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Stanic – Die Kolumne

Linke Männer, ihr seid auch Sexisten

Ich verrate euch heute etwas: Ihr habt oft mehr mit Rechten gemeinsam als euch lieb ist.

von Alexandra Stanic
25 Oktober 2019, 10:48am

Collage bestehend aus: Karl Marx: WikimediaGemeinfrei | Blumen 1: Pixabay | Blumen 2: Needpix | Blumen 3: Needpix | Blumen 4: Pixabay | Blumen 5: Pixabay

Liebe linken Männer,

Ich weiß, ihr wählt grün oder rot, nennt euch Feministen, holt euer Mittagessen beim bosnischen Burek-Verkäufer eures Vertrauens und geht auf die Donnerstagsdemo in Wien. Aber ich muss euch etwas verraten: Ihr habt oft mehr mit Rechten gemeinsam als euch lieb ist.

"Liebe...", so beginnen hunderte E-Mails in meinem Postfach.

"Ich muss Dich darauf hinweisen, dass…" und dann beginnt sie, die Belehrung auf durchaus höfliche, aber nicht minder diskreditierende Art und Weise, warum ich mit meiner Meinung völlig daneben liege und mich doch, bitte, mehr informieren soll – all das auf mehr Platz, als diese gesamte Kolumne einnimmt.

Das ist natürlich netter als die "Geh dich erhängen, du Fotze"-Nachrichten, die ich von Neonazis erhalte. Aber diese Nachrichten-Flut, die alle Kolumnistinnen erhalten, zeigt auch: Die Absender halten sich für schlauer – für schlauer als Populisten, Neonazis und für schlauer als Frauen.


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Mansplaining kann selbst der linkeste Mann nicht ablegen. Auch statistisch gesehen scheint es, als ob Männer labern und labern und labern. Im deutschen Fernsehen, bei den #allmale Panels, in der Politik. Sue Montgomery, Bürgermeisterin eines Stadtbezirks von Montreal, zeigte im Mai mit einem Strick-Experiment, wer im Stadtrat bei einem Kommitee-Meeting wie viel Redezeit hat.

Ich kenne diese Dauerbeschallung aus Bar-Abenden, wenn Männer, eine selbstgedrehte Zigarette in der Hand, lang und breit erklären, warum Kommunismus das einzig gerechte politische System ist. In völligem Selbstverständnis, dass sie, natürlich, mehr über Marx Thesen und soziale Gerechtigkeit wissen als das weibliche Gegenüber. Ein Bekannter von mir philosophierte stundenlang, es läge nicht in der Verantwortung der Start-up-Unternehmen, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, dass Frauen und Diversität fördert. Ein anderer schrieb seine Doktorarbeit über Feminismus. Sich selbst bezeichnete er trotzdem lieber als Humanist.

Die antirassistische Arbeit vieler linker Männer hört an dem Punkt auf, an dem sie ihr eigenes Verhalten reflektieren müssen. Wer wirklich Veränderung möchte, der muss dahin, wo es weh tut. Dazu gehört auch, sich mit seinem eigenen verinnerlichten Rassismus auseinanderzusetzen.

Nein, es bringt nichts, überall "I am a Feminist" zu schwadronieren, wenn man unangenehme Frauen aus der Partei schmeißt und mit Männern ersetzt – wie es der kanadische Premier Justin Trudeau mit der damaligen Justizministerin Judy Wilson-Raybould getan hat. Wären Feministen konsequent, würden sie Frauen fördern und es nicht nur proklamieren. Wären all die mächtigen linken Männer, all die Chefs von linken Zeitungen, die Generalsekretäre von ehrenamtlichen Institutionen, wirklich konsequent in ihren politischen Ansichten, so würden sie auf ihren Platz am Panel verzichten und eine Frau, idealerweise eine Woman of Color, für das Podium vorschlagen.

Auch im Privatleben sind linke Männer weniger woke als sie denken.

Inzwischen ist ja auch für Rechtsextreme wie den österreichischen Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache ein "Papamonat" drinnen. Vor vier Jahren, arbeiteten nur 5,8 Prozent aller erwerbstätigen Väter in Deutschland in Teilzeit, zitiert die Zeit, und schreibt weiter: "Das bedeutet auch: Unfassbare 94,2 Prozent können mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ihre Kinder nie nachmittags vom Kindergarten abholen."

Wenn ich mich in meinem Freundinnenkreis (generisches Femininum, Männer mitgemeint) umhöre, merke ich: Oft sind Männer OK damit, wenn du queer bist und auch mit Frauen – aber nur Frauen! – schläfst. Sex während der Periode ist keine große Sache mehr. Aber Verhütung? Naja, doch irgendwie "Frauensache". Was, wenn man sich trennt, bevor die Hormonspirale ihre Wirkung verliert?

Sexuell belästigt werde ich übrigens nicht nur von betrunkenen Teilnehmern rechter Demos, nicht nur von Mittfünfzigern mit steirischem Dialekt, die mir hinterherschmatzen. Männer in "linken" Kneipen greifen mir ungefragt in die Haare. Männer auf HipHop-Partys, die mich auf meine journalistischen Texte ansprechen, "grundsätzlich" meiner Meinung sind, aber trotzdem kritisieren wollen, – nur um mir auf der Tanzfläche zu nahe zu kommen und mein "Ich möchte weder mit dir sprechen noch in deiner Nähe sein" ignorieren.

Und, Überraschung, nicht nur Faschos schlagen Frauen. Auch scheinbar aufgeklärte Männer belästigen und missbrauchen: Der Comedian Louis CK hat fünf Frauen sexuell belästigt. Der Starfotograf Terry Richardson soll Models unter anderem dazu aufgefordert haben, seinen Penis anzufassen, sie bedrängt haben. Die Liste könnte ich endlos fortführen.

Gewalt gegen Frauen hat einen gemeinsamen Nenner: das Geschlecht. 137 Frauen werden jeden Tag weltweit durch den eigenen Partner oder Familienmitglieder getötet. Die UNO-Daten zeigen auch, dass es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg der Femizide in Österreich gab. Vergangenes Jahr wurden in Österreich 70 Menschen zwischen Januar und November ermordet. Davon waren 41 Frauen.

Männer, ganz egal ob links oder rechts, profitieren von den gesellschaftlichen Strukturen. Ich weiß, liebe linke Männer. Ihr denkt, ihr seid die besseren Männer, weil ihr auf der richtigen Seite steht. Eure politischen Ansichten sind vielleicht genau das Gegenteil. Das bedeutet aber nicht, dass ihr nicht diskriminiert, dass ihr nicht sexistisch seid. Also: try harder. Ist nicht so schwer, versprochen.

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