Als die BBC vor 10 Jahren aus Versehen einen Job-Bewerber verwechselte und live interviewte

Da saß auf einmal ein Mann, der sich so hart in die Hose scheißt, dass er beinahe vom Stuhl abhebt. Aber hat er nicht trotzdem schon damals Netflix und Spotify vorausgesagt? Und hat er den Job bekommen?

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11 Mai 2016, 4:00am

Screenshot von YouTube aus dem "Video News Blooper – Got the wrong guy" von Top Twenty Lists

Zehn Jahre. Puh. Ganz schön lange her. Wir sind alle erwachsener geworden, wir sind besser geworden und wir sind weiser geworden. Wir haben hart gearbeitet, verdammt viel gearbeitet. Wir haben geschuftet. Zehn Jahre. Ein Jahrzehnt. Eine Dekade. Ein Dezennium. Eine Eins mit einer Null. Zwei mal fünf Jahre. Zwanzig Semester. Aber: Wer hätte damals gedacht, dass wir es so weit schaffen würden? Mir bleibt da nicht mehr als ein aufrichtiges "Wow!" Und wir haben es gemeinsam geschafft. Zusammen. Ich bin stolz auf dich. Ich bin stolz auf euch alle. Ich bin stolz auf uns.

Auf fast den Tag genau ist es jetzt zehn Jahre her, dass die BBC versehentlich Guy Goma bei einer Live-Sendung interviewte. Und genau so lange ist es her, dass Guy Goma brav alle Fragen zum Streitfall Apple Computer gegen Apple Corps beantwortete, obwohl er offensichtlich keine Ahnung davon hatte, worüber er da eigentlich redete. Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, dass dieser Tag vor zehn Jahren ein denkwürdiger Tag war; ein Tag, der alles verändert hat—für uns alle:

Schau dir nur diesen Ausdruck in Guy Gomas Gesicht an, als er realisiert, dass er jetzt in einer Live-Sendung zu einem Thema interviewt werden wird, von dem er absolut keine Ahnung hat. Glaub mir, so hast du dich in deinem ganzen Leben nie gefühlt. Das ist so ziemlich genau wie in deinem Traum, bei dem du im Hörsaal sitzt und plötzlich realisierst, dass du keine Hose anhast; ja, komplett nackt bist. Nur ist das hier kein Traum, sondern die Realität und Guy Goma steckt mittendrin. Was du hier siehst, ist die Art von Adrenalinschub, die deinen Körper noch die nächsten Tage leuchten lässt. Es ist das Betreten des falschen Seminarraums am ersten Uni-Tag, gefolgt von dem Gedanken: "Nun, dann werde ich jetzt wohl einiges über Photosynthese lernen, weil ich zu höflich bin, einfach wieder aufzustehen." Das ist drei Stunden mit dem Zug in die falsche Richtung fahren, weil du dich mit der Frage, ob das der richtige Zug ist, nicht vor dem Schaffner blamieren willst. Das hier ist Guy Gomas Gesicht, das sich zu einem leisen Schrei verzerrt. Es ist Guy Goma, wie er einen Augenblick nachdenkt, ob er der Moderatorin mitteilen soll, dass er der falsche "Guy" ist, sich am Ende aber dagegen entscheidet. Hier ist Guy Goma, der sich selbst den Mund verbietet. Guy Goma, der einmal tief durchatmet. Guy Goma wohlwissend, dass die Hölle keine Ewigkeit dauern kann. Guy Goma, der weiß, dass er schon gleich das Schlimmste überstanden haben wird.

Am 8. Mai vor zehn Jahren, so geht die Geschichte, saß Guy Goma im BBC Television Centre und wartete auf sein Vorstellungsgespräch für einen Job in der IT-Abteilung des Senders. Zur gleichen Zeit bereitete sich in einem anderen Wartezimmer namens Stage Door der Internetexperte Guy Kewney auf ein Live-Interview zum Streitfall Apple VS Apple vor. Wir wissen alle, was dann passiert sein muss. Jemand aus der Produktion geht zum falschen Wartezimmer und fragt nach einem Guy, der auf ein Interview wartet. Guy Goma fühlt sich als Guy angesprochen. Guy Kewney muss fassungslos dabei zuschauen, wie ein Mann, der ganz klar nicht er ist, aber seinen Namen trägt, bei BBC News interviewt wird. Eine Legende ist geboren.

Wenn wir auf die feinen Details dieses slapstickartigen Verwechslungsspielchens achten, bei dem Guy Goma mit Guy Kewney vertauscht wird und dann im Fernsehen als Guy Kewney interviewt wird, obwohl er ganz eindeutig Guy Goma ist, dann sehen wir einen Guy Goma, wie er verloren in den Abgrund der Realität starrt; einen Guy Goma in dessen Kopf unhörbar ein "aaaaaAAAAHHHH" ertönt, als er merkt, dass er mit einem anderen Namen vorgestellt wird; und wir sehen einen Guy Goma, der sein absolut Bestes tut. Dieser Fokus auf die logistischen Aspekte dieser Verwechslung lenkt allerdings von der eigentlichen und wahrhaftigen Schönheit dieses Interviews ab. Erstens: Hier ist ein Mann, der sich so hart in die Hose scheißt, dass er beinahe vom Stuhl abhebt; ein Mann im Anzug zur falschen Zeit am völlig falschen Ort; ein lebendes und atmendes Paradebeispiel dafür, was es heißt, sich durch ein Interview zu schummeln. Hier ist ein Mann, der Sekunden davor ist, Moderatorin Karen Bowerman zu sagen, dass er sich in fünf Jahren "ähm ... noch immer hier und ... ähm ... vielleicht in einer Führungsposition" sieht. Guy Goma ist du mit 17, als du im schlecht sitzenden Anzug deines Vaters zum Bewerbungsgespräch im nächstgelegenen Supermarkt gegangen bist. Der Filialleiter nahm dich mit nach hinten in ein ruhiges Büro und fragte dich, was deine Stärken und Fähigkeiten seien, worauf du für etwa vier Minuten nichts anderes als "äääh" hervorbringst, gefolgt von einem "ähm, Inventur?". Ein kleiner Teil in Guy Goma vermutet ganz klar, dass alle Vorstellungsgespräche bei der BBC so laufen. Guy Goma ist ein Mann, der alles andere als in seinem Element ist, aber versucht, dass Beste draus zu machen. Guy Goma reagiert schnell und gewieft. Guy Goma gibt dermaßen sinnfreie und inhaltsleere Aussagen ab, dass sich kaum sagen lässt, ob es sich bei ihm nicht doch um einen BBC News-Experten handelt. Mal ehrlich: Ist irgendetwas von dem, was er sagt, wirklich falsch? Sind seine Antworten so ungewöhnlich? Abgesehen davon, dass seine Augen verzweifelt nach Hilfe und Erlösung suchend tief in die Kamera starren. Die Sache mit der Panik mal beiseite genommen: hat Guy Goma wirklich so unrecht mit dem, was er über das Internet sagt? Nehmen wir dieses, beinahe auf den Tag genau zehn Jahre alte Zitat von unserem Erlöser, Guy Goma:

"Eigentlich, also überall, wo man hingeht, sieht man viele Menschen, die alles über das Internet und die Website runterladen—alles, was sie wollen. Aber ich glaube, es ist viel besser für die Entwicklung und ... äh ... um Menschen zu informieren, was sie wollen, und es auf die einfach Art bekommen, und das dann schneller geht, wenn sie danach suchen."

HATTE GUY GOMA ETWA UNRECHT? Und noch eine Frage: Hat Guy Goma gerade etwa Spotify vorhergesagt, hat Guy Goma gerade Netflix vorhergesagt? Hat er damals schon gesehen, wie iTunes die Charts dominieren würde? Hat er vor zehn Jahren Tidal vorhergesehen? Ist Guy Goma eine Art Tech-Nostradamus, ein verwirrtes Orakel? Hat die Moderatorin Guy Gomas Aussagen etwa nicht sofort wiederholt, nachdem er sie geäußert hat? Ja, und jetzt frag dich doch bitte selbst: Lädst du durch das Internet und die Website runter? Hast du alles, was du willst? Hat es keine bessere Entwicklung gegeben? Willst du es nicht auch auf die einfache Art? Suchst du jetzt nicht auch schneller danach? Frag dich selbst, also ernsthaft: Würde dir jede Person an seiner Stelle die Zukunft vorhersagen? Ist es vielleicht das, was alle Wahrsager eigentlich sind? Menschen, die extrem unter Druck stehen?

Zehn Jahre sind seitdem vergangen und wir wissen Guy Goma noch immer nicht für das zu schätzen, was er gewesen ist: ein Zeitreisender; ein Mann aus der Zukunft, der zu uns gesandt wurde, um unsere Gegenwart zu prägen und zu formen; ein bescheidener Prophet dessen, was uns erwarten wird. Außerdem: Ich habe nichts als Respekt für einen Mann, der weiß, dass er komplett zur falschen Zeit am falschen Ort ist und die falschen Dinge sagt, aber trotzdem sein absolut Bestes versucht. Das BBC News-Interview mit Guy Goma war kein Fehler. Es war die wichtigste Beschreibung des Internets, wie wir es heute kennen. Guy Goma sollte seine eigene Serie bei BBC Tech bekommen. Wir sollten Statuen von ihm errichten und ihm unsere Ehre erweisen. Und wir sollten ihn vor allem in Erinnerung behalten. An wunderschönen Tagen wie heute, zehn Jahre und drei Tage, nachdem er diese weisen Worte gesprochen hat, heben wir unser Glas auf Guy Goma. Wir heben unser Glas und denken an diesen Mann, Guy Goma. Den Job hat er nicht bekommen.