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Vice Blog

„Selbst wenn eine Frau nackt und betrunken übers Oktoberfest läuft, hat niemand das Recht, sie anzufassen.“

Eine Sozialpädagogin erzählt, warum die Zahl der sexuelle Übergriffe in München während der Wiesn-Zeit in die Höhe schnellt.

von Sophie Claassen
18 September 2015, 7:05am

Foto: farbfilm | Flickr | CC BY 2.0

München hat sich in den letzten Wochen sehr um sein Image als Hauptstadt der deutschen Gastfreundschaft gekümmert. Tausende Freiwillige halfen den Menschen, die aus der Ferne auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben schließlich am Münchner Hauptbahnhof gelandet waren. Jetzt bereitet sich die Stadt auf einen neuen Ansturm vor.

Ab diesem Wochenende werden wieder Millionen von Menschen aus aller Welt nach München kommen, nicht auf der Suche nach einem besseren Leben, sondern lediglich nach Bier. Das Oktoberfest ist nicht nur das größte Volksfest, sondern auch das größte kollektive Besäufnis der Welt. Dass es dabei nicht immer friedlich bleibt, ist klar. Und so kommt es neben Schlägereien im Bierzelt auch immer wieder zu sexuellen Übergriffen, vom Angrabschen im Gedränge bis zu Vergewaltigungen. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen und Betroffenen vor Ort zu helfen, engagiert sich die Sozialpädagogin Kristina Gottlöber in der Aktion Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen". Ich habe mich mit ihr über ihre Arbeit, betrunkene Touristen und Victim Blaming unterhalten.

VICE: Wie ist die Aktion entstanden?
Kristina Gottlöber: Angefangen haben wir im Jahr 2003. In dem Jahr gab es auf der Wiesn 13 angezeigte Vergewaltigungen, da haben wir uns zusammengeschlossen, um darauf aufmerksam zu machen. Im ersten Jahr haben sich 28 Frauen vor Ort bei uns gemeldet, letztes Jahr waren es insgesamt 221. Natürlich sind das nicht alles Vergewaltigungen, sondern hauptsächlich Frauen, die irgendwie in eine Notsituation geraten sind. Wenn zum Beispiel eine Touristin ihre Gruppe verloren und ihre Tasche und ihr Handy im Zelt gelassen hat. Wenn diese Frauen alleine auf dem Gelände unterwegs sind, und oft natürlich auch was getrunken haben, können sie zum Opfer werden—weil da auch Männer unterwegs sind, die nicht ganz so nett sind. Wir helfen ihnen dann dabei, ihre Reisegruppe zu finden oder ein Taxi, das sie sicher ins Hotel bringt.

Wie häufig kommt es aktuell zu sexueller Gewalt auf dem Oktoberfest?
Die Polizei hat im letzten Jahr zwei Vergewaltigungen registriert, sowie zehn weitere Sexualstraftaten. Wir hatten bei uns 15 mal sexuelle Gewalt, beziehungsweise drohende sexuelle Gewalt, und 12 mal Partnergewalt, wo dann wirklich was passiert ist. Wir erleben häufig, dass Paare auf der Wiesn in Streit geraten oder Paare, bei denen schon eine Gewaltbeziehung besteht, und das Ganze dann eskaliert.

Dabei muss man bedenken, dass die Dunkelziffer bei Sexualstraftaten generell sehr hoch ist. Viele Fälle werden nicht angezeigt, weil die Frauen sich selbst die Schuld geben oder nicht darüber sprechen wollen. Wir erleben zum Beispiel auch sehr viele Frauen, die kein Interesse an einer Anzeige haben, weil sie nicht aus Deutschland kommen und einfach nur wieder nach Hause wollen.

Passieren die Übergriffe eher spontan oder gibt es auch Männer, die es gezielt darauf anlegen?
Sicherlich gibt es Männer, die im Rausch eine Grenze überschreiten, wo der Flirt im Bierzelt dann aus dem Ruder läuft, aber es gibt auch die Täter, die strategisch vorgehen und sich Opfer suchen, die möglichst schüchtern oder ängstlich wirken und von denen sie keine Gegenwehr erwarteten—eine weinende, betrunkene, aufgelöste Frau, die ihre Freunde sucht, fällt natürlich genau in dieses Muster.

Welche Rolle spielt dabei der Alkohol?
Grundsätzlich muss man sagen, dass der Alkohol auf dem Oktoberfest natürlich eine große Rolle spielt, da trinken die allermeisten schon mal einen über den Durst. Aber wir sagen immer: Selbst wenn eine Frau nackt und betrunken übers Oktoberfest läuft, hat niemand das Recht, sie anzufassen oder ihr in irgendeiner Form Gewalt anzutun.

Das ist auch eine gesellschaftliche Frage. Oft bekommen wir zu hören: Ach der arme Kerl, der hatte gesoffen und sich nicht im Griff, der kann ja nichts dafür." Wenn es um die Frau geht, heißt es dann auf der anderen Seite: „Schau sie dir an, kurzer Rock, tiefer Ausschnitt, dann hat sie auch noch was getrunken und sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt—selber schuld." Man sieht ganz klar, als was der Alkohol da fungiert. Bei Männern wird er dazu benutzt, das Verhalten ein Stück weit zu entschuldigen, bei Frauen heißt es dann eher selber Schuld, Kontrollverlust.

Neben dem Alkohol trägt wahrscheinlich auch die generell sexuell aufgeladene Atmosphäre auf dem Oktoberfest dazu bei, dass manche Männer zudringlich werden, oder?
Ja, genau, und das wird auch ganz oft als Entschuldigung benutzt, das ist dann ein Beispiel für Victim Blaming. Dem Opfer wird vorgeworfen, selbst an dem Vorfall Schuld zu sein. Kurzes Dirndl, großes Dekolleté, es wird viel geflirtet, aber am Ende ist es auch so, dass der Mann akzeptieren muss, wenn die Frau nicht weiter gehen will, auch wenn er sich darüber ärgert. Der ganze Vorlauf ist dabei völlig egal. Es muss klar sein, dass weder sexy Kleidung, noch ein sehr hoher Betrunkenheitsgrad, Geflirte oder Geknutsche einen Übergriff rechtfertigen. Die Stimmung ist natürlich sehr sexualisiert, das ist ja auch eine der schönen Seiten der Wiesn. Viele Paare lernen sich auf der Wiesn kennen, weil es natürlich auch ein Ort zum Flirten ist, aber wenn der Spaß aufhört, dann muss auch tatsächlich der Spaß aufhören und dann muss ein Nein auch ganz klar eine Grenze setzen.

Gibt es auch Männer, die zu ihnen kommen?
Bei uns ist es so, dass unsere Kapazitäten ziemlich erschöpft sind und der Schutzraum, den wir haben, ausschließlich für Frauen vorgesehen ist. Aber es gibt zum Beispiel das Kriseninterventionsteam vom Roten Kreuz, das schon mehrfach auch Männern nach sexuellen Übergriffen betreut hat. Das kommt jetzt nicht wahnsinnig oft vor, aber ich selbst bin jetzt seit 12 Jahren dabei und ich habe zwei mal auch vor Ort Männer erlebt, die Opfer eines schlimmen sexuellen Übergriffs geworden sind, in beiden Fällen eine schwere anale Vergewaltigung.

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