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So hat mir Crystal Meth meinen Job als Banker versüßt

Während meiner Zeit bei einer großen Bank war ich ständig auf Meth. Ich wollte immer mehr erreichen und mich weiterentwickeln und sah in der Droge den Schlüssel zum Erfolg.

von Charlie Braithwaite
28 Jänner 2015, 2:00pm

Illustration: Michael Hili

2013 wurde in einer Studie herausgefunden, dass 7 Prozent der Australier über 13 schon einmal Crystal Meth (aka „Ice") konsumiert haben. Für 2014 wurden zwar noch keine Zahlen veröffentlicht, aber uns wurde mitgeteilt, dass sie steigen. Deshalb haben wir uns die Frage gestellt, wer das Zeug überhaupt raucht. Es sind auf jeden Fall nicht mehr nur die Unterprivilegierten mit schlechten Zähnen.

Es ist nicht schwer, Leute zu finden, die einen guten Job haben und gleichzeitig Crystal Meth konsumieren. Hier kommt Alex (Name geändert) ins Spiel. Alex arbeitete als Kreditgeber in der Hauptniederlassung einer nicht weiter benannten Nationalbank. Bis letztes Jahr hat er in der Arbeit noch regelmäßig Ice konsumiert. Er beschreibt im Folgenden, wie er das angestellt hat.

In einer Bank herrscht immer eine stressige Atmosphäre. Jeder, der behauptet, dass das Leben als Banker keinen Stress bereitet, ist verrückt. Es werden hier vor allem Leute eingestellt, die richtig klug sind und dabei kein wirklich ausgeprägtes Sozialleben führen. Im Bestfall handelt es sich bei diesen Menschen um leere Hüllen ohne Persönlichkeit. Du arbeitest mit vier oder fünf von ihnen zusammen und sie reden ständig nur von ihrer Katze—deine Gedanken kreisen dabei nur um Alkohol oder Drogen, um dem Ganzen zu entfliehen.

In meiner Jugend war Meth nie mein Ding, Pillen dafür umso mehr. Nach der Jahrtausendwende war die Qualität der Pillen wirklich fantastisch, aber dann wurden sie plötzlich richtig scheiße und jeder fing an, sich Crystal Meth zuzuwenden. So wurde Ice zu einem Wochenend-Ding: am Wochenende rauchen, unter der Woche wieder runterkommen.

Meine Produktivität schoss durch die Decke und deswegen war es dem Management auch völlig egal.


Das war sie also, unsere Routine. Die Wochentage erhielten Spitznamen wie Manic Mondays, Terrible Tuesdays, Westgate Wednesdays und so weiter. Donnerstage waren eigentlich ganz OK, weil da der Freitag ja schon an die Tür klopfte. Ich arbeitete nur aufs Wochenende hin, denn da konnte ich dann wieder bei meinen Freunden vorbeischauen und ordentlich was wegrauchen. Für uns war das die unendliche Geschichte.

In der Arbeit war das Ganze allerdings so etwas wie ein Tabu. Ich dachte mir, dass ich es wirklich nur einmal machen würde, aber dann stellte sich nach dem ersten Zug sofort der Rausch ein. „Leck mich am Arsch, jetzt geht's ab!" Ich redete wie wild mit Leuten und tippte rasend schnell. Ich konnte 5.000 Anrufe gleichzeitig beantworten und zeigte keine Anzeichen von Ermüdung. Meine Produktivität schoss durch die Decke und deswegen war es dem Management auch völlig egal. Ich dachte mir die ganze Zeit: „Denen gebe ich's jetzt richtig! Meine Arbeit und den ganzen Rest habe ich locker weggeputzt!" Dann schlich sich so langsam ein Muster ein: Es fing mit dem Montag an, dann kam der Mittwoch dazu und irgendwann war ich an einem Punkt angelangt, an dem der Zeitpunkt des Konsums völlig egal war.

Das Runterkommen ist wirklich schlimm. Dazu braucht man Beruhigungsmittel, in meinem Fall war das Xanax. Ich habe keine Ahnung, wie man das ohne Xanax hinbekommt. Der Schlafentzug bringt dich um. Aber Xanax hat alles verändert. Wenn man nur eine Tablette davon einwirft, dann schläft man nach 20 Minuten wie ein Stein. Wenn man nur ein wenig Meth raucht, dann bist du einfach nur komplett drauf. Wenn man die Beiden jedoch zusammen nimmt, dann entsteht eine gewisse Balance. In unserer Welt stellte Xanax eine Art Freifahrschein da.

Illustration: Michael Hili

Ich dachte immer, dass ich mit meiner Routine alleine war. Die Bank ist in solchen Angelegenheiten nämlich eher ziemlich streng. Bei der Weihnachtsfeier war Crystal Meth trotzdem quasi omnipräsent. Dort konnte man genau erkennen, wer die Junkies waren, denn sie glühten förmlich vor Energie. Sie luden einen auf die Toilette ein und man dachte sich dann: „Meine Herren, der eine Typ arbeitet doch in dieser und jener Abteilung und der andere ist doch im Rechnungswesen." Bei den Weihnachtsfeiern wurde eben jeder entlarvt.

Mir war die Arbeit eigentlich immer ziemlich egal, aber dennoch schämte ich mich die meiste Zeit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das Ganze nur für den Kick zu machen. Ich wollte besser werden und mich weiterentwickeln. Ich wollte mich besser fühlen und mehr Geld verdienen, um schöne Dinge mit netten Menschen zu unternehmen. „Nüchtern" ist für mich zum Fremdwort geworden, denn schon in jungen Jahren war ich immer auf irgendwas. Mann, verdammter Alkohol! Wenn man einmal damit anfängt, dann ist es bis zu den anderen Drogen nicht mehr weit.

Angstzustände und Panikattacken waren völlig normal. Wenn sie während eines Meetings auftraten, dann musste man halt die Zähne zusammenbeißen, denn man wollte ja runterkommen. Während oder kurz nach meinen Highs nahm ich mir oft frei—deswegen hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn ich war ja eigentlich gar nicht krank. Ich sagte mir immer, dass ich mir nur den nötigen Urlaub nehme, um wieder ordentlich in die Spur zu kommen. Das dauert allerdings Wochen. Auch allgemein gesprochen war ich richtig scheiße drauf.

Schließlich sah ich diese „It's 2014 and I'm still a piece of shit"-Memes und ich dachte mir: „Stimmt, das bin ich." Ich konnte in der ganzen Sache einfach nichts Positives mehr erkennen und hörte deswegen auf. Bei mir gibt es keine halben Sachen. Ich legte eines Tages einfach eine komplette Vollbremsung ein und es wurde richtig hart. Ich konnte nicht mal in den nächsten Supermarkt gehen und mir ein Sandwich holen. Jeder Teil meines Körpers wollte einfach nur, dass ich wegrenne. Ich glaube jedoch, dass das die Nebenwirkungen des Xanax und nicht die des Meths waren. Inzwischen habe ich eine komplette 180°-Wende hingelegt. Letztes Wochenende hab ich nicht mal Alkohol getrunken.

Crystal Meth war für meine Karriere zwar nicht schädlich, aber gefördert hat die Droge sie auch nicht. Irgendwann war das Ganze einfach so in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt, dass ich bei nichts anderem mehr Fortschritte machte. Kein Meth-Konsument hat mir je erzählt, dass er einen neuen Job oder eine neue Freundin an Land gezogen hätte. Auch ich konnte das nicht von mir behaupten. Eigentlich sind nur mehrere Jahre einfach so an mit vorbeigezogen. Ich bin seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr Essen gegangen. Ich habe ganze vier Monate gebraucht, um von dem Zeug wegzukommen. Und weißt du was? Ich habe jetzt gerade eine neue Arbeit gefunden. Auf Crystal Meth wäre das wohl nicht passiert.