Anzeige
Stuff

Gründe, warum Umziehen der größte Scheiß ist

Wenn man mal Lust auf einen richtig argen Nervenzusammenbruch hat, sollte man einfach umziehen.

von Franz Lichtenegger
03 September 2015, 5:00am

Foto: a.froese | Flickr | CC BY 2.0

Es gibt diese Zeit im Jahr, wenn der August schon wieder anfängt zu hudeln und alle realisieren, dass bald wieder alles normal sein wird. Das ist die Zeit, in der alle umziehen. Weil der Herbst einen immer so schnell wieder runterholt und sowieso bald ein neues Semester losgeht. So mancher bezieht vielleicht schon die sechste Wohnung innerhalb von fünf Jahren—man könnte fast meinen, so ein Umzug wäre spaßig. Das ist er nicht.

Ich hoffe für dich, du hast dich früh genug nach einer neuen Wohnung umgesehen—und mit früh genug meine ich ungefähr siebeneinhalb Monate, bevor du aus deiner raus musst. Alle günstigen Wohnungen oder Zimmer sind meistens schon im Frühjahr/Sommer von der kommenden Erstsemster-Flut besetzt. Wenn du also erst zwei Tage vor dem Auszug mit der Suche anfängst, dann herzlichen Glückwunsch. Du hast, noch bevor du überhaupt umziehst, schon mal alles falsch gemacht.

Wenn du masochistisch veranlagt bist, kannst du dir auch gerne einen heißen Sommertag zum Siedeln aussuchen. Nicht, dass man da immer die Wahl hat—aber versuch wenigstens, zu hoffen, dass du am Tag deines Umzugs neben dem ganzen anderen Bullshit nicht auch noch mit 37 Grad umgehen musst. Vorschreiben kann ich dir eh nichts, aber ich kann es zumindest versuchen.

Wäre da nicht die Aussicht auf eine neue Wohnung und dieses gute, aufregende Gefühl von Veränderung, würde sich wohl niemand, der nicht vollkommen gestört ist, freiwillig einen Umzug antun. Von der Wohnungssuche bis hin zum Siedeln—es ist ein verdammter Psychoterror. Das sind die Gründe.

Packen ist weder einfach noch lustig

Foto: rick | Flickr | CC BY 2.0

Du glaubst vielleicht, du hast ja gar nicht so viel Zeug und drei Umzugskartons reichen vollkommen aus. In Wahrheit hast du so unglaublich viel Scheiß, von dem du ganz einfach nicht mehr wusstest, dass du ihn hast. Es geht hier um mehr als nur Möbel und Kleidung—Was ist mit dem ganzen Zeug aus dem Bad? Die ganzen Handtücher? Schuhe? Küchenzeugs? An all das hast du nicht gedacht, plötzlich hast du doch zu wenig Kisten besorgt und jetzt musst du alles in Müllsäcke stopfen.

Abgesehen davon ist es wider Erwarten gar nicht so lustig, mit dem gesamten Krempel auf der Ladefläche des Umzugswagens Tetris zu spielen. Man kann schon versuchen, laut den Titelsong zu dödeln, um damit von dem eigentlichen Platzmangel-Trauerspiel abzulenken. Letztendlich wirst du trotzdem einfach nur weinen wollen.

Verdrängte Erinnerungen feiern ein Comeback

Foto: chasealias (ds pollack) | Flickr | CC BY 2.0

Während du packst, wirst du anfangen, alte Sachen zu finden. Sachen, zu denen du eine Art emotionale Bindung hast oder Sachen, mit denen du bestimmte Phasen deines Lebens verbindest. Ob du willst oder nicht—und meistens willst du nicht—, du wirst über diese Sachen stolpern. Sie werden dir förmlich in die Hände fallen und 1.000 Jahre alte Erinnerungen wecken. Und dann wirst in du in Versuchung geraten, in ihnen zu schwelgen.

Nicht nur, dass dich das Unmengen von Zeit kosten wird, es ist auch noch ziemlich armselig. All diese alten Sachen hast du so gut versteckt, verstaut und verdrängt, dass du ihnen ganze zwei Jahre lang nicht gegenübertreten musstest, warum also jetzt damit anfangen? Hör auf, dich in deiner verpfuschten Vergangenheit zu suhlen. Schmeiß einfach alles ganz schnell weg.

Du musst wieder von vorn anfangen

Foto: wEnDy | Flickr | CC BY-ND 2.0

In der Regel hast du dir bei der Wohnungssuche bereits bevorzugte Gegenden oder Bezirke ausgesucht, damit du zumindest ungefähr in der dir bereits bekannten Umgebung bleiben kannst.

Meistens klappt das aber nicht. Plötzlich bist du weg aus deiner alten Hood, und du hast keine Ahnung von gar nichts. Bestenfalls hast du schon herausgefunden, wo der nächste Supermarkt ist, das war's dann aber auch schon. Du musst wieder ganz von vorn anfangen.

Jahrelang hast du in mühevoller Kleinarbeit deine Wochenenden damit verbracht, den einzig wahren Lieferservice zu finden. Wie viele labbrige Pizzen du doch über dich ergehen lassen musstest, wie oft du doch kotzen wolltest, als das Sushi schon wieder so muffig roch. Verabschiede dich ein letztes Mal von deiner perfekten Liefer-Pizza.

Die Suche nach einem Arzt, dessen Praxis nicht im Hinterhof einer Tankstelle ist, war mindestens genau so langwierig wie die nach einem Friseur, der endlich das Wesen deiner Haare so richtig versteht. Deine Apotheke. Deine Stammkneipe um's Eck. Der eine gute Würstelstand. Tinder oder Grindr. All das geht jetzt wieder von vorne los. Alles Gute.

Umziehen ist schweineteuer

Foto: Images Money | Flickr | CC BY 2.0

Mach eine Liste von Dingen, von denen du zumindest glaubst, dass du sie zahlen musst/wirst/solltest. Kaution, neue Möbel, Aktivierungsgebühren—generell Gebühren—, Renovierungsarbeiten, all das. Auf die Endsumme haust du noch ein bisschen Geld als Puffer obendrauf, nur für den Fall. Und das alles verdreifachst du dann. So viel wirst du zahlen müssen.

Umziehen kostet einfach sehr viel Geld. Du willst warmes Wasser? Strom? Internet? Vielleicht sogar Fernsehen? Alles kein Problem, vorher fällt aber noch ein Betrag dafür und eine Gebühr hierfür an. Ah ja, und eine einmalige Abgabe an das Finanzamt. Und vergiss nicht, die Umzugsfirma zu bezahlen. Wie, Umzugsfirma hast du nicht? Weil teuer? Clever, also helfen dir Freunde beim Umziehen. Jetzt verlangt der menschliche Anstand, dass du sie mit Bier und Pizza fütterst—das ist eine ungeschriebene Umzugsregel, die du einhalten musst. Natürlich kommst du für alles auf.

Wo wir gerade beim Füttern sind—dein Kühlschrank ist ungefähr so leer wie deine Brieftasche. Du hast nichts. GAR NICHTS. Nicht mal Salz, oder Ketchup, oder Nudeln, die du mal eben schnell kochen könntest. Du hast ja nicht mal einen Topf! Im Grunde genommen solltest du dich auf den größten Lebensmitteleinkauf deines Lebens vorbereiten, du musst nämlich einen gesamten Haushalt besorgen.

Am teuersten wird dich allerdings die Zeit kosten, die du aufwenden musst. Zeit, die du verschwendest. Zeit, in der du nichts erledigen kannst, weil du das 14-Stunden-Fenster absitzen musst, das dir dein Internet-Anbieter großzügigerweise aufgezwungen hat. Zeit, in der du nicht in der Arbeit sein kannst, weil jemand in der Wohnung sein muss, wenn der Installateur kommt. Zeit, die du damit verbringen wirst, über den Sinn des Lebens nachzudenken, weil der Internet-Typ noch immer nicht da war und du dein Datenvolumen schon vor zwei Wochen verbraucht hast.

Du musst alles putzen

Foto: ryan harvey | Flickr | CC BY 2.0

Du wirst putzen müssen, alles. Und das Beste daran ist, dass du eigentlich nicht nur eine, sondern zwei Wohnungen putzen musst—die alte und die neue. Beide sind nicht wenig dreckig. Weißt du noch, der Frühlingsputz, von dem du immer behauptet hast, du würdest ihn nächsten Frühling wirklich mal machen? Jetzt musst du ihn machen.

Unter deinem Bett ist so viel Staub. So verdammt viel Staub, dass du fast ein bisschen begeistert sein wirst über die Tatsache, wie viel Staub sich an einem so kleinen Ort ansammeln kann. Wow. Alles, was so an deinem Bett klebt, solltest du noch vor dem Umzug versuchen abzuwischen, einfach um möglichen Peinlichkeiten vorzubeugen. In der neuen Wohnung kannst du dann nochmal drüberwischen, weil während dem Transport wieder alles dreckig geworden ist.

Die ultimative Befriedigung für Sauberkeitsfanatiker gibt's bei MOTHERBOARD.

Bürokratie ist anstrengend

Foto: Jon Ross | Flickr | CC BY-ND 2.0

Ein Umzug bringt einen kleinen Berg an Papierkram mit sich, und jemand muss ihn machen. Zur Sicherheit solltest du in deiner alten Wohnung jeden Zählerstand, den du finden kannst, abmessen und protokollieren. Man weiß nie. Dann musst du zum Meldeamt, was dich wiederum einen Vormittag verschwendeter Wartezeit kosten wird. Zumal eine Frist von drei Tagen nach dem Umzug, in denen man eine neue Adresse bekanntgeben muss, einfach nicht realistisch ist.

Abschließend gibt es an die 200 Stellen und Ämter, die deine neue Adresse brauchen, 190 davon wirst du vergessen, bis du nach einem Jahr merkst, dass du kaum noch Rechnungen zugeschickt bekommst, folglich auch keine mehr bezahlt hast und jetzt Mahnungen bekommst, die aber auch nicht an deine neue Adresse geschickt werden konnten, weil du ja vergessen hast, sie zu melden. Wahrscheinlich wird es genau so kommen, oder? Ja, es wird genau so kommen. Du kannst dir noch so viele Checklisten googeln, es wird nicht helfen.

Irgendwas Schlimmes passiert immer

Foto: Michael Welsing | Flickr | CC BY-SA 2.0

Das ist nicht mal Pech, es ist einfach so, und es ist fix. Entweder irgendein Möbelstück wird bis zur Unkenntlichkeit demoliert, die Umzugshelfer verstehen dich vollkommen falsch und zerstören deine komplette Einrichtung, weil sie denken, es wäre eh Müll, oder irgendeine depperte Pflanze fällt während des Transports um und beglückt dein gesamtes Hab und Gut mit ihrer Erde. Das unvorhergesehene Desaster ist das Amen im Umzugs-Gebet. Versuch nur, keinen Nervenzusammenbruch zu kriegen.

Tipp: Zieh vielleicht einfach nicht um. Bleib genau da, wo du bist. Es ist schön dort.

Franz hat in seiner neuen Wohnung noch kein Internet: @FranzLicht


Header: a.froese | Flickr | CC BY-SA 2.0

Tagged:
wien
wg
Möbelpacker
wohnen
Vice Blog
Umzug
Wohnung
umziehen
Siedeln