Anzeige
Menschen

10 Fragen an eine schizophrene Person, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie viele Menschen bist du? Was sagen die Stimmen, die du hörst? Haben deine Freunde Angst vor dir?

von Yannah Alfering
07 Oktober 2019, 8:40am

Alle Fotos: Hakki Topcu

Achtung, dieser Text enthält Details über selbstverletzendes Verhalten. Bitte beachte, dass er dich triggern könnte, wenn du selbst betroffen bist oder warst.

Du leidest an Depressionen oder sorgst dich um einen nahestehenden Menschen? Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist 0800 111 0 111. In dieser Liste sind bundesweite Anlaufstellen für Menschen mit Depressionen aufgeführt. Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist 143. Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist 142. Den Notfallpsychologischen Dienst erreichst du hier unter 0699 18 85 54 00.

Stell dir vor, eine fremde Stimme sagt dir, dass du dir ein Plastiksackerl über den Kopf ziehen und es unten zu halten sollst. Du würdest dich vermutlich erschrecken und schleunigst das Weite suchen. Bei Laura sitzt diese Stimme in ihrem Kopf. Und sie hört erst auf zu sprechen, wenn Laura macht, was sie sagt.

Als sie 18 war, ging Laura abends mit einem Freund aus, der Liebeskummer hatte. Sie tranken Alkohol. Zu viel. Am nächsten Morgen bekam sie ihre erste psychotische Phase. Laura hat paranoide Schizophrenie. Anfangs ging die Psychose mit einem Verwirrtheitsgefühl einher. "Ich war nicht richtig da, aber auch nicht richtig weg", sagt die 20-Jährige. Von ganz weit weg habe sie plötzlich Stimmen gehört, die immer lauter wurden. "Ich dachte, es wären Leute im Raum." Dann habe sie angefangen, mit ihren Badezimmerfliesen zu reden. Als die Stimmen ihr plötzlich befahlen, Suizid zu begehen, zog sie sich ein Plastiksackerl über den Kopf und drückte zu. Kurz bevor Laura ohnmächtig wurde, habe sie die Tüte zerrissen, gelacht und zu den Stimmen gesagt: "Ich habe euch nur verarscht." In dem Moment habe sie gemerkt, dass etwas mit ihr "nicht ganz richtig ist" und ihre Freunde angerufen. Die brachten sie sofort in ein Krankenhaus.

In den darauffolgenden Monaten hatte Laura über 20 psychotische Phasen. Die letzte vor knapp einem Jahr. Heute ist sie medikamentös so gut eingestellt, dass sie eine Ausbildung machen kann. Aus Angst davor, von ihren Kollegen anders behandelt zu werden, möchte Laura – wie wir sie hier nennen – anonym bleiben.

Wir haben Fragen.

Laura mit dem Gesicht zur Wand. Rechts ihr Schlüsselanhänger.

VICE: Wie viele Menschen bist du?
Laura: Dass schizophrene Menschen mehrere Persönlichkeiten haben, ist kompletter Bullshit. Ich bin immer noch ich – ich habe nur fünf Begleiter, die auch ständig da sind. Typisch ist, dass man sich ein Stück weit vom eigenen Körper distanziert. Deswegen verstümmeln sich schizophrene Menschen oft selbst. Gar nicht, weil sie sich verletzen wollen, sondern weil sie es interessant finden. Früher habe ich mir häufiger aus Neugier mit einem Teppichmesser tief in den Oberschenkel geschnitten. Ich wollte die verschiedenen Fettschichten anschauen und sehen, wie meine Vene aussieht, wenn sie Blut aus meinem Körper pumpt. Am Anfang habe ich die Wunden noch im Krankenhaus nähen lassen, später habe ich sie selber geklebt.

Was sagen die Stimmen, die du hörst?
Ich höre insgesamt fünf Stimmen. Alle sind fremd. Eine kleine Kinderstimme, etwa fünf Jahre alt. Sie verteidigt mich und sagt den anderen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, wenn sie mich beleidigen. Eine Männerstimme. Er ist der devote Part in diesem Konstrukt. Und drei Frauenstimmen. Eine von ihnen ist die dominanteste. Sie wird am ehesten ausfallend. Die anderen beiden sind Mitläuferinnen.

Die Psychosen werden nach einem Ampelsystem bewertet. In der grünen Phase unterhalte ich mich einfach locker im Kopf mit den Stimmen. In der gelben Phase beleidigen sie mich und sagen, dass ich "hässlich" und "scheiße" sei. Rot ist, wenn sie sagen: "Nimm jetzt eine Zigarette und drück sie an deinem Handrücken aus." Der Befehlston ist die radikalste Stufe.

Hast du Angst vor dir selbst?
Ich habe mich mal einweisen lassen, weil ich Angst hatte, meine nächste Psychose nicht zu überleben. Trotzdem galt ich nie als akut suizidgefährdet. Ich habe zwar ein paar Mal versucht, mich während einer Psychose umzubringen, aber immer nur halbherzig. Einmal habe ich einen Medikamenten-Cocktail gemischt, von dem ich genau wusste, dass er nicht tödlich ist. Ich weiß in diesen Momenten, dass das, was ich tue, keine gute Idee ist. Trotzdem ist es für mich die einzige Möglichkeit, um die Stimmen zum Verstummen zu bringen, wenn ich meine Medikamente nicht dabei habe.

Bisher habe ich mir immer Hilfe gesucht, wenn die Situation ernst wurde. Ich musste nie zwangseingewiesen werden. Als meine Mutter erfahren hat, wie oft ich versucht habe, mich umzubringen, ist sie in Tränen ausgebrochen. Wenn man, wie ich, Depressionen hat, sagt man ja immer, dass einen eh niemand vermissen würde. Die Reaktion meiner Mutter werde ich nicht so schnell vergessen – ich könnte es ihr nicht antun, mich umzubringen.

Wann sagst du einem Date, dass du schizophren bist?
Außerhalb der Arbeit gehe ich sehr offen mit dem Thema um. Trotzdem haue ich nicht sofort mit der Keule auf den Tisch und sage: "Bäm, ich habe paranoide Schizophrenie." Ich erzähle meistens erstmal, dass ich früher Depressionen hatte. Wenn jemand direkt das Thema wechselt, weiß ich, dass es nicht klappen wird. Ich kann mit niemandem zusammen sein, der nicht über einen Teil von mir reden kann.

Wie schwer ist es, in einer Beziehung mit dir zu sein?
Ich glaube, für meinen Freund ist es nicht so schwer. Ich gehöre zu den eher kommunikativen Personen unter den psychisch Kranken. Wir sind seit neun Monaten zusammen und es funktioniert super gut. Ich verschließe mich nicht, wenn es mir schlecht geht. Er ist mein erster Ansprechpartner und merkt ziemlich schnell, wenn ich einen Vorläufer von einer Psychose habe. Dann spreche ich manchmal plötzlich mit einer ganz kindlichen Stimme oder wirke apathisch.

Haben deine Freunde Angst vor dir?
Nein, die kennen sich durch ihre Jobs mit dem Thema Schizophrenie aus. Sie wissen, wo meine Notfallmedikamente sind und dass sie mich in so einer Situation auf gar keinen Fall alleine lassen dürfen. Sie flüstern auch nicht in meiner Gegenwart – damit ich nicht denke, dass ich etwas höre, was die anderen nicht hören. Sie wissen, wie sie mit mir umgehen müssen.

Worauf ich total allergisch reagiere, ist, wenn Leute mir während einer Psychose sagen, dass die Stimmen gar nicht da sind. Für mich sind sie in dem Moment real. Es mag sein, dass sie das für andere Leute nicht sind. Trotzdem bin ich in so einem Moment schon viel zu tief in der Psychose, als dass man da mit gesundem Menschenverstand rangehen könnte. Dafür habe ich, glaube ich, schon jeden aus meiner Familie und von meinen Freunden angeschissen.

Laura mit einem Bild vor dem Gesicht.

Was war deine schlimmste Halluzination?
Ich hatte schon ganz oft das Gefühl, dass Ameisen über meinen Körper krabbeln. Das war immer sehr beängstigend, weil ich früher eine Ameisenphobie hatte. Wenn eine Ameise über mein Bein krabbelt, weiß ich deshalb manchmal nicht, ob sie wirklich da ist oder ob ich eine Psychose habe. Ich frage oft meine Freunde, ob sie bestimmte Dinge auch sehen oder hören.

Bist du unberechenbar?
Nein, ich kommuniziere auch in der Psychose noch mit meiner Außenwelt. Ich verschließe mich nicht komplett. Wenn die Stimmen sagen, dass ich mir wehtun soll, kann ich das in dem Moment meinem Freund erzählen. Ich weiß, welche Stimmen real sind und welche nicht. Trotzdem sind die Stimmen bei mir mit sehr vielen Emotionen verbunden. Wenn sie mir sagen, dass ich scheiße bin, ist das schlimmer, als wenn es eine reale Person sagt. Wahnvorstellungen äußern sich nicht nur durch optische Halluzinationen oder Verfolgungswahn – es kann auch ein Gefühl sein, das nicht mehr weg geht.


Auch bei VICE: Maisie und ihr Kampf mit paranoider Schizophrenie


Was ist das Ärgste, das du während einer akuten Psychose gemacht hast?
Das mit der Plastiktüte. Ich war nur ganz knapp davor, ohnmächtig zu werden. Ich hatte in dem Moment Todesangst. Ich wollte nicht sterben, aber die Stimmen haben es mir befohlen. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, mich zu wehren. In dem Moment dachte ich, dass etwas noch Schlimmeres als mein Tod passieren würde, wenn ich mich weigere. Also habe ich zugedrückt. Zum Glück hatte ich rechtzeitig einen klaren Moment.

Wie groß ist deine Angst vor einer erneuten Psychose?
Ziemlich groß. Im Moment habe ich "nur" Depressionen – es kann aber jederzeit schlimmer werden. Psychosen können durch Stress ausgelöst werden, aber auch durch extreme Glücksmomente. Ich habe eine Psychose bekommen, nachdem ich meinen Führerschein bestanden hatte. In meinem Beruf muss man sehr stressresistent sein. Ich habe Schiss davor, dass ich irgendwann merke, dass ich das nicht bin.

Wenn ich wieder eine Psychose kriege, muss ich medikamentös neu eingestellt werden. Dafür müsste ich meine Ausbildung unterbrechen und meinem Chef sagen, was los ist. Das will ich nicht. Die meisten Leute verstehen nicht, dass man gesund und krank gleichzeitig sein kann. Laut meinem Psychiater bin ich einsatztauglich. Trotzdem würden meine Kollegen mich bei der Arbeit wie ein rohes Ei behandeln. Ich möchte nicht unterschätzt werden. Am meisten Angst habe ich davor, dass mein Medikament irgendwann nicht mehr anschlägt und es dann keine Alternative mehr für mich gibt.

Folge Yannah auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.