studenten gezeigt, dass heutzutage so ziemlich jeder Mensch Drogenboss spielen kann.

von Max Daly
25 August 2015, 9:23am

Ein Teil der Drogen, die beim Darknet-Dealer Shiny Flakes sichergestellt worden sind, insgesamt: 320 Kilo, Marktwert: 4,1 Millionen Euro | Foto: Theresa Locker

Würden wir in einer Welt leben, in der Drogen vollkommen legal wären, dann hätte man Liam Reynolds und seine Kommilitonen wohl als übereifrig bezeichnet.

Während andere International-Business-Studenten der Leeds Beckett University in ihrer Freizeit das perfekte Verhältnis zwischen getrunkenen Bieren und taktischen Kotzeinlagen bestimmten, setzten Reynolds und Co. die gelernte Theorie in die Praxis um, indem sie einen erfolgreichen Drogenring betrieben.

Tagsüber beschäftigten sie sich mit Vorlesungen in Fächern wie digitales Marketing oder Versorgungsketten-Management und in der restlichen Zeit gingen sie dann von einer Studentenbude in Leeds (wo auch vier Mitglieder der Gruppe lebten) aus ihren Geschäften nach. Dabei kauften sie über die inzwischen stillgelegte Silk Road Ecstasy, LSD und Cannabis. Bezahlt wurde das Ganze mit der anonymen digitalen Bitcoin-Währung. Die Drogenpäckchen kamen dann mit der Post und die Studenten mussten den Stoff schließlich nur noch unters Partyvolk bringen.

Nein, hier geht es nicht um Shiny Flakes. Alles dazu könnt ihr bei Motherboard lesen.

Zum Pech von Reynolds und seinem Team von Unternehmern bekam die Polizei schnell Wind von der Mini-Medellín-Operation. Bei den Ermittlungen fand man dann ein „ausgeklügeltes und gut organisiertes kriminelles Unternehmen vor, das über einen längeren Zeitraum hinweg größere Mengen an Rauschmitteln in das Vereinigte Königreich importierte und diese Rauschmittel anschließend in der Studentengemeinschaft der Stadt verteilte."

Letzte Woche trat Reynolds, der 21-jährige Kopf des Rings, seine vierjährige Haftstrafe an, zu der er wegen des Imports und Verkaufs von Rauschmitteln verurteilt wurde. Die neun Mitangeklagten (alle zwischen 20 und 22) wurden des Imports und des Verkaufs von Rauschmitteln sowie der Geldwäsche schuldig gesprochen. Allerdings erhielten sie nur Bewährungsstrafen und sind so dem Gefängnis noch mal entgangen.

Was uns dieser Fall sehr schön aufzeigt, ist die Tatsache, dass heutzutage jeder Mensch—selbst ein milchgesichtiger Student aus Leeds—seine eigenen Drogengeschäfte aufziehen kann. Dazu braucht man nur einen Laptop, ein kleines Studentendarlehen, etwas Darknet-Know-How und schon wird man zum Pablo Escobar der örtlichen Studentenparty-Szene. Natürlich kann man dabei auch sein gesamtes Geld verlieren, irgendjemandem tödliche Pillen verkaufen oder ziemlich lange in den Knast wandern, aber das sind wohl die Risiken, die man eingeht.

Es überrascht kaum, dass der Online-Drogenmarkt als Ort bekannt ist, wo Drogenkonsumenten inzwischen gerne ihren Stoff beziehen. In einer Untersuchung, die letztes Jahr veröffentlicht wurde und den Titel „Not an 'Ebay for Drugs': The Cryptomarket 'Silk Road' as a Paradigm Shifting Criminal Innovation" trägt, fand man jedoch heraus, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Verkäufe auf der Silk Road Großeinkäufe im Wert von mehreren Tausend Euro waren—und eben nicht nur ein oder zwei Gramm Mephedron.

„Diese Ergebnisse zeigen uns deutlich", heißt es in der Untersuchung abschließend, „dass viele Kunden der Silk Road Drogendealer waren, die nach neuen Bezugsquellen suchten. Von einem Umsatzstandpunkt aus betrachtet, stellte diese Art der Business-to-Business-Geschäfte den Schlüssel für den gesamten Erfolg der Silk Road dar."

Motherboard: FBI-Ermittler verdiente als Silk Road-Mitarbeiter steuerfreie 800 Euro pro Woche

Alle Anzeichen der Verkaufsmuster der aktuellen Riege an Darknet-Märkten—zum Beispiel Mengenrabatte auf Großbestellungen—deuten darauf hin, dass die Geschäfte genau so weitergehen. Da das Darknet für Drogendealer immer mehr zum Einkaufsort Nummer Eins wird, wo sie ohne Probleme ihre Lager füllen können, verändert sich die ganze Natur des Drogenverkaufs—das Ganze ist inzwischen eine leicht zugängliche Berufskarriere.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass Reynolds und seine „Kollegen" (vor allem die, deren Studium komplett auf den Aufbau eines internationalen Unternehmens ausgelegt ist) bei der Möglichkeit, leicht an Geld zu kommen, sofort zugeschlagen haben. Der Online-Drogenkauf ist ja quasi auch wie gemacht für den Durchschnittsstudenten: Diese jungen Leute haben ziemlich wahrscheinlich Ahnung vom Internet, sie müssen sich nicht mit irgendwelchen unheimlichen Drogenimporteuren abgeben und sie gehören zu der breiten Masse der Menschen, die dazu bereit sind, einen großen Teil ihres Darlehens für Drogen auszugeben.

Vor noch nicht mal 10 Jahren war es einem elitären Kreis an Kriminellen mit guten Beziehungen vorbehalten, illegale Drogen zu importieren. Dank neuer Bezugswege wie dem oben erwähnten Darknet hat inzwischen allerdings jeder Mensch diese Möglichkeit. Und genau deswegen wird es auch gemacht.

Für die Polizei ist es keine leichte Aufgabe, die Dealer unter den Studenten auszumachen, da sie weniger auffallen als die Dealer, die außerhalb der Universitätsblase arbeiten. Dennoch waren die Jungs aus Leeds nicht die einzigen Studenten, die dabei erwischt wurden, wie sie ein Stück vom Online-Drogenkuchen abhaben wollten.

Speed wird abgewogen. Foto: Andoni Lubaki

Letztes Jahr wurde Michael Thompson, ein 22-jähriger Geschichtsstudent der Universität von Sheffield, im Januar zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem die Polizei ein an ihn adressiertes Paket aus den Niederlanden abgefangen hatte. Der Inhalt: Ecstasy im Wert von über 800 Euro. Eine Durchsuchung seiner Wohnung, die sich in der Nähe des Universitätscampus befand, beförderte anschließend noch folgende Dinge ans Tageslicht: 1400 Pfund in bar, 46 Beutel voll mit Ecstasy-Pillen, Cannabis-Öl, Gras, Ketamin, Valium und LSD. Thompson hatte sich die Drogen online besorgt und dann an eine Gruppe von ungefähr 50 Kommilitonen weiterverkauft.

Diesen Mai wurde Dylan C. Soeffing, ein Student der Oswego University im US-Bundesstaat New York, von der Polizei geschnappt, nachdem er durch den Verkauf von im Darknet erworbenen Cannabis und Xanax 170.000 Dollar verdient hatte. Er meinte, dass er sein Geschäft zwar schon seit über einem Jahr aufgeben wollte, die ganze Sache aber einfach viel zu gut lief. Laut ihm hatte auch die örtliche Postfiliale kein Problem mit seinen vielen Paketen. Als Soeffing von der Polizei verhört wurde, erwartete er sogar noch ein Lieferung von fast 500 Gramm Gras.

Dealer, die ihre Ware im Internet beziehen, machen auf isolierten Drogenmärkten wie Australien oder Neuseeland das Geschäft ihres Lebens. Beide Länder sind voller Menschen, die ihr Bewusstsein erweitern wollen, aber in beiden Ländern kommen diese Menschen dank der traditionellen Versorgungskette nur an überteuerte Drogen von schlechter Qualität. Genau deshalb ist es für die Dealer, die sich dem Online-Handel verschreiben, wirtschaftlich gesehen so sinnvoll, sich die Drogen im Darknet viel günstiger als auf der Straße zu besorgen und anschließend an die Leute weiterzuverkaufen, denen es im Internet zu riskant ist.

Dementsprechend war es auch keine Überraschung, dass der erste festgenommene Silkroad-Drogenhändler ein Australier war. 2012 fing die australische Polizei Päckchen aus Deutschland und den Niederlanden ab, die 46,9 Gramm MDMA beziehungsweise 14,5 Gramm Kokain enthielten. Adressiert war das Ganze an den in Melbourne lebenden Paul Howard. Bei ihm zu Hause fand man dann auch noch den ganzen Drogendealer-Zubehör: digitale Waagen, wiederverschließbare Plastikbeutel, viel Bargeld und zwei Handys mit Nachrichten wie „PROMOTE THE LSD I GOT MORE IN. I SOLD 200 CUBES LAST WEEK" oder "I GOT FIVE GRAND WORTH IF YOU WANT."

Genauso abgeschottet hat auch Neuseeland seit gut zwei Jahren mit Dealern zu kämpfen, die ihre Waren mithilfe des Internets importieren.

Letztes Jahr wurde Nicholas Heatley, ein 22-jähriger Student aus Dunedin, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er LSD und MDMA im Wert von knapp 40.000 Euro nach Neuseeland importiert und anschließend an die Leute auf seinem Campus weiterverkauft hatte. Diesen Mai brummte man dem 20 Jahre alten Daniel McKechnie, ein weiterer Student aus Dunedin, sieben Jahre Knast auf, weil er einen ganzen „Supermarkt an Drogen" zum Weiterverkauf ins Land brachte—das Ganze hatte einen geschätzten Wert von gut 95.000 Euro. Und die Liste hört hier nicht auf. Die neuseeländische Zollbehörde hat zugegeben, dass täglich online eingekaufte Drogen abgefangen werden, von denen viele an universitätsnahe Adressen gehen sollten.

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„Ich glaube, dass die Silk Road und ähnliche Märkte eine ganz neue Art der Drogenbosse hervorgebracht haben", meint Eileen Ormsby, eine australische Journalisten und die Autorin des Buches Silk Road. „Diejenigen, die sich große Drogenmengen zum Weiterverkauf besorgen, müssen sich dafür nicht mehr an die organisierte Gang wenden, die gerade den Drogenhandel der Stadt in der Hand hat. Das bedeutet, dass in kleineren Gemeinden verschiedene Menschen für die Beschaffung und den Handel verantwortlich sein können. Eine Universität ist für ein solches Geschäft der perfekte Nährboden."

Da die Darknet-Drogenmärkte und die neue Welle an technisch versierten Studenten-Dealern immer enger zusammenrücken, könnten Universitäten schon bald der neue Schauplatz des Kriegs gegen die Drogen werden, in dem sich die Bedingungen und Ziele schnell ändern.

Letzten Monat haben drei Chemiestudenten der neuseeländischen Victoria University ihre eigene Darknet-Seite namens NZ Underworld online gestellt und die Polizei dazu aufgefordert, sie zu schnappen. Die Seite ist noch nicht wieder vom Netz genommen worden. Die Studenten wollen so zeigen, dass die Behörden im Zeitalter des Online-Handels nicht mehr in der Lage sind, ein Verbot durchzusetzen. Sie sind der Meinung, dass sie ein Recht darauf haben, mit Drogen zu dealen—und zwar ohne Intervention der Polizei oder anderer Krimineller. Jetzt sind die Beamten am Zug, aber ich mache mir keine allzu großen Hoffnungen.

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