Wie eine Mordserie dazu führte, dass eine ganze Stadt begann, Prostituierten zu helfen

Ein Freier ermordet fünf Prostituierte. Danach tun sich Behörden, Polizei und Bürger zusammen und beschließen: Wir jagen die Freier, aber unterstützen die Frauen.

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Nov. 8 2018, 2:03pm

Links: der Serienmörder Steve Wright | Rechts, im Uhrzeigersinn von links oben: Tania Nicol, Paula Clennell, Annette Nicholls, Gemma Adams, Anneli Alderton | Alle Fotos: Suffolk Police

Die Boulevardpresse nannte ihn den "modernen Ripper" – wie den Serienmörder, der im 19. Jahrhundert Prostituierte tötete. Oder den "Suffolk Strangler". Die Mordserie vor zwölf Jahren erschütterte ganz Großbritannien: In Ipswich, einer ostenglischen Stadt mit 130.000 Einwohnern, verschwanden ab Oktober 2006 junge Frauen. Anfang Dezember fand man die erste Leiche.

Es war die von Tania Nicol, einer 19-Jährigen, die man Ende Oktober zuletzt im Rotlichtbezirk von Ipswich gesehen hatte. Während der folgenden zehn Tage fanden Ermittler vier weitere Frauen tot auf: Gemma Adams, Paula Clennell, Annette Nicholls und Anneli Alderton. Sie waren alle in ihren Zwanzigern. Alderton war schwanger, als sie starb. Alle fünf waren auf den Straßenstrich von Ipswich gegangen und abhängig von harten Drogen.


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Es war ein Rennen gegen die Zeit, der Mörder suchte nach jedem Mord schnell sein nächstes Opfer. Die Fahndung nach dem Täter war die größte in der Geschichte der Grafschaft Suffolk. Der Rotlichtbezirk von Ipswich wurde zum Medienzirkus. Die Ermittler fanden DNA, am 19. Dezember verhafteten sie den Mörder. Die Jagd nach Steven Wright, 49 Jahre alt und langjähriger Freier, hatte nur Wochen gedauert, er sitzt in lebenslanger Haft.

Danach war in Ipswich nichts mehr wie vorher: Gemeinsam arbeiteten die Behörden und Einwohner der Stadt daran, dem Straßenstrich ein Ende zu setzen. Dabei orientierten sie sich am sogenannten Nordischen Modell, das lediglich Freier bestraft und die Prostituierten mit Hilfs- und Ausstiegsprogrammen unterstützt. Ipswich war ein britischer und internationaler Vorreiter: 2006 war das Nordische Modell noch nicht einmal in Skandinavien verbreitet. Schweden hatte das Modell erfunden, nur Südkorea hatte sich diesem Ansatz bis dahin angeschlossen.

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In der London Road in Ipswich war früher ein Straßenstrich

Prostituierte Frauen sind für Serienmörder leichte Opfer. Sie gehen mit fremden Männern an menschenleere Orte oder hinter verschlossene Türen. Viele sind drogenabhängig und verzweifelt, sie sehen keine andere Option als den Strich. Mörder kann man erst aufhalten, wenn sie schon getötet haben. Doch die Not, die Frauen in die Prostitution treibt, lässt sich jederzeit beenden. Genau hier wollte die Stadt Ipswich ansetzen: Gesundheitsbehörden, Suchthilfen und Wohnungsgesellschaften – von der Chefetage bis zu Freiwilligen auf der Straße arbeitete man gemeinsam daran, 32 Frauen aus der Straßenprostitution zu helfen. Die Polizei konzentrierte sich auf die Freier. Allein im Jahr nach der Mordserie nahmen die Beamten 39 Männer fest. Als District Commander der Polizei der Grafschaft Suffolk koordinierte Alan Caton damals die Maßnahmen. Inzwischen ist er im Ruhestand, doch in einem Telefonat mit VICE betont Caton, er sei noch heute stolz auf das, was Ipswich nach den Morden erreichte.

Der Straßenstrich von Ipswich, die London Road, war früher übersät mit benutzten Spritzen und Kondomen. Heute ist es ruhig, die Anwohner müssen sich keine Gedanken mehr darüber machen, wer da langsam mit dem Auto am Bordstein entlangrollt.

"Davor dachten wir, in Ipswich wären vielleicht 40 oder 50 Frauen in der Straßenprostitution", sagt Caton. "Im Laufe von fünf Jahren machten wir stattdessen 100 Frauen aus." Die Behörden hätten eng mit den Einwohnern von Ipswich zusammengearbeitet, erzählt Caton. Diese hätten lautstark gefordert, dass sich in ihrer Stadt etwas ändert. Aber nicht alle hätten Empathie für die Frauen auf der Straße gezeigt. Es gab auch welche, die Sympathien für den Mörder Wright hatten: "Tot sind die doch besser dran", sagte ein Anwohner 2006 über die Prostituierten. "Schon schrecklich, so was zu sagen, oder? Aber ich würde gern Wright die Hand schütteln und ihm danken."

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Brian Tobin, Gründer und Chef der Suchthilfe Iceni

Brian Tobin ist Gründer und CEO von Iceni, einer Suchthilfe, die bis heute mit vielen der Frauen arbeitet, die damals auf den Straßenstrich gingen. Er lädt VICE auf einen Spaziergang über die London Road ein.

"Wenn sie von meinem Job in der Suchthilfe erfahren, erwähnen neun von zehn Leuten das sofort: 'Ach ja, die Prostituierten'", sagt Tobin vor Jeff's Cafe. Hier geht die London Road in den gewerblichen Bereich über, in dem früher der Straßenstrich war. In Jeff's Cafe saßen oft Freier, auch Prostituierte machten hier bei einem heißen Getränk Pause.

Iceni wurde 1999 ins Leben gerufen, in einer umfunktionierten öffentlichen Toilette im Stadtzentrum. "Wir mussten die Urinale und Waschbecken selbst entfernen", sagt Tobin lachend. Anfangs konzentrierte sich die Hilfsorganisation ausschließlich auf Suchtkranke, später weitete sie ihre Arbeit auch auf deren Familien aus. Drogensucht ist meist nicht das eigentliche Problem, sondern ein Symptom. Iceni versuchte, die Probleme, die zur Sucht führen, bei der Wurzel zu packen und schwer Suchtkranken einen Platz in der Intensivtherapie zu verschaffen.

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Das Büro der Suchthilfe Iceni in Ipswich

Tobins frühere Erfahrung in der Londoner Suchthilfe hatte ihn gelehrt, dass es nur bedingt hilft, wenn man sich allein auf das Drogenproblem konzentriert. Ein Knochenbruch lässt sich nicht mit einem Pflaster kitten. Suffolk ist insgesamt eine wohlhabende Grafschaft, doch in Ipswich leben fast 30 Prozent der Kinder in Armut. Vor allem einige Viertel im Stadtzentrum sind Brennpunkte. Viele der Menschen, mit denen Iceni arbeitet, haben in wichtigen Entwicklungsstadien ihres Lebens schlimme Traumata erfahren. Die Hilfsorganisation hat sechs Vollzeitangestellte, die insgesamt etwa 140 Familien unterstützen.

Selbst Hilfsdienste, die Leben retten, haben meist zu wenig Geld – doch die Einwohner von Ipswich haben sich gemerkt, wie viel Iceni nach den Morden geholfen hat. Als die Suchthilfe 2010 einen wichtigen Vertragspartner verlor, stand sie vor dem Aus. Tobin und sein Team baten um Spenden. "Allein aus Ipswich und dem Rest der Grafschaft bekamen wir 180.000 Pfund", erzählt Tobin stolz. Dazu habe Iceni eine Flut handschriftlicher Dankesbriefe erreicht. Iceni konnte weiter daran arbeiten, Frauen vor der Abwärtsspirale aus Sucht und Prostitution zu bewahren.

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Jack's Cafe in Ipswich war früher ein Treffpunkt für Freier und Prostituierte

Im Winter 2006 war Ipswich eine Stadt in Angst, das hatte viele Auswirkungen. "Es war furchterregend", erinnert sich Tobin. Abends, wenn sich die Büros leerten, füllten sich die Taxis – Frauen trauten sich teils nicht mehr auf die Straße. Von den 130.000 Einwohnern hatten sehr viele eine direkte Verbindung zu mindestens einem der Opfer gehabt. Und der Medienzirkus machte daraus seine eigenen Festspiele. Es habe gewirkt, als hätte jede Medienfirma in Großbritannien ein Team nach Ipswich geschickt. Tobin wirkt erbost, als er erzählt, wie einige Akteure sich nach den Morden verhielten. Erst nach und nach hätten sich die Medien wirklich bemüht, die Opfer mit Würde zu behandeln, statt ein tragisch-entmenschlichtes Klischee aus ihnen zu machen.

Das Thema Sexarbeit sei sehr komplex, sagt Alan Caton, der ehemalige Bezirkschef der Polizei von Suffolk. Viele Akademikerinnen und Aktivisten sprechen sich für eine vollständige Entkriminalisierung aus. Am anderen Ende der Debatte stehen alle, die in der Prostitution eine klare Menschenrechtsverletzung sehen: Männer beuten Frauen aus, Gewalt und Armut sind keine Grundlage für Einvernehmen zum Sex. Caton macht deutlich, dass er zur zweiten Gruppe gehört – eine Haltung, die er aufgrund seiner Berufserfahrung angenommen hat.

Auf das große Problem mit der Prostitution angesprochen seufzt Tobin. In Großbritannien gebe es einen Fleckerlteppich aus konkurrierenden Ansätzen. "Eine Stadt hat eine Null-Toleranz-Zone, eine andere nimmt die Frauen fest, wieder andere nehmen die Freier fest", erklärt er frustriert. "Damals gab es bei uns auch einige Frauen, die sich sträubten, mit dem Strich aufzuhören – sie verdienten im Schnitt 200 Pfund pro Nacht." Eine der ermordeten Frauen, Paula Clennell, hatte nur Tage vor ihrem Tod TV-Reportern gesagt, sie fürchte sich vor dem Straßenstrich, brauche das Geld aber zu dringend, um nicht hinzugehen. "Für eine Heroin- oder Cracksüchtige sind 200 Pfund nicht wenig, damit kommt sie an ihren Stoff", erklärt Tobin.

Den Straßenstrich auszumerzen, ohne gleichzeitig Suchthilfe anzubieten, erschafft nur eine neue Form des Elends, gestützt von guten Absichten. Doch nicht alle finden überhaupt, dass man die Straßenprostitution beenden müsse. Holbeck ist ein zentrales Viertel im nordenglischen Leeds. Seit 2014 gibt es dort die erste "überwachte Zone" für Straßenprostitution in Großbritannien. Sexarbeit ist dort zwischen 20 und 6 Uhr in bestimmten gewerblichen Gegenden legal. So wollen die Behörden die Frauen dazu animieren, Hilfsangebote anzunehmen.

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An der London Road hat jemand Stühle abgestellt, auf dem Zettel steht: "Bitte mitnehmen, gratis!!"

Die Initiative wurde gestartet, nachdem die Stadt Leeds ein Jahrzehnt lang erfolglos versucht hatte, den Straßenstrich von Holbeck zu schließen. Seither berichten viele prostituierte Frauen, sie würden sich sicherer fühlen. Sechs von zehn gaben in einer Umfrage an, sie würden sich bei Übergriffen durch Freier an die Polizei wenden. 2013 lag diese Zahl noch bei einer von zehn Frauen. Den Ansatz von Ipswich kritisieren einige als zu großen Eingriff in das Leben von Prostituierten und Freiern. Die Verfechter des Nordischen Modells verweisen auf die vielen Probleme, die es weiterhin in der legalen "Strich-Zone" von Leeds gibt. Erst 2016 ermordete ein Freier dort eine Frau.

Im selben Jahr blickte man in Ipswich auf zehn Jahre umfassende Hilfe für Frauen in der Prostitution zurück. In der Norwich Road, unweit des alten Rotlichtbezirks, habe sich um diese Zeit ein neuer Strich gebildet, so Tobin. Doch die Behörden hätten sofort reagiert. Dass es in Ipswich bis heute "Massagestudios" und einen boomenden Online-Strich gibt, streitet Tobin nicht ab. Dass Iceni und die örtlichen Behörden aber lediglich die Prostitution "weiter in den Untergrund" getrieben hätten, weist er entschieden von sich. "Niemand kann dafür sorgen, dass Prostitution komplett ungefährlich wird, egal wo sie stattfindet."

Für Brian Tobin und Alan Caton ist der Rückgang der Straßenprostitution in Ipswich das beste Vermächtnis, das aus den Morden habe resultieren können. "Wie sie es hassten, zu tun, was sie taten", sagt Tobin. "Heute sehe ich noch ab und zu drei oder vier der Frauen von damals. Sie kommen mit ihren Kindern vorbei und können inzwischen nicht mehr glauben, dass sie mal so gelebt haben."

Die Straßenstrich-Überlebende Jade Reynolds gehörte zu den Frauen, denen Iceni damals half. Heute macht sie Aufklärungsarbeit zum Thema Drogensucht und -therapie in Ipswich. "Gott segne sie", sagte Reynolds 2016 einer Lokalzeitung über Iceni. "Sie waren täglich für mich da, sie haben uns Mädchen so sehr geholfen. Ich bin gesund. Ich bin clean. Ich freue mich jetzt auf meine Hochzeit. Mein Leben ist 100 Prozent besser als vor zehn Jahren."

Von den 32 Frauen, mit denen Iceni nach den Morden arbeitete, habe die Organisation noch Kontakt mit allen bis auf zwei, erzählt Tobin. Einige der Frauen haben in einer anderen Stadt neu angefangen, fernab von den Orten, die sie an ihre Traumata und die vielen verstorbenen Freundinnen erinnern. Andere sind geblieben. "Manche von ihnen kämpfen bis heute mit der Sucht und werden vielleicht den Rest ihres Lebens damit kämpfen", sagt Tobin.

Niemand der damals Beteiligten wird diese aufwühlende Zeit wohl je vergessen. Eine brutale Mordserie würde Narben im kollektiven Gedächtnis jeder Stadt hinterlassen. Doch es muss nicht bei den Narben bleiben. Trauer, Angst und Wut haben einen Zweck. Wenn uns die Realität nur genug erschüttert, finden wir vielleicht einen Weg, sie zu ändern. Ipswich hat das bewiesen.

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