Drogen

Wie und warum Leute mit Drogen aufhören – Vier ehemalige Abhängige berichten

"Ich erreichte einen Punkt, an dem ich keine Hoffnungen, Träume oder Ziele mehr hatte."

von Graham Isador
20 März 2017, 8:56am

Egal, ob Hauspartys, gemeinsame Abendessen, Dates, Konzerte oder Kino, ein Drink war mindestens dabei. Ich sehe mich keineswegs als starken Trinker, doch Alkohol spielt in meinem Soziallebens eine enorme Rolle. Ich wollte also einen Monat nichts trinken, um etwas Ordnung in mein Gedankenchaos zu bringen und neue Energie zu tanken. Ganze zwei Wochen hielt ich durch. Ich knickte bei der Geburtstagsparty eines Freundes ein. Irgendein Typ nannte mich eine Spaßbremse, also zog ich an einem Joint und trank etwas Cider.

Mein schwaches Durchhaltevermögen machte mich nachdenklich. Auch wenn ich nicht vorhabe, meine Gewohnheiten in absehbarer Zukunft aufzugeben, war ich bis dahin fest davon ausgegangen, dass ich jederzeit aufhören kann. Da es in meiner Familie Suchttendenzen und psychische Probleme gibt, hatte ich meinen eigenen Konsum immer sehr kritisch betrachtet. Ich hatte nie den Eindruck, keine Kontrolle darüber zu haben, und jetzt schaffte ich keinen ganzen Monat ohne Alkohol. Mein Selbstbild geriet ins Wanken und ich fragte mich, was andere Menschen dazu bringt, mit Alkohol und anderen Drogen aufzuhören.

Da die Beispiele in Hollywood-Filmen und im Schulunterricht selten authentisch sind, hörte ich mich in meinem erweiterten Freundeskreis um. Hier ist, was diese Menschen zu erzählen hatten.

Krissy Howard, Autorin bei The Hard Times

Bei meinem ersten Rausch wusste ich direkt, dass ich dieses Gefühl so oft wie möglich haben wollte. Mit ein paar Freunden rauchte ich ein paar Hütchen und wir gingen in die Mall. Ich weiß nur noch, wie unfassbar viel ich gelacht habe. Egal, ob alleine oder mit anderen Menschen, ich fühlte mich nie wirklich wohl mit mir selbst und mit dieser neuen Entdeckung glaubte ich, den Schlüssel zu einem besseren Leben gefunden zu haben. Mein Ängste und Unsicherheiten verstummten durch die Substanzen.

Am Anfang war der Konsum ein großer Spaß und extrem sozial – meistens Alkohol und Gras, seltener LSD oder Schmerzmittel. Mit 19 spritzte ich zum ersten Mal Heroin. Ich wurde nicht sofort abhängig, aber ich liebte es und nahm es so oft wie möglich. Dann kamen noch Oxycodon und Xanax dazu. Trotz alledem schaffte ich es, meine Jobs zu behalten. Die Fehlzeiten nahmen allerdings zu.

Irgendwann hatte ich den Punkt erreicht, an dem ich ohne Stoff überhaupt nicht mehr funktionierte und es mir richtig dreckig ging. Ich verlor meinen Job und hatte Probleme, meine Wohnung zu behalten. Ich begann, Crack zu rauchen. Ich verbrachte Tage in meinem Badezimmer und tat dort nichts anderes, als Crack zu rauchen. Wenn ich es doch rausschaffte, dann, um durch den Spion meiner Eingangstür zu starren. Spaß hatte ich selten, aber sobald ich aufhörte, ging es mir dreckig. Ich wusste einfach nicht, was ich sonst tun soll.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf meiner Veranda saß und dachte: "OK, das ist jetzt mein Leben. Ich werde als Junkie sterben." Ich hatte kein großes Problem damit. In meinem Kopf machte sich die Vorstellung breit, dass mein Leben die Bestrafung für das schlechte Karma eines anderen war. Jemand muss vor Hunderten Jahre etwas richtig Schlimmes getan haben und als Strafe war diese Person als ich wiedergeboren worden. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, eine Grenze überschritten zu haben. Ich war bereit, richtig hart zu konsumieren und bald zu sterben.

Mein Körper hörte auf, wie der Körper einer Mittzwanzigerin zu funktionieren. Meine Periode blieb monatelang aus. Ich war auf 40 Kilo abgemagert und hatte überall offene Abszesse, die nicht heilen wollten. Nichts in meinem Leben funktionierte, genau wie mein Körper. Ich konnte keine Beziehung zu anderen Menschen aufrechterhalten, hatte keine Freunde, kein Geld, keine Ziele. Auch von meiner Familie hatte ich mich entfremdet.

Drei Überdosen hatte ich, die letzte im Badezimmer meines Vaters. Wegen ihm suchte ich auch Hilfe. Ich selbst war mir egal, aber ihm sollte es besser gehen. Also zog ich von Texas zurück nach Upstate New York. Ich wollte clean werden, aber so einfach war das nicht. Ich befand mich noch irgendwo auf halber Strecke – nicht ganz hier, nicht ganz dort. Ich brauchte eine Weile, um die nötige Willenskraft zu sammeln. Am 19. Mai 2010 schaffte ich es endlich und wurde clean. Seitdem befinde ich mich in der Genesungsphase.

Das Schwierigste am Entzug war, einfach etwas anderes zu tun, wenn das Bedürfnis, high zu werden, besonders stark war. Ich dachte damals, meine Gefühle würden mich umbringen. Mein Körper fühlte sich an, als würde er in Flammen aufgehen, wenn ich mir nicht sofort Stoff besorge. Nachdem ich eine Weile geübt hatte, mir andere Beschäftigungen zu suchen, wurde das Gefühl immer schwächer. 

Wirklich angepisst war ich allerdings, weil ich mit meinen Freunden nicht mehr trinken gehen konnte. Es gab vieles, das ich lange Zeit lang nicht konnte, weil Alkohol und Drogen überall waren. Die Versuchung war zu groß. Ich konnte nicht mehr auf Konzerte gehen oder durch bestimmte Gegenden fahren. Damals merkte ich es nicht, aber rückblickend weiß ich, dass es immer leichter wurde, je länger ich den Drogen fernblieb und neue Bewältigungsstrategien fand.

Brian Finch, Aktivist

Ich war 13, als ich herausfand, dass meine Schwester kiffte. Sofort fragte ich sie, ob ich probieren darf. Beim ersten Mal spürte ich nichts. Ich war enttäuscht. Trotzdem hob ich mir einen Joint für später auf. Unsere Eltern waren geschieden und wir lebten bei meiner Mutter. An einem Wochenende vergaß mein Vater, mich abzuholen. 

Traurig und verletzt packte ich den Joint aus, rauchte ihn und wurde unfassbar high. Fünfzehn Minuten später klopfte es an der Tür. Es war mein Vater und er nahm mich mit zu einer Hundeshow. Ich war total paranoid, aber das Gehorsamkeitsspektakel machte mich langsam wieder nüchtern. Wieder daheim fragte ich meine Schwester sofort nach mehr Gras. Ich sollte nie wieder mit dem Kiffen aufhören.

Ein paar Jahre später landete ich in der schwulen Partyszene bei einer Gruppe, die MDA nahm – eine MDMA-Vorstufe. Der Konsum wurde immer extremer und ich begann zu dealen. Von dem Geld gönnte ich mir eine geografische Auszeit und zog nach Südfrankreich. Mein Leben wurde ruhig und ich dachte, ich wäre fertig mit den Drogen. Ich kehrte zurück nach Kanada. Ein paar Jahre war dann alles OK, bis ich in einer furchtbar missbräuchlichen Beziehung mit einem Junkie landete. Ich wusste nicht, dass er ein Junkie war, bis ich selbst einer geworden war. Vor Kurzem ist er gestorben. Ob Drogen im Spiel waren, weiß ich nicht.

Meine eigene Unfähigkeit, Nein zu sagen, brachte mich in verdammt gefährliche Gefilde. Unser Drogenkonsum eskalierte. Für GHB gaben wir im Monat einen Tausender aus. Dann gab es noch Meth, Ecstasy und eigentlich alles, was wir in die Finger bekamen. Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem mir alles egal war. Ich hatte meine erste Überdosis. Ich hörte auf zu atmen. 

Durch den Vorfall wurde mir klar, wie leicht man sterben kann, und ich begann, über Selbstmord nachzudenken. Um unseren Konsum von mehreren tausend Dollar im Monat zu finanzieren, fing ich im Sexgewerbe an und schaltete eine Annonce. Ich machte einen Haufen Geld und reiste viel. New York und Amsterdam wurden quasi mein zweites Zuhause.

Das große Problem mit der Sucht ist, dass dir eine laute Stimme im Kopf sagt, dass du gar kein Problem hast. Natürlich war ich nicht süchtig. Und wie gerne glaubte ich dieser Stimme.

Die Erinnerungen an die folgende Phase in meinem Leben sind verschwommen. Ich lernte einen anderen Escort-Jungen in Manhattan kennen und bald waren wir die beiden Nutten von Nord-New Jersey. Ich kam viel rum. Auf Meth landete ich in einer Leder-Bar, wo ich gekleidet in Cockring und Stiefeln im Hinterzimmer mit dem Betreiber kokste. Ein anderes Mal lernte ich ein tätowiertes und muskulöses Biker-Pärchen kennen. Die beiden waren ziemlich hart drauf und nachdem wir uns zehn Minuten unterhalten hatten, ging ich mit zu ihnen, wo ich dann vier Wochen blieb. Damals wusste ich nie, wo ich als Nächstes enden würde.

Am Anfang war dieses Leben großartig, doch mit der Zeit brannte ich seelisch aus. Durch die ständigen Reisen war ich immer überall und nirgends. Ich war Teil einer Subkultur, die mit der restlichen Gesellschaft kaum noch Berührungspunkte hatte. Irgendwann erreichte ich einen Punkt, an dem ich keine Hoffnungen, Träume oder Ziele mehr hatte.

Die Kombination aus Reisen und Drogen machte meiner Gesundheit zu schaffen. Ich kehrte zurück nach Kanada, nur um dort zusammenzubrechen, mich aufzurappeln und wieder loszuziehen. Dann fing alles von vorne an. Ich war süchtig nach allem. Mein Konsum bereitete mir ernsthafte gesundheitliche Probleme, mit deren Folgen ich bis ans Ende meines Lebens zu kämpfen haben werde.

Der Ausnüchterungsprozess war lang. Ich rettete, was noch zu retten war und wurde das ganze Meth, Koks, GHB und Ecstasy los. Das größte Problem war, dass ich mich nicht nur von den Drogen trennte, sondern auch von den Freunden, die selbst welche nahmen. Eine Zeit lang war ich unglaublich einsam und besuchte Selbsthilfegruppen. Zehn Jahre später bin ich jetzt hier und arbeite hart daran, auch weiter hier zu bleiben. Bis auf die Illusion des Eskapismus gibt es nicht viel, was ich vermisse. OK, das und vielleicht noch, die Energie zu haben, in Clubs zu gehen oder nachts um die Häuser zu ziehen. Aber gut, ich werde schließlich auch älter.

Chris Popadak, Schlagzeuger der Band Hawthorne Heights

An meinem 19. Geburtstag schenkte mir einer meiner Mitbewohner LSD. Bis dahin hatte ich lediglich gekifft, aber an diesem zugegeben wunderschönen Abend sollte sich alles ändern. Er markierte nämlich den Beginn einer jahrelangen Drogensucht. Durch den LSD-Konsum erschien es mir nicht schlimm, noch mit einer zweiten, dritten und vierten Droge anzufangen.

Zur gleichen Zeit kam ich mit Heroin-Konsumenten in Kontakt. Meine Neugier war geweckt. Ich weiß noch, wie ich einen von ihnen zum ersten Mal darum bat, mir etwas Stoff zu kaufen, und er Nein sagte. So ging es eine ganze Weile. Er wollte nicht für einen weiteren Abhängigen verantwortlich sein. Irgendwann versprach ich, ihm als Belohnung ebenfalls ein Tütchen zu kaufen. Die Sache ging sofort klar. Und wie bei jeder anderen Droge war ich direkt angefixt.

Weil ich damals viel mit Süchtigen abhing, wusste ich, welche negativen Aspekte der Drogenkonsum mit sich bringt. Das hat mich lange davon abgehalten, dieser Welt komplett zu verfallen. Ich war lange Zeit der klassische Wochenend-Konsument. In dieser Zeit war ich auch überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben. 

Rückblickend schaffte ich es jedoch gerade so, über die Runden zu kommen. Ich konnte oft meine Rechnungen und die Miete nicht bezahlen und musste deswegen ständig eine neue Bleibe finden. Geld für Drogen und Alkohol war aber immer da. Heute tut es mir richtig weh, wenn ich daran denke, wie egozentrisch ich damals gehandelt habe.

Jahrelang bestand mein Leben nur aus Skateboarden und Drogen. Ab und an spielte ich noch in Bands. Eigentlich wollte ich professionell Schlagzeug spielen, aber teilweise besaß ich nicht mal ein Schlagzeug. Ich wieselte mich irgendwie durch. Ich könnte noch ein paar Geschichten erzählen, aber im Grunde laufen sie alle aufs Gleiche hinaus: Ich verschwendete damals unglaublich viel Zeit.

Im Laufe der Jahre veränderten sich die Dinge. Zum einen fiel mir auf, wie ich den Draht zu meinem Sohn verlor. Ich weiß noch, wie er mit zwei Jahren eines Tages weinte und ich deswegen richtig sauer wurde. Ich kam nicht damit klar, dass mein Sohn weinte. Da macht es endlich klick und ich wusste, dass das nichts mit meinem Kind zu tun hatte. Nein, die Drogen machten mich leicht reizbar und wütend. Da dämmerte es mir, dass ich ein Problem hatte. Zwar konsumierte ich weiterhin, aber nach und nach ließ ich immer mehr Substanzen links liegen.

Und dann kam noch ein durchgefeiertes Wochenende, nach dem ich total fertig aufwachte. Mir wurde klar, dass ich für dieses beschissene Gefühl tatsächlich Geld bezahlt hatte. Dieser Gedanke öffnete mir endgültig die Augen und ich traf die Entscheidung, von da an absolut keine Drogen und keinen Alkohol mehr zu konsumieren. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Als ich mit Drogen und Alkohol aufhörte, konnte ich mich auf meine Musikerkarriere konzentrieren. Zwei meiner damaligen Bandmitglieder waren Straight Edge. Aufgrund einiger negativer Erfahrungen mit Anhängern dieses Lifestyles war ich anfangs noch skeptisch, aber die beiden zeigten mir eine positive Seite von Straight Edge, die ich bis dahin nicht kannte.

Ich bezeichne mich nicht als militant, aber inzwischen bin ich gegen jegliche Form von Drogen. Ich glaube, dass man den Konsum wirklich hassen muss, um davon loszukommen. Aufzuhören bedeutet nämlich nicht nur, nichts mehr zu nehmen. Möglicherweise muss man dafür auch den Kontakt zu Freunden abbrechen und die ganze negative Energie komplett abblocken.

Felix Hagan, Sänger bei Felix Hagan and the Family

Alkohol war für mich nie einfach nur Genussmittel. Ich trank, um betrunken zu sein. Die Vorstellung, einfach wegen des Geschmacks zu trinken, war mir total fremd. Ich liebte die Leichtigkeit des Rausches, die Wärme in meinen Knochen und dieses Gefühl von Geborgenheit und Selbstvertrauen. 

Mit dem Eintritt in die Pubertät fühlte ich mich unsicher. In Menschengruppen war ich unglücklich. Betrunken war ich einnehmend und witzig. Ich war besessen und begeistert von der romantischen Idee des dauerbetrunkenen Künstlers. Ich sah kein Problem darin, alleine zu trinken. Anstatt großartige Romane zu schreiben oder brillante Musik zu komponieren, schaute ich Herr der Ringe-DVDs mit Audiokommentar.

Mit meiner ersten Band nach der High School trat ich in richtigen Clubs. Den damit einhergehenden Hedonismus empfang ich mit offenen Armen, als müsste ich auf Teufel komm raus dem Archetyp des betrunkenen Rockstars entsprechen. Die Auftritte selbst spielten nur eine kleine Rolle. 

Ich wollte die Party, ich wollte das Abenteuer und ich wollte diese draufgängerische Karikatur von einer Person sein, die ich selbst erfunden hatte. Wenn ich von der Bühne kam, fühlte ich mich, als hätte ich das Konzert des Jahrzehnts abgeliefert. Wenn ich heute zurückdenke, schäme ich mich. Ich habe Aufnahmen gesehen. Dieses aufgeschwemmte, lallende Ding, das hinter dem Mikro steht, trifft keinen Ton und legt sich ständig auf die Nase.

Auch wenn ich in Realität eine lächerlich Figur auf der Bühne abgab, fühlten sich die Konzerte toll an. Für Alkoholiker sind solche positiven Erlebnisse nur Inseln in einem grauen Meer tauber Besinnungslosigkeit. Ich trank so viel, dass ich täglich einen Filmriss hatte. Mein erstes Jahr an der Uni war eine totale Katastrophe. 

Ich gewöhnte mir an, vor dem Schlafengehen ein großes Glas Wein ans Bett zu stellen, das ich nach dem Aufwachen in einem Zug leerte, um halbwegs funktionieren zu können. Zu den Vorlesungen ging es dann mit einer Flasche Sprite, die voller Gin war. Meine Eltern waren die Ersten, die mir sagten, wie zerstörerisch meine Trinkgewohnheiten geworden waren. Sie fingen sogar an, den großen Schrank abzuschließen, in dem der ganze Alkohol war. Als ich den Schlüssel fand, bauten sie ein Zahlenschloss ein.

Dieses Wettrüsten erreichte seinen Höhepunkt, als ich eines Tages blutend in unserem Garten aufwachte. Anscheinend war ich stockbesoffen mit einem Quad-Bike rumgefahren und in einen Stacheldrahtzaun gerast. Dabei hatte ich mir meinen Arm aufgerissen. Die Narbe ist heute noch da. Das Quad steckte im Matsch fest und ich versuchte, es mit einem Auto rauszuziehen. Als auch das steckenblieb, ging ich frustriert ins Haus nahm eine große Axt, zertrümmerte das Zahlenschloss vom Schnapsschrank und trank den ganzen Gin. Als meine Eltern nach Hause kamen, fanden sie ein zerstörtes und schluchzendes Häuflein Elend vor. Ich machte trotzdem weiter.

Meine Freundin holte mich zurück ins Leben. Nach einer Reihe von Vorfällen hat sie nach und nach meine Trinkgewohnheiten angesprochen. Sie merkte zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmt, als sie mich zum Bahnhof brachte und ich mir für die Fahrt eine Flasche Wein und eine Flasche Wodka kaufte. Ihr wurde erst später klar, dass das kein Scherz gewesen war. Zum großen Knall kam es, als wir bei meinen Eltern waren. 

Wir wollten an dem Abend nach Hause fahren und sie legte sich für ein Nickerchen ins Bett. Währenddessen trank ich heimlich zwei Flaschen Sekt, damit das Zittern aufhört. Erst als wir losfahren wollten, bemerkte sie, wie besoffen ich war. Es brach ihr das Herz und sie fuhr alleine mit dem Zug nach Hause. Der Spaß war vorbei – schon lange eigentlich. Ich war 21 und zwei Tage später begann ich meine erste Reha.

Ich verbrachte die nächsten fünf Wochen an diesem Ort und lernte, ohne Alkohol zu leben. Am schwierigsten war es, als ich die Geborgenheit der Klinik verließ. In meinem Kopf suchte ich ständig nach einer Entschuldigung für einen Rückfall. Etwa drei Monate später hatte ich einen Auftritt und kam etwas zu früh im Club an. 

Der Laden hatte diesen typischen Pub-Geruch – dieses herrliche Aroma von abgestandenen Bier. Und einfach so trank ich wieder so viel wie vorher – dieses Mal allerdings heimlich. Es war schließlich mein Vater, der mich torkelnd zu Hause entdeckte. Er weinte. Die zweite Reha hatte schließlich die erwünschte Wirkung. Das ist jetzt achteinhalb Jahre her.

Mein klarer Kopf hat es mir erlaubt, nicht nur einen Musiker-Abklatsch zu spielen, sondern wirklich einer zu sein. Wie bei allem brauchst du auch bei kreativen Dingen Selbstkontrolle und Disziplin, um besser zu werden. Zu meiner Genesung habe ich eigentlich am wenigsten beigetragen. Es waren die Menschen um mich herum – Freunde und Familie, die Angestellten der Rehaklinik und die Leute bei den Anonymen Alkoholikern. Ohne sie wäre ich heute wahrscheinlich tot.

Auch wenn jeder Abhängige eine andere Geschichte hat, die ihn dorthin geführt hat, so teilen alle eine sehr ähnliche Geschichte, wie sie die Kurve gekriegt haben. Der größte Trugschluss jedes Süchtigen ist der, dass er allein ist. Gemeinschaften wie die von AA, NA und Al-Anon gibt es aber direkt vor deiner Haustür. Ohne die Menschen von AA wäre ich heute nicht hier. Alle trocken zu werden, ist extrem schwierig, aber so muss es nicht sein. Es gibt tägliche Treffen, überall. Die Hilfe, die Unterstützung und die Liebe sind da. Du musst nur deine Hand ausstrecken.

Falls du, deine Freunde oder Angehörigen von Suchtproblemen betroffen sind, findest du hier Beratungsstellen in deiner Nähe.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.