Selbstversuch

Ich habe jeden Tag ein anderes Sprüche-Shirt getragen, um zu sehen, wie es mein Leben verändert

Egal ob "Six Pack ... Coming Soon!" oder "FBI – Female Body Inspector", bei meinem Experiment war ich mir für nichts zu schade.

von Oobah Butler
13 März 2017, 2:51pm

Titelfoto: Chris Bethell

Alle Fotos: Chris Bethell

Wäre ich in den Club gekommen, wenn ich andere Klamotten angehabt hätte? Diese Frage bereitet feierwütigen jungen Menschen jedes Wochenende erneut Kopfzerbrechen. Dabei ist dieser Gedankengang gar nicht so außergewöhnlich. Der Mathematiker Edward N. Lorenz beschäftigte sich schon in den 60er Jahren damit, wie sehr sich die Anfangsbedingungen auf den weiteren Verlauf der Dinge in einem dynamischen System auswirken. Stichwort Schmetterlingseffekt. Lorenz kam bei seinen Forschungen zu dem Schluss, dass selbst kleinste veränderte Bedingungen langfristig gesehen völlig andere Entwicklungen hervorrufen können. Also ja, ein anderes Outfit hätte sich mit Sicherheit auf deinen Erfolg beim Türsteher ausgewirkt.

Ich habe das ganze Ding mit dem Schmetterlingseffekt jedoch nie geglaubt. Die Vorstellung, dass die Hose, die ich trage, mein Leben auf irgendeine Weise beeinflussen kann, erscheint mir einfach nur lächerlich. Ich würde sogar behaupten, dass auch das Tragen der komischsten Klamotten kaum einen Unterschied macht.

Aber gut, das ist alles nur Spekulation. Wir brauchen harte Fakten und ich weiß, wie wir die bekommen. Ich werde ein Experiment durchführen und an fünf ganz normalen Tagen jeweils ein anderes bescheuertes Sprüche-T-Shirt tragen. Mal sehen, wo mich das hinführt.

Erster Tag: "Six Pack … Coming soon!"

Sprüche-Shirts hatten zweimal Hochkonjunktur: Zuerst in den 1980ern, als die Modedesignerin Katharine Hamnett einen Hype um T-Shirts mit politischen Botschaften auslöste ("VOTE TACTICALLY", "CHOOSE LIFE", "STOP ACID RAIN"). Und dann noch in den 2000ern, als billigere Druckmethoden es jedem Trottel ermöglichten, sich irgendeinen halbgaren Witz auf ein T-Shirt zu drucken und an die breite Masse zu verkaufen. Komischerweise ist es die zweite Kategorie, die überlebt hat und auch heute noch an Netzwerkadministratoren, Fußballfans und deinen Vater verkauft wird.

Genau diese Sprüche-Shirts werde ich diese Woche tragen. Und mein erstes Oberteil ist – da wirst du mir sicher zustimmen – direkt ein Volltreffer:

Dieses Schätzchen kombiniert mit Stonewash-Jeans sowie einem Paar Vans und ich könnte im 00er-Jahre-Nirwana leben. Leider ist es 2017. Um etwas in die Gänge zu kommen, mache ich mich auf den Weg zu meinem Stammcafé.

In der Schlange erblickt meine gute Freundin Laura das Shirt und grinst. "Dein T-Shirt ist ein wenig ... optimistisch."

"Sag mir die Wahrheit, Laura, welche Menschen würden dieses Shirt tragen?", frage ich.

Laura überlegt kurz. "Wahrscheinlich jemand, der ein kleiner, frecher Scherzkeks ist! Es ist sehr lustig."

Beim Verlassen des Ladens fühle ich mich stark. Vielleicht sind Sprüche-Shirts ja etwas Gutes? Vielleicht sind die Menschen, die sie tragen, überhaupt keine Arschlöcher, sondern Menschen, die jeglichen Selbstwert für das Gesamtwohl opfern? Ich entscheide mich dazu, dass "Six Pack"-Shirt dorthin zu bringen, wo es hingehört: ins Fitnessstudio. Aber so ein lustiger Frechdachs wie ich nimmt da nicht seine kostbaren Laufschuhe mit, sondern das hier:

Auf dem Bürgersteig stehend, erblicke ich mein erstes verschwitztes und atemloses Ziel.

Durch ein "Pssst!" mache ich mich bei der Dame bemerkbar. "Wie wärs mit einem Stück?" Ihre Augen wandern zur Box und werden ganz groß. Dann denkt sie jedoch wieder klar und geht mit einem "Nein, danke!" an mir vorbei.

"Hey, Kumpel", knurre ich und öffne den Pizzakarton. "Komm auf die dunkle Seite." Er schaut mich böse an und winkt ab.

Also drücke ich mich an die Scheibe und stopfe mir die Pizza in den Mund. Die Menschen auf den Laufbändern versuchen, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, und tun so, als würden sie mich nicht sehen. Aber wir alle wissen, dass sie mich sehen. Ich hänge mich richtig rein und bekomme nichts zurück. Mir reicht's. Ich gehe dahin, wo Menschen mein Shirt vielleicht zu schätzen wissen – ein Ort, an dem ein Shirt mit einem beschissenen Spruch zu Hause ist: ein riesiger Pub.

Nachdem ich möglichst auffällig durch die Tür stolziert bin, deute ich mit meinen Fingerpistolen lässig ein paar Schüsse in die Luft an. Ein Typ sieht mein Shirt und kichert. Ich nicke ihm zu.

Der Barkeeper schaut mich an und gibt mir zu verstehen, dass ich mein Shirt hochziehen soll. "Da fehlt aber noch was!", ruft er. Meine neuen Freunde und ich lachen gemeinsam. Ich frage sie, ob sie mir nicht ein Bier ausgeben wollen. Als sie merken, dass ich nicht spaße, verschwindet das Lächeln aus ihren Gesichtern wie Zucker im Kaffee. Von nun an herrscht Stille.

Soweit hat mich mein Sixpack-Shirt also gebracht. Am Ende des Abends frage ich noch 30 Menschen, wie sie aufgrund meines Oberteils über mich denken – besser, schlechter oder gleich. Das Ergebnis:

Besser: 21/30
Schlechter: 3/30
Gleich: 6/30

Zweiter Tag: "No, I Am Not On F*!#king Facebook"

Beim Aufwachen fühle ich mich komisch. Zwar beginnen meine Tage oft mit einem dumpfen Reuegefühl, aber dieses Mal ist es anders. Es gibt nichts Schlimmeres, als von Leute umgeben zu sein, die einen offensichtlich nicht leiden können. Um diese Erfahrung heute nicht erneut machen zu müssen, entscheide ich mich für folgendes Shirt. Meiner Meinung nach werde ich so bestimmt auf einige Brüder und Schwestern im Geiste treffen:

Menschen, die ihre Schimpfwörter zensieren, sind sonderbar. Genau diese Menschen reagieren auch total empört, wenn du sie fragst, ob sie ein Facebook-Profil haben. Sie tun fast so, als ob diese Frage ein Affront gegen ihr gesamtes Selbstbild sei. Hoffentlich treffe ich heute auf solche Menschen.

In meinem Stammcafé grüßt mich Laura. Mein Shirt verwirrt sie. Das ist verständlich, denn wir sind bei Facebook befreundet. Das ist mir jedoch egal, denn heute bin ich ein Facebook-Verächter, der auf die sozialen Medien und auf die Meinungen anderer Leute scheißt.

Es dauert nicht lange und die bösen Blicke gehen los: Ein älterer Mann runzelt beim Anblick meiner Brust die Stirn und eine Frau mit Kinderwagen sieht nicht gerade erfreut aus. Ich fühle mich nicht mehr willkommen – Zeit, aus Südost-London rauszukommen.

Beim Canvas Café handelt es sich um das erste "Happy Cafe" der englischen Hauptstadt. Die Gäste sollen dort außerdem lustige Sprüche an die Wände kritzeln. Dieser Ort ist wie für mich geschaffen: Nein, ich bin nicht auf Facebook, vielen Dank auch! Dennoch habe ich Bock, irgendwelchen Müll an die Wände zu schmieren.

Ich könnte das Ganze natürlich auch ohne mein Sprüche-Shirt machen. Das Oberteil entlockt übrigens keinem der anwesenden Menschen eine Reaktion. Kein Facebook-Profil zu haben, scheint nicht so interessant zu sein, wie Leute ohne Facebook-Profil denken.

Wohin also als Nächstes? Wo wird mein T-Shirt eine Diskussion entfachen? Wo kann ich die Leute beeindrucken? Natürlich! Eine Studentenparty! Ein bunter Haufen Generation Z wird doch sicherlich eine Meinung zu meinem radikalen Ablehnen der Popkultur haben.

Nachdem ich eine Stunde lang allein zu Drum'n'Bass herumgetanzt habe, fühle ich mich etwas verloren. Liegt das daran, dass ich stocknüchtern bin? Ich vermisse Facebook. Ich vermisse die warme Umarmung des Pseudo-Intellekts in meiner Timeline. Und ich vermisse die tägliche Erinnerung an die beschissenen Frisuren, die ich früher hatte.

Ich habe die Schnauze voll. Bevor ich jedoch den Heimweg antrete, führe ich noch schnell meine "Macht mich dieses Shirt zu einem größeren Arschloch?"-Umfrage durch:

Besser: 12/30
Schlechter: 15/30
Gleich: 3/30

Dritter Tag: "If Found, Please Return To The Pub!"

Inzwischen habe ich den Willen des T-Shirts akzeptiert. Anfangs war ich ja noch skeptisch, aber es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass die Kleidung das Schicksal wirklich beeinflusst. Heute will ich einen schönen Tag haben. Und für dieses Ziel gibt es nur einen passenden Spruch:

Damit kann doch niemand ein Problem haben. Das ist im Grunde das T-Shirt-Äquivalent zu den Beatles.

Dank Lauras Reaktion ergibt alles Sinn: Bei diesem Shirt geht es nur darum, jeglichen Anspruch über Bord zu werfen und einfach nur Spaß zu haben. Ich werde dem T-Shirt gehorchen und mache mich auf in die Londoner Innenstadt.

"Das Shirt? Stark!", ruft dieser Mann, während er mir meine neue London-Cap reicht. "Würde ich selbst nicht tragen, aber echt cool!"

Mit unvoreingenommenen Augen sehe ich ein ganz anderes London vor mir. Ein London voller Spontaneität:

Ein London, in dem Musik durch die Straßen klingt:

Ein London, in dem die Leute dir gerne weiterhelfen:

Ein London, in dem Fremde zu Freunden werden:

Ich ruhe mich kurz aus, atme tief ein und denke über meinen Tag nach. Mir wird klar, dass ich … vielleicht gar nicht ins Pub zurück muss? Vielleicht sagt mir das Leben, dass ich für das Pub bestimmt bin. Ich blicke dem Leben jedoch tief in die Augen und sage: "Weißt du was? Nein! Ich werde das machen, was ich schon immer wollte: ein Selfie vor dem Buckingham Palace!"

Das Ergebnis meiner Umfrage:

Besser: 6/30
Schlechter: 14/30
Gleich: 10/30

Vierter Tag: "FBI – Female Body Inspector"

Ich wache mit einem Gefühl des Triumphes auf. Wenn ich mein Schicksal mithilfe eines T-Shirts selbst bestimmen kann, warum sollte ich das nicht zu meinem Vorteil nutzen? Also packe ich einen Klassiker aus. Ein Gag, der bei jedem Menschen dieser Welt gut ankommt:

Oh yes, Baby!

Laura gefällt das Shirt nicht und aus unerfindlichen Gründen will niemand mit mir reden.

Was macht ein Female Body Inspector, wenn die echte Welt sich von ihm abwendet? Er wendet sich an die virtuelle Welt.

Jetzt heißt es nur noch abwarten, bis mir alles in den Schoß fällt. Vielleicht hole ich mir schnell einen Kaffee und schaue dann, wie viele Matches sich schon angehäuft haben.

Nach mehreren Stunden hat sich immer noch nichts getan. Aber keine Sorge. Ich gönne mir einfach ein paar Pizzaschnecken und warte weiter.

Ich entscheide mich dazu, zu einer nahegelegenen Bar zu spazieren und nicht mehr an Tinder zu denken. Ich kann schließlich nichts erzwingen. Während ich an der Ampel warte, hole ich mein Handy allerdings noch ein letztes Mal aus der Tasche. Ich öffne die App und dann passiert es: Zwei Männer rauschen auf einem Mofa vorbei und schnappen sich mein Smartphone. Zwar versuche ich noch, den beiden hinterherzurennen, aber mehr als Staubfressen ist nicht drin.

Ich weiß nicht, ob Gott oder das Fett der Pizzaschnecken dafür verantwortlich ist, aber als ich das Mofa verfolge, höre ich plötzlich, wie etwas auf den Boden fällt. Ich blicke nach unten:

Das Ergebnis des Tages: Ein zerbrochenes Handy und ein zerbrochenes Herz. Das Ergebnis der Umfrage:

Besser: 3/30
Schlechter: 25/30
Gleich: 2/30

Fünfter Tag: "Masturbate – I Love It"

Der letzte Tag bricht an. Jetzt kann ich es mir auch noch mal richtig geben! Gestern ignorierte ich alle meine Überzeugungen und trug das FBI-Shirt. Was hat es mir gebracht? Mein Handy ist kaputt und ich schäme mich. Was wird wohl erst passieren, wenn ich damit rausgehe?

Für wen ist dieses T-Shirt überhaupt gedacht? Wer bekleidet sich mit einem solchen Spruch, der überhaupt keinen Sinn ergibt? Abgesehen vom firmeninternen Weihnachtswichteln fällt mir kein Szenario ein, in dem ein solches Oberteil einigermaßen gut ankommt.

Das schallende Gelächter, das mir in meinem Café entgegenschlägt, katapultiert mich fast wieder zur Tür hinaus. Ich fühle mich schmutzig. Irgendwie muss ich dieses Schamgefühl loswerden, mich nützlich machen.

Hier im Streichelzoo ist die Welt noch in Ordnung. Dann kommt jedoch eine Gruppe Teenager vorbei und macht sich über mein T-Shirt lustig. Das lässt mich an den Anfang meines Experiments denken: Vielleicht geben mir die Sprüche einen Auftrag? Vielleicht liegt es an mir, die Welt zum Lachen zu bringen? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Ich ziehe los und schaue, ob ich ein paar Menschen den Tag versüßen kann.

Bei meinem Spaziergang stellt sich heraus, dass das T-Shirt polarisiert. Nur wenige Passanten lachen. Nach kurzer Zeit halten mich allerdings zwei junge Frauen an.

"Dieses Shirt", sagt die eine, "finde ich richtig gut. Es steht für ein positives Körperbild sowie für sexuelle Offenheit. Und es stimmt! Du masturbierst, wir alle masturbieren. Wir sollten das endlich einsehen."

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Schöneres gehört.

Die beiden Damen gehen weiter, aber ihre Botschaft hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Ich muss die Kunde verbreiten. Deshalb eile ich in das nächstgelegene Etablissement mit einer Bühne.

Ich ergreife meine Chance, trete vor die Menge und versuche, sie mit meinen Worten zu umgarnen.

Die Menge ignoriert mich, aber das ist mir egal. Ich habe die Zukunft gesehen. Und diese Zukunft ist vielversprechend – selbst wenn sich die große Mehrheit meines sozialen Umfelds darin für mich schämt.

Das letzte Ergebnis:

Besser: 7/30
Schlechter: 23/30
Gleich: 0/30

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