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Popkultur

Kuchen, Queerness und die nicht immer nur netten Seiten von Religion

Wir haben mit Ofir Raul Grazier über seinen Film 'The Cakemaker' gesprochen. Und bisschen auch über Nationalismus, Österreich und Kinoliebe.

von Josef Zorn
23 März 2018, 10:12am

(c) LAILA FILMS

Vor kurzem war ich an einem Kurzfilm-Abend im Wiener Metro Kino und habe propagandistische Nazi-Kurzfilme von der Wien-Film gesehen. Nach dem sogenannten "Anschluss" versorgte diese Produktionsfirma, von Berlin aus gesteuert, ganz Österreich mit schmalzigen Musikfilmen, Hakenkreuz-Anbetung und verlogenem Volksheil. Beim Verlassen des Kinos sah ich die Programmhefte des Jüdischen Filmfestivals in Wien 2018 und musste lächeln. Es ist eigentlich unfassbar, wie sehr sich die Welt binnen eines Jahrhunderts gesamtpolitisch verändern kann – und noch unglaublicher, wie sehr sie es in mancher Hinsicht nicht tut.

Gerade aktuell erleben wir an vielen Ecken und Enden der westlichen Welt wieder Regression und Reaktion von rechts. Ich habe mich mit dem israelischen Regisseur Ofir Raul Grazier über einige solcher ausbleibenden Veränderungen, sowie über persönliche und nationale Identität unterhalten. Wir sprechen auch über seinen neuen Film The Cakemaker, in dem es um die Liebesbeziehung zweier heimlich schwuler Männer in Berlin geht, einer davon aus Jerusalem. Der Film ist ziemlich schonungslos und zeigt eine sehr eindringliche Geschichte über Lust, Verlust, Familie und Backwaren.

VICE: Seit wann machst du Filme? Und arbeitest du mehr in Israel, Deutschland oder überhaupt in der ganzen Welt?
Ofir Grazier: Ich habe das Kino schon immer geliebt. Ich wollte immer nur Filme schauen oder sie machen. Vor 9 Jahren habe ich im Sapir College in Israel mein Filmstudium abgeschlossen und in dieser Zeit einige Kurzfilme gedreht. Die meisten Projekte waren in Israel, ein paar in Chile und Deutschland. The Cakemaker ist mein erster Spielfilm und ich habe tatsächlich die ganzen letzten 8 Jahre daran gearbeitet. Es gab fast kein Budget und niemand hat an den Film geglaubt. Deshalb hat die Produktion so irre lang gedauert.

Die Geschichte basiert ja auf wahren Begebenheiten – kannst du uns mehr darüber erzählen?
Das ist tatsächlich sehr deutlich so, ja. Ich kannte einen Mann, der ein Doppelleben führte. Er hatte eine Frau und drei Kinder, und "on the side" hatte er Affären mit Männern. Eines Tages erfuhr ich, dass dieser Mann gestorben sei, und ich wollte einen Film über seine Frau machen. Eine Frau, die doppelt tragisch betroffen war – zuerst verliert sie ihren Mann und dann erfährt sie von seiner jahrelangen Untreue.

Bild wurde freundlicherweise von Ofir Grazier zur Verfügung gestellt.

Wie bist du zu der Geschichte von The Cakemaker gekommen? Der Film fühlt sich sehr spezifisch und leidenschaftlich an.
Wie kann man um jemanden trauern, der einen so belogen hat? Das war die zentrale Frage. Aber ich wollte mich auch mit den vielen unterschiedlichen Gesichtspunkten befassen, auch mit der des heimlichen Liebhabers. Dieser Charakter ist fiktiv – aber ich kenne ihn sehr, sehr gut. Seinen ganzen Hintergrund und die Handlungselemente habe ich von mir und meinem Leben abgeleitet: Die Religion, das Essen, Berlin-Jerusalem, das alles.

Wie kann man um jemanden trauern, der einen so belogen hat?

Homosexualität, besonders versteckte Homosexualität, ist ein starker inhaltlicher Fokus des Films. Wie waren die Reaktionen und Kritiken in Israel?
Homosexualität ist meiner Meinung nach überhaupt kein großes Thema des Films – jedenfalls nicht so, wie ich es sehe. Es geht nicht um schwul, queer oder wie du es nennen willst. Es geht darum, nicht Teil einer klaren Definition zu sein. In Israel war The Cakemaker ein großer Erfolg und läuft dort seit 3 Monaten. Die Kritiker waren sehr positiv gestimmt und die Darstellung von Homosexualität im israelischen Kino ist gar kein Problem.

Die politischen und religiösen Themen sind da ein viel schwierigeres Thema. Hier wurde der Film tatsächlich kritisiert. Es werden nämlich die nicht immer nur nette Seiten einer religiösen Gemeinschaft gezeigt. Diese kritischen Reaktionen reflektieren aber einfach eine bereits bestehende Meinung der Leuten und sie verwenden Angriffe auf Kunst bloß, um diese Meinungen zu transportieren. Dafür kann ich mich echt nicht begeistern.

Hast du Call me by your name gesehen? Der geht zum Teil in eine ähnliche Richtung wie The Cakemaker.
Ich habe ihn immer noch nicht gesehen. Alle sagen, dass ich ihn mir ansehen soll. Gerade gestern Abend beim Essen mit Freunden meinten sie wieder: "Hast du ihn schon gesehen?!" Er ist auf meiner Liste.

The Cakemaker spielt zum Teil in Berlin, also nehme ich an, dass du eine Verbindung zu der Stadt und Deutschland hast. Wie steht's mit Österreich? Hast du österreichisch-jüdische Lieblingsfilmemacher?
Die letzten 8 Jahre habe ich mehr in Berlin verbracht und immer wieder auch in Jerusalem. Mit diesen beiden Städte fühle ich mich am stärksten verbunden. Und obwohl sie so dermaßen unterschiedlich sind, haben sie mehr Ähnlichkeiten als man meinen würde. Beide Städte haben eine Obsession mit ihrer Vergangenheit und haben metaphorische oder tatsächliche Mauern, die sie teilen. Von Österreich habe ich null Ahnung, aber eines kann ich dir mit Sicherheit sagen: Wenn ich von einem Regisseur höre, ist die Tatsache, ob der Jude ist oder nicht, das Letzte, was mich interessiert.

Vor 80 Jahren fand der "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland statt. Die Nazis wurden gefeiert und willkommen geheißen, trotzdem hat dieses Land die "Opferrolle" jahrzehntelang aufrecht erhalten können. Im Urlaub habe ich auch einmal einen netten jungen Israeli kennengelernt und er meinte: "Meine Oma würde nie wieder mit mir reden, wenn sie wüsste, dass ich mit einem Österreicher abhänge." Wie findest du Wien, Österreich, auch angesichts unserer Geschichte, und besonders jetzt, da wir eine Rechts-Regierung haben?
Mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe, hat Österreich geliebt und redete oft davon – das hat man mir jedenfalls erzählt. Aber er hasste Deutsche. Da frage ich mich ein wenig, was er davon halten würde, dass ich in Berlin lebe.

Ich persönlich habe keine Form von Abneigung gegenüber irgendjemanden meiner Generation aufgrund seiner Nationalität. Ich halte niemandem die Verbrechen ihrer Väter oder Regierungen vor. Außer ich weiß, dass sie eine solche Regierung gewählt haben sollten! Ganz einfach gesagt: Mit Faschisten komme ich nicht wirklich klar, egal ob deutsche, amerikanische oder israelische. Ich bevorzuge es, mich mit Leuten zu umgeben, die dieselben moralischen Basisvorstellungen haben wie ich. Dazu muss ich sagen: Als schwuler, linke Jude ist das gar nicht so einfach.

Ganz einfach gesagt – mit Faschisten komme ich nicht wirklich klar, egal ob deutsche, amerikanische oder aus Israel.

Vor kurzem gab es einen österreichischen Diplomaten in Israel, der ein T-Shirt vom "Identitären"-Shop trug. Wurde in Israel davon berichtet? Hast du davon gehört?
Stimmt, ich glaube, davon gehört zu haben. Ganz ehrlich, überraschen tut mich das nicht wirklich. Man sollte es natürlich trotzdem ernst nehmen und die Gefahr dahinter sehen. Es gibt schwache Teile einer Gesellschaft, die solche Parteien und Bewegungen unterstützen, weil sie auf deren Propaganda reinfallen.

Und ein wenig verständlich ist es auch, wenn die ökonomische Lage für viele immer härter wird und Wörter wie "Flüchtling" oder "Ausländer" immer einfacher Schrecken einjagen können. Paranoia, Angst und Fingerzeigen verkauft sich gut – so bekommst du schnell eine größere Gefolgschaft. Die Rechten auf der ganzen Welt feiern diese Zeiten gerade ziemlich. Unglücklicherweise für uns.

Was denkst du, warum Nationalismus und Autokraten derzeit so einen Aufwind haben?
Nationalismus ist nicht nur ein Problem, es ist auch einfach ein Werkzeug der Mächtigen, um sich zu bereichern. Das schaffen sie wiederum mit einem anderen Werkzeug: politischer Rhetorik. Die ganzen Leute, die gut sind in Selbstvermarktung und Public Relations und meistens zu einer sehr speziellen sozioökonomischen Klasse gehören, haben zum Teil keine humanistischen Grundwerte.

Werden Filme die Menschheit und die Welt retten können?
Das bezweifle ich. Aber ich hoffe, dass Film und Kino die Menschen auf einer emotionalen Ebene erreichern. Das ist mir wichtig. Vielleicht können wir uns durch Geschichten über Empathie weiterentwickeln und Definitionen wie Nationalität, Sexualität, Religion hinter uns lassen. Es geht nicht darum, die Welt zu verändern, sondern darum, ein Fenster zu öffnen, um den Blick auf etwas anderes freizulegen. Über den Tellerrand hinaus.

Josef auf Twitter: @theZeffo

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