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Scheißheiß: Der Sommer auf VICE

Der Generationswechsel der Freikörperkultur

Bei der Dechantlacke in der Lobau tummeln sich nicht nur Hippies aus der 68er-Generation, sondern auch junge Menschen, die die Freikörperkultur für sich entdeckt haben.

von Frederika Ferkova
05 August 2017, 4:00am

Fotos von Christoph Liebentritt

Lange bevor es Hashtags, Tumblr und Instagram gab, entwickelte sich in den 1970ern im deutschsprachigem Raum die erste #AllBodiesAreBeautiful-Bewegung: Die Freikörperkultur, auch FKK genannt. FKK lässt sich wohl am ehesten mit gemeinschaftlichem Nacktsein übersetzen – oft in der Natur und in Schwimmbereichen, aber auch in Gebäuden, die speziell dafür eingerichtet wurden. Die Freude am Nackt-Sein, an dem Natürlichen, ohne dass der menschliche Körper dabei sexualisiert wird, steht bei FKKlern im Mittelpunkt. Kurz gesagt: Nudisten sind keine Spanner und keine Sex-Bestien, wie es von manchen Außenstehenden dargestellt wird.

Österreich und Deutschland kämpfen bei jeder FKK-Studie um den ersten Platz. Beide Länder sind nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig die Länder, die im internationalen Vergleich den höchsten Anteil an Nudisten und Naturalisten haben.

Seither bieten Reiseveranstalter so ziemlich alles von nackten Kreuzfahrten bis luftigen Campingreisen an.

2016 hat laut einer jährlich erhobenen Expedia-Studie Österreich gewonnen: Hierzulande gibt es die größte Akzeptanz gegenüber Nackten und die meisten Befragten haben selbst schon mindestens einmal einen FKK-Bereich besucht.

Wegen der konservativeren Gesetze in anderen Staaten ist der FKK-Tourismus, vor allem in Europa, eine sichere Einnahmequelle geworden: Momentan sind auch Frankreich und Kroatien ein beliebtes Ziel für Nudisten. Seit 1980 entwickelten sich auch Nudisten-Events in verschiedenen Bereichen, oft im Zusammenhang mit der Natur, wie zum Beispiel das Nacktwandern. Seither bieten Reiseveranstalter so ziemlich alles von nackten Kreuzfahrten bis luftigen Campingreisen an.

In Österreich ist das Nacktbaden in natürlichen Gewässern rechtlich nicht geregelt, ganz nach dem Motto "Erlaubt ist, was nicht verboten ist". Sofern die Nacktheit nicht in einem sexuellen Kontext steht, kann man sich maximal eine Verwaltungsstrafe mit einem Strafausmaß von bis zu 220 Euro einfangen. Das passiert in natürlichen Gewässern aber selten, da grundsätzlich Nudisten geduldet werden und das Strafausmaß schwer zu bestimmen ist. Wer sich blank auszieht und nackt in einen Teich voller Kinder springt, riskiert die Strafe natürlich eher als Menschen, die sich ein Plätzchen abseits des Geschehens suchen.


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Doch wenn man die Nudisten-Hotspots Wiens besucht, wird einem anhand des Altersdurchschnitts der Badegäste bewusst, dass die Freikörperkultur ihre Popularität besonders in den 1970ern und -80ern genoss. Auf der Donauinsel, die einen acht Kilometer langen FKK-Bereich hat, sowie im Gänsehäufel, trifft man fast ausschließlich auf Menschen aus der 68er-Generation.

Hanna ist Nudistin und 24 Jahre alt. Sie geht erst seit drei Jahren ohne Bikini baden. Die Kunststudentin hat dafür einen einfachen Grund: Sie hatte mit Blasenentzündungen zu kämpfen. Nasse Badekleidung ekelt sie an und verursacht bei ihr auch medizinische Probleme.

Auf die Donauinsel oder auf den Wienerberg geht sie – wie alle drei jungen Nudisten, mit denen ich sprach – nicht: "Da fühle ich mich komisch. Da sind teilweise schon auch viele Spanner dabei. Die Dechantlacke in der Lobau ist der beste Ort, da man hier zwischen Familien, 68er-Hippies, Alteingesessenen und Gleichaltrigen ist. Es ist hier keine Pflicht, nackt zu sein. Das macht es wirklich angenehm."

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Die Dechantlacke ist ein See im Nationalpark Lobau. Sie ist öffentlich schwierig zu erreichen und oft weniger gut besucht als andere Badeorte in Wien. Das ist kein unwichtiger Punkt: Junge Nudisten haben im Gegensatz zu ihren Hippie-Vorgängern einen viel pragmatischeren Zugang zur Freikörperkultur.

Mario, ein 32-jähriger Angestellter, besucht oft FKK-Strände mit seinen Freunden, die zusammen auch gern die gemischte Nacktsauna aufsuchen. "Ich springe gerne nackt ins Wasser, weil dann nichts trocknen muss", erklärt er. "Oft sind auch die Badeorte schöner und ruhiger. Als Nudist sehe ich mich irgendwie trotzdem nicht. In 'FKK' steckt ja das Wort Kultur. Die definiert die Generation vor uns schon mehr: Sie wollen nackt essen, nackt einkaufen und bei allen Tätigkeiten nackt sein. Das wünschen sich weder meine Freunde, noch ich."

Die Dechantlacke ist nicht explizit als FKK-Ort gekennzeichnet – Nudisten werden hier aber nicht nur geduldet, sondern sind bereits seit den 1920ern in der Überzahl. Trotzdem spazieren immer wieder angezogene Gassi-Geher oder Familien vorbei. Die reibungslose Ko-Existenz von Angezogenen und Nackten ist hier schon seit Jahrzehnten selbstverständlich.

Das machen auch gewisse ungeschrieben Nudisten-Regeln möglich, wie das Kamera- und Starr-Verbot und das Handtuch-Gebot, an das sich auch alle halten. Wer nicht badet oder sich sonnt, der nimmt ein Handtuch mit. Auch Nudisten finden nackte Genitalien in Lokalen unangebracht und unhygienisch. Wenn man sich die jungen Nackten der Dechantlacke genauer ansieht, wird man sportliche Menschen vom Land, liberale Kunst- und Sozialwissenschaftsstudenten, aber auch Ansässige mit Bier und Goldkette entdecken.

"Wenn ich keinen Bikini anhabe, dann nimmt man meinen Körper auch als Ganzes wahr. Wenn ich einen Bikini anziehe, dann lenkt das die Aufmerksamkeit automatisch auf meine Brüste oder Schenkel."

Eine gemeinsame Kultur sucht man in der Dechantlacke vergebens, dafür findet man viele Kleingruppen. "Ein paar ältere Hippies bauen hier Hütten aus Holz hin oder basteln den Kindern Schaukeln. Da drüben beim Steg sitzen immer die Kiffer. Und das Ufer gegenüber, da geh nicht hin", erzählt mir Hanna, die ebenfalls mit Freundinnen herkommt. Sie entscheiden dann spontan und je nach Gefühlslage, ob sie nackt sein wollen oder nicht.

Viktoria, eine 29-jährige Sozialwissenschaftstudentin, geht seit ihrer Jugend gerne nackt schwimmen: "Das Schöne ist, dass dich niemand sexualisiert. Es gehört sich im FKK-Bereich nicht, jemanden anzustarren und das passiert auch nicht. "Wenn ich keinen Bikini anhabe, dann nimmt man meinen Körper auch als Ganzes wahr. Wenn ich einen Bikini anziehe, dann lenkt das die Aufmerksamkeit automatisch auf meine Brüste oder Schenkel." Sie fühlt sich an Badeplätzen, an denen Schwimmbekleidung Pflicht ist, sexualisierter, begaffter und unsicherer.

Viktoria hat auch das Gefühl, dass die Freikörperkultur in den 80er-Jahren eher eine urbane Modeerscheinung kritischer Studenten war, die bis heute nachhallt: "Ich komme aus Oberösterreich. Dort war man halt der depperte Nackige." Dass Nudisten Nacktheit und ihren Körper generell anders wahrnehmen, wird ihr anhand von Gesprächen mit Nicht-Nacktschwimmern bewusst. Sie hinterfragt auch, warum Bekannte das Naturalisten-Dasein so ablehnen: "Viele Menschen ekeln sich vor nackten Körpern. Einige haben Angst vor sexuellen Übergriffen. Sie nehmen ihren Körper auch anders wahr. Wie eine Baustelle, an der ständig etwas zu reparieren ist."

Durch die Freikörperkultur hat sie gelernt, ihren Körper als Gesamtbild zu betrachten, und damit wertfrei im Bezug auf seine Einzelteile. Die Akzeptanz des menschlichen Körpers – sowohl des eigenen als auch anderen – spielt für sie eine wichtige Rolle im Konzept von FKK. Das sei auch deshalb schwer, weil man während des Aufwachsens durch Gesellschaft und Unterhaltungsindustrie eher lerne, den menschlichen Körper generell zu sexualisieren – auch in nicht-sexuellen Situationen

Für Menschen wie Viktoria gibt es aber noch einen anderen Aspekt an der Freikörperkultur, der erst in den letzten Jahren dazugekommen ist: FKK ist nicht nur eine Auszeit von Kleidung, sondern auch von Social Media und allem, was dazu gehört. Sie verspürt keinen Drang, sich außerhalb der Dechantlacke mit Nudisten-Bekanntschaften zu vernetzen. Im Fokus stehen die Natur und das unmittelbare Körpererlebnis im Freien.

Das heißt natürlich nicht, dass es unter Nudisten keine Unsicherheiten oder Komplexe gibt, wie mir einige versichern. Davor schützt auch nacktes Baden nicht automatisch – aber es kann zumindest helfen, sich Dinge bewusster zu machen. Das bestätigt mir auch Hanna zum Schluss: "Es ist schon seltsam", sagt sie. "Jetzt, wo medial überall Nacktheit herrscht, sind wir die Komischen, wenn wir uns tatsächlich ausziehen."

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