Dschihadismus

Wie gefährlich ist der Terrorverdächtige Lorenz K. heute?

Die Deradikalisierung des 19-Jährigen soll durchaus Erfolge erzielen. Indes wird eine fertige Studie zu Radikalisierung (im Gefängnis) vom Justizministerium unter Verschluss gehalten.

von Thomas Hoisl
10 April 2018, 3:16pm

Zeichnungen, die Lorenz K. in der Haft anfertigte

Im derzeit laufenden Prozess gegen den jungen Wiener Terrorverdächtigen Lorenz K. treibt Beobachter vor allem auch eine Frage um: Wie gefährlich ist der 19-Jährige heute noch? Hat er – wie er beteuert – der Terrormiliz IS abgeschworen? Oder täuscht er das Gericht und radikalisiert sogar andere Mithäftlinge, wie dies in manchen (Boulevard-)Medien behauptet wurde?

Tatsache ist, dass mit K. während der U-Haft intensiv an seiner Deradikalisierung gearbeitet wurde. Wöchentlich und insgesamt über hundert Stunden hat der 19-jährige Angeklagte mit den Experten des Netzwerkes DERAD im letzten Jahr gesprochen. Die Ergebnisse darüber sollen am Mittwoch, dem viertem Prozesstag, vor Gericht vorgetragen werden.

Nach Informationen von VICE sollen diese durchaus auch positiv ausfallen. K. zeige sich bereit, seine ideologischen Überzeugungen zu überdenken und den "Mainstream-Islam" kennen zu lernen. Eine fortlaufende Betreuung sei jedoch entscheidend, denn eine komplette Loslösung von der Ideologie sei nicht abgeschlossen.

Medien wie der Kurier oder Österreich hatten zuvor berichtet, dass K. Mithäftlinge der Justizanstalt radikalisiert hätte. Im Prozess darauf angesprochen meinte der 19-Jährige, dass ein einzelner Zellenkollege nach "philosophischen Debatten" zum Islam konvertiert sei. K. sei daraufhin zum Leiter des Traktes und habe ihm dies mitgeteilt, um nicht verdächtigt zu werden.

Auch Zeichnungen (siehe Bilder im Artikel), die K. in seiner Zelle angefertigt und aufgehängt hatte, waren in dem Zusammenhang Thema. Im Prozess behauptete er, diese seien Protest gegen die Politik der USA und die Situation in Palästina, aber auch Provokationen, da er in seinem Trakt "nicht besonders gut" behandelt werde. Zu Prozessbeginn meinte K., er sei einmal von einem BVT-Ermittler in einer Einvernahme geschlagen worden.

Ob er den IS heute für eine hinterhältige Mörderbande halte, fragte der Staatsanwalt am zweiten Verhandlungstag: "Ja, schon. Das sind die meisten da unten", antwortete er, "durch Gewalt gibt es nur mehr Gewalt."

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Causa betrifft die Frage, wo und wie sich der Teenager überhaupt derart radikalisiert hat. Seine ersten Kontakte zum Islam machte er bekanntlich während früherer Gefängnisaufenthalte in den Justizanstalten Wiener Neustadt und Gerasdorf.

Der ehemalige Justizminister Wolfgang Brandstetter nahm den Fall Lorenz K. im Jänner 2017 dann prompt zum Anlass, eine Studie zum Thema Radikalisierung (in Haft) in Auftrag zu geben. Das Forschungsprojekt des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) ging der Frage nach, "wie Jugendliche zu IS-Symphatisanten werden und welche Rolle die Justiz dabei spielt." Seit November ist die Studie fertig, das Justizministerium (BMVRDJ) unterließ es jedoch seither, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Das BMVRDJ hat mehrere Anfragen von VICE über den Grund dafür unbeantwortet gelassen.

Zum Vergleich: Eine Vorgängerstudie des IRKS zum Thema Deradikalisierung wurde Ende 2016 fertiggestellt und unmittelbar darauf im Jänner 2017 veröffentlicht. So liegt zumindest die Vermutung nahe, dass die bisherige Nicht-Veröffentlichung der neuen Studie mit dem Regierungs- und Ministerwechsel zu tun hat.

"Wie Jugendliche zu IS-Symphatisanten werden und welche Rolle die Justiz dabei spielt." - Das Ministerium hält eine Studie dazu bislang unter Verschluss

Da die Ergebnisse noch unter Verschluss sind, will man auch seitens des IRKS nichts zum Inhalt sagen. Projektleiterin und Kriminalsoziologin Veronika Hofinger kann die Ergebnisse mit dem Fall Lorenz K. gegenüber VICE nur so weit verknüpfen: "Entscheidend wird sein, wie es mit ihm nach einer Verurteilung weiter geht." Würde K. etwa in Haftanstalten weit weg von Wien untergebracht werden, dürfte die Deradikalisierungs-Arbeit mit ihm spärlicher ausfallen. Hofinger glaubt, dass DERAD im Falle K. wichtige und durchaus "gute Arbeit" leiste.

Ein Urteil im Prozess wird am Donnerstag erwartet. Zum Anklagepunkt der IS-Mitgliedschaft bekennt sich K. schuldig; nicht jedoch dazu, dass er einen (damals) 12-jährigen Deutschen zu einem missglückten Attentat auf einen Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen angestiftet hätte und sich damit an versuchtem Mord beteiligte. Für die Anklage war K. der "Mentor", die Verteidigung sieht den Haupttäter jedoch in dem IS-Kontakt in Syrien, mit dem die Jugendlichen chatteten.

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