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Wir haben mit einem Typen gesprochen, der 100 Tage lang nicht masturbiert oder Sex gehabt hat

Rory Patrick hat sich mehrere Monate lang in absoluter Enthaltsamkeit geübt, um ein glücklicherer Mensch zu werden.

von Alison Stevenson
24 Juli 2014, 8:10am

Foto: Rory Patrick. Alle Bilder von seinem Twitter-Account.

Am 5. April 2014 verkündete Rory Patrick seinen Followern auf Twitter, dass er 100 Tage lang nicht masturbieren würde. Schon bald war dazu ein Hashtag geboren: #Rory100. Freunde und Unterstützer feuerten ihn an und schickten ihm aufmunternde Nachrichten, die ebenfalls von totaler Verblüffung und natürlich auch von Verwirrung geprägt waren. Als ich von dieser persönlichen Herausforderung hörte, dachte ich sofort: Könnte ich das jemals durchhalten? Könnte ich irgendwie mehr als drei Monate lang nicht masturbieren, nicht ein Mal? Nein. Das schafft niemand. Die Vorstellung ist entsetzlich. Schrecklich. Was zum Teufel dachte er sich dabei?

Interessanterweise entscheiden sich immer mehr Männer ebenfalls genau zu diesem Schritt. Sie nennen sich selbst „Nofappers" und „Fapstonauts", was sich eher nach Leuten anhört, die sich in der Schwerelosigkeit einen runterholen. Diese Community, die zum Großteil aus Männern besteht, nimmt die ganze Sache ziemlich ernst. Laut Nofap.org (ja, das gibt es wirklich) sind die Gründe für diese Enthaltung unterschiedlich, das Ergebnis jedoch immer dasselbe: Angeblich wirst du ein besserer Mensch. Einige wollen ihre Pornosucht loswerden, was dann auch wieder mehr Festplattenspeicher frei macht. Die Bewegung behauptet auch, dass sich deine Selbstbeherrschung verbessert, dir mehr Zeit zur Verfügung steht und sich deine Grundstimmung allgemein zum Positiven verändert.

„Viele Nofapper berichten, dass ihr Leben jetzt mehr von Fröhlichkeit geprägt ist, vor allem ihre Einstellungen zu Sex und zwischenmenschlichen Beziehungen", heißt es auf der „About"-Seite von Nofap. Die Community ist so groß geworden, dass sie schon ihre eigene Terminologie hat. Die meisten Wörter klingen wie Dinge, die ein Redditor nach zu viel Alkohol im Schlaf vor sich hin murmeln würde, wie zum Beispiel „Blue Petal", die weibliche Entsprechung von „Blue Balls". Das ergibt allerdings alles Sinn, denn die Bewegung wurde durch einen Reddit-Thread ins Leben gerufen. In dem Subreddit „Today I Learned" postete jemand eine Statistik und behauptete, dass bei Männern das Testosteron-Level nach sieben Tagen ohne Masturbieren um über 45% steigt. Und schon war die „No Maturbation Challenge" geboren.

Rory Patrick war die Nofap-Community jedoch unbekannt, als er sein Experiment begann. Er machte das für sich selbst und anstatt sich mit den Fapstronauten kurzzuschließen, hielt er seine Fans regelmäßig per Twitter über seinen Fortschritt auf dem Laufenden. Am 13. Juli war sein masochistisches Unterfangen dann schließlich zu Ende. Jetzt konnte ich endlich mit ihm darüber reden und herausfinden, ob die Vorteile des Nicht-Masturbierens wirklich existieren (ohne es selbst ausprobieren zu müssen).

VICE: Ich muss jetzt natürlich wissen, warum. Warum hast du dir das angetan und warum gerade 100 Tage? Einhundert Tage, Mann. Warum? WARUM?
Rory Patrick:
Mir ist bloß aufgefallen, wie das Masturbieren meinen täglichen Tagesablauf verändert hat. Hier ein Beispiel: Ich wollte ins Fitnessstudio oder Joggen gehen und sagte zu mir selbst: „OK, ich gehe jetzt gleich laufen, also entspanne ich mich davor noch kurz." Nach dem Onanieren verkroch ich mich dann aber mit einer Tüte Chips im Bett und schaltete den Fernseher an, anstatt wirklich Laufen zu gehen. Ein Orgasmus war auch meine Allzweckwaffe gegen Stress oder Schmerzen und das erschien mir einfach nicht gesund. Als mir dann ein Freund von diesen Leuten erzählte, die 90 Tage ohne Masturbieren aushalten, kam in mir dieser Wettbewerbsgedanke auf und ich sagte, dass ich 100 Tage schaffen würde. Ich habe einfach gehofft, dass diese Herausforderung ein Anstoß für mich sein würde, eine Zeit lang nicht abzuspritzen.

Du hast also diese Entscheidung getroffen und dazu den Hashtag auf Twitter ins Leben gerufen. Wie sah die Unterstützung aus?
Die Unterstützung war wirklich rührend. Die Twitter-Community ist manchmal so überwältigend positiv und fördernd. Mein Kumpel Josh und ich fingen an, Fotos von uns zu machen, auf denen wir den Gruß aus Die Tribute von Panem machen. Die Leute haben das übernommen, machten die gleichen Fotos und setzten den Hashtag darunter. Das zeigte mir, dass die Leute an mich dachten und deswegen schummelte ich auch nicht, weil es ihnen anscheinend Freude bereitete. Das wollte ich dann nicht alles in einer Nacht zerstören, weil mich die Arbeit gestresst hat und ich mir deswegen einen runterholen muss. Einige Leute haben mich jede Woche gefragt, ob ich denn schon aufgegeben hätte und Andere haben mir auch Nacktbilder geschickt, um mich zum Masturbieren zu verleiten. Aber im Allgemeinen standen die Leute hinter mir und hofften, dass ich die 100 Tage durchhalte.

Wie oft hast du vor der Aktion onaniert?
Eigentlich täglich. Wie schon gesagt, das war irgendwann nötig, weil ich jedes Mal nach einer stressigen Situation dieses Verlangen verspürte, mich in mein Zimmer zurückzuziehen und mir einen runterzuholen oder Sex zu haben. Mein Schlafrhythmus richtete sich auch komplett nach meinen Orgasmen. Irgendwann wurde das Wichsen vor dem Einschlafen zur Gewohnheit. Ich sollte vermutlich auch mal anders auf die Hindernisse des Lebens reagieren, als immer nur meine Eier zu entleeren.

Wann war es am schwersten? Kannst du dich an bestimmte Tage erinnern, an denen du fast aufgegeben hättest? Wie hast du der Versuchung widerstanden?
Die ersten vier Tage waren die Hölle und es wurde ersichtlich, wie sehr mir das Wichsen täglich geholfen hat. Masturbieren vor dem Schlafengehen war ja auch schon Routine. Diese konnte ich am Anfang auch nicht gleich komplett ändern. Deshalb habe ich da vor dem Einschlafen immer noch ein wenig Pornos geschaut, ohne mich zu berühren. Schlafen war dann unmöglich. Ich wälzte mich die ganze Nacht herum und versuchte irgendwie, mal drei Stunden Schlaf am Stück hinzukriegen. Ich habe alles ausprobiert—von Schlaftabletten bis hin zum Essenskoma— aber das Ein- oder Durchschlafen war immer noch schwer.

An einem Tag wäre die ganze Herausforderung fast gescheitert. Einige meiner Freunde von Twitter waren in der Stadt und wir haben uns die Birne weggesoffen—nach solchen Abenden fühle ich mich am nächsten Tag immer total unbehaglich. Ich weiß noch, dass das am Tag 86 war, weil ich zu mir selbst sagte: „Das ist schon OK, du hast 86 Tage geschafft. Das kriegen nicht viele Menschen hin." Ich hielt meinen Schwanz bereits in der Hand und wollte loslegen. Nachdem ich noch ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, schrieb mir jedoch ein Kumpel zurück (ich habe mehreren Leuten eine Nachricht geschrieben, aber es war mitten in der Nacht) und gab mir so den Anstoß, aufzustehen, zu duschen und das Verlangen abzuschütteln.

Hat diese ganze Nicht-Kommen-Regel auch Sex beinhaltet?
Ja, absolut kein Orgasmus, also keine Masturbation und kein Sex.

Wie hat das deine Stimmung beeinflusst?
Nach diesen ersten vier Tagen war alles ziemlich gut. Die Zeit, die ich sonst für's Wichsen hernahm, war jetzt für's Laufen und Trainieren da. Auch fühlte ich mich eloquenter. Ich arbeite in der Suizidprävention und mir fiel auf, dass ich einen besseren Draht zu den Leuten fand und mit mehr Konzentration zuhörte. Ich schrieb viel mehr als zuvor und nahm mir Zeit zum Lesen. Es macht mich wütend, wenn ich daran denke, dass ich vorher anstelle von solchen Aktivitäten immer dachte: „Hey, ich habe grade 20 Minuten Zeit, vielleicht sollte ich mal schauen, ob wieder gute Pornos am Start sind." Und die sind immer am Start.

Wie lange hast du nach dem Ende der 100 Tage gebraucht, um dir wieder einen runterzuholen? Hast du irgendwas Spezielles unternommen, um dich auf das freudige Ereignis vorzubereiten?
Der letzte Tag war toll. An diesem fand auch das WM-Finale statt, das habe ich mit einem Kumpel angeschaut. Nachdem er dann gegangen war, habe ich trainiert und die Wohnung aufgeräumt. Dann habe ich mir die Zeit genommen, und mich durch Rasieren und Körperpflege quasi auf mich selbst vorbereitet. Ich bin dann zum Zeitvertreib etwas Fahrrad gefahren und habe gegen Mitternacht noch ein paar Freunde auf ein paar Drinks getroffen. Mein Mitbewohner und einer meiner engsten Freunde hatten versprochen, nicht zu Hause zu sein, damit ich so laut sein konnte, wie ich wollte. Ich habe noch ein paar Danksagungen getweetet und als die Zeit kam, war ich nackt und konnte mich wieder richtig mit mir selbst vergnügen. Es dauerte nur ein paar Minuten, das Ende war aber spektakulär.

Mein ganzes Inneres war am Beben—so was habe ich noch nie erlebt. Dann habe ich mit so einer Wucht auf meine Brust ejakuliert, wie es bei mir zum letzten Mal als 14-Jähriger der Fall war. Der Orgasmus war noch mindestens 20 Minuten lang im Zimmer zu spüren. Ich postete noch ein Bild, auf dem ich lächle, und loggte mich dann für eine Weile aus. Ich habe jetzt seit Tag 100 nicht ununterbrochen masturbiert, aber ab und an habe ich doch Hand angelegt. Mir ist jetzt bewusster geworden, warum ich zum Orgasmus kommen muss. Das ist wichtig. Ich hab das Ganze aber schon vermisst und bin froh, dass ich jetzt wieder darf.

Wie sehen deine Masturbationspläne jetzt aus? Geht es zurück zu alten Gewohnheiten oder willst du etwas verändern?
Die letzten Tage der Herausforderung waren wirklich schön. Das Internet hat mich unterstützt und einige haben in dieser Zeit sogar aus Solidarität auch auf das Onanieren verzichtet. Aber ich werde jetzt keine total verrückten Dinge mit mir anstellen. Ich stelle es mir einfach wie eine Saft-Kur vor. Ich versuche, mich selbst zu zügeln und die Gewohnheiten der letzten 100 Tage aufrecht zu erhalten. Wenn mich also Stress oder Angstzustände überkommen, dann lasse ich nicht sofort die Hosen runter oder lade jemanden zum ‚Filme schauen' ein. Ich will diese Momente jetzt mit einer gesünderen Einstellung angehen. Meine Wohnung war nie sauberer und mein Körper wurde in den letzten 100 Tagen auch noch zu etwas anderem als zum Wichsen gebraucht. Ich hoffe, dass das so weiter geht.

Würdest du die Herausforderung also nochmals annehmen?
Auf jeden Fall. Um ehrlich zu sein, ich werde das Ganze sogar ganz sicher noch mal machen.

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