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Vice Blog

Was mich an den Demonstrationen gegen den Akademikerball nervt

Für diese Aussage werden mich nicht alle lieb haben, aber dieser Protest hat immer weniger mit Protest und immer mehr mit einer sinnbefreiten Tradition zu tun.

von Alexander Hohenhofer
29 Jänner 2016, 9:40am

Foto: Floria Voggeneder

Der letzte Freitag im Jänner ist in Wien seit Jahren gleichbedeutend mit tanzenden Deutschnationalen in seltsamen Uniformen, Sperrzonen, Horden an Demonstranten und dem einen oder anderen durch die Luft fliegenden Mistkübel—kurz: Dem komplettem Ausnahmezustand (zumindest für Wiener Verhältnisse). Vor einigen Jahren habe ich diesem Tag ziemlich gespannt entgegengefiebert. Mittlerweile steht er in meinen Augen aber eher für ein Jahr für Jahr absehbarer werdendes Trauerspiel, vor dem es weder in der echten Welt, noch in meiner zweiten Heimat, dem Internet, ein Entkommen gibt.

Dabei war ich von jeher eigentlich ein Befürworter der Proteste gegen den WKR-Ball, beziehungsweise gegen seinen unmittelbaren Nachfolger, den Akademikerball. Unter anderem auch, weil diese Proteste welche der ganz wenigen Beispiele in unserem Land darstellten, wo Leute ihr Recht auf Protest überhaupt einmal im größeren Stil geltend gemacht haben, und Stellung gegen eine ziemlich widerwärtige Ideologie und die Abhaltung des Balls in den vielleicht wichtigsten Räumlichkeiten des Landes zu beziehen.

Jetzt finden diese Proteste aber bereits seit vielen Jahren in Folge statt, und sie haben diesen verdammten Ball keinen Zentimeter aus der Hofburg verdrängt. All die Sitzblockaden und Sabotageversuche haben rückblickend nicht wirklich etwas verändert, auch wenn es von manchen gerne anders dargestellt wird. Im Gegenteil: Sie haben dem Ball stellenweise einen regelrechten Hype beschert und waren mit Sicherheit für viele Rechtsextreme Motivation, so eine Art Trotzhaltung einzunehmen und den Ball erst recht zu besuchen.

Ich frage mich ganz ehrlich, ob eigentlich noch jemand daran glaubt, dass die Proteste in der jetzigen Form ihr eigentliches Ziel erreichen können (nämlich diesen Ball zu verhindern). Für diese Aussage werden mich nicht alle lieb haben, aber: Mir scheint, dieser Protest hat immer weniger mit Protest und immer mehr mit der Protestkultur beziehungsweise Tradition zu tun, die den eigentlichen Sinn ein gutes Stück aus den Augen verloren hat.

Mir ist immer noch bewusst, was eine Veranstaltung voller Ewiggestriger, Deutschnationaler und Kellernazis an einem Ort wie der Hofburg, symbolisiert. Mir ist auch bewusst, wie viele gesellschaftliche Fortschritte der Vergangenheit wir hartnäckigen Protestbewegungen zu verdanken haben. Aber ich glaube nicht, dass man sich einen Gefallen tut, wenn man an Prinzipien festhält, obwohl man das Problem in der Realität damit eher anfeuert.

Protestbewegungen bewegen in der Realität eben genau gar nichts, wenn sie nicht ab einem gewissen Zeitpunkt in irgendeiner Form die Mitte der Gesellschaft ansprechen und eine größere öffentliche Debatte rund um das bekämpfte Problem—in diesem Fall die Tatsache, dass Burschenschaften und ihr Umfeld in Österreich in einem so öffentlichen Milieu hausieren können—auslösen. Aber davon, den Rückhalt der breiten Masse zu haben, sind die Proteste heute wahrscheinlich noch viel weiter entfernt als vor ein paar Jahren. Stattdessen verschaffen die Proteste dem Ball nur mehr Aufmerksamkeit.

Den Schaden haben nach dieser Nacht in der Regel eigentlich alle außer die Burschenschafter—und am allerwenigsten profitieren all die gemäßigten Demonstranten davon, die aus einer vollkommenen richtigen Überzeugung heraus auf die Straße gehen, aber im Nachhinein mit einem kleinen Haufen von Zerstörungswütigen in einen Topf geworfen werden. Spätestens seit den Ausschreitungen vor einigen Jahren, bei denen der schwarze Block in der Wiener Innenstadt ja bekanntlich so einiges kurz und klein gehauen hat, ist das nämlich permanent der Fall.

Das Schlimmste an der ganzen Sache—und der eigentliche Grund, warum mich diese Nacht inklusive der Proteste so sehr nervt: Die Burschenschafter und ihre Sympathisanten können sich am Ende ihres Balls ja sogar noch in ihrer absurden Weltanschauung bestätigt fühlen, in der ihre Gegnerschaft aus lauter linksradikalen, vermummten Krawallbrüdern besteht. Ich sehe die selbstgefälligen Statements à la „Da sehen wir wieder einmal, wer die wirklichen Faschisten sind" praktisch schon wieder vor meinem inneren Auge.

Was das angeht, befürchte ich, dass die Initiatoren und Verantwortlichen der Demos es einfach verabsäumt haben, sich rechtzeitig halbwegs wirksam von den Leuten zu distanzieren, die diesen Anlass missbrauchen, um Randale zu machen—was einem großen Teil der Wiener das (nicht ganz unberechtigte) Gefühl vermittelt hat, dass es an diesem Abend in erster Linie darum geht, sich mit der Polizei anzulegen und ein bisschen am Ausnahmezustand teilzuhaben. So hat man sich den Großteil der Menschen, die potenziell auch gegen rechtes Gedankengut einstehen würden, ziemlich wirksam vergrault. Familien zum Beispiel. Wer würde schon mit seinen Kindern auf eine Demonstration gehen, wenn er ernsthaft befürchten muss, dass er eventuell einen Mistkübel oder einen Stein auf den Schädel bekommt?

Wenn man von der FPÖ verlangt, dass sie endlich einmal versuchen soll, sich von braunem und radikalem Gedankengut klar abzugrenzen, dann sollte man sich als Protestbewegung genauso deutlich von gewaltbereiten Linksextremen abgrenzen können—sofern man als Protestbewegung auf die breite Masse eben halbwegs attraktiv wirken will. Solange man das nicht schafft, macht man sein Anliegen von Jahr zu Jahr unglaubwürdiger. Es wäre für die Proteste langsam wirklich höchste Eisenbahn, diese Kurve zu kratzen.

Zumindest für mich persönlich ergibt Protest, der keine reale Aussicht darauf hat, sein Ziel zu erreichen—sei dieses Ziel prinzipiell noch so richtig—, leider einfach wenig Sinn. Und im Falle des Akademikerballs stärkt er die gegnerische Seite sogar auf gewisse Weise—2014 kamen nur ein paar hundert Besucher auf den Ball, nach den Ausschreitungen waren es im nächsten Jahr wieder 1500. Wenn ich meinem Gegner eher einen Aufschwung verschaffe, als ihn zu schwächen, ist es langsam aber sicher an der Zeit, die Taktik zu ändern.

Am Ende bleibt immer auch noch die Frage, was es eigentlich andern würde, wenn man die Burschis endlich wirklich aus der Hofburg vertrieben hätte. Symbolträchtig wäre es zwar mit Sicherheit. Aber würde es bedeuten, dass Burschenschafter und Deutschnationale keine wichtigen Postionen in diesem Land mehr innehätten? Würde es ändern, dass Strache bei allen Umfragen auf dem ersten Patz liegt? Es gibt tausend Gelegenheiten, um sich an den restlichen 364 Tagen im Jahr gegen rechte Ideologien einzusetzen. Viele davon sind vermutlich zielführender und effektiver als die Akademikerball-Proteste.