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Menschen

So verloren sind Geflüchtete auf dem Balkan

#DieVerdrängtenFlüchtlinge: Sie werden von Polizisten schikaniert, von Rechten gejagt – und von Europa vergessen. Ein Besuch in Bosnien-Herzegowina.

von Alexandra Stanic
16 März 2020, 12:38pm

Alle Fotos von der Autorin

Als wir vor knapp fünf Wochen in Bosnien-Herzegowina waren, um uns die Situation der geflüchteten Menschen vor Ort anzusehen, war das Corona-Virus noch eine weit entfernte Nachricht aus China. Jetzt ist alles anders.

Trotz der aktuellen Umstände dürfen wir nicht vergessen, was derzeit ein paar Hundert Kilometer von uns entfernt passiert. Wir müssen dahin sehen, wo Menschenrechte verletzt werden. Auch wenn unsere Schulen schließen, wenn wir uns Sorgen um Zukunft und Gesundheit machen und zuhause bleiben bleiben müssen. Wohin sollen sich jene Menschen zurückziehen, die kein Zuhause mehr haben?

In der bosnischen Stadt Bihać, 1.600 Kilometer entfernt von Lesbos, steht eine Gruppe junger Männer vor einem verlassenen Haus. Man kann es nicht wirklich als Haus bezeichnen, es ist eher ein Klotz. Ein Klotz, der sogar tagsüber unheimlich aussieht. Die Fenster starren einen an, leben möchte man hier nicht. Eine Gruppe von rund 20 jungen Männern muss es. Ein paar von ihnen gehen zum Fluss neben dem Betonmonster, waschen sich das Gesicht mit kaltem Wasser, richten sich die Haare zurecht. Der Spiegel, den sie dafür benutzen, ist zerbrochen.

Der riesige Betonklotz ist, wie so vieles in Bosnien-Herzegowina, niemals zu Ende gebaut worden. Ausgerechnet Bosnien, ein vom Balkankrieg gezeichnetes Land mit einem dysfunktionalen, politischen System, soll Geflüchteten auf dem Weg in die EU Schutz bieten.


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Bosnien-Herzegowina ist kein Teil der Europäischen Union, aber das ex-jugoslawische Land grenzt an Kroatien. Viele Geflüchtete durchqueren es, weil sie in EU-Länder wie Italien, Frankreich oder die Niederlande kommen wollen. Weil Slowenien und Kroatien ihre Grenzen dicht machen, stecken viele Geflüchtete in Bosnien-Herzegowina fest.

Wir haben drei Camps in Bihać und Velika Kladuša besucht, eins davon war ein Wild Camp. Betreten durften wir die offiziellen allerdings nicht. Die Anfrage für eine Presse-Akkreditierung für das Camp Bira blieb unbeantwortet.

Im Zeitraum von Januar 2018 bis November 2019 sollen etwa 40.000 Menschen durch Bosnien-Herzegowina gezogen sein. Im Herbst 2019 sollen sich etwa 7.000 bis 8.000 Geflüchtete im Kanton Una-Sana, in dem auch Bihać liegt, aufhalten. Die Zahlen variieren. Die UNHCR erwartet aufgrund der angespannten Situation in der Türkei und Griechenland für dieses Jahr allerdings 60.000 neue Geflüchtete in Bosnien. Eine Zahl, mit der die Länder an den EU-Außengrenzen nicht alleine fertig werden.

Polizisten greifen Geflüchtete an der EU-Grenze auf und bringen sie zurück nach Bosnien – oft unter Gewalt

Subhan trocknet sich das Gesicht mit seinem Jackenärmel, lächelt freundlich und zeigt auf das Haus. "Tee?" Er ist einer der jungen Männer, die im Betonmonster leben. Der 23-Jährige ist vor zehn Monaten aus Pakistan geflüchtet. Wir folgen Subhan.

Innen liegen überall Schutt und Müll. Lange Gänge, die auch bei Tageslicht im Dunkeln enden. Links ein Raum, den die Geflüchteten als Küche nutzen: Eierschalen, leere Wasserkanister und Kartons am Boden verteilt, in der Ecke eine provisorische Feuerstelle, daneben ein großer Topf mit pakistanischem Tee – mit viel Zucker und viel Milch. Gegenüber liegt der Raum, in dem die rund 20 Männer schlafen.

Ein Geflüchteter in Bosnien-Herzegowina, Foto: Alexandra Stanic
Der 23-jährige Subhan war in Pakistan Mathematiklehrer

Subhan ist vor rund einem Monat in Bosnien-Herzegowina angekommen. "Mit meiner Familie", sagt er und deutet auf die anderen Männer. Subhan sagt, anders als viele andere Geflüchtete, er habe erst ein Mal versucht, die Grenze zu überqueren. Die kroatische Polizei habe ihm und den anderen alles weggenommen: Schuhe, Schlafsäcke, Handys, Dokumente, Geld. "Sie schikanieren und verprügeln uns", sagt Subhan. "Es ist unmenschlich, was hier passiert."

In Pakistan sei Subhan Mathematiklehrer gewesen. Jetzt ist er potenzielle Zielscheibe für gewalttätige Beamte, die Push-Backs betreiben, illegale Abschiebungen. Die kroatische Grenzpolizei verhindert die Flucht in die EU systematisch, bringt Menschen zurück nach Bosnien-Herzegowina, ohne dass sie einen Asylantrag stellen dürfen. Dieses Recht haben Menschen aber laut der Genfer Flüchtlingskonvention, die alle EU-Mitgliedsstaaten unterzeichnet haben.

"Die EU kann nicht so tun, als wüsste sie nicht, was hier passiert."

Maddalena Avon, die seit drei Jahren für das Center for Peace Studies (CMS) in Zagreb arbeitet, schätzt: "Im Jahr 2019 wurden für Bosnien-Herzegowina 6.000 Push-Back-Berichte dokumentiert und veröffentlicht." CMS beschäftigt sich mit Asyl, Integration und Migration und bietet Asylsuchenden unter anderem rechtliche Unterstützung in ihren Verfahren.

"Wir wissen, dass Organisationen und Watch Dogs ihr Bestes geben, um die illegalen Abschiebungen zu dokumentieren", sagt Avon. "Aber wir gehen davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt." Es könne sogar vorkommen, dass Personen mehrmals Push-Backs nach Bosnien-Herzegowina erleben. Das bedeutet, dass sie immer wieder auf bosnischem Territorium abgesetzt werden, oft unter brutaler Gewalt.

"Wir haben ihnen nicht erlaubt, Asyl zu beantragen. Das waren Befehle unserer Vorgesetzten von der Polizeistation."

Eine Lösung ist nicht in Sicht: Es liege in der Verantwortung der EU, gegen Menschenrechtsverstöße zu ermitteln und vorzugehen, sagt Avon. Der Frühling würde neue Herausforderungen bringen, wie jedes Jahr: "Im Winter suchen weniger Menschen nach Schutz." Danach gehen die Fluchtversuche nach Europa wieder verstärkt los.

Es gibt Berichte von lokalen und internationalen NGOs, die die Push-Backs und Gewalt an der Grenze dokumentieren. Sie nehmen Foto- und Videomaterial von Journalistinnen und Aktivisten und anonyme Aussagen kroatischer Polizisten auf. Einer sagte gegenüber des österreichischen Magazins Profil: "Wir haben ihnen nicht erlaubt, Asyl zu beantragen. Das waren Befehle unserer Vorgesetzten von der Polizeistation."

Eine Gruppe geflüchteter Männer aus Pakistan, Foto: Alexandra Stanic
Die Männer leben in einem leerstehenden Gebäude – ohne Heizung, Strom, Wasser

Menschenrechtsorganisationen werfen der Europäischen Kommission vor, Gewalt und Brutalität von kroatischen Grenzpolizisten zu ignorieren. "Was an der kroatischen Grenze passiert, ist ein systematischer Verstoß gegen Menschenrechte", sagt Maddalena Avon. "Die EU kann nicht so tun, als wüsste sie nicht, was hier passiert."

Und dennoch: Der kroatische Regierungschef Andrej Plenković weist die Vorwürfe zurück und erklärt, Kroatien schütze die EU-Grenze. Für Letzteres bekam er Lob von Bundesinnenminister Horst Seehofer. Die damalige Präsidentin Kroatiens, Kolinda Grabar-Kitarović, bestätigte im Juli 2019 die illegalen Push-Backs.

Naseer überquerte die Grenze 25 Mal ohne Erfolg

Auch der 25-jährige Naseer lebt in einem verlassenen Haus in Bihać, ein paar Kilometer entfernt vom Betonklotz. Er sagt, er sei vor eineinhalb Jahren aus Afghanistan geflüchtet und wolle weiter nach Italien. Genau so oft wie Naseer es über die Grenze versucht habe, sei er von der Polizei erwischt und illegal zurück nach Bosnien-Herzegowina gebracht worden: 25 Mal.

Sowohl Subhan als auch Naseer betonen, dass die Bedingungen im Camp schlimmer seien als draußen. Das Lager Bira sei völlig überfüllt, sagt Naseer. Ständig würden sich die Bewohner streiten, es soll kein oder zu wenig trinkbares Wasser geben, das Essen sei schlecht, die Luft auch.

"Ich habe in keinem anderen Land so schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht wie hier", sagt der 25-Jährige. "Erst misshandeln die Beamten uns, dann schmeißen sie uns irgendwo in den Bergen Bosniens aus dem Auto", sagt Naseer. "Manchmal verbrennen sie unsere Sachen vor unseren Augen." Das letzte Mal, so erzählt er, habe er er den Grenzübertritt Anfang Februar versucht. "Die kroatischen Polizisten haben uns einzeln gepackt und verprügelt."

Selbst in Bihać könne sich Naseer nicht frei bewegen, weil ihn bosnische Beamte aufgreifen und zum Camp bringen würden – auch wenn er nicht dort lebt. Die Stadt verdrängt die Geflüchteten aus dem öffentlichen Raum. Nicht umsonst lag das umstrittene Camp Vučjak zehn Kilometer entfernt vom Stadtzentrum auf einer ehemaligen Müllhalde. Im Dezember letzten Jahres wurde Vučjak aufgrund der katastrophalen Umstände endgültig geschlossen.

Die Botschaft wirkt dennoch für viele Geflüchtete, mit denen wir sprechen: Refugees not welcome. Sie berichten, dass sie in Cafés nicht bewirten werden und in Supermärkten nicht einkaufen dürfen. Naseer sagt, er könne noch nicht einmal zu Western Union, um dort Geld abzuheben: "Wie soll ich Essen kaufen?"

Auch Helferinnen berichten von Schikanen der Polizei

Naseer ist angewiesen auf die Spenden von Zemira Gorinjac. Von ihr bekommt er Essen und Schuhe. Wir treffen die ehrenamtliche Helferin zu Hause. Flüchtlingsmutter betiteln sie Medien, Mama Zemira nennen sie Geflüchtete. Die Sozialarbeiterin bestätigt die Schilderungen von Subhan und Naseer. Gorinjac steht mit ihrer NGO "Udruženje Solidarnost – Bosnia, Bihać", zu Deutsch "Verein der Solidarität – Bosnien, Bihać", Geflüchteten zur Seite und verteilt Spenden.

Gorinjacs System ist einfach, aber effizient: Zwei geflüchtete Männer aus dem Camp schreiben auf, was die Bewohner brauchen: Sportschuhe, Größe 44. Winterjacke, Größe S. Ein Schlafsack, eine Decke. Medikamente gegen Zahnschmerzen, Husten, entzündete Wunden. Jeder kriegt ein Zettelchen, mit dem er sich dann an einer bestimmten Uhrzeit die Sachen abholen kann.

"Es wäre unmöglich, die Spenden anders zu verteilen, weil sonst Chaos und Schlägereien ausbrechen würden", sagt Gorinjac.

Flüchtlingshelferin Zemira Gorinjac, Foto: Alexandra Stanic
Medien nennen sie Flüchtlingsmutter, Geflüchtete nennen sie Mama Zemira

Die meisten Spenden erhält Mama Zemira derzeit aus Wien, von der Spendeninitiative SOS Balkanroute. "Die bosnische Bevölkerung kann nicht mehr", sagt sie. Während sich die Zivilgesellschaft für die Menschen eingesetzt hat, hat die EU dabei zugesehen, wie Geflüchtete auf einer Mülldeponie festgehalten wurden. Weil sie eine anerkannte NGO hat, bleibt Gorinjac meistens von der Schikane bosnischer Polizisten verschont. "Trotzdem machen sie mir das Leben schwer, indem sie zum Beispiel meine zwei ehrenamtlichen Helfer nicht zu mir kommen lassen."

Die Polizei wisse, wo sie wohnt, sagt Gorinjac – so wie jeder in der Stadt. "Damit meine Freiwilligen zu mir kommen können, um die Kleidung und das Essen in Paketen vorzubereiten, müssen sie einen Umweg von 45 Minuten gehen", erzählt sie. "Sonst greift die Polizei sie auf der Hauptstraße auf und bringt sie zurück ins Camp." Auch mit dem Auto könne sie ihre Helfer nicht abholen, sagt Gorinjac. Die Polizei kenne ihr Kennzeichen und würde sie oft verfolgen.

Vor dem Camp zeigen die Geflüchteten ihre Verletzungen

19 Uhr, Spendenvergabe vor dem Camp Bira. Sobald Gorinjac' blauer VW Polo vor dem Tor des Lagers stehen bleibt, bildet sich eine Traube junger Männer.

"Mama Zemira, Mama Zemira", rufen sie.

"Alle mit Zettelchen rechts anstellen, der Rest kann gehen."

Zemira muss schreien. Die Situation ist hektisch, jeder will mit ihr reden, jeder will etwas abhaben. Ohne ihre beiden Freiwillige würde die Vergabe vermutlich außer Kontrolle geraten.

"Mama Zemira", tönt es immer wieder.

"Ich komme bald wieder, macht euch keine Sorgen."

In dem Getümmel deutet ein junger Mann auf eine etwa zehn Zentimeter große Narbe an seinem linken Unterarm. Kroatische Beamte hätten ihn umzingelt und auf ihn eingeprügelt, sagt er. Daraufhin sei er in Glasscherben gefallen und habe sich die Schnittwunde zugezogen. Ein anderer Geflüchteter vor dem Camp, Asif, 21, ist erzählt, die kroatische Polizei solle ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben. Seine Pupille ist weiß und milchig.

Ein Geflüchteter, der auf einem Auge blind ist
Asif sieht auf einem Auge nichts mehr, weil ihm die kroatische Grenzpolizei Pfefferspray ins Auge gesprüht haben soll

"Sie haben mein Weinen und Flehen ignoriert und mich nicht ins Krankenhaus gebracht", sagt er. "Jetzt bin ich auf meinem rechten Auge blind."

Subhan, Naseer, Asif – nur drei Namen der Geflüchteten, die uns von den katastrophalen Umständen und der Brutalität der Polizisten berichten. 12 Mal, 17 Mal, 25 Mal, 32 Mal – so oft haben viele Geflüchtete versucht, über die Grenze zu kommen. Genau so oft sind sie gescheitert.

"Ein Leben ohne Ziel hat keinen Sinn", sagt der 23-jährige Mathematiklehrer Subhan. Sein Ziel, und das vieler anderer Geflüchteter, ist ein Leben in Freiheit und Sicherheit. Für sie alle liegt das in Europa.

Mama Zehida

Ein verlassenes Fabrikgelände in Velika Kladuša, 50 Kilometer weit entfernt von Bihać. Die Flüchtlingshelferin Zehida Bihorac bleibt vor einem Wild Camp in einer riesigen, offenen Halle stehen. Rund 100 Männer leben hier, sie sind aus Ländern wie Pakistan, Syrien oder Afghanistan geflüchtet. Die Stimmung ist angespannt. Es gibt keinen Strom, keine Heizung, kein Wasser. Die Halle schützt kaum vor dem kalten, bosnischen Winter.

Es zieht und ist dunkel. So dunkel, dass man die eigene Hand vorm Gesicht nicht sieht. Als wir unser Handylicht benutzen wollen, sagt einer der Campbewohner: "Hört auf damit, das erinnert an die kroatischen Zollbeamten, die uns angeleuchtet haben, bevor sie auf uns einschlugen."

Mama Zehida, Zehida Bihorac, teilt sich nicht nur den Spitznamen mit der Flüchtlingshelferin Zemira Gorinjac in Bihać, sie haben auch das gleiche Auto: einen kleinen, blauen VW Polo. Der Wagen von Zehida ist bis oben hinvoll mit Spenden. Anders als Zemira hat sie allerdings keine Helfer und keine Organisation im Rücken. Nur Freundinnen, die von Zeit zu Zeit einspringen und aushelfen, so gut es eben geht.

"Ich bin von der Willkür der Polizisten abhängig", sagt Bihorac. Die Beamten würden sie oft unnötig lange befragen oder sie sogar verfolgen. "Ich darf weder an öffentlichen Orten noch vorm Supermarkt oder vorm Camp Essen und Kleidung verteilen", sagt Bihorac. Die Hilfsaktionen passieren in Nacht- und Nebelaktionen. "Manchmal fühle ich mich wie eine Kriminelle", erzählt sie. "Als würde ich Drogen verkaufen und nicht Essen verteilen."

Die Verteilungsaktionen sind stressig, die Stimmung angespannt

Zurück im Wild Camp: Links in der Halle sind rund ein Dutzend provisorische Campingzelte aufgebaut. Manche Männer haben ein Feuer gemacht. Überall huschen Menschen vorbei, in der Entfernung jault ein Hund auf. Rechts brennt eine Plastikplane im Feuer.

"Die meisten hier kommen gerade zurück von einem Game", erklärt Bihorac. So nennen Geflüchtete den Versuch, über die kroatische Grenze zu kommen. Game Over, wenn sie die Polizei erwischt und zurückbringt.

"Wir müssen abbrechen", sagt Bihorac, und die Sorge in ihrer Stimme ist nicht zu überhören. Wie kommen wir zu ihrem Auto? Es ist umzingelt von jungen Männern, die auf Bihorac einreden.

"Mama Zehida, Mama Zehida!"

Eine Diskussion zwischen zwei Geflüchteten entsteht. Ein Dritter versucht zu schlichten. "Ihr solltet besser gehen", sagt er. "Kommt morgen wieder, wenn sich die Situation beruhigt hat."

Die Geflüchteten haben Respekt vor Bihorac, weil sie eine der wenigen lokalen Helferinnen ist. Aber die Verzweiflung ist jedem ins Gesicht geschrieben. Bihorac vereinbart mit fünf Männern, mit denen sie zuvor Kontakt hatte, dass sie sich auf einer Schotterstraße neben einem Supermarkt treffen. So sieht ihr Alltag aus: Dutzende Geflüchtete schreiben ihr täglich auf Facebook – jeder in Velika Kladuša kennt Mama Zehida – und Bihorac versucht, das Nötigste zu organisieren.

Die Geflüchteten kontaktieren Bihorac über Facebook, dann schnürt sie Spendenpakete

Sie merkt sich, wer wo lebt. Das ist bei den vielen Geflüchteten, die derzeit nicht in Camps, sondern in verlassenen Häusern, Fabrikhallen oder auf der Straße leben, eine Herausforderung. Von 9 bis 15 Uhr geht Bihorac ihrem Job als Volksschullehrerin nach, danach durchforstet sie ihre Facebook-Nachrichten und packt Spendenpakete.

Geflüchtete leben in einem Container in der Nähe des offiziellen Camps in Velika Kladusa, Foto: Alexandra Stanic
Es gibt keine Hilfe vom bosnischen Staat, keine Essensmarken, keine Stelle, an die sich Geflüchtete wenden könnten

Eins der Pakete geht an ein syrisches Ehepaar, das zusammen mit zwei weiteren Geflüchteten in einem Container etwa 200 Meter vom Camp wohnt. Die 32-jährige Imen und ihr Mann Ibrahim leben seit rund sieben Monaten in Bosnien-Herzegowina. Der Besitzer des Grundstücks lässt die Ärztin und ihren Mann umsonst in dem Container leben. Sie nennen ihn Babo, ein bosnischer Ausdruck für Papa. Das Paar könnte es schlimmer haben, wie es selbst sagt.

"Die Grenzen sind geschlossen, es gibt keine Chance, weiterzuziehen", sagt Imen. "Alles, was wir haben, verdanken wir Mama Zehida." Der Ofen, Decken, Essen, Geschirr, Hygieneprodukte. Es gibt keine Hilfe vom bosnischen Staat, keine Essensmarken, keine Stelle, an die sich Geflüchtete wenden könnten.

Bihorac' letzter Stopp für die Nacht ist eine fünfköpfige, irakische Familie, die bis vor kurzem vor einer Moschee schlief. Ein Bosnier, der in Österreich lebt, habe ihnen angeboten, in sein leerstehendes Haus zu ziehen. "Diese Familie hat vergleichsweise Glück", sagt Bihorac. "Sie haben ein Dach über dem Kopf, Strom, Warmwasser und Menschen, die sich um sie kümmern."

Manchen der Geflüchteten will Bihorac einfach eine Freundin sein

Bihorac komme vor allem vorbei, um eine Freundin zu sein und mit den Kindern zu spielen. Einmal habe es die Familie bei einem Game bis nach Slowenien geschafft, dann habe sie sich selbst der Grenzpolizei gestellt. "Wir hatten drei Tage kein Essen, einer unserer Söhne hatte Haarausfall", erzählt die Mutter. "Wir waren einfach am Ende."

Sie sagt, sie hätten die Polizisten angebettelt, einen Asylantrag in Slowenien stellen zu dürfen. "Aber sie haben uns in ein Polizeiauto verfrachtet und in Bosnien abgeladen." Dabei haben Schutzsuchende das Recht, in dem Land, in dem sie aufgegriffen wurden, einen Asylantrag zu stellen. Einmal mehr ist das Schicksal einer Familie abhängig von der Willkür von Beamten. Derzeit verharrt die Familie in Velika Kladuša. Bis es wieder wärmer wird, bis die Kinder genug Kraft tanken konnten, bis sie wieder Mut für einen weiteren Versuch haben.

"Wir wollen kein Game Over in Bosnien. Wir wollen ein sicheres Leben in der EU."

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