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Menschen erzählen, weshalb sie von der Stadt aufs Land gezogen sind

"Nie wieder werde ich mich über die Öffis in Wien beschweren. Die sind ein Segen."

von Anna Weismann
19 Jänner 2017, 11:38am

Thomas Stein | flickr | by CC 2.0

Ein, zwei Stunden in meiner Heimat Oberösterreich reichen normalerweise, um an der Entscheidung zu zweifeln, je nach Wien gezogen zu sein. Dort ist der Schnee wirklich weiß, ich muss zum Joggen nicht erst drei Stationen mit der Bim fahren und habe währenddessen dann auch nicht das Gefühl, beim Einatmen gerade am Auspuff eines zurückggerufenen VW-Autos zu saugen.

Abends, wenn mir dann aber niemand Sushi an die Tür liefert und ich schockiert feststellen muss, dass sich das hippste Lokal der Umgebung im "Star Movie" befindet, ertappe ich mich dabei, wie ich heimlich unterm großelterlichen Tisch den Zugfahrplan google.

Auch das beruhigende Gefühl, dass mich beim Einkaufen ohnehin niemand erkennt und ich selbst verkatert, mit fettigen Haaren und in meiner löchrigen Pyjamahose, die ich am liebsten in die selbstgestrickten Socken meiner Oma stecke, nicht die Fertigste an der Kassa sein werde, stellt sich am Land nicht ein. Stattdessen gibt es ein familiäres "Ma griaß di Anna, wie geht's da mit'm Studium?" von der Spar-Kassiererin, die mir schon mit 6 den Schlecker und später dann den Billig-Wodka verkauft hat. Mittlerweile macht mich diese "Jeder kennt Jeden-Mentalität" beim samstäglichen Hangover-Einkauf im Dorf eher unrund. 

Auch die Statistiken scheinen mir recht zu geben: Die Bevölkerung in den Landeshauptstädten ist seit 2003 um durchschnittlich 7,4 Prozent gewachsen, was deutlich über dem Österreich-Durchschnitt liegt. Ich frage mich also, was Menschen bewegt, langfristig auf den Komfort und die Anonymität der Großstadt zu verzichten. Drei Menschen, die von der Stadt aufs Land gezogen sind, berichten.

Christina, 32 | London – Kirchschlag

Foto London: flickr | Foto Kirchschlag: kirchschlag.net

Ich bin in Wien aufgewachsen, wollte mit 17 aber nur noch weg von daheim und bin in meine Traumstadt London gezogen. Ich habe dort in einem Internat die Schule fertig gemacht, studiert, meinen späteren Mann kennengelernt und liebte jede Sekunde davon. Ich liebte das Nachtleben, das Kulturangebot, die Menschen und den Wirbel. Wir zahlten Unmengen an Miete, um noch näher am Geschehen zu sein und es war jeden Penny wert. Wir heirateten, gründeten unsere Firma und ich war mir sicher, nie woanders wohnen zu wollen als in London. Dann wurde ich schwanger.

Da hat sich mein Denken plötzlich auf den Kopf gestellt. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Kind in der Stadt aufwachsen zu lassen. In meiner Vorstellung hatte der Kleine ein Baumhaus, Haustiere und viele Nachbarskinder zum Spielen und keine übervorsichtige Mutter, die ihn bei jeder Ampel am Kragen packen muss.

Von diesem Gedanken ließ ich mich auch nicht mehr abbringen. Wir haben uns auf die Suche nach einem alten Bauernhaus gemacht, fanden eins im Mühlviertel, haben viel Zeit und Geld in die Renovierung gesteckt und leben jetzt seit knapp 2 Jahren mitten in der Pampa. 

Ich hab meinen eigenen Gemüsegarten, verbringe den halben Tag draußen im Dreck und sehe, wie glücklich mein Sohn ist. Wir haben frische Luft, es kommen uns immer mal wieder Rehe im Garten besuchen und die Milch hol ich vom Bauern nebenan. 

Wenn ich meinen Freunden euphorisch von meinem neuen Leben erzähle, glauben sie mir oft nicht, dass ich als überzeugtes Stadtkind hier so glücklich sein kann. Aber ich habe hier superliebe Menschen gefunden, die sehr offen sind, nicht engstirnig denken und uns gut aufgenommen haben. Vor zu viel Konservativität hatte ich nämlich tatsächlich am meisten Angst. Trotzdem denke ich, dass das nicht mein letzter Umzug war. Ein Alterswohnsitz in Wien wär schon schön.

Maria, 65 | Wien – Rohrbach an der Lafnitz

Foto Wien: flickr | Foto Rohrbach: wikipedia

Nachdem ich in die Steiermark gezogen bin, war ich nur noch selten in Wien. Meine Freunde und Verwandten sind mich auch immer viel lieber am Land besuchen gekommen. Ich seh auch keinen Nachteil am Landleben. Sicher, mobil muss man schon sein, aber in der nächsten Ortschaft krieg ich alles, was ich brauch—und Graz ist auch nicht aus der Welt. Ich denke, es kommt auch auf den Charakter an. Wenn man die ganze Zeit Halligalli will und die Abwechslung sucht, ist die Sehnsucht nach dem Stadtleben bestimmt größer, ich hab aber keine Eingewöhnungszeit gebraucht. 

Wie man so schön sagt—wo die Liebe hinfällt. Und diese Liebe war bei mir schon sehr groß. Hätte die Partnerschaft nicht gepasst, wärs sicher auch schwieriger gewesen, sich einzugewöhnen. Ich bin sofort von jedem lieb begrüßt und gut in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden. Wenn ich in Wien bin, kommt bei mir deswegen auch gar kein Heimatgefühl mehr auf. Was sich so in Perchtoldsdorf über die Jahre getan hat, würd mich allerdings schon ein bisschen interessieren. Vielleicht schaff ich es dieses Jahr, mal wieder hinzufahren.

Anna, 26 | Wien – Gunskirchen

Foto Wien: flickr | Foto Gunskirchen: flickr

Als ich mit meinem Modestudium in Wien fertig war, bin ich nach langem Hadern wieder zurück nach Oberösterreich. Mein Freund hat sich ein Haus in seinem Heimatort gekauft, und eine Fernbeziehung zehrt auf Dauer einfach. Ich bin also klassisch der Liebe wegen aufs Land gezogen. Es war schon ein sehr überlegter Schritt, der auch mit Ängsten verbunden war—in Österreich in der Modebranche Fuß zu fassen ist ja an sich schon schwierig, in einem oberösterreichischen Kaff aber fast unmöglich. 

Ich hatte am Ende aber sozusagen doppelt Glück und kann jetzt das Beste von beiden Seiten genießen. Ich habe mittlerweile einen Job, der es mir erlaubt, viel zu reisen, bin in Wien ganz gut vernetzt, besuche "meine" Stadt nach wie vor gern und so fällt mir die Provinz-Decke auch nur selten auf den Kopf. Sicher, es gibt Momente, gerade am Wochenende, wo ein bisschen mehr Trubel oder gute Restaurants und Lokale in Gehweite schon ganz schön wären. Da muss man dann kreativ werden und ausmachen, wer mit dem Auto fährt. Überhaupt war ich ohne eigenes Auto anfangs so gut wie aufgeschmissen. Nie wieder werde ich mich über die Öffis in Wien beschweren. Die sind ein Segen. 

Dafür gehe ich jetzt auch mehr wandern und klettern—die Hobbies haben sich schon ein bisschen verschoben. Das hätte ich vor ein paar Jahren auch noch nicht gedacht. Außerdem habe ich mein WG-Zimmer jetzt halt mit Haus und Garten getauscht. Das Leben hier ist allgemein viel billiger, ich könnte mir ohne schlechtes Gewissen eine Katze zulegen, seh die Berge vom Küchenfenster aus und wohne quasi mitten in der Natur. Das ist schon eine andere Lebensqualität. 


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