Schon wieder Wahlen!!!

Das war's: Unser gesamtes VICE-Tagebuch zur Nationalratswahl 2017

Kanzler-Krönung, Dirty-Campaigning, Hofers Wiederkehr, Stammtisch-Rassismus und Plazenta-Essen: Das war die Wahlkampf-Welt zwischen 1. September und 15. Oktober. Willkommen beim dunklen Finale.

von Markus Lust
15 Oktober 2017, 8:00am

Dieses Tagebuch zu schreiben, war nicht ganz einfach. Vor allem, weil mein Thema der Wahlkampf war und nicht zum Beispiel das Leben von Leo Tolstoi, der am 25. Jänner 1851 folgenden Eintrag in sein Tagebuch geschrieben hat: "Ich habe mich verliebt oder bilde es mir wenigstens ein; ging auf eine Feier und verlor meinen Kopf. Kaufte ein Pferd, das ich absolut nicht brauche." Was für eine Steilvorlage!

Aber man kann sich eben nicht immer aussuchen, was die Tage im Wahlkampf für einen bereithalten. Es hätte Tolstoi werden können, aber es wurde Houellebecq. Über den sagte der New Yorker einmal: "Sich vorzustellen, dass es immer genauso weitergeht wie bisher, ist das, was Satiriker tun. Es ist auch das, was Dummköpfe machen." Irgendwie kommt mir das passend vor.

Manchmal waren es neue Leaks zu Schmutzkampagnen, die eigentlich nur Innenpolitik-Redakteure interessieren und deshalb von uns in der Blase großgeschrieben wurden, was dann da draußen nur als diffuses "Ich hab's schon immer gewusst, alle korrupt" ankam. Manchmal waren es auch Stenzel-News oder Fellner-Fotomontagen von Kurz' Kanzler-Krönung. Und manchmal waren es einfach nur sehr, sehr österreichische FPÖ-Wahlkampf-Videos.


Auch auf VICE:

Das hier ist das Ergebnis von eineinhalb Monaten Wahnsinn, Wahlkampf und totaler Überarbeitung. Nicht nur bei mir, sondern bei allen, deren Augenringe gleichzeitig mit der Politikverdrossenheit in der Gesellschaft gewachsen sind – auf Mission für eine bessere Berichterstattung, maximale Schadensbegrenzung oder eine grundlegende Kurskorrektur im politischen Diskurs.

Es ist zum Weinen, zum Lachen, dann wieder zum Weinen, sehr, sehr lange zum Weinen, dann wieder zum Lachen und schließlich zum Durchdrehen. Während man weint. Für mich war die Zeit von 1. September bis 15. Oktober, als ob ich versuchen würde, mit fünf Kegeln gleichzeitig zu jonglieren. Die brennen. Auf einem Einrad. Das auch brennt. In einem Minenfeld. Voller Flammen. Während einen Affen mit Kot bewerfen. Der vorher angezündet wurde. Mein Punkt ist, es gab ziemlich viel Feuer und ziemlich viel verbrannte Erde.

Ich bin mir sicher, ich spreche damit auch jedem Wahlkampf-Team und jedem Spitzenkandidaten und jeder Spitzenkandidatin aus der Seele. Also, auf ein letztes Mal. Sie spielen unser Lied!


15. 10. 2017: "Wer auch immer gewinnt … wir verlieren." Oder: Es wird auch gar nicht wehtun

Liebes Tagebuch,
es ist soweit. Der Wahlkampf ist vorbei, die Nabelschnur ist fast durchtrennt und bald wird uns ein harter Klaps auf den Hintern die ersten Schreie aus der Lunge treiben. Es war eine schwere Geburt für alle Beteiligten und wir alle haben noch ein bisschen Schnappatmung.

Die letzten eineinhalb Monate wurden so oft mit Serien und Filmen über Intrigen verglichen, dass mir sogar schon davor graut, Namen wie House of Cards noch mal in den Mund zu nehmen. Ich muss bei diesem Wahlkampf außerdem an ein ganz anderes Franchise denken:

Konkret fällt mir seit Tagen immer wieder die Tagline von Alien vs. Predator ein, die lautet: "Whoever wins … we lose." Noch nie hab ich mich in einem Nationalratswahlkampf so sehr von einem der schlechtesten Science-fiction-Filme aller Zeiten abgeholt gefühlt. Und es schaut wirklich nach Totalverlust aus. Ein ehemaliger Nationalratsabgeordneter schreibt mir "Wir sind nach Hameln geflüchtet", der Wahlkampfleiter einer der drei Kanzlerkandidaten-Parteien at seinen Twitter-Account gelöscht, selbst Rudi Fußi ist leise geworden.

Nur Manfred Juraczka dreht weiter auf und zeigt den "Neuen Stil" der ÖVP vor, indem er auf Twitter den VICE-Erfahrungsbericht von Sara Hassan, die als Kind unter Schwarzblau rassistisch beschimpt wurde, als "peinlich" und "dumm" bezeichnet. Newsflash: Natürlich hat Schwarzblau den Rassismus in Österreich nicht erfunden. Aber genauso hat Trump die Neonazis nicht aus Lehm erschaffen. Sie waren schon da, ja. Und trotzdem gab es unter Obama keine rechten Aufmärsche, die so mehrheitlich geduldet wurden, wie unter Trump. Rechte Regierungen erfinden nie Rechtsextremismus, aber sie empowern ihn.

Für einen Moment habe ich eine fiebrige Vision; von alten ÖVP-Recken mit Darmverschluss, die den Nachwuchs mit Hass-Tweets disziplinieren und fragen: "Neuer Stil, Neue Gerechtigkeit – wollt ihr auch den Neuen Krieg?" Und vor ihnen eine Formation aus JVP-Jungspunden: Sebastians Armee aus Geilomobil-Zeiten, die im Sekten-Setting der Stadthalle ihrem Leader lauscht und dabei Sprechchöre anstimmt wie:

"Kurz?" – "Geil!"
"Kurz?" – "Geil!"

Es wird langsam wirklich Zeit, dass das alles aufhört. So oder so. Ich halte kurz inne und versuche, an etwas anderes zu denken.

In 6 Tagen habe ich Geburtstag. Es wird vielleicht mein erster unter Kurz. Und wer sagt, dass das etwas Schlechtes sein muss? Peter L. Eppinger würde sich freuen. Und solange wir lernen, wo unsere Grenzen liegen (zum Beispiel bei kritischen Nachfragen), wird wahrscheinlich alles gut gehen. Kurz würde vielleicht nicht mit uns reden und sich durch Dutzende Securitys abschirmen lassen, genau wie gegenüber der Heute Show. Aber hey, ich würde auch nicht mit mir reden. Es ist also nicht, als könnte ich seine Motive nicht verstehen! Bis es soweit ist, muss ich noch ein wenig üben. Ins Facebook-Event zu meiner Geburtstagsparty habe ich zum Beispiel geschrieben:

Der Ort wird (genau wie das Wahlprogramm von Kurz) erst kurz davor bekannt gegeben; das Bild ist (genau wie die Wahlplakate von Kurz) völlig austauschbar; die Details zum Event werden (genau wie die Website von Kurz) nach Belieben verändert.

Solche Texte sollte ich mir in Zukunft besser sparen. Obwohl: Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist Kurz viel liberaler als die meisten glauben und sein harter Kurs reine Kalkulation, um die Wähler so lange zu täuschen, bis er endlich an der Macht ist und die Ehe für alle umsetzen und Sobotka ein für alle Mal rauswerfen kann. Nicht, dass es diese unbestätigten Gerüchte aus ÖVP-Kreisen gäbe; ich deliriere nur vor mich hin. Auf meiner Schulter sitzt ein kleiner Blob und flüstert mir zu: "Ich bin die Wanderkacke, die vor Sobotkas Tür Platz genommen hat – ich bin der Grund für ALLES."

Ich versuche, ruhig zu bleiben. Warum auch nicht? Wer weiß, ob es nach morgen die Welt überhaupt noch gibt? Es könnte genau so gut das Ende von allem sein, wenn der Autor David Meade mit seiner neuesten Apokalypse-Prophezeiung Recht hat. Nach 2000, 2003 und 2012 soll jetzt im Oktober 2017 erneut der Planet Nibiru mit der Erde kollidieren. Laut NASA ist das alles Schwachsinn, ohne jede Beweisgrundlage. Aber was weiß die NASA schon vom echten Leben? Das hier ist Österreich. Das einzige, was wir mit Raumfahrt zu tun haben, sind Franz Viehböck und diese UFOs im Sci-fi-Propagandafilm Der 1. April 2000. (Am Ende davon erschleichen wir uns übrigens die österreichische Unabhängigkeit, indem wir das tun, was wir als einziges können – allen etwas vorspielen.)

Eine Planetenkollision wäre definitiv nicht das Verrückteste, das an diesem Sonntag passieren könnte. "Es besteht immer noch die Chance, dass Kern gewinnt!", flüstert der Blob auf meiner Schulter und lacht. Was mich aber wirklich wundert: Wo bleiben die Aufschreie wegen einer möglichen Wahlmanipulation? Wieso gibt es noch keine Verschwörungstheorien zu ausradierbaren Bleistiften oder Anti-FPÖ-Zaubertinte? Funktioniert der Klebstoff wirklich bei allen Briefwahlkuverts? Und wann beginnen die ersten mittelalten Männer damit, Andeutungen auf das Ergebnis zu machen, weil sie natürlich vor uns anderen Bescheid wissen?

Kommt schon! Hat euch das bisschen Dirty-Campaigning alle mürbe gemacht? Bevor das Ergebnis kommt, muss ich irgendwie wieder einen klaren Kopf bekommen. Ich nehme ein MexaVit B, eine Immuntablette, dazu einen Schluck Whisky und stelle mich schon mal auf die Betäubung der nächsten fünf Jahre ein. Es wird auch gar nicht wehtun …


14. 10. 2017: Der Wiedergänger Norbert Hofer, die Wiederkehr der Fake-Memes, Das Widersprüchliche an den Grünen

Foto via Facebook

Liebes Tagebuch,
weißt du noch, gestern? Als ich meinte, der Wahlkampf sei vorbei, aber ich würde der Stille misstrauen? Wie sich herausstellt, hat mein Instinkt die News kurz nach 18 Uhr eingeholt, als bei der FPÖ-Schlusskundgebung am Viktor-Adler-Markt ein gewisser Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer den Menschen, die nicht danach gefragt hatten, zurief, dass er bei der nächsten Präsidentschaftswahl wieder antreten werde. Das erklärt auch, warum sein glorreicher Facebook-Account immer noch jener mit dem Slug /praesidentnorberthofer ist.

Es ist noch nicht vorbei, liebes Tagebuch. Es ist nie vorbei. Zumindest nicht, bis ein Freiheitlicher im Kanzleramt und ein Freiheitlicher in der Hofburg sitzen. Und dann ist es VORBEI.

Oder vielleicht auch nicht. Wie der Politikwissenschaftler Emmerich Tálos einmal zu mir gesagt hat: Der Grund, warum Schwarzblau mit allen schiefen Geschäften aufgeflogen ist, ist weil sie nicht die Seilschaften und Systeme der Großen Koalition nutzen konnten, in denen solche Dinge nie auffliegen würden. Insofern würde der Clusterfuck einer Doppel-FPÖ-Spitze von Staat und Regierung vielleicht nur sichtbar machen, was sonst hinter den Kulissen ablaufen würde. Aber ich schweife ab.

Währenddessen hat der Kanzler Krone.at ein Video-Interview gegeben, bei dem sich die Redaktion auf schicken alten Ledersofas als die Stimme des kleinen Mannes inszenierte ("Ich unterrichte ja nebenbei in der HTL", "Wo haben Sie Wörter wie 'kontemplativ' gelernt, in Simmering redet man nicht so") und Christian Kern ein bisschen wie am Beichtstuhl wirkte, aber – für ein katholisches Land wie das unsere: sympathisch.

tl;dr: Kern will noch 9 Jahre Politik machen, Geld hat er schon genug, Politik ist schwierig, weil wenig umgesetzt und wenig Erfolg gemessen wird, aber das Land ist ihm wichtig, drum zieht er das durch.

Lieb auch, wie man in Internet-Interviews über die viel zu vielen TV-Interviews lästern kann, ohne sich komisch vorzukommen, während man eine neue halbe Stunde in den endlosen Stream dieser Wahlkampf-Videogespräche einspeist.

Aber genauso wie es bei der FPÖ dazugehört, sich außerhalb des Systems zu positionieren, obwohl sie längst darin mitspielen, ist es eben auch der Krone ein Anliegen, nicht als der Mainstream-Player, sondern als die Aufstandsstimme gesehen zu werden. Pfui, diese unnötigen TV-Debatten! Erzählen Sie uns bitte alles noch mal, damit wir auch Klicks davon haben.

Kein Sujet der ÖVP. Screenshot via Twitter

Bei der ÖVP gibt es nichts Neues zu vermelden, außer dass sie immer noch für einen "Neuen Stil" ist, Kurz gestern dem rechtsrechten Wochenblick ein Exklusiv-Interview gegeben hat und auf Twitter gerade wieder ein Fake-Plakat der Kurz-Partei die Runde macht. Es zeigt den Parteichef im Zentrum eines Sujets, das für ein "Neues Frauenbild" werben soll. Nach "Neuer Stil" und "Neue Gerechtigkeit" (und mit etwa gleich viel Glaubwürdigkeit) ist der Gag fast zu gut, um wahr zu sein. Was normalerweise genau der Haken ist.

Aber das eigentlich Interessante hier: Während die einen über die Echtheit diskutieren, streiten die anderen darüber, ob es nicht zumindest theoretisch zu Kurz und dem Frauenbild seiner Partei passen könnte. Die einen messen die Botschaft an ihrem News-Wert, die anderen an ihrem Satire-Gehalt. Die alte Frage dabei: "Was ist wichtiger: Das, was ist oder was sein könnte?"

Wie bereits bei Trump waren einige Gegner der konservativen Rechten auch hier nur allzu bereit, genau denselben Fehler zu machen, den sie den konservativen Rechten vorgeworfen hatten: Sie fielen auf Fake-Memes rein und wollten ihre Meinung auch dann nicht revidieren, wenn diese Fakes einwandfrei bewiesen worden waren.

Im Fall von Trump zeigte das wahrscheinlich bekannteste Meme einen jungen, 52-jährigen Donald Trump und darunter ein Zitat, das er 1998 im People Magazine gegeben haben soll: "Wenn ich je als Präsident antreten würde, dann als Republikaner. Sie haben die dümmsten Wähler." Nichts davon stimmte – aber wenn man Trump-Gegner fragte, hätte er es genauso gut gesagt haben können.

Schon ein Auszug aus dem ÖVP-Wahlprogramm.

Was mich wieder zu Kurz bringt. Natürlich plakatiert die ÖVP kein "Neues Frauenbild" mit Kurz im Zentrum und einer unscharfen Frauensilhouette davor. Vielleicht auch, weil die ÖVP kein neues Frauenbild hat; in ihrem Wahlprogramm finden sich zur Frauenpolitik immerhin nur 4 Sätze auf genau einer Seite, illustriert mit einem Turm aus Frauendingen, nämlich einem Stöckelschuh, einem Tablet, einem Lippenstift, einer Gurke, einer Babymilchflasche und einer Füllfeder (nein, das ist kein Scherz).

Wobei, da hätte ich der ÖVP jetzt fast Unrecht getan. Es gibt noch einen zweiten Punkt zum Thema Frauen in ihrem Programm: Er heißt "Gewalt gegen Frauen stärker bestrafen", besteht aus drei Sätzen und ist ein weiterer Schauplatz von Kurz' ewig gleichem Gebet von den aus dem Ausland importierten Problemen wie "Zwangsheirat, Genitalverstümmelung". Ein Frauenbild, das Frauen nicht unbedingt involviert, geschweige denn ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt, ist vielleicht satirische Überhöhung – aber Überhöhung von etwas, das für viele im Grunde genommen der Wahrheit entspricht.

Daran würde auch ein "Neu" nichts ändern. Im Gegenteil: Sind nicht auch der "Neue Stil" und die "Neue Gerechtigkeit" eigentlich die Abschaffung davon, was sie angeblich erneuern wollen? Die "Neue Gerechtigkeit" ist das Ende der Christlichen Soziallehre und damit auch der traditionell konservativen, christlich-sozialen Werte der ÖVP. Der "Neue Stil" ist nichts als inhaltsleerer Populismus, eine ideologische Biegsamkeit vom Willkommenskultur-Befürworter zum Verhüllungsverbot-Exekutor in nur 18 Monaten – und die totale Flexibilität in allem, was Kurz dabei hilft, sich besser mit der Richtung des Volkswinds zu drehen. Lieber Opportunismus als Opposition. Lieber "Neu" versprechen als alt aussehen. Willkommen im Neu-Sprech der ÖVP. Kurz macht Boulevardpolitik und wird am Boulevard dafür gefeiert. Fake-Memes hin oder her. Alles richtig gemacht, Kurz. Alles falsch gemacht, alle anderen.

Apropos, die anderen: Über Strolz habe ich gestern schon alles gesagt. Zu Ulrike Lunacek fällt mir aber noch eine Ergänzung ein: In unserem "10 Fragen an…"-Interview hat Lunacek auf die Frage "Was war das beschissenste Wahlplakat, das die Grünen je gemacht haben?" das hier geantwortet:

"Da gab's eines zu den Anfangszeiten, wo nur viel Text draufgestanden ist. Das halte ich nicht für gescheit."

Am selben Abend – gleich nach dem Interview, das damit endete, dass Ulrike Lunacek fünf Minuten versuchte, sich an politisch unkorrekte Dinge zu erinnern, die sie mal getan haben könnte – habe ich beim Jonas-Reindl am Schottentor dieses Plakat gesehen:

Foto von VICE Media

Keine weiteren Fragen.


13. 10. 2017: Misstraue der Stille, feiere den Strolz

Liebes Tagebuch,
wie es aussieht, ist der Wahlkampf vorbei – aber ich misstraue der Ruhe. Gestern Abend fand die letzte TV-Debatte mit einer Elefantenrunde der fünf Spitzenkandidierenden statt und schon hier war ich anscheinend der Einzige, der das Ganze nur durch skeptisch zusammengekniffene Augen schauen konnte. Alle anderen fanden die Diskussion sachlich, lobten die Zurückhaltung der Kandidaten. Tarek Leitner lobpreiste sogar: "Es gibt einen Ort, wo zivilisiert diskutiert werden kann. Es ist der ORF."

Zu diesem Zeitpunkt war mein Blick längst auf 16:9 verengt und das Bild genauso weichgezeichnet und dubios wie der Aufbau der ORF-Sendung. Wie konnte es sein, dass ich das sehr leise Schreien von Strache als einziger nicht zivilisiert fand? Wieso störte es niemanden außer vielleicht ein, zwei Journalisten, dass die Kandidaten ihre Themen selbst auswählen durften und damit eine noch reinere PR-Show abziehen konnten als in allen TV-Debatten davor?

Vielleicht lief bei mir als einzigen eine ganz andere Sendung als bei den anderen Zuschauern. Es ist wie eine Folge Black Mirror, nur dass die Szene mit dem Schweine-Ficken nur ich sehen kann. Kurz gesagt, ein Jammer. Und zwar nicht nur wegen Dialogfetzen wie diesem hier:

Strolz: Einspruch!
Lunacek: Laungsaum!
Strolz: Langsamer Einspruch! Einspruch.

Mein nicht ganz wortwörtliches, psychohyienisch bereinigtes Transkript zur gestrigen Sendung findet ihr hier. Und ja, ich bin womöglich ein, zwei Male zum neuen Star Wars-Trailer abgedriftet, aber ist es nicht die Aufgabe der Politik, genau dieses Desinteresse gar nicht erst aufkommen zu lassen? Wenn es seit dieser Wahl eine neue Art von Politikverdrossenheit gibt, dann sicher nicht, weil sich die Menschen nicht für Politik interessieren – eher, weil sie es in der Vergangenheit zu viel getan haben und es nicht mehr packen, wie wenig ernst sie von Lobbyisten, Großspendern und Dirty-Campaignern genommen werden.

Selbst die Wahlplakate sind diesmal nicht mit kreativer Inbrunst verschandelt, sondern nur halbherzig mit Edding beschmiert. Als hätte die Jugend endgültig aufgegeben. Der einzige Lichtblick – und ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde – ist Matthias Strolz.

Foto via Twitter

Der NEOS-Chef hat nicht nur bei der TV-Debatte sein bestes NLP-Einmaleins ausgepackt und die wiederkäubarsten Ein-Satz-Sager für unsere Social-Media-atrophierten Gehirne geliefert; er hat sich erst heute mit Bodycam und dem Hashtag #Perspektivenwechsel in den Wahlkampf-Endspurt begeben und sich ein bisschen meinen Respekt für seine Verspieltheit und Leichtfüßigkeit erarbeitet. Ich meine, letzte Woche hatte er sogar FREI und hat das Ereignis live von einer Schaukel im Park gestreamt. Heute war er außerdem bei seiner Mama zum Frühstück und auch DAS hat er auf Facebook gestellt.

Gut, vielleicht wird er für so viel unösterreichische Entspanntheit auch von den Wählern gerügt und mit einem nassen Fetzen aus dem Parlament gejagt. Aber bis dahin ist Matthias Strolz mein Spirit Animal. Auch, weil man sich als Bildunterschrift zu seinem Bodycam-Foto denken kann, wie er so etwas sagt wie: "Schau her, Sobotka, so kannst du überwachen und sonst gar nicht. Ich geh jetzt meine Flügel entfalten, einen wunderschönen Tag noch!" So viel gute Laune ist fast schon unpatriotisch.


12. 10. 2017: Facebook hilft beim Wählen, Stenzel hilft beim Wahlkämpfen, Kurz vs. Kern hilft beim Wähler-Frustrieren, Plazenta-Essen hilft bei genau gar nichts

Liebes Tagebuch,
heute veröffentlichte die Medizinische Universität Wien eine Pressemitteilung mit dem Hinweis, dass sich Plazenta nicht als Superfood eignet – und ich kann nicht anders, als es politisch zu verstehen. Vor allem, weil die Med-Uni nicht nur darauf hinweist, dass die Plazenta ein Abfallprodukt ist, sondern, wie der Gynäkologe Alex Farr sagt: "Nachdem die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen der Plazenta an Kannibalismus." Boom!

Könnte es sein, dass nicht nur die Revolution ihre Kinder frisst, sondern auch wir? Sind wir die Revolution? Wollten wir eigentlich den Aufbruch, die Veränderung, das Aufbegehren – und haben uns am Ende selbst statt einer neuen toleranten Gesellschaft eine Terrorherrschaft errichtet, genau wie in Georg Büchners Theaterstück Dantons Tod, wo das Zitat "Die Revolution frisst ihre Kinder" herkommt?

Der Wahlkampf ist inzwischen zu einem Rorschach-Test geworden und ich habe Angst davor, was das alles über mich aussagt. Dantons Tod wurde übrigens erst 68 Jahre nach seiner Veröffentlichung uraufgeführt, weil es lange als unspielbar galt. 68 Jahre! Revolution!! Versteht ihr!!! Die Presseinfo geht aber noch weiter: "Das Baby einer Mutter, die Plazentakapseln gegessen hatte, erlitt mehrmals eine lebensbedrohliche Blutvergiftung durch Streptokokken." Wie das jetzt zum Revolutionsvergleich passt, weiß ich auch nicht, aber ich schätze, die Moral hat irgendwie body-horror-mäßig mit Soylent Green zu tun ("Soylent Green is people!").


Auch auf VICE: 10 Fragen an Roland Düringer, G!LT


Gestern fand außerdem das letzte TV-Duell zwischen Sebastian Kurz und Christian Kern statt. Endlich. Laut Kern ist klar, dass einer der beiden der nächste Kanzler wird. Laut Wikipedia ist ein Duell übrigens "ein freiwilliger Zweikampf mit gleichen, potenziell tödlichen Waffen […], um eine Ehrenstreitigkeit auszutragen. Das Duell unterliegt traditionell festgelegten Regeln. Duelle sind heute in den meisten Ländern verboten." Das mit den traditionell festgelegten Regeln wäre zumindest eine Idee. Das mit den tödlichen Waffen vielleicht auch. Von der Ehre will ich lieber gar nicht erst anfangen. Und das mit dem Verbot … eh auch.

Ich will dich hier nicht mit einer Nacherzählung der 42. TV-Konfrontation langweilen, drum exemplarisch nur zwei Sätze aus der Sendung (es ging ursprünglich um Kampagnen-Großspender der ÖVP):

Kern: "Den Leuten bleibt viel zu wenig netto von ihrem Brutto übrig." Kurz: "Tal Silberstein sitzt im Gefängnis und das Dirty-Campaigning hört nicht auf."

Mein Highlight war übrigens Christian Kerns Mappe mit einem Aufkleber seiner Tochter drauf. Auch kalkuliert, klar, aber zumindest netter als das restliche leidige House of Cards-Spiel. Lasst uns mehr über diese Mappe reden. Es ist eine schöne Mappe, mit einem sehr lieben Gesicht in Herzform. Weißt du, wer auch ein Gesicht in Herzform hat? Sebastian Kurz. Ich kann das Foto hier aus rechtlichen Gründen nicht zeigen, aber wenn ihr einfach hier klickt und euch ein Herz dazu denkt, das seine zwei Flügel dort hat, wo bei Kurz die Ohren liegen, und das in Kurz' Kinnspitze zusammenläuft, werdet ihr mir sicher zustimmen.

Womit wir wieder beim freien Assoziieren wären. Und damit auch bei all den Meldungen der letzten paar Stunden, die mein wahlgeschwächtes Herz ein bisschen angeknackst haben. Da ist zum einen Peter Puller, der Mitarbeiter von Tal Silberstein, der mit einem zwielichtigen Lügendetektor-Test auf YouTube beweisen wollte, dass die ÖVP ihm 100.000 Euro für einen Seitenwechsel geboten habe. Das Ganze war so "shady", dass Puls4 die Geschichte gleich ganz fallen ließ und Der Standard auch nur abfällig darüber berichtete.

Dann ist da ein FPÖ-Nationalratskandidat, der auf WhatsApp Fotomontagen von sich versendet hat, die ihn neben Nazi-Größen unter anderem bei den Nürnberger Prozessen zeigen. Wie DerStandard.at berichtet, hat er das Ganze auch noch mit dem Text "Don't cry because it's over, smile because it happened" versehen.

Und dann ist da außerdem noch Ursula Stenzel. Grundgütiger Gott. Die ehemalige Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, die sich selbst als "politisches Animal" bezeichnet, hat im 2. Bezirk die Enthüllung einer jiddischen Gedenktafel gestört: Zuerst musste sie explizit erwähnen, dass die FPÖ die Initiative unterstützt habe, dann beschwerte sie sich, weil sich der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Oskar Deutsch ziemlich deutlich gegen die FPÖ aussprach; ein Affront, der im Protokoll gar nicht vorgesehen war!

(Ein Freund von mir sagt gerne, Stenzel wäre mit ziemlicher Sicherheit auch die einzige, die einen "Heil Hitler"-rufenden Nationalsozialisten zuerst wegen Anstandsverletzung und Ruhestörung und dann erst wegen Wiederbetätigung anzeigen würde. Ich halte das natürlich für Wahnsinn und habe ihm für diese unschickliche Aussage einen flachen Schlag aufs Ohr verpasst. Die einzige Sprache, die diese Linken verstehen.)

Du siehst, liebes Tagebuch: Die Nerven liegen blank. Und das nicht nur bei mir. Als vorhin gerade das Internet im gesamten VICE-Haus ausgefallen ist, hat uns das in der Redaktion zu zwei Dingen veranlasst: Erstens zu einer Wette, wer bei der Wahl auf wie viele Prozent kommen wird und zweitens zu einer Debatte darüber, mit welchem Tier man am ehesten Sex hätte, wenn man müsste.

Und es sind nicht nur wir. Das ganze Land befindet sich in einem Zustand der konstanten Überreizung, wie eine Gesellschaft, der das naive Zahnpasta-Grinsen endgültig aus der Visage geschlagen wurde und die jetzt mit halb abgebrochenen Zähnen und freiliegenden Wurzeln in der Warteschlange vor den Wahlkabinen steht, statt einfach zum Arzt zu gehen.

Und glaub mir, wir alle hätten einen Arztbesuch inzwischen dringend nötig. Meine bevorzugte Anlaufstelle wäre ein Psychiater, der uns lustige Pillen verschreiben kann, damit bald alle so ausschauen wie das Herzgesicht auf Christian Kerns Mappe – mein einfacher Traum …


11. 10. 2017: Zwei Verstoßene wollen eine "Alternative für Kärnten" gründen und wir begehen Jörg Haiders Todestag