Ländle calling

Vorarlberg hat die allerbeste Konzertszene

Die Konzertszene in Vorarlberg floriert, wie keine andere in Österreich und langsam ist es an der Zeit, die Verantwortlichen dafür zu loben.

von Sandro Nicolussi
23 Februar 2017, 1:29pm

Header: Dieser Stagedive während einer The Sorrow-Show im Conrad Sohm brachte mir ein Freibier ein. Foto vom Matthias Rhomberg | rhomberg.cc

Wenn man an Vorarlberg denkt, selbst aber noch nie dort war, stellt man sich meistens riesige Wiesen voller Kühe vor und Menschen, die auf Bauernhöfen ihr Mittagessen auf einem Holzofen kochen – ich gehe zumindest davon aus, dass man sich das Ländle so vorstellt. Das entspricht aber nicht wirklich der Realität – ganz im Gegenteil. Lange genug habe ich mich über die Nachteile des Landlebens echauffiert, aber es ist ja zum Glück nicht immer alles schlecht. Denn entgegen aller Klischees ist Vorarlberg gar nicht so lame wie man oft meint (oder wie ich ab und zu behaupte).

OK, in Vori gibt es einiges, das sehr verbesserungswürdig ist (wenn man an die verbesserungswürdigen Öffis, den Mangel an Afterhours und das einzigartige Vorarlberger Jugendschutzgesetz denkt), aber ich scheue mich trotzdem nicht davor, Vorarlberg als das Konzert-Bundesland Österreichs zu bezeichnen. Auf Größe und Einwohnerzahl gerechnet, ist das musikalische Angebot im Wilden Westen Österreichs doch recht groß. Und auch wenn mein Kollege Benji behauptet, dass man die beste Konzertszene in Oberösterreich findet, wage ich das zu bezweifeln. Und wie wir alle wissen, beginnt gerade die Saison der lange erwarteten LineUp-Veröffentlichungen. Dieses Jahr haben mir die ersten Bekanntgaben wieder einen solchen Boner beschert, dass es jetzt an der Zeit ist, die Menschen und Institutionen hervorzuheben, die dafür verantwortlich sind.

Zwar ist das Kulturbudget für Musik und Kulturinitiativen von Vorarlberg von 2015 mit rund 3,6 Millionen Euro verglichen mit anderen Bundesländern (Salzburg rund 7,3 Millionen Euro) eher knapp bemessen, aber immerhin ist diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr um zirka 100.000 Euro gestiegen. Und auch wenn wirklich erfolgreiche Bands aus dem Westen noch auf sich warten lassen (RIP The Sorrow), habe ich mir den Großteil meiner bereits über 250 besuchten Konzerte in meinem Heimatbundesland angesehen. Das ist vor allem der Arbeit der Booker zuzuschreiben. 

"Vielfalt, Herzblut, Bodenständigkeit und Einzigartigkeit" sind dabei die wichtigsten Faktoren.

Anders als in anderen Bundesländern, funktioniert die Kommunikation in diesem kleinen Zipfel Österreichs recht gut. Bookings können von den Veranstaltern durch die überschaubare Größe perfekt miteinander abgesprochen werden. So findet man in irgendeinem Teil von Vorarlberg immer was für seinen noch so verkorksten Geschmack – und außerdem erreicht man hier (fast) jede Location innerhalb einer Dreiviertelstunde Fahrzeit. "Vielfalt, Herzblut, Bodenständigkeit und Einzigartigkeit" sind dabei laut Isabella Gural von Soundevent Eventmanagement die wichtigsten Faktoren. Zusätzlich gibt es auf den Wiesen und Landstrichen genügend Platz. Neben den etablierten Konzertlocations bilden sich entlang des Bodensees oder auf abgelegenen und unbebauten Wiesen immer wieder neue Festivals oder Spontan-Konzerte. Teilweise verschwinden sie zwar wieder (RIP Freakwave, Burnout und Woodrock), aber die nächsten Eintagsfliegen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in der nächsten Saison aus dem Boden gestampft.

Auch der Dreiländereck-Bonus kommt dem Vorarlberger Konzertvolk zugute, falls hier mal doch nichts los ist. Obwohl man die umliegenden Konzertlocations fairerweise nicht wirklich zu Vorarlberg zählen kann, erreicht man die Konzerte dort wenigstens mühelos nach kurzer Fahrzeit. Das wird mir auch von Isabella Gural bestätigt: "Als kleines Bundesland haben wir zum Glück noch drei Nachbarländer, die uns schon oft Konzertabende gerettet haben." Denn auch wenn deine Lieblingsband es nicht nach Vorarlberg schafft, sind Innsbruck, München und Zürich nur jeweils zwei Autostunden entfernt. In eine dieser drei Städte hat es jede sehenswerte Band geschafft, was teilweise auch den heimischen Bookern zu verdanken ist. Die Zeit im Auto kann man gleichzeitig produktiv für die Konzertvorbereitung nutzen – das bedeutet, viermal die Tour-CD zu hören und sich anzusaufen, solange man nicht der Fahrer ist.

Für den nächsten Spontantrip ist Vorarlberg also eine Überlegung wert und eine der folgenden Locations bietet sicher das passende Konzert dazu.

Spielboden Dornbirn

Der Spielboden Dornbirn wurde 1981 als Verein gegründet und zog 1997 in den heutigen Standort im Rhomberg-Areal. Vom Land Vorarlberg erhält der Spielboden Dornbirn im Jahr rund 260.000, damit der Betrieb auch weiterhin laufen kann. Im Spielboden finden neben Konzerten auch Diskussionen, Poetry Slams, Ausstellungen, Filmvorführungen und alle weiteren Kulturveranstaltungen dieses Universums statt – die eierlegende Wollmilchsau unter den Locations quasi. Die Konzerte finden meist auf einer sehr niedrigen Bühne statt, was Stagedives um einiges erleichtert. Auch die Partys im Spielboden erfreuen sich unter der Vorarlberger U-30 Fortgehbevölkerung großer Beliebtheit, was immer dann bewiesen wird, wenn sich unzählige Leute über ihren bierbedingten Harndrang beschweren, während sie auf den Einlass zu den Kantinenpartys warten. 

Zusätzlich zum ausgiebigen Konzertprogramm findet heuer das Dynamo-Festival zum dritten Mal statt. Das Dynamo verbindet Indoor- und Openair-Festival und spielt sich vom 20.-22. April ab. Hauptlocation ist dabei der Spielboden, der Festival Kick-Off findet allerdings bei der Karren-Bergstation statt. Wie das Wort Bergstation schon verrät, ist der Karren ein Berg. Für die erste Party kann man aber dank der Seilbahn seinen inneren Reinhold Messner daheim lassen.  

Auf dem Programm stehen für heuer unter anderem Wallis Bird, Kytes, White Miles, Ogris Debris, Polkov und Inner Tongue.

Conrad Sohm Dornbirn

Foto: Matthias Rhomberg

Das Conrad Sohm nennt sich selbst Prachtclub und hat diesen Namen in gewisser Weise verdient. Seit über 20 Jahren wird in dem alten Fabriksgebäude an der Dornbirner Ach schon gefeiert. Im Conrad Sohm, unter Szenekundigen (aka Vorarlbergern) als "'s Sohm" bekannt, treten regelmäßig nationale und internationale Bands, Musiker und DJs auf. Acts, die die Decke zum tropfen bringen; der markante Kronleuchter und die Fabrikhallen-Stimmung in Verbindung mit der Abgelegenheit machen das Sohm zu dem, was es ist: Eine legendäre Vorarlberger Institution. Meistens ist das Conrad Sohm nämlich der einzige Clubname, der Nicht-Vorarlbergern von hier bekannt ist. Ich vergleiche das Conrad Sohm gerne mit dem Flex in Wien, aber das Sohm hat dann doch noch mehr Charme, weniger minderjähriges Publikum und Toiletten, die man absperren kann – letzteres Problem dürfte aber mittlerweile behoben sein.

Ein Blick in die History der Bands, die dort bereits aufgetreten sind, unterstreicht nochmal die Abwechslung, die hier stattfindet. Feuchte Augen und Höschen bekamen die Zuhörer hier schon bei Konzerten von Drahdiwaberl (Ja, das war die Band von Falco), Blumentopf, Everlast, Public Enemy, Queens of the Stone Age, Netsky und vielen anderen. Und auch Clubreihen wie Fresh Meat oder Infusion füllen das Conrad Sohm regelmäßig mit lokalen und internationalen DJ-Bookings.

Heuer findet auch zum sechsten Mal der Conrad Sohm Kultursommer statt. Dort werden unter anderem August Burns Red, Pierce The Veil, Issues und Sepultura spielen. Der Kultursommer besteht aus einer Reihe von Konzerten und geht von Juni bis September. Also vier fucking Monate lang. Ein Dritteljahr! Auch der hauseigene Talent-Wettbewerb, der seit der Jahrtausendwende jährlich stattfindet, ist ein fester Teil von der Vorarlberger Musiklandschaft. Solokünstler und Bands aller Genres können sich hier beweisen und wertvolle Bühnenerfahrung sammeln. Manche Newcomer erspielen sich so Slots für das Szene Openair oder das Frequency Festival

Auch der Vorarlberger Zusammenhalt zeigt sich im Sohm ganz gut. Die kleine Garderobe ist nämlich im Winter meistens ziemlich schnell überfüllt. Das könnte auch daran liegen, dass im Sohm die liebste Garderobendame der Welt arbeitet (Bussis!). Die Stehtische und Deckenpfeiler dienen dann dazu, seine Jacke dort hinzuhängen "weil man sie später ja eh wieder findet". Aber so ist es tatsächlich. Falls man rauschbedingt nicht völlig verplant hat, wo die eigene Jacke ungefähr sein könnte, spaziert man in den meisten Fällen auch mit der richtigen wieder raus. Und falls nicht, sollte man sich bewusst werden, dass die teuerste Jacke beim Fortgehen eigentlich zuhause bleibt. 

Altes Hallenbad Feldkirch

Das Alte Hallenbad während der Bilderbuch-Show 2016. Foto: Matthias Dietrich/Poolbar

Die geschichtsträchtigste Konzertlocation im Ländle ist das Alte Hallendbad in Feldkirch. Es war das erste Hallenbad Vorarlbergs und diente im Zweiten Weltkrieg als Lazarett. Als irgendwann die letzten Bahnen gezogen waren (ich rede vom Schwimmen), sanierte die Stadt Feldkirch das ungenutzte Gebäude als Kulturstätte. Seitdem finden im Alten Hallenbad auf zwei Floors das ganze Jahr über Konzerte, Clubbings und Theateraufführungen statt. Die wahre Perle des Alten Hallenbads ist aber eindeutig das Poolbar Festival. Und die GmbH hinter dem Poolbarfestival wurde für ihren Betrieb laut dem Vorarlberger Kulturbericht im Jahr 2015 mit 45.000 Euro subventioniert. 

Welches Bundesland hat schon ein fünfwöchiges Musikfestival zu bieten? Genau: keines, außer eben Vori. Das Poolbar Festival ist auch perfekt für alle, die dem typischen Festivalgatsch, Dixi-Klos und allgemeiner Ungeduschtheit eher abgeneigt sind. Man kann sich daheim duschen (was auch angebracht wäre, immerhin handelt es sich um ein altes Hallenbad) und kann dann frisch in das alte Becken runtersteigen, wo man nach den ersten zwei Songs meistens eh wieder schwitzt wie ein finnischer Saunaprofi. Größere Konzerte finden in der alten Turnhalle im Obergeschoss statt, dort haben bis zu 900 Leute Platz. Für die Freigeister unter euch gibt es auch einen zusätzlichen Außenbereich, wo du die Konzerte gemütlich auf einer Wiese anschauen kannst – hier musst du aber leider wieder mit Dixieklos vorlieb nehmen. Eröffnet wird das Poolbar Festival heuer am 7. Juli von keinem geringeren als Voodoo Jürgens. Dazu gesellen sich unter anderem Tyler, The Creator; Jake Bugg und die Architects. Einen Architekten braucht das Alte Hallenbad nach diesen Openern auf jeden Fall, viel wird da von dem betagten Gebäude nicht übrig bleiben.

Falls du also nicht aus Vorarlberg bist, solltest du schauen, dass du dich zumindest mit einer Person aus Vorarlberg anfreundest, bei der du pennen kannst – die sind eh ganz lieb, wirklich. Das Poolbar-Festival ist nämlich campingfrei und du erinnerst dich sicher an den Part mit dem Duschen.

Kulturcafé Schlachthaus Dornbirn

Vorarlberg ist nirgends mehr Punk, Metal und Hardcore als im Alten Schlachthaus Dornbirn. Ich meine, Vorarlberg ist nirgends so wirklich Punk, Metal und Hardcore, auch wenn die Szene im Ländle ziemlich aufstrebend ist. Das Schlachthaus ist jedenfalls sehr gut darin, diese Stimmung zu erzeugen. Das Kulturcafé bietet vor allem aufstrebenden Bands eine Bühne. Von der neugegründeten Thrashmetal-Band bis zur gemütlichen Jazz Jam-Session kann man sich hier alles anhören. Platz haben hier (offiziell) bis zu 200 Leute. Wenn man gut schichtet, können es aber auch gern mal mehr werden, was immerhin was zum Kuschelfaktor beiträgt.

Im Schlachthaus kann man sich schon mal den ein oder anderen blauen Fleck abholen, was bei manchen Shows aber eh mehr Qualitätsmerkmal als Beschwerdegrund ist. Meine intensivste Schlachthaus-Erfahrung habe ich aber nicht in Moshpits, sondern mit Money Boy gemacht. Ich stand bei ihm auf der Bühne, habe seinen Vodka weggeext und dafür seine dreckige Lakers-Cap bekommen – was für ein Deal. 

Auch im März wird es wieder hart. Am 11. März zerlegen die Liechtensteiner von Taped die Bühne und am 23. März hacken die Hardcore-Dampfwalzen von Nasty alles weg, was dann noch steht. Passt das in das Bild, das man von Vorarlberg hat? Ich glaube nicht.

Tennis.Event.Center in Hohenems

Volbeat live, oder: Wer filmt schon auf Konzerten?!. Foto vom Autor.

Wenn es etwas größer werden soll, steht die Halle des Tennis.Event.Centers in Hohenems für Konzerte bereit. Dort wurden schon bis zu 4000 Personen von Legenden wie Chuck Berry, Lamb of God, Soulfly oder den one and only Tokio Hotel unterhalten. Vorarlberg deckt damit auch die Möglichkeit ab, internationale Größen auftreten zu lassen – vergesst Tokio Hotel einfach kurz

Dass es hier auch voller werden kann, merkt man ab und zu auch am Eingang und an den Garderoben, da es schon vorkommen kann, dass man dort etwas länger steht. Auf den Parkplätzen merkt man dann auch schnell, woran das liegt. Es besuchen nämlich auch immer ziemlich viele Nachbarn von Deutschland oder aus der Schweiz Konzerte in Vorarlberg, was die Autobahnabfahrt in Hohenems nicht selten blockiert. 

Szene Openair Lustenau

Regen gehört beim Szene Openair zum Programm. Auf der Bühne: Steel Panther. Foto: Matthias Rhomberg

Falls es in den Clubs zu eng wird, kann man im Sommer auch auf eine riesige Festivalwiese ausweichen. Das Szene Openair verkörpert alles, was Vorarlberg ist, in einem Festival. Es ist nicht wirklich groß, es ist nicht übermäßig bekannt, aber wenn man dort ist, ist es nichts anderes, als die beste Entscheidung, die man hätte treffen können. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr war ich jedes Jahr auf dem Szene Openair und bin Jahr für Jahr mit neuen Piercings, fremder Kleidung oder verlorenen Erinnerungen nach Hause gekommen. 

Szene-Kenner (pun intended) wissen außerdem, dass man aufs Szene zum Zelt am besten auch ein Schlauchboot mitnehmen sollte, da das Festival jährlich traditionell von monsunartigem Regenwetter begleitet wird und zumindest einen Teil des Campingplatzes in eine Spielwiese für Schlammwrestler und Hobbyfischer verwandelt. Dank des neuen Drainagesystems dürften überflutete Zelte jetzt endgültig der Vergangenheit angehören – schade eigentlich. Das Szene-Openair ist laut den Organisatoren auch vor allem bei Nieder- und Oberösterreichern sehr beliebt – 1:0 für Vori.

Was das Szene aber wirklich ausmacht, ist ein LineUp, das einfach so auf Genregrenzen und Schubladen scheißt. Das heißt: Aufs Szene wird einfach eingeladen, wer die Leute zum ausrasten bringt. Auch das diesjährige LineUp hat mich vor die Entscheidung gestellt, ob ich sofort ein Bier darauf aufreiße oder doch lieber vor Freude weine – ich habe mich für eine Kombination aus beidem entschieden. Headliner sind bisher Billy Talent, gefolgt von Dub FX, Bonez MC & Raf Camora, Jennifer Rostock, The Amity Affliction, Eskimo Callboy und vielen weiteren sexy Acts auf insgesamt vier Stages.

Weiterer Benefit: Wenn ihr vorhabt, euch im glühend heißen Zelt zu paaren, könnt ihr euch danach im Alten Rhein abkühlen, wo ihr probieren könnt, euer Bier unter Wasser zu exen. (Spoiler: Ihr werdet es nicht schaffen und stattdessen einen Liter feinstes Flusswasser saufen.) Wenn ihr Glück habt, trefft ihr dort auch auf den ein oder anderen Tagesact.

Neben diesen Locations gibt es noch viele weitere kleine und mittelgroß Lokale, Clubs und Bars, die ihren Platz für Konzerte von lokalen Bands hergeben. Darunter sind zum Beispiel die Lowlife Bar in Bregenz, die Villa K in Bludenz, der Carinisaal in Lustenau oder das Kammgarn in Hard. Die Konzertszene in Vorarlberg gedeiht also munter vor sich hin und es bleibt nur eine Frage der Zeit, bis der nächste internationale Act aus Vori empor geht. "In der DJ-Szene tut sich in Vorarlberg mega viel. An kreativen Köpfen fehlt es hier im Ländle sicher nicht!", sagt Isabella Gural. Der Nachwuchs ist also gesichert und auch die nächsten Generationen dürften noch in den Genuss einer wachsenden Konzertszene in Vorarlberg kommen.

Sandro auf Twitter: @voriboy

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