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Warum zelten Menschen für ein neues Handy immer noch tagelang auf der Straße?

Wir haben mit den iPhone-Jüngern in der Zeltstadt vorm Berliner Apple Store gesprochen.

von Sophie Claassen und Grey Hutton
29 September 2015, 9:28am

Auf dem Berliner Ku'damm waren letzte Woche eine Menge Menschen unterwegs. Touristen, gestresste Mütter mit ihren Kindern, frustrierte Flyerverteiler und adrette Rentner mit vollgestopften Einkaufstüten. Mitten drin: eine Zeltstadt. Hier vor dem hochherrschaftlichen Hallen des Apple Store wohnten seit Tagen etwa 40 bis 50 Menschen, um die Ersten zu sein, als das geschäft am Freitagmorgen seine Türen öffnete und Apple in Deutschland offiziell mit dem Verkauf des neuen iPhone 6 startete. Weitere 50 warteten in einer Schlange hinter Absperrgittern. Am Freitagmorgen sollen es 500 gewesen sein.

Dass Leute auf der Straße schlafen, nur um ihr mühsam verdientes Geld in ein über 700 Euro teures Smartphone zu investieren, das sie sich auch bequem hätten nach Hause liefern lassen können, ist kein neues Phänomen. Allerdings können Zeltstädte in deutschen Innenstädten zur Zeit in Anbetracht der Flüchtlingskrise zu dem ein oder anderen Missverständnis führen. So wurden die Mitglieder einer palästinensischen Familie, die eigens aus Berlin nach Dresden gekommen waren, um dem Ansturm vor der Berliner Apple-Filiale zu entgehen, von Pegida-Anhängern beschimpft, weil diese sie für Flüchtlinge hielten.

Viele der Menschen auf dem Berliner Ku'damm haben für das neue iPhone weite Reisen auf sich genommen. Manche haben sich extra Urlaub genommen, andere haben sich krank gemeldet. Die deutliche Mehrheit der Wartenden ist aus Russland und der Ukraine nach Berlin gekommen. Wegen eines Telefons, das in ihren Heimatländern erst später erhältlich sein wird als hier.

Apple hat sich in der Vergangenheit wegen der Produktionsbedingungen, die bei seinen Zulieferern in China und Afrika herrschen sollen, einiges an Kritik gefallen lassen müssen. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller warf der Firma erst am letzten Wochenende in einem Interview mit der Welt am Sonntag mangelnde Transparenz vor und äußerte: „Apple ist ein globaler Player, der Milliardengewinne verzeichnet und Macht hat. Daher muss das Unternehmen seiner Verantwortung gerecht werden. Die Unternehmen müssen existenzsichernde Löhne und ökologische Mindeststandards garantieren—das gilt für alle global agierenden Unternehmen, wenn sie für ihre Produkte Rohstoffe aus den Entwicklungsländern brauchen und auch dort produzieren lassen. In jedem unserer Handys steckt Coltan aus Minen in Afrika und Asien."

Die Mitarbeiter des Berliner Apple Stores sollen sich derweil um das Firmen-Image gekümmert haben, indem sie Regenschirme an die wartenden Leute verteilt haben. Allerdings waren nicht genug für alle da. Auf die Frage, ob denn jeder der Wartenden dafür mit Sicherheit am Ende ein neues iPhone bekommen wird, erhalten wir leider keine Antwort, weil weder die Mitarbeiter noch die Securitys, die vor dem Store im Einsatz sind, mit uns sprechen dürfen. Stattdessen unterhalten wir uns mit den Campern, die uns erzählen, warum sie hier sind. Und so erfahren wir einiges über den Gemeinschaftssinn von iPhone-Enthusiasten, Politikverdrossenheit und darüber, wie ein Symbol für den Kapitalismus Menschen aus verfeindeten ehemaligen Sowjet-Staaten in (Technik-)Liebe vereint.

VICE: Warum bist du hier?
Max (rechts im Bild):
Ich bin aus Moskau hierher gekommen wegen des neuen iPhone 6S. Wir zelten hier seit fast einer Woche und für mich hat das mittlerweile Tradition. Es ist wie ein Spiel und wird auch nie langweilig, wegen der ganzen verschiedenen Leuten hier, die von überall hergekommen sind. Wir sind wie eine große Familie.

Machst du dir denn Gedanken darüber, wie dein Telefon hergestellt wird?
[Sehr bestimmt] Ich denke , dass Apple eine Firma ist, die niemals etwas Falsches tut. Was alles andere angeht, dafür haben wir unsere Regierung, die soll sich darum kümmern, nicht wir.

Wie lädst du dein Handy hier draußen auf?
Hiermit [zeigt seine mobile Ladestation]. Ich könnte es auch drinnen aufladen, aber ich lasse mein Handy ungern aus den Augen.

Seit wann bist du hier?
Artiom: Seit dem 19. September, ich war der Dritte in der Schlange. An den ersten beiden Tagen waren nur ganz wenige Leute hier, wir wurden auch kaum beachtet. Als dann mehr kamen, wurden von den Mitarbeitern dann Listen gemacht. Als die das gemacht haben, war ich allerdings kurz essen und als ich zurückkam, hatten sich schon andere vorgedrängelt und ich war plötzlich nur noch die Nummer 15, obwohl die Securitys ja wussten, dass ich schon länger hier war, außerdem hatte ich Fotos und Videos, die das beweisen konnten. Das hat mich wütend gemacht. Ich wollte Gerechtigkeit, aber das hat die nicht wirklich interessiert.

Wie reagieren Passanten auf euch?
Es gab schon viele Reaktionen von Leuten auf der Straße. Irgendwann war ich genervt, da hab ich dann aus Spaß gesagt, dass wir hier eine Pre-Party für Angela Merkels Geburtstag veranstalten oder dass wir große Justin-Bieber-Fans sind. Einmal habe ich denen auch erzählt, dass wir Flüchtlinge aus Syrien sind, aber dann habe ich denen erklärt, dass ich nur einen Witz gemacht habe und wir in Wirklichkeit auf das neue iPhone warten.

Und das fandest du lustig?
Keine Ahnung. Vielleicht ist das hier bei euch nicht lustig, aber ich komme aus Russland und ich war genervt und ich fand das in dem Moment lustig, wenn ihr das nicht so seht, dann tut's mir leid.

Warum muss es für dich unbedingt ein iPhone sein und kein anderes Smartphone?
Weil ich glaube, dass Apple eine Firma ist, die das Leben der Leute besser macht. Es hat zum Beispiel eine super Kamera.

Hast du in den sechs Tagen, die du hier bist, denn auch was von Berlin gesehen?
Wenn ich das iPhone morgen habe, dann haue ich gleich wieder ab. An den ersten zwei Tagen war ich aber auch ein bisschen in der Stadt unterwegs. Wir waren noch so wenige, die anderen haben dann aufgepasst, es war wundervoll. Wir waren hauptsächlich Russen und Ukrainer, wir haben viel, was uns verbindet, da fällt es leicht, einander zu vertrauen.

Russen und Ukrainer verbrüdern sich in Berlin?
Weißt du, dieser Konflikt, das ist alles Politik. [Die Politiker] interessieren sich nicht für uns normale Leute und spielen ihr Spiel. Warum sollte ich also jemanden hassen, nur weil seine Regierung irgendwelche Scheiße baut?

Was würdest du machen, wenn du am ersten Tag zurück in Moskau dein neues iPhone verlierst?
[Max kommt dazu und stellt pantomimisch dar, wie er sich erhängt] Mein Freund meint, er würde sich umbringen, aber er macht nur Spaß. Ich selbst würde wahrscheinlich wieder zurückkommen und mir ein neues kaufen.

Warum bist du hier?
Helge (ist der Erste in der Schlange): Ich war schon oft hier und habe mir extra Urlaub genommen. Das letzte mal war ich sechs Tage da, das Mal davor drei oder vier Tage. Dieses Mal kaufe ich das iPhone nicht für mich, sondern nur für einen Freund. Ich bin hauptsächlich wegen der Atmosphäre hier, um Spaß zu haben und um Freunde zu treffen, die ich nur einmal im Jahr sehe, der Anlass ist mir eigentlich relativ egal.

Machst du dir Gedanken über die Vorwürfe, die es gegen Apple gibt? Gerade hat der Bundesentwicklungsminister der Firma zum Beispiel vorgeworfen, sie würde ihre Produktionsprozesse nur ungenügend offen legen und sollte ihrer Verantwortung mehr gerecht werden.
Das interessiert mich schon, aber ich denke, dass alle Firmen das Gleiche machen. Andere Firmen sind auch nicht besser, Apple steht meiner Meinung nach nur immer wieder in der Kritik, weil es die größte und die reichste Firma ist. Die bemühen sich schon, bestimmt könnten sie da noch mehr machen, aber andere machen halt gar nichts.

Was müsste passieren, damit du deinen Platz hier verlässt?
Witterungseinflüsse schon mal gar nicht, da kann passieren, was will, und zur Not kann man sich ja immer noch unterstellen. Wenn jetzt allerdings jemand käme und sagen würde „Ich geb dir 2.000 Euro bar auf die Hand", dann würde ich mir schon denken: „Ach, was soll's." Aber ansonsten bin ich einfach gerne hier, das ganze Miteinander ist mir wichtiger als das iPhone.

Bringen euch die Mitarbeiter eigentlich auch mal was vorbei?
Ja, ich kenne die ja alle schon, weil ich regelmäßig hier bin. Ich krieg dann mal einen Kaffee oder einen Snack umsonst und wir können drinnen jederzeit Strom bekommen.

Weiter hinten in der Schlange sind Securitys gerade damit beschäftigt, weitere Absperrgitter aufzubauen. Hier geht es nicht mehr ganz so friedlich zu, die Stimmung ist angespannt. Die Leute bauen hektisch ihre Zelte zusammen. Warum sie das schon jetzt tun, um sechs Uhr abends, ist uns nicht ganz klar

Bist du erst heute hier hergekommen? Die Stimmung scheint gerade nicht sonderlich entspannt zu sein.
Yves: Nein, ich bin schon seit Montag hier. All die anderen hier auch. Gerade ist es ein bisschen wüst, weil wir jetzt eingesperrt wurden in diesen Gittern, das ist schon irgendwie krank. Außerdem ist jetzt ein bisschen Trubel hier, weil alle ihre Zelte abbauen müssen. Heute Nacht müssen wir auf Stühlen schlafen, das ist so vorgeschrieben, damit wir nicht erst morgen anfangen abzubauen.

Warum?
Damit das morgen schneller geht, wenn die morgen um 8.30 aufmachen.

Und dass ihr die Nacht auf Stühlen schlafen müsst, ist denen egal?
Keine Ahnung, dazu kann ich nichts weiter sagen.

Warst du die letzten Male auch schon hier?
Nee, ich bin das erste Mal hier, ich besorge das auch nur für eine Freundin, die das unbedingt haben will und gerade schwanger zu Hause ist.

Du hast dir also Urlaub genommen, und campst hier fast eine Woche lang auf der Straße, um ihr einen Gefallen zu tun, ernsthaft?
Ja, genau, aber meine Freundin hält mich für bekloppt.