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Ich habe mein russisches Tinder-Date an die Olma ausgeführt und ihr ordentliche Stierhoden gezeigt

Wir begaben uns auf die Suche nach Gratiswein und streichelten mit der Dorfjugend Schafe im Stall.

von Kamil Biedermann
22 Oktober 2016, 7:00am

Alle Fotos vom Autor und Daria Minina

Die Olma steht eigentlich für all das, wofür ich dem Landleben den Rücken gekehrt habe und nach Zürich gezogen bin: Der latente Güllegeruch auf dem Gelände, die Omnipräsenz von Jack-Wolfskin-Funktionskleidung und die Abwesenheit von jeglichen vegetarischen Alternativen auf den Speisekarten. Nie zuvor kam ich auf den Gedanken, mir diese sogenannte Landwirtschafts- und Ernährungsmesse—wobei ich dachte, dass sei eh nur ein hübscherer Name für ein Besäufnis—mal selbst reinzuziehen. Obendrein wurde mir vor kurzem erst klar, dass ich abgesehen von Besuchen in der AFG-Arena, der IKEA und bei einer jämmerlich kleinen Antirassismusdemo noch nie wirklich einen Fuss auf St. Galler Boden gesetzt habe. Wozu auch? Diese Stadt bot für mich bis anhin überhaupt keinen Mehrwert gegenüber den anderen Schweizer Städten, in denen ich mich sonst bewege.

Letzte Woche erzählte mir Daria, die zurzeit ein Auslandsemester an der HSG macht und die ich vor einigen Wochen via Tinder kennengelernt hatte, im Deutschunterricht hätten sie kurz über diese Olma gesprochen und fragte mich, ob ich sie an dieses Happening begleiten möchte. In Schnappatmung verfallend versuchte ich ihr zu erklären, dass einzig Rednecks und die Ostschweizer Dorfjugend dort hingehen würden, nur um dann einige Stunden darauf meine Meinung um 180 Grad zu ändern, als mir wieder einfiel, dass ich mir vorgenommen hatte, öfters mal aus meiner Komfortzone rauszukommen. Da ich als linker Jugendlicher auf dem Land aufgewachsen bin, bietet mir die Olma auch gleich noch die perfekte ländliche Umgebung inmitten eines schützenden urbanen Raums, um die alten Zeltfest-Survivalskills auffrischen zu können.

Etwa so habe ich mir die Olma vorgestellt | Alle Fotos vom Autor und Daria Minina

So kommt es, dass wir uns eines Samstagmorgens mit müden Augen durch St. Gallen in Richtung Olma schleppen. Ich frage mich, warum das Landvolk so masochistisch ist und seine Veranstaltungen immer so früh morgens ansetzt. Bevor wir am Messegelände ankommen, schneidet uns das halbe Fürstentum Liechtenstein den Weg ab. Es ist dieses Jahr der "Gastkanton" und zieht mit einer Parade durch die Innenstadt, bei der jeder Dorfverein sein Tänzchen aufführt und die Guggenmusiken mein Gehör mit schmerzhaft schiefen Tönen belästigen.

Da ich selbst auch in Liechtenstein aufwuchs, ergreift mich gleich zu Beginn schon so eine Art Heimatgefühl. Auch Daria fühlt Patriotismus in sich aufsteigen, als sie die fahnenschwenkenden Liechtensteiner sieht: Sie erinnert sich, als Kind in ihrer sibirischen Heimatstadt unwissentlich an einer Parade von Putins Partei Jedinaja Rossija teilgenommen zu haben. Ich mache mir Sorgen, ob wir Europäer doch nationalistischer sind, als wir denken.

Um ein wenig Heimatgefühl komme ich als ehemaliges Kind des "Gastkantons" nicht herum

Angekommen auf dem Messegelände wartet gleich zu Beginn der Ausstellung ein Highlight mit dem klingenden Namen "Milchvieh-Laufstall mit Melkroboter" auf uns. Erschlagen vom beissenden Stallgeruch weicht meine Begleitung erstmal zurück und ich muss sie überzeugen, dass es sich den Gestank auszuhalten lohnt, um einer vollautomatischen Melkmaschine bei der Arbeit zuzusehen, während ein Moderator jede einzelne Bewegung der Kuh dabei live kommentiert. Weniger die Melkmaschine selbst, sondern die lebenden Kühe scheinen meine Begleitung zu interessieren, denn im Gegensatz zu mir hat mein russisches Date ausserhalb der elterlichen Datscha keine Erfahrungen mit dem Leben auf dem Land gemacht.

Einige Meter weiter bildet sich eine Menschentraube um einen Aussteller. Ich glaube mich bereits bei den Werbegeschenken und versuche mich durch die Traube vorzukämpfen, nur um dann festzustellen, dass ein Fensterhersteller die Bruchfestigkeit seines Glases demonstriert, indem er Besucher mit einem Vorschlaghammer ins Glas reinhämmern lässt. Desinteressiert ziehen wir vorbei an Spezialöfen, Massagestühlen und Whirlpools und entscheiden uns, erstmal etwas zu essen. Schliesslich finden wir auch als Vegetarier eine Alternative zur Olma-Bratwurst und werden mit überteuerten aber durchaus wohlschmeckenden Liechtensteiner "Kääsknöpfle" verköstigt.

Obst und Gemüse für Vegetarier

Satt und wieder voller Energie begeben wir uns in die nächste Halle und finden uns inmitten einer Käsedegustationshalle wieder. Noch während ich meinen ersten Gratisjogurt mit Mühe runterdrücke, erklärt mir meine Begleitung, dass sich ein Russe niemals etwas Kostenloses entgehen liesse und verschwindet von Stand zu Stand hoppelnd zwischen Edelweisshemden. Nicht nur dadurch, dass Daria bei leeren Auslagen das Personal ständig nach mehr Gratisproben fragt, lässt uns unter den zurückhaltenden Schweizern auffallen, wir waren auch weit und breit die einzigen Leute in ihren Zwanzigern.

Auf der Suche nach unseresgleichen kann es also nur noch eine Destination geben: Die berüchtigten Bier- und Weindegustationshallen 4 und 5, das Herzstück der Olma. Tatsächlich hat sich das St. Galler Jungvolk wohl ohne Umwege in den Saufhallen eingefunden und gönnt sich schon zur Mittagszeit einen ordentlichen "Chlapf".

Auch die Landjugend ist ab und an stilvoll

Um unsere käsegetränkten Mägen etwas aufzuweichen, schleichen wir auf der Suche nach Gratiswein durch die Hallen. Doch ich realisiere schon bald, dass wir den ersten herben Rückschlag einstecken müssen: Bis auf ein paar mickrige Degustationsportionen scheint das mit dem Gratisalkohol wirklich nicht mehr als ein Mythos zu sein. Entnervt durch diese Feststellung und die Menschenmassen bestelle ich zwei Grüne Veltliner bescheidener Qualität und beobachte das vorbeiziehende Landvolk.

Das Witzige am Kleidungsstil des durchschnittlichen Olma-Besuchers ist, dass er mit seiner Tommy-Hilfiger-Jacke und ausgeleierter Dachmütze unwissentlich modisch rüberkommt. Ob das jetzt für die Olmagänger oder gegen die aktuellen Trends der High-Fashion-Industrie spricht, sei mal dahingestellt. Bevor ich überhaupt mein erstes Glas fertig trinken kann, beneide ich meine russische Begleitung darum, dass sie all die Bauerngespräche um uns herum nicht versteht und schlage nach einigen Smalltalks mit längst verblichenen Bekanntschaften vor, das Weite zu suchen. Das eigentliche Highlight der Olma, so habe ich mir sagen lassen, wartet sowieso erst in der letzten Halle 7 auf uns.

Das Highlight der Olma: Halle 7

Scheinbar bereits immun geworden gegen den strengen Stallgeruch, verliere ich Daria schnell wieder aus den Augen, als sie sich zwischen einer Horde Kinder vor die Ferkel- und Schafställe drängt und diese mit grossen Augen bewundert. Im Inneren der Ställe warten Dutzende von Kühen auf uns, von denen eine sogar den Namen Rihanna trug. Ganz im Sinne von "Pussy has no face" sind die Kühe hier so aufgereiht, dass man sie als Besucher jeweils nur von hinten sieht und die durchschnittliche Tagesmilchleistung ist auf einem Schild zu jeder Kuh vermerkt. Ein richtiger Milchbauer hat ja auch nur Augen für die prallen Euter, meint jemand trocken neben mir, als ich mich darüber wundere.

Ganz am Ende des Stalls, fast schon etwas versteckt vor den grossen Menschenmengen, wissen erfahrene Olma-Besucher die eigentliche Hauptattraktion zu finden. Dort wartet der Stier Leo auf uns. Leo ist vier Jahre alt, bringt 1165 Kilo auf die Waage und hat bereits 175 Nachkommen gezeugt. Wie seine weiblichen Kolleginnen, streckt auch Leo uns sein Hinterteil entgegen und nach einem kurzen Blick zwischen seine Hufe wissen wir auch Bescheid, wie Leo zu dieser ansehnlichen Verbreitung seines Genpools kam.

Dank der Olma weiss ich: 175 Nachkommen sind diesem (rasierten?) Stierhoden bereits entsprungen

Bevor ich mir selbst die Frage beantworten konnte, ob ihm sein Besitzer die Hoden wohl extra noch für die Olma rasiert hat, zog mich meine durchaus beeindruckte Begleitung wieder zu den friedfertigeren Kühen. Mit der eher mageren Gesamtausbeute von einer hässlichen Zipfelmütze, einer Gratistasche und zu vielen Käsehäppchen im rumorenden Magen kehrten wir der Olma geschafft aber glücklich langsam den Rücken zu. Entgegen meiner Befürchtungen hatten wir doch ziemlich viel Spass an der Olma. Es ist im Sinne des nationalen Zusammenhalts jedem Schweizer zu empfehlen, einmal in seinem Leben den Intercity nach St. Gallen zu nehmen um etwas über Ostschweizer Trink- und Schnupftabaktraditionen zu erfahren. Oder auch nur für einen Abstecher zu Leo mit den Bullenklöten.

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