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JSVP-Präsi Liebrand über den Holocaust-Gedenktag, Jürgen Elsässer und 9/11

Wir trafen den Präsidenten der JSVP Schweiz wegen seinem „Lehrerpranger", aber sprachen mit ihm über Bilderberger, 9/11 und Jürgen Elsässer.

von Benjamin von Wyl
16 September 2014, 9:36am



Alle Fotos von Diana Pfammatter

Der JSVP-Präsident Anian Liebrand hat eine originelle Vergangenheit. Anfang 2009 wurde eine Mail öffentlich, in der der damalige Vizepräsident der JSVP Luzern Freunde auf den Holocaust-Gedenktag als „Schuldeinredungsprogramm" aufmerksam machte.

Er nahm an Kreideaktionen von 9/11-Verschwörungstheoretikern teil und veröffentlichte im eigenen „Nachrichtenportal" Berichte vom PNOS-Parteitag. Die „Lehrerpranger"-Kampagne bot uns einen Anlass zum Treffen. Wir wollten Liebrand aber nicht einfach mehr Publicity für sein neues Projekt ermöglichen, sondern am O-Ton messen, ob er nicht realisiert, was er tut oder ein Getriebener ist.

VICE: Nicht nur linke Lehrer, auch Sie haben Ihre Geschichtsvorstellungen: War 9/11 ein Inside Job?
Anian Liebrand: Ich weiss es nicht.

Sie waren bei diesen Kreideaktionen dabei. Wieso waren Sie aktiv, wenn Sie es nicht wissen?
Das ist der Grund. Es gibt auch in dem Thema verschiedene Sichtweisen. Die offizielle Position ist nicht wasserdicht.

Und wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen?
Ich habe mich über die Hintergründe informiert und bin ein kritischer Mensch. Für mich war der entscheidende Punkt das dritte Gebäude, WTC7, das auch eingestürzt ist, obwohl dort kein Flieger reingeflogen ist. Gescheite Leute, Ingenieure und so weiter, sagen, dass das nicht so gewesen sein kann. Darum habe ich eine Veranstaltung mit dem Historiker Daniele Ganser organisiert. Ich hätte es nie gedacht, aber deswegen werde ich jetzt überall als Verschwörungstheoretiker dargestellt.

Wenn man sich ihr Smartvote-Profil anschaut, steht bei Lieblingsmusik „Die Bandbreite". Eine Hiphop-Crew, die den „Inside Job"-Track „Selbst gemacht" veröffentlicht hat und bei Anti-Bilderberger-Veranstaltungen auftritt.
Ich passe halt nicht immer in ein Schema.

Gefällt Ihnen einfach die Musik?
Ja, voll. (lacht) Ich finde die cool. Die sind auch schon bei Kommunisten aufgetreten. Die sind total sta ... also, sozialistisch. Ich teile diese Inhalte nicht, aber ich mag die Musik.

Es hat nichts mit diesem „Inside Job"-Track zu tun?
Mit „Selbst gemacht"? Doch, das finde ich gut. Aber ich weiss nicht, ob 9/11 selbstgemacht ist.

Nach Ihrer Kreideaktion bekam ein EVP-Politiker, der Ihre Teilnahme öffentlich gemacht hatte, Briefe , in denen er als „Saujude" beleidigt wird.
Eine dreckige Kampagne. Der betroffene EVPler hat sich bei mir persönlich entschuldigt. Anders als es 20 Minuten geschrieben hat, hat er die Briefe nie mir angehängt.

Jemand hat sich öffentlich zu Ihrer Person geäussert und bekommt antisemitische Beleidigungen zugeschickt.
Wissen Sie, was ich alles für Beleidigungen bekomme, die ich anderen in die Schuhe schieben könnte? Das ist konstruiert.

Haben Sie den offenen Brief des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds vom Februar 2014 beantwortet?
Nein. Ich halte einen offenen Brief für den falschen Weg.

Sie machen als Politiker auch alles öffentlich.
Jäjo, aber die Vorwürfe sind lächerlich.

Dieses Zitat stimmt nicht? Der Holocaustgedenktag in der Schweiz als Schuldeinredungsprogramm.
Alles. Ich stehe hinter allem, was ich gemacht habe. Aber auf den Brief gehe ich nicht ein. Ich habe an meiner Schule erlebt, wie am Holocaustgedenktag der Aufstieg der SVP mit Nazideutschland verglichen und die Schweiz im 2. Weltkrieg als Kollaborateur dargestellt wird. Dabei haben die Schweizer damals Widerstand geleistet.

Die Bankengeschäfte sind eine Tatsache.
Wenn man von braunen Staaten belagert wird ... 1941 waren wir ja umzingelt.

Es gibt deutsche Rechtsextreme, die denselben Begriff verwenden.
Ist mir nicht bewusst. Es sind nach dem Brief Leute aus der Gesellschaft Schweiz-Israel" auf mich zugekommen. Mit ihnen habe ich den Dialog gefunden.

Screen des Offenen Briefs

Den Brief haben Sie vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund erhalten. Die „Gesellschaft Schweiz-Israel" lobbyiert für den Staat Israel.
Genau. Ich habe denen gesagt, ich sei neutral in dieser Frage. Ich sei für eine neutrale Schweiz. Im besten Einvernehmen.

Wieso haben Sie nie auf den offenen Brief der SIG reagiert?
Ich wollte mich nicht darauf einlassen, da ich es so strub finde. Wenn ich den Verfasser mal treffe, möchte ich aber das Gespräch suchen.

Sie exponieren sich auch im Nahostkonflikt.
Überhaupt nicht. Habe ich mich nie geäussert.

Wenn Sie eine Veranstaltung mit dem Freundeskreis Iran organisieren, exponieren Sie sich.
Ich kann für das, was andere schreiben, nicht verantwortlich gemacht werden.

Wie haben Sie Jürgen Elsässer kennengelernt?
Jürgen Elsässer hat eine Broschüre verlegt, „Erfolgsmodell Schweiz" und er will scheinbar einen COMPACT-Ableger in der Schweiz machen. Im Zusammenhang mit der Broschüre habe ich ihn diesen Frühling eingeladen. Sein Hintergrund war mir relativ egal. Er sprach gegen das EU-Imperium unter dem Deutschland leide und über die Schweiz als Erfolgsmodell für Europa. Ich finde das super.

Wenn jemand anderswo sexistische oder verschwörungstheoretische Positionen vertritt, lädt man diese Assoziationen halt mit ein.
Nein. Ich rechtfertige mich nicht für die Leute, die ich einlade.

Screen des Flyers von Liebrands Veranstaltung gegen die Bilderberger

Zu anderen Eingeladenen, etwa „Schall und Rauch"-Blogger Petritsch, haben Sie keinen persönlichen Kontakt?
Den habe ich ewig nicht mehr gesehen. Kennengelernt habe ich ihn an der Gegenveranstaltung zur Bilderberger-Konferenz im 2011, die ich organisiert habe. Da ist er aufgetreten und ich fand völlig in Ordnung, was er gesagt hat.

Was ist denn die Bilderberger-Konferenz Ihrer Meinung nach?
Ich denke, es ist eine intransparente Gruppe, die Entscheide fällt, welche die Öffentlichkeit nicht wissen darf.

Blocher war auch schon bei den Bilderbergern.
Ich hatte nicht die Gelegenheit mit ihm darüber zu sprechen. Aber es würde mich interessieren. Es ist erwiesen, dass die Bilderberger-Konferenz auf ein Europa ohne Nationalstaaten hinarbeitet. Das geht gegen unsere Parteiinteressen.

Aber Sie grenzen sich von den New World Order-Theorien ab?
Damit habe ich nichts zu tun.

An solchen Gegenveranstaltungen verfliessen doch die Grenzen.
Das ist scheinbar so. Teilweise sind schon spezielle Leute gekommen. Es wurde auch über Komisches gesprochen ...

Chemtrails!
Keine Ahnung, was das sein könnte.

Die Mondlandung?
Überhaupt nicht damit befasst.

Die Zahl 23?
Sagt mir auch nichts. (lacht) All das Zeug, keine Ahnung.

Was denken Sie über den Klimawandel?
Es ist nicht bewiesen, dass der alleine menschgemacht ist.

Was ist dann die Ursache?
Ich komme, ehrlich gesagt, viel zu wenig draus in der Klimatologie.

Waren Sie denn selbst gut in den Naturwissenschaften?
Mittelmass. Natürlich sollte der CO2-Ausstoss reduziert werden, aber wenn uns immer nur Schuld eingeredet wird, ist wahrscheinlich nicht alles richtig.

Sie sagten einmal, dass Sie „an Ihrer politischen Arbeit" gemessen werden wollen. Gehören die Kreideaktionen und Veranstaltungen da dazu?
Das mit der Kreide würde ich heute nicht mehr machen.

Wieso denn?
Weil ich eingesehen habe, dass diese Form von Aktivismus nichts bringt.

War die Kritik an gewissen Engagements Thema bei der Wahl zum JSVP-Präsidenten?
Die Leute glauben nicht alles, was gewisse Medien schreiben.

Niemand?
Nein. Auch nach den Schmierberichten. Mit Standing Ovations hat man mich einstimmig gewählt.

Waren Sie denn mal in den USA?
Nein, aber ich würde ich gerne mal hin. Ich habe aber keinen biometrischen Pass. Am letzten Tag, an dem es möglich war, hab ich mir einen alten geholt. Was sagen Sie zum dritten Tower? Ich habe keine Erklärung.