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Sport

Dieser Typ war Weltmeister in einer japanischen Sportart, von der ihr noch nie gehört habt

Der 21-jährige Bonz Atron führt ein Doppelleben: Einerseits arbeitet er in einem Hotel in Colorado, andererseits ist er in Japan ein Star.

von Tom Harrad
22 August 2016, 7:00am

Alle Fotos: bereitgestellt von Bonz Atron

Als ich vergangenen Monat in Colorado unterwegs war, machte ich das, was jeder Reisende in diesem wunderschönen US-Bundesstaat machen sollte—nämlich eine Hütte in den Bergen mieten dort bis zum Umfallen kiffen.

Eines Abends kam ich dann am Lagerfeuer mit dem jungen Mann ins Gespräch, der an der Rezeption des Hütten-Resorts arbeitete.

Die Stunden zogen ins Land und irgendwann holte besagter junger Mann ein komisches Holzspielzeug hervor und fing an, es durch die Luft zu wirbeln. Das Ganze erinnerte mich an diese Becher von früher, an denen eine Schnur mit Ball befestigt war. Aufgrund zweier zusätzlicher Becher und einer Spitze am Ende machte das Ganze bloß einen viel komplexeren Eindruck.

Mein Gesprächspartner schwang den Ball herum und fing ihn mit dem Ende des Stabs wieder auf. Danach ließ er ihn zwischen den verschiedenen Bechern hin- und herspringen und dann wieder zum spitzen Ende wandern. Obwohl ich keinen wirklichen Vergleich hatte, schien der junge Mann das Ganze wirklich draufzuhaben. Der Ball balancierte auf den Rändern der Becher, dann rotierte plötzlich der Stab durch die Luft. Mein Gegenüber formte mit der Schnur verschiedene Figuren und jonglierte schließlich noch den Stab auf dem Ball. Die Tricks waren dabei so schnell, dass ich sie mit bloßem Auge kaum erkennen konnte. Und dennoch kam es mir so vor, als würde alles in Zeitlupe ablaufen, als würden der Ball und das Spielgerät in der Luft stehen, während sich der geschickte junge Mann um sie herum bewegte.

Als ich meiner Bewunderung kundtat, erzählte er mir, dass er da Kendama übte, ein traditionelles Geschicklichkeitsspiel aus Japan.

"Du hast das echt voll drauf", meinte ich. "Da gibt es doch bestimmt auch Wettbewerbe, oder? Hast du schon mal bei einem mitgemacht?"

"Ja, die gibt's", antwortete er schulterzuckend und blickte dabei kaum hoch. "Und ich bin tatsächlich Weltmeister."

Ich schmunzelte und glaubte ihm erstmal kein Wort. Er sagte, ich solle ihn googeln. Und das tat ich dann auch. Tatsächlich saß mir da niemand Geringeres gegenüber als Bonz Atron, der Kendama-Weltmeister von 2014. Ich hatte also nicht nur eine neue Sportart entdeckt, sondern auch gleich noch die Nummer eins kennengelernt.

Bonz Atron beim 2014er Kendama World Cup

Der freundliche 21-Jährige lebt ein glamouröses Doppelleben: Wenn er nicht gerade an der Rezeption eines Hütten-Resorts in Colorado arbeitet, ist er ein Superstar in Japan, wo die Sportart unglaublich beliebt ist. "Wie behandelt man dich in Japan?", fragte ich. "Mann, die Frauen. Die sind dort echt verrückt", antwortet er grinsend.

Bonz hatte eigentlich nie vor, in irgendetwas Weltmeister zu werden. Im August 2012 kam er zum ersten Mal mit Kendama in Berührung, als ein Freund bei einer Hausparty seine Skills zeigte. Noch am gleichen Abend schaffte Bonz dann einen Trick namens "Lighthouse", an dem sein Freund schon seit gut sechs Monaten verzweifelt war. "Bevor ich das Teil überhaupt in der Hand hatte, wusste ich schon, dass ich das für den Rest meines Lebens spielen würde", erzählt er. "Ich wusste es einfach."

Von diesem Tag trainierte er täglich acht Stunden Training. Bonz ließ immer öfters Uni-Vorlesungen sausen, um Tricks zu lernen. "Als ich damit anfing, hätte ich nie erwartet, dass Kendama irgendwo auf der Welt so beliebt ist", sagt er. Ein Jahr später bekam er mit, dass ein Unternehmen namens Kendama Co einen Online-Wettbewerb veranstaltete, um ein neues Teammitglied zu finden. "Ich dachte natürlich, dass ich niemals gut genug sein würde. Trotzdem reichte ich einfach mal mein Bewerbungsvideo ein." Und obwohl Bonz erst ein Jahr Kendama-Erfahrung vorweisen konnte, verschaffte ihm dieses Video einen Platz im Team von Kendama Co.

Dieses Muster hat sich im Laufe von Bonz' Karriere immer wiederholt: Er ging einen Wettbewerb ohne irgendeine Erwartung an und gewann dann einfach. Seine erste Tour mit Kendama Co endete beim sogenannten "Battle in Seattle", dem damals größten Kendama-Event der Welt. Dort trat er gegen sein Vorbild Keith Matsumura an. "Ich habe ihn auf YouTube gesehen und richtig verehrt", sagt Bonz. "Für mich ist er immer der Kendama-Boss gewesen." Natürlich gewann Bonz nicht nur das Duell, sondern gleich den ganzen Wettbewerb. Und kaum hatte er sich versehen, saß er 2014 schon im Flieger nach Japan, um am ersten Kendama World Cup teilzunehmen.

Im Schein des Lagerfeuers erklärt er mir dann das Geheimnis des Spiels: "Der Schlüssel liegt in den Knien. Der Ball sollte am besten kerzengerade nach oben fliegen, damit man ihn gut fangen kann." Irgendwie kam ich allerdings nicht ganz dahinter. Und erst als ich Kendama selbst ausprobiert hatte, erkannte ich, wie gut Bonz eigentlich ist. Meine kümmerlichen Versuche rückten seine Fähigkeiten erst ins richtige Licht.

In Japan ist Kendama so etwas wie ein Nationalsport. Japanische Kinder üben von klein an und Arbeitgeber bevorzugen Gerüchten zufolge Bewerber, die mit dem Spielzeug umgehen können, weil es viel Zielstrebigkeit und Geduld braucht, um darin gut zu werden.

Der Kendama World Cup geht über zwei Tage. Jeder Wettkämpfer muss zehn Tricks vorführen. Bei den Tricks wirft, fängt und balanciert man den Ball in komplexen Sequenzen. Aber auch der Rhythmus und die Eleganz sind wichtig. Wie immer ging Bonz mit der Erwartung einer Niederlage in den Wettkampf. Und wie immer landete er am Ende auf dem obersten Treppchen.

Da er ja sicher im Finale stand, ging Bonz am Abend mit den ausgeschiedenen Teilnehmern Party machen. "Am Finaltag war ich dann ziemlich verkatert", erzählt er. "Da ich am ersten Tag aber die meisten Punkte erreicht hatte, musste ich am zweiten auch erst als letzter ran." Nach einem kurzen Nickerchen und einem Glas Whiskey-Red-Bull ging es los. An das, was dann passierte, kann er sich nur noch schemenhaft erinnern. "Als ich die Bühne betrat, setzte es bei mir irgendwie aus", meint er. "Nach meiner Performance feierten mich alle Anwesenden. Ich wusste schon gar nicht mehr, was ich da gerade überhaupt gemacht habe."

Immer noch nicht ganz von seinem Sieg überzeugt, belehrten ihn die Punktrichter eines Besseren. "Als sie meinen ersten Platz verkündeten, konnte ich es kaum fassen." Dann folgte eine ausgedehnte Promo-Tour. "Plötzlich folgten uns die Kameras überall hin. Wir sind durch ganz Japan gereist und haben ständig neue Orte besucht. Total verrückt." Der junge Mann von der Resort-Rezeption in Colorado ist in Japan also so etwas wie ein Star. "Meine Japan-Reise war die wohl unglaublichste Erfahrung meines ganzen Lebens", sagt er.

Nachdem er 2014 den World Cup gewonnen hatte, kehrte Bonz vergangenes Jahr nach Japan zurück. Dieses Mal gewann er die Freestyle-Kategorie und der Amerikaner Wyatt Bray schnappte sich den ersten Platz im Main Event.

"Ich hätte mir so etwas niemals träumen lassen", sagt er. Und das glaube ich ihm auch. Er war einfach so talentiert, dass er sich nicht langsam hocharbeiten musste, sondern direkt von Anfang an alle Profis schlug. Beim diesjährigen World Cup hat es trotzdem leider nur für den zehnten Platz gereicht. "Ich habe auf der ganzen Welt so viele Freunde fürs Leben gefunden und jeder von ihnen ist mit einem unglaublichen Talent gesegnet", erzählt er.

Ich besitze auch seit Kurzem ein Kendama und habe es letztens sogar geschafft, den verdammten Ball auf dem verdammten spitzen Ende landen zu lassen. Das tat wirklich gut. Vielleicht bin ich ja doch gar nicht mal so schlecht. Ich habe schließlich auch bei einem der Besten gelernt.

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