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Diese Porno-Chefin will deine Daten schützen

Wir haben mit der neuen Kink.com-CEO Alison Boden über Datenschutz, Fetische und den Einfluss von Kreditkartenfirmen gesprochen.

von Kelsey Lannin
11 Juli 2018, 8:51am

Foto: Kelsey Lannin

Früher stand der Chef noch selbst vor der Kamera. Und das Geschäft mit den BDSM-Pornos aus dem eigenen Schlafzimmer lief so gut, dass Gründer Peter Acworth 2006 die San Francisco Armory, ein historisches Waffenarsenal, kaufte und zu einer Pornofestung umfunktionierte. In dem weitläufigen Gebäude, das auch zum Wahrzeichen von Kink.com wurde, produzierte das Unternehmen zu Spitzenzeiten bis zu 100 Pornos im Monat. Dann aber gewannen kostenlose Tube-Seiten überhand. Der Fetischgigant kam ins Straucheln.

Kink.com lagerte die Pornoproduktion aus, verkaufte Anfang dieses Jahres die Armory und hat mit der 35-jährigen Alison Boden seit März eine neue CEO. Die BDSM-Seite gesellt sich damit nicht nur zu einer kleinen aber wachsenden Gruppe weiblich geführter Porno-Firmen, sondern setzt mit der Beförderung ihrer ehemaligen Tech-Chefin auch ein eindeutiges Zeichen. "Wenn es jemanden gibt, der Kink.com für das neue Internet ausrichten kann, in dem es vor kostenlosem Content wimmelt, dann ist das sie", so Peter Acworth in einem Statement.

Wir haben mit Boden über ihre Anfänge als Sextoy-Verkäuferin und ihre Pläne für das Alt-Porn-Imperium gesprochen.

Astrid Star in Sex and Submission von Ramon Nomar | Foto mit freundlicher Genehmigung von Kink

VICE: Du hattest früher ein Sexspielzeug-Geschäft. Wie hat das angefangen?
Alison Boden: Wir haben es im Jänner 2003 gegründet, zum 30. Jahrestag von Roe v. Wade, dem amerikanischen Abtreibungsgesetz. Ich bin in Pittsburgh, Pennsylvania, aufgewachsen und dort gab es keine vernünftigen Sexshops. Eine sehr gute College-Freundin und ich wünschten uns einfach ein sexpositives und frauenfreundliches Geschäft. Irgendwann dachten wir uns: "Warum probieren wir es nicht einfach selbst?" Zu dem Laden ist es zwar nie gekommen, aber wir haben sogenannte Home-Partys veranstaltet.

Wie sahen die aus?
Man ist wie bei einer Tupperparty bei jemandem zu Hause. Wir haben immer mit einem Vortrag zur Sexualgesundheit begonnen und anschließend eine Reihe von Spielzeugen vorgestellt. Dazu haben wir dann Fragen beantwortet. Und Menschen haben viele Fragen, wenn du einen Koffer voller Sextoys vor ihnen aufmachst.

Wie konntest du die ganzen Fragen beantworten?
Ich habe eine Ausbildung als Sexualaufklärerin und außerdem viel für Planned Parenthood gearbeitet. Es war so ziemlich mein einziges Interesse ... Aus welchem Grund auch immer war ich stets das komische Kind, das in die Bibliothek gegangen ist, sich ans Fenster gesetzt und Sexbücher gelesen hat.

Es heißt, wenn du etwas umsonst bekommst, bist du das Produkt. Gibt es Vorteile, eine zahlungspflichtige Seite wie eure zu nutzen, die nicht so sehr auf Werbeeinnahmen angewiesen ist?
Dieses extrem zielgerichtete Data-Mining bereitet mir das ernsthafte Sorgen. Als ehemalige Chefin der Technik-Abteilung und politische Person ist mir Privatsphäre extrem wichtig. Ich bin Mitglied der EFF – Electronic Frontier Foundation. Wir versuchen, die Privatsphäre unserer Nutzerinnen und Nutzer zu respektieren, wo es nur geht. Selbst bei der Bezahlung sammeln wir nicht deinen Vor- und Nachnamen oder deine Adresse. Leider kann es für manche Menschen in dieser Welt echte Konsequenzen haben, wenn bekannt wird, welche Art von Erwachsenenunterhaltung sie bevorzugen.

Natürlich kontrollieren wir IPs, um Betrug zu verhindern. Wenn ein Account zum Beispiel von 30 verschiedenen IPs einloggt, geht wahrscheinlich irgendwas nicht mit rechten Dingen zu. Wir wollen die Accounts unserer User schützen, aber wir interessieren uns nicht dafür, wer sie sind oder welche Facebook-Interessen sie haben.


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Und das tun andere Anbieter mit ihren Seiten?
Das weiß ich nicht sicher. Ich weiß allerdings definitiv, dass sie mehr Daten als wir sammeln. Anlässlich des Inkrafttretens der neuen Datenschutz-Grundverordnung haben wir uns ganz genau angesehen, ob wir irgendwelche Daten sammeln, die wir nicht sollten. Wir haben dann eine Menge rausgeschmissen und einfach gelöscht. Warum sollten wir uns auch unnötig angreifbar machen. Erinnern wir uns an den Fall der gehackten Seitensprung-Seite Ashley Madison. Wir wollen uns nicht ähnlich angreifbar machen und unsere Kunden am Ende bloßstellen.

Wie siehst du anlässlich der Übermacht von Tube-Seiten wie Pornhub, Redtube oder YouPorn die Zukunft der Pornoproduktion?
Das mit den Raubkopien ist scheiße. Wenn du mich aber vor etwa zehn Jahren gefragt hättest, als die Seiten gerade anfingen und noch total unreguliert waren, wäre meine Antwort viel pessimistischer gewesen. Diejenigen, die in der Branche bis jetzt überlebt haben, haben Mittel und Wege gefunden, mit oder trotz der Raubkopien zu existieren.

Wie sieht denn das "mit" aus?
Diese Seiten bekommen den kompletten Traffic. Wenn du also Werbung machst oder jemand deinen Content auf Pornhub sieht, dann sind das nur Ausschnitte. Die Leute bekommen aber einen Eindruck und denken sich dann: "Das ist cool, ich will mehr davon sehen." Und wo bekommst du guten Content? Du klickst dich weiter durch zu Kink. So arbeitest du mit diesen Seiten.

Ich denke, eine der Hauptgründe, warum Kink so lange überdauern und so stark bleiben konnte, ist, dass wir Nischen bedienen. Wenn du die üblichen Blondine-in-Hotelzimmer-Anal-Videos machst, hast du einen Haufen Konkurrenz.

Wir haltet ihr denn den Kink-Vibe am Leben, jetzt wo die Firma von einem Produktions- zu einem Vertriebsmodell umgesattelt ist und nicht länger eigene Pornos dreht?
Ich denke, wir können als Kink die Plattform für Fetisch- und BDSM-Videos sein, unabhängig davon, ob wir sie selbst produzieren oder nicht. Wir können junge Talente fördern, und ich denke, wir werden in Zukunft auch die Leute unterstützen, die den Content machen, und nicht nur die, die darin auftreten. Eine Sache wäre zum Beispiel, Leuten das professionelle Rigging, also Fesseln, beizubringen. Damit wird es auch sicherer. Das ist eine ernstzunehmende Fähigkeit, die du erst lernen und üben musst.

Die Menschen, die Regie führen, sind unsere absoluten Favoriten. Wenn sie großartiges Material abliefern, arbeiten wir gerne weiter mit ihnen zusammen. Wir haben fünf festangestellte Vollzeit-Cutter, die die Videos schneiden. Und weil wir mit dem Rohmaterial arbeiten, können wir unsere Qualität gewährleisten und haben einen besseren Überblick über das, was beim Dreh abgeht.

Auf was für Sachen achtet ihr denn?
Du willst einfach nichts sehen, was du nicht an deinem Set sehen wollen würdest – oder solche Sachen wie mit Leigh Raven. Wenn sich die Crew nicht zwischendurch vergewissert, dass es dem Model gut geht, oder es dem Model eindeutig schlecht geht, dann reden wir definitiv ein ernstes Wort mit dem Regisseur. Und natürlich gibt es die üblichen Dinge, auf die man achtet. Du kannst zum Beispiel kein Blut oder irgendwas in der Art zeigen. Wenn jemand eine blutige Nase hat, müssen wir das rausschneiden.

Sind das die offiziellen Richtlinien oder einfach eure Standards?
Die ganzen Vorgaben zu den Inhalten kommen nicht von der Regierung, sondern von den Kreditkartenfirmen. Visa arbeitet nicht mit dir zusammen, wenn die deine Inhalte nicht mögen. Das kann manchmal super willkürlich sein. Die veröffentlichen nämlich keine Listen mit Dingen, die sie nicht tolerieren. Es ist sehr subjektiv. Wir bekommen dann zwischendurch Nachrichten in der Art von: "Hey, die mögen das nicht, ihr müsst das offline nehmen." Viel häufiger beschweren sie sich aber über ein Wort in einer Beschreibung als irgendwas in einem Video. Davon habe ich auch schon gehört, aber das ist selten.

Fetische können Bereiche berühren, die manche Menschen problematisch finden – wie zum Beispiel Race Play oder Age Play. Wie vereinbart ihr das mit eurem Ziel der Endstigmatisierung?
Es ist ein Balanceakt. Unser Ansatz ist es, einen Schritt zurückzutreten und uns zu fragen: "OK, machen wir das, weil wir gedankenlos respektlos sind oder weil wir eine Fantasie erfüllen wollen?" Allgemein geht es einfach darum, sensibel und seiner Zeit voraus zu sein. Prinzipiell haben wir kein Problem damit, Fantasien zu verwirklichen.

Für manche Menschen ist gerade reizvoll, dass etwas verboten oder subversiv ist. Tötet ihr, indem ihr diese Fetische normalisiert, nicht auf gewisse Weise den Motor für euren Markt?
Bedeutet Endstigmatisierung, dass etwas nicht mehr sexy ist? Mir ist klar geworden, dass wir definitiv nicht sagen wollen, X, Y oder Z ist schmutzig oder nicht schmutzig. Das ist deine Entscheidung. Wir wollen allerdings kommunizieren, dass Menschen ihren jeweiligen Fetisch frei genießen sollten – solange dabei niemand anderes zu schaden kommt. Menschen sollten nicht dafür bestraft werden, andere Vorlieben als ihre Nachbarn oder ihr Chef zu haben. Allerdings können wir dem auch nicht immer nachkommen. Wenn jemand, sagen wir, einen Windelfetisch hat, können wir das leider nicht bedienen.

Weil sich dann Visa bei euch meldet?
Ja. Ich habe Briefe von Menschen mit Windelfetisch gelesen und es hat mich wirklich berührt, wie sehr sich diese Leute einfach normal fühlen wollen. Von diesem Standpunkt aus denke ich nicht, dass wir die Macht haben, etwas weniger reizvoll zu machen. Ich denke, wir haben vor allem die Macht, dass sich Menschen weniger einsam fühlen.

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