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„Schließt euch nicht ISIS an“: Kanadischer Star der IS-Propaganda wendet sich gegen die Terrormiliz

„Ich bin ein Überläufer von diesem falschen Kalifat, und viele andere Männer haben es ebenfalls hinter sich gelassen", sagte Sami Elabi diese Woche einer Nachrichtenagentur.

von Justin Ling und Brigitte Noël
11 Jänner 2016, 5:00am

Ein Mann aus Montreal, der Kanada 2013 verließ, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen—und der in zwei seiner Propaganda-Videos aufgetreten ist—, hat die „dumme" militante Organisation verlassen und sagt, sie sei unfähig, Muslime in ihrem eigenen Gebiet zu beschützen.

„Ich bin ein Überläufer von diesem falschen Kalifat, und viele andere Männer haben es ebenfalls hinter sich gelassen", sagte Sami Elabi diese Woche einer Nachrichtenagentur aus Quebec. Er gelobt, den Kampf gegen das Assad-Regime auf eigene Faust fortzusetzen und ruft Andere auf, es ihm gleichzutun.

Elabi reiste im April 2013 nach Syrien und behauptet, dort an der Seite der al-Qaida zugehörigen Gruppe al-Nusra-Front sowie der ihrer Rivalen, dem Islamischen Staat, gekämpft zu haben.

In den letzten Wochen hat sich Elabi jedoch von den konkurrierenden Organisationen distanziert.

Elabi, der auch den Kampfnamen Abu Safwan al-Kanadi („der Kanadier") verwendet hat, fing im Dezember an, seinen 197 Twitter-Followern zu sagen: „Schließt euch nicht ISIS an."

MOTHERBOARD: Was Anonymous bisher tatsächlich gegen den IS getan hat

Doch auch wenn die Terrorgruppen Elabis Gunst verloren haben, hat er der Gewalt nicht völlig abgeschworen. Im Gegenteil, der Kämpfer ist zu einer Art Freiberufler im Westen Syriens geworden; er ist noch überzeugter von seinem Kampf gegen das Assad-Regime und verbreitet seine Version eines fundamentalistischen sunnitischen Islam.

„Tretet jeder anderen Gruppe bei", tweetete Elabi weiter.

Auf seinem Twitter-Account beschreibt sich Elabi als „exFSA, exISIS, exJN". FSA steht für die Freie Syrische Armee, eine angeblich gemäßigte Rebellenorganisation, die von der US-Regierung Unterstützung erhalten hat und in dem laufenden Bürgerkrieg stark an den Rand gedrängt worden ist, und JN steht für Dschabhat an-Nusra, den arabischen Namen der al-Nusra-Front (in englischer Transliteration „Jabhat an-Nusra").

Weiterhin heißt es in der Twitter-Bio, Elabi sei nun ein „unabhängiger Kämpfer für die Wahrheit, der gegen alle Formen der Unterdrückung kämpft".

Es ist nicht ganz klar, wie es dazu gekommen ist, dass Elabi sein Vertrauen in die militanten Gruppen verloren hat, auch wenn er einer Nachrichtenagentur aus Quebec gegenüber gesagt hat, der IS „[ertrinke] in dem Fehlen der Wissenschaft und in islamischem Brauchtum."

„Die Dummheit des Islamischen Staats ist unendlich", sagte Elabi in einem Interview mit dem QMI-Journalisten Andrew McIntosh, das in dem französischsprachigen Journal de Montréal veröffentlicht wurde. „Niemand ist glücklich. Wir sind alle wütend auf diese Bande, dieses sogenannte Kalifat, das nicht einmal in seinem eigenen Gebiet Muslime beschützen kann."

Laut QMI ist Elabi nun in der Nähe der syrischen Küstenstadt Latakia stationiert, die sich weiterhin unter der Kontrolle von Assads Truppen befindet und wo es eine russische Militärbasis gibt, von der aus die russische Luftwaffe verschiedene von Rebellen kontrollierte Gebiete im ganzen Land bombardiert.

VICE News hat Elabi kontaktiert, doch er hat bisher noch nicht geantwortet.

Elabi sagte QMI gegenüber, er fühle sich zu Hause in Kanada, wo er bereits eine Haftstrafe abgesessen hat, „verloren". 2010 wurde er nach einer schweren Kneipenschlägerei und einem anschließenden Einbruch wegen tätlichen Angriffs verurteilt. 2013 wurde ihm ein weiterer tätlicher Angriff sowie ein Waffendelikt zur Last gelegt. Er wurde auch deswegen verurteilt, doch zum Zeitpunkt seines Gerichtstermins befand er sich bereits auf dem Weg nach Syrien.

Das Profilbild auf Elabis Twitter-Account zeigt einen amerikanischen Ureinwohner, womit er seine indigene Abstammung würdigen und sich angeblich von seiner Identität als „al-Kanadi" distanzieren will.

Im QMI-Interview gab Elabi an, er habe sich dagegen entschlossen, ein Foto von sich selbst ins Internet zu stellen, da er von einem russischen Raketenwerfer entstellt worden sei.

Screenshots: Sami Elabis Twitter-Acount, der mittlerweile gelöscht worden ist

Elabis Abwendung von den extremistischen Organisationen mag wie ein Sieg für Anti-Radikalisierungsmaßnahmen wirken, doch seine anhaltende Überzeugung von der Richtigkeit eines bewaffneten Dschihad illustriert, wie viel Anziehungskraft noch vom Kampf in Syrien ausgeht.

Auf Elabis Twitter-Profil sind unzählige drastische Bilder und Zeugenaussagen zu sehen, die von Tod, Verletzung und Folter durch das Assad-Regime, die US-geführte Koalition gegen den IS und russische Kampfflugzeuge erzählen.

„Wir haben keine andere Wahl, als Ehefrauen und -männer der Feinde vor unsere Frauen & Kinder zu stellen, damit sie mit dem Massaker aufhören", tweetete Elabi im November.

Zwar vertritt Elabi inzwischen eine Einzelgänger-Einstellung, doch er war auch an den Propaganda-Bemühungen der militanten Organisation beteiligt, mit denen desillusionierte westliche Jugendliche überzeugt werden sollen, in ein Flugzeug zu steigen und sich dem Kampf in Syrien anzuschließen.

Elabi war anscheinend der Star zweier Propaganda-Videos. In einem davon ist der Kämpfer zu sehen, wie er einen kanadischen Pass verbrennt und zerschießt. Im zweiten soll Elabi zu sehen sein, wie er anscheinend ein kleines Haus in die Luft sprengt. Diese Art Videos, meist durchzogen von draufgängerischem Benehmen und Explosionen, sind typisch für die Rekrutierungsarbeit des IS.

Und die Videos haben sich bisher als erstaunlich effektiv erwiesen. Mehr als 100 Kanadier sind nach Übersee gereist—oder haben es versucht—, um sich extremistischen Gruppen anzuschließen, darunter eine unverhältnismäßig große Anzahl von Teenagern aus Elabis Heimatstadt Montreal.

Allein im Jahr 2015 haben acht Jugendliche aus Montreal das Land verlassen, um sich dem IS anzuschließen, doch zwei sollen inzwischen zurückgekehrt sein. Zehn Weitere versuchten im Mai auszureisen, doch sie wurden am Flughafen von der Polizei abgefangen. Anderen werden terroristische Straftaten zur Last gelegt.

„Viele junge Montrealer sind nach Syrien gekommen? Warum habe ich noch keine gesehen?", schrieb Elabi im September und bestätigte gegenüber QMI, dass dies auch heute noch gelte. Allerdings habe er viele französische Bürger gesehen.

Kanada hat bereits diverse Taktiken versucht, um der Radikalisierung im eigenen Land entgegenzusteuern, doch es ist unklar, wie erfolgreich diese Bemühungen tatsächlich sind.

Die vorherige Regierung hatte sich dafür entschieden, ins Ausland gereisten Militanten kurzerhand die Staatsbürgerschaft zu entziehen und ihnen somit die Rückkehr nach Kanada zu verwehren. Der ehemalige Verteidigungsminister Jason Kenney erwähnte Elabi gesondert, als er der National Post sagte: „Ich finde es extrem bizarr, dass er einfach bei einer kanadischen Botschaft auftauchen können soll ... und das wir dann gezwungen sein sollen, ihm einen neuen Pass auszustellen und ihn wieder in Kanada willkommen zu heißen.

Laut Stéphane Berthomet, einem ehemaligen Beamten einer Anti-Terror-Einheit der französischen Polizei und Autor von The Jihad Factory, könnte Elabis öffentliche Anti-IS-Haltung ihn das Leben kosten.

„Wir wissen, dass der IS seinen Rekruten nicht die Option gibt aufzuhören. Viele Überläufer sind auf der Stelle ermordet worden, weil sie gehen wollten", warnt er. „Dieses Risiko gibt es also."

Er sagt, ein Mord an Elabi wäre für den IS eine Möglichkeit, Andere von einem Verrat am Kalifat abzuschrecken, doch er fügt hinzu, er bezweifle, dass der IS Elabi zu weit außerhalb seines Gebiets töten würde. „Für ISIS dreht sich alles um Image und Kommunikation. [Ein Mord an ihm] könnte Teil ihrer Kommunikationsstrategie sein."

Berthomet sagt, Elabis Abtrünnigkeit zeige, wie irreführend die Rekrutierungs-Propaganda des IS sei. „Darin wird der Widerspruch deutlich, der Unterschied zwischen der Ideologie, welche diese Organisationen in ihren Rekrutierungsnetzwerken verkaufen, und der Realität, denen sich die Rekruten dann vor Ort gegenübersehen", sagt er.

„Bei der Anti-Radikalisierung fehlt Wirkungskraft. Wir brauchen alternative Systeme und Lösungen anstelle von Haftstrafen, wie Teilnahme an [Therapie-]Programmen und Resozialisierungsforschung."

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