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Fotos einer Schweizer Selfiestickjägerin

Die Tessiner Fotografin Arunà Canevascini stiess im brasilianischen Dschungel auf sonderbare Geschöpfe.

von Arunà Canevascini, ECAL, Interview von Vanessa Sade
06 Oktober 2016, 9:21am

Alle Fotos von Arunà Canevascini / ECAL

Erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt man sie: Die Menschen, die vom grünen Dickicht des Urwalds fast verschlungen werden. Eigentlich wollen sie alles andere, als sich wie scheue Kolibris zu verstecken: Sie posieren für ihre Handykamera, ganz verzückt vom eigenen Bild auf dem Display, so wie einst der griechische Göttersohn Narziss sein Spiegelbild in einem Teich bewunderte.

Die Tessiner Fotografin Arunà Canevascini enttarnt mit ihrer Fotoarbeit "Selfie" auf subtile Weise das symptomatische Phänomen des Selbstdarstellungsdrangs ihrer Zeit. Dafür wurde die 25-jährige ECAL-Absolventin dieses Jahr mit dem vfg Nachwuchsförderpreis für Fotografie ausgezeichnet.

Wir haben Arunà getroffen und mit ihr über die Absicht und Entstehung der Bildserie gesprochen.

VICE: Warum bist du Fotografin geworden?
Arunà:
Fotos haben mich schon immer fasziniert und mit der Fotografie habe ich einen Weg gefunden, meine Gedanken und Gefühle auszudrücken und zu hinterfragen. So wird eine Reflektion, die ich eben noch in meinem Kopf hatte, zu etwas Sichtbarem materialisiert. Das finde ich faszinierend.

Was ist die Absicht hinter deiner Arbeit "Selfie"?
Meine Serie soll mit Humor die Lächerlichkeit der Selfies zeigen, diesen Akt, der gerade die Welt erobert. Ich versuchte den Wald so einzusetzen, damit die Person mitten in der Natur abgeschottet da steht. Ich sehe überall Leute, die Selfies machen, aber dort, mitten in der Wildnis, erschien es mir total absurd und lächerlich.

Wie sah der Arbeitsprozess zu "Selfie" aus?
Diese Fotos habe ich in Rio de Janeiro gemacht, wo es den grössten, urbanen Urwald gibt: Die "Floresta da Tijuca". Als ich in Rio ankam, war ich von der Natur beeindruckt. Als ich gerade anfing Landschaftsfotos zu schiessen, bemerkte ich plötzlich etwas auf den Monitor. Ich schaute genauer hin und erkannte eine kleine Figur genau in der Mitte des Bildes: Eine Frau, die ein Selfie macht. Ich musste so lachen und entschied mich, gleich eine Serie daraus zu machen. Also verfolgte ich im Dschungel ein paar Leute mit Selfiesticks, wie auf einer Safari oder so.

Wie lange hast du im Dschungel ausgeharrt, bis jemand selfiewütiges vorbei kam?
Ich ging für die Serie schlussendlich täglich nach Tijuca. Wirklich schwierig, solche Leute zu finden, war es aber nicht. Sie waren überall. Es war eine lustige Arbeit.