Popkultur

'Die göttliche Ordnung' zeigt ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte

Woodstock war schon vorbei, als Schweizer Frauen noch immer nicht wählen und abstimmen durften. Regisseurin Petra Volpe spricht über ihren bewegenden Spielfilm.

von Vanessa Sadecky
05 März 2017, 8:07am

Alle Bilder von Filmcoopi zur Verfügung gestellt. 

Unsere Eltern und Grosseltern erinnern sich noch daran: der 7. Februar 1971, als die Frauen in der Schweiz als eines der letzten Bürgerinnen Europas das Stimm- und Wahlrecht erhielten. Es dauerte zwar noch über zehn Jahre, bis Frauen ohne die Einwilligung ihres Mannes berufstätig sein durften und das Stimmrecht auch in allen Kantonen durchgesetzt wurde (I'm looking at you, Appenzell Innerrhoden), aber der Volksentscheid markierte eine Wende in der Schweizer Gesellschaft und Politik. Regisseurin Petra Volpe hat sich diesem kollektiv verdrängten Kapitel Schweizer Geschichte angenommen. Ihr Spielfilm "Die göttliche Ordnung", der am 9. März in die Schweizer Kinos kommt, begleitet die Hausfrau Nora (Marie Leuenberger) wie sie in ihrem Dorf eine Protestbewegung lostritt, während ihr Mann nichts ahnend im Militärdienst weilt.

Der Film drückt den Finger gnadenlos in eine Wunde, eine Ungerechtigkeit, die nicht zum Selbstverständnis der Schweiz passt. Er macht wütend und traurig, ohne aber die Männer als Monster darzustellen. Man spürt besonders in den Szenen rund um Noras Ehemann (Maximilian Simonischek) wie auch sie unter den strengen Rollenmustern litten, bei der sie alle Verantwortung für das Einkommen und Ansehen der eigenen Familie tragen mussten. VICE hat mit der Filmemacherin Petra Volpe über die "Die göttliche Ordnung", Sexismus in der Filmbranche und Vagina-Workshops gesprochen.

VICE: Als ich den Trailer gesehen habe, war ich hin- und hergerissen: Einerseits freute ich mich, dass endlich ein Film zum Frauenstimmrecht kommt, andererseits war ich enttäuscht, weil er so nach Till-Schweiger-Schenkelklopfer aussah. Nach dem Film dachte ich dann: Wow, das war ein Drama, das einen zum Nachdenken zwingt. Ist der Trailer absichtlich irreführend, um ein breiteres Publikum anzusprechen?
Petra: Sagen wir es so, der Trailer soll nicht irreführen, sondern verführen. Ich glaube, dass etwas Lustiges auch sehr relevant sein kann. Ich habe gedacht: Hey, die Schweizerinnen haben das Stimmrecht erst 1971 bekommen, das ist so absurd, dass es schon wieder lustig ist. Für mich war daher von Anfang an klar, dass ich die Geschichte in einem humorvollen Ton erzählen möchte. Um auch diese Absurdität nicht zu verlieren. Mit Humor kann man den Menschen das Herz für etwas öffnen, das sehr schmerzhaft ist. Es war schon eines meiner Ziele, dass man mit dem Film möglichst viele Menschen abholt. Dass man die Leute an der Hand nimmt und sagt: Komm, schau hier nochmal hin, ohne es bierernst zu machen. Der Film ist eine Tragödie mit humorvollem Touch.

Warum heisst dein Film "Die göttliche Ordnung"?
In der Schweiz hatte man bis in die 70er-Jahre argumentiert, dass es gegen die göttliche Ordnung sei, wenn Frauen Politik betreiben. Die Stimmrechtsgegnerinnen und -gegner sagten, Gott habe jedem Geschlecht seine jeweilige Rolle zugeteilt. Die Frau sei für das Innere zuständig, für die Kinder, die Schwiegereltern. Wenn sie nun rausgehe und Politik mache, dann bräche diese göttliche Ordnung auseinander, und es herrsche Chaos. Es wurde ein geradezu apokalyptisches Szenario heraufbeschworen.

Was denkst du, warum hat es so lange gedauert, bis ein Film zum Frauenstimmrecht realisiert werden konnte? Der Stoff ist ja hollywoodreif.
Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man allgemein mit Frauengeschichten umgeht. Oder mit der Geschichte der Frau, die ja praktisch nicht existiert. Es gibt gerade einige aktuelle Filme, die dieses Thema angehen, ich denke da beispielsweise an "Hidden Figures": Wer von uns hat gewusst, dass drei schwarze Frauen dazu beigetragen haben, dass die Nasa auf dem Mond landen konnte? 

Es gibt aus der Perspektive der Frau noch unglaublich viel zu erzählen. Aber in unserer Gesellschaft haben Frauen und Männer verinnerlicht, dass Geschichte aus der weiblichen Perspektive nicht so wichtig ist und dass sie nicht so eine grosse Bedeutung hat. Mir geht es manchmal nicht anders. Als mein Produzent auf mich zukam und mir sagte, man solle eigentlich mal einen Film über das Frauenstimmrecht machen. Ich dachte, wie ist das mir, der Super-Feministin, die sich ständig mit Frauengeschichten auseinandersetzt, nicht in den Sinn gekommen? Bei diesem Film kommen für mich alle interessanten persönlichen Themen zusammen, die mich als Mensch, als Frau und als politisches Wesen interessieren.

Ich war wütend nach dem Film. Und habe mich auch gefragt, warum verdammt haben sie das Frauenstimmrecht im Geschichtsunterricht einfach ausgelassen? Ist das Thema so schambehaftet?
Ja, ich denke, Scham ist ein Grund dafür. Es ist sicher nicht etwas, auf das man mit Stolz zurückblicken kann. Ich meine, wir haben auch nicht gross darüber geredet, was nach oder während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz passiert ist. 1971 waren alle Parteien für das Stimmrecht der Frauen. Aber der Hauptgrund dafür war, dass es international als beschämend angeschaut wurde. Die Schweiz stand einfach so blöd da. Das hat viele dazu bewogen, zu sagen, dass man das nicht mehr so durchziehen kann. Die Schweiz hat sich lächerlich gemacht. Und wer will sich schon lächerlich machen?

Du hast Jahrgang 1970. Konntest du für den Film auch aus der Erinnerung aus deinem Umfeld schöpfen?
Ich habe mit vielen Frauen geredet, vor allem denen, die für das Stimmrecht gekämpft haben. Mit meiner Mutter habe ich auch geredet, aber sie war genau wie Nora im Film. Sie war erst 20 als ich geboren wurde und war sehr beschäftigt mit ihrem Baby. Sie hat mir gesagt, dass sie damals gar keine Zeit hatte, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und ich dachte, wow, so ging es wahrscheinlich vielen Frauen. Das Thema war zwar da, aber man hatte gar nicht das Gefühl, dass man etwas dagegen unternehmen könne. So wie Nora, die sagt, je mehr man stürmt, desto weniger wollen die Männer mit dem Stimmrecht rausrücken. Die meisten haben sich wohl schon dafür geschämt, dass sie nicht dafür gekämpft haben, aber sie steckten halt mitten im Leben.. Wobei es schon auch Frauen gab, die wirklich gekämpft haben. Die waren aber eher urban und hatten studiert.

Nora und ihre Mitstreiterinnen an einem Protest in Zürich

Feminismus liegt ja gerade im Trend. Ist dies auch ein Grund, dass der Film gerade jetzt realisiert werden konnte?
Der Trend hat sich schon länger entwickelt. Dass es zum Filmstart jetzt gerade so akut ist, konnten wir vor einem Jahr noch nicht wissen. Wir hatten in Solothurn Premiere und zwei Tage später war der Women's March, wo die Frauen die gleichen Schilder wie im Film in die Luft gehalten haben. Das konnten wir nicht vorhersehen. Aber dass Frauenthemen wieder vermehrt Platz gefunden haben und mehr Leute sie wichtig finden, das hat sich abgezeichnet.

Man hört immer wieder, dass Frauen ab 30 im Filmbusiness auch aus sexistischen Gründen keine Chance mehr auf eine Charakterrollen hätten. Mussten Sie kämpfen, dass Marie Leuenberger die Hauptrolle bekam?
Nein, überhaupt nicht. Bei uns in der Schweiz ist das ein bisschen anders. Das ist in Hollywood aber definitiv so. Bei Fernsehproduktionen musste ich allerdings schon für andere Frauen kämpfen, weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprachen. Da kamen dann so Aussagen wie: Da zappen die Leute doch weg, wenn sie die sehen. Aber mit Marie war das keine Frage. Ich hatte die volle künstlerische Freiheit. Aber es ist schon überall so, dass Frauen, wenn sie in ein gewisses Alter kommen, keine Rollen mehr bekommen, auch in Europa. Amy Schumer und Tina Fey haben das im Sketch Last Fuckable Day wunderbar auf den Punkt gebracht: Es spielt in der Filmbranche leider eine riesige Rolle, ob eine Schauspielerin noch als "fickbar" gilt oder nicht.

Wirkt die späte Einführung des Frauenstimmrechts heute in der Schweiz noch nach?
Es zeigt etwas über eine Gesellschaft. Und diese Gesellschaft hat sich auch heute noch nicht so wahnsinnig verändert. Das universelle Thema ist hier die Angst vor Veränderung. Die Schweiz ist ein Land, das vom Kern her konservativ ist. Das war damals auch der Grund, den Frauen so lange das Stimmrecht zu verweigern.

Danke für das Interview Petra!
Du bist doch von VICE, willst du mir nicht noch eine Sexfrage stellen?

Hmm..Im Film sieht man einen Vagina-Workshop, aber da möchte ich keine Details spoilern. Was hast du denn zum Thema sexuelle Befreiung zu sagen?
Ich habe gerade vor einer Berufsschulklasse das Publikum ermutigt, sich mit seinem Körper auseinanderzusetzen. Was damals galt, ist auch heute noch aktuell: Frauen, claim your orgasm!

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