Foto: imago | Cola Images

Was Männermagazine ihren Lesern über Männlichkeit einbläuen

Schon der alte Philosoph Herbert Grönemeyer hat gefragt: "Wann ist ein Mann ein Mann?" Wir haben die Antwort in Männermagazinen gesucht und nichts als Bullshit gefunden.

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22 August 2018, 7:00am

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe "Neue Männlichkeit".


Wenn Magazin-Machende ein neues Heft entwickeln, wollen sie, dass dieses für die Leserin oder den Leser zum Freund wird. Jemanden, den man mag und mit dem man immer wieder Zeit verbringen will (und deswegen bestenfalls ein Abo abschließt). Warum Frauenmagazine ihre Leserinnen dann klein machen, ihnen unrealistische Körperbilder, absurde Schönheitsideale (Stichwort "Arm-Vagina") oder völlig haltlose Tipps zur Selbstoptimierung ("Du schwitzt hin und wieder? – Spritz dir doch einfach Botox in die Achseln!") präsentieren, lässt sich nur schwer erklären. Was haben die für ein Bild von Frauen?

Vielleicht einfach ein ähnliches, wie die vielen Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen auch im wahren Leben noch zu oft sehr kritisch gegenüber sind. Auch weil ihnen das von Frauenmagazinen jahrelang eingeredet wurde. Aber wie sieht das bei Männern aus? Feiern die ihre Freunde aka Leser, tätscheln sich anerkennend den Po und geben sich Tipps fürs perfekte Grillstreak und Six-Packs-in-Sechs-Minuten? Oder nehmen Männermagazine ihre Leser ernst?

Um genauer herauszufinden, wie sich Männermagazine einen so richtig männlichen Mann vorstellen, haben wir uns ein paar der größten und bekanntesten genauer angesehen. Men's Health, weil es das verbreitetste Männermagazin der Welt ist. InStyle Men, weil es das männliche Pendant zum großen Frauenmagazin ist, und GQ, weil es wohl eines der bekanntesten Männermagazine ist. Eine Sondererwähnung verdient außerdem das Magazin Matador, weil es in Hinblick auf sein Absurditätslevel wohl kaum zu überbieten ist. Macht euch bereit für viel Testosteron, unzählige Anleitungen zum Muskelaufbau und viele männliche Langzeitpläne für das richtige Männer-Mindset.

InStyle Men: Mode für Dummies

Auch die Männerausgabe der InStyle, die bei einer Druckauflage von 120.000 Exemplaren liegt, schafft es, so ziemlich jedes Klischee zu bedienen, das wohl ein Mann von Welt aus dem Jahr 1924 seinem Geschlecht zuschreiben würde.

Schon in den Leitartikeln werden die Erwartungshaltungen festgelegt: "Ein Lifestyle-Magazin für Männer, Schwerpunkt Klamotten: Was muss rein, was ist zumutbar? Was ist zu viel? Man muss Männern nur mal die Möglichkeit geben, sich für Mode zu begeistern." Die Frage nach der Zumutbarkeit stelle auch ich mir beim Lesen. Offenbar sieht InStyle Men die meisten Chancen, Geschlechter-Klischees aufzubrechen, darin, auf diese noch mal hinzuweisen und Männer so hinzustellen, als wären sie eine unbekannte Spezies, der Mode bisher naturgemäß fremd war.

Die Unentschlossenheit in der Ausrichtung zieht sich durch das gesamte Magazin. Obwohl es in der InStyle viel um Mode geht, werden die Redakteure gleichzeitig nicht müde, immer wieder zu betonen, wie wenig Männer und Mode zusammenpassen. Das kann entweder der perfekte Anlass für das Magazin sein oder aber das genaue Gegenteil. Warum man stattdessen nicht einen weniger abgrenzenden Zugang wählt, bleibt zumindest für mich bis zum Ende unklar.

Die InStyle Men behandelt ihre Leser wie Deppen, die unbedingt InStyle Men brauchen, um aus ihrer selbstverschuldeten Deppenhaftigkeit auszubrechen.

Und weil Männer augenscheinlich dumme Neandertaler sind, die es zu kultivieren gilt, als wäre das ganze Geschlecht wie der Wolfsmensch in Michel Gondrys Film Human Nature, werden die Leser auch mit Mode-Metaphern wie "Sie halten ihre Weekender mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie andere Geschlechtsgenossen ihr Sixpack Bier" oder "Vor Farben haben viele Männer so viel Angst wie vor dem Bundesligaabstieg ihres Lieblingsvereins" erzogen. Kurz gesagt: Die InStyle Men behandelt ihre Leser wie Deppen, die unbedingt InStyle Men brauchen, um aus ihrer selbstverschuldeten Deppenhaftigkeit auszubrechen.

Auch online dreht sich alles um Mode für Männer, die vor anderen Männern niemals zugeben würden, dass sie sich für Mode für Männer interessieren. Von The-Rock-Motivationsspots über Listicles mit Dingen, die Frauen im Bett eklig finden (Körpergeruch, dreckige Unterhosen, ungepflegte Füße, Fürze und offene Kondompackungen neben dem Bett) finden die männlichen Basic Bitches hier so ziemlich alles, wonach sie noch nie gesucht haben. Wir sind nun zumindest um ein kleines Stückchen schlauer und wissen: "Pupsen im Zusammenhang mit Liebemachen ist irgendwie eklig und ziemlich unsexy." (Und finden trotzdem, dass auch die InStyle Men langsam akzeptieren könnte, dass Menschen hin und wieder verschiedene Körperfunktionen erleben.)



Men's Health: Der Cross-Fit-Bro unter den Magazinen

Men's Health ist mit 31 Ausgaben in 40 Ländern das am meisten verbreitete Männermagazin der Welt und wie schon der Titel vermuten lässt, dreht sich das Magazin hauptsächlich um Sport, Fitness, Gesundheit und Freizeit. Vom Cover des Heftes trifft einen meist der Blick eines auftrainierten Mannes mit Adonis-Körper, der seinem ernsten Blick nach zu urteilen wohl gerade intensiv über den 8-Wochen-Plan zum Muskelaufbau nachdenkt, der im Heft nachzulesen ist.

Als ich eine Ausgabe durchblättere, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen, wird schnell klar, dass es hier ausschließlich um Selbstoptimierung geht: Selbstoptimierung durch Sport, Selbstoptimierung durch Fleisch, sehr viel Fleisch, und inspirierende Portraits von Männern, die viel Sport machen und bestimmt auch ganz viel Fleisch essen. Aber natürlich werden den Lesern nicht nur Tipps zur Optimierung ihres Körpers geliefert, es gibt auch Lesetipps zur Stärkung des Geistes. Vorgestellt werden zum Beispiel Bücher über Männer, die im Leben etwas geschafft haben (Mohammed Ali), Business-Ratgeber oder Comics.

Außerdem gibt es eine Rubrik namens "Weltliteratur für Eilige", die große literarische Werke in wenigen Sätzen beschreibt – wie soll man auch Zeit haben, an so etwas wie Klassiker der Literatur zu denken, wenn man Tag ein Tag aus mit dem Stählen des eigenen Körpers beschäftigt ist? Men's Health hat Goethes Faust für ihre Leser zum Beispiel einmal so zusammengefasst:

"Für ein bisschen Abwechslung vertickt der gelangweilte Dr. Faust dem Teufel seine Seele. Am Ende schwängert er das naive Gretchen und treibt es in den Wahnsinn."

Weltliteratur für richtige Macker eben.

Die Geschlechterklischees ziehen sich durch das gesamte Blatt – angefangen bei den Werbeanzeigen, die sich auf Uhren, Parfum, Anzüge, Deo und Haarwuchsmittel konzentrieren, bis hin zu einzelnen Formulierungen wie "Allen Gerüchten zum Trotz sind viele Männer sensibel" oder dem Satz "Frauen wollen sich daran anlehnen, Männer damit imposanter aussehen" in einem Artikel über Schultermuskulatur. Grundnahrungsmittel wie Käse werden in dem Magazin beschrieben, als handle es sich dabei um erst kürzlich auf dem Mars entdeckte Substanzen, Begriffe wie Mansplaining werden gekonnt von Männern in ihren sehr männlichen Kolumnen erklärt.

Selbstredend widmet sich auch der Online-Auftritt des Magazins denselben Themen: Auf der Startseite lachen den Lesern Schlagzeilen wie "So wird das Sixpack endlich sichtbar", "Wie viele Eiweißriegel darf man am Tag essen?" und "So können Sie trotz heißer Temperaturen joggen" entgegen. Es wird ausführlicher, als wir es jemals für möglich gehalten hatten, über Fitness, Fettverbrennung und die männliche Gesundheit berichtet – und auch ein bisschen über Sex. In einem Artikel über Breastgasms findet der geneigte Leser (nicht nur im generischen, sondern tatsächlichen Maskulinum) beispielsweise eine detaillierte Anleitung, wie er eine Frau auf diese Weise befriedigt – inklusive Hinweis, dass man sich vorher das Einverständnis der Sexpartnerin holen soll, wenn man neue Dinge ausprobieren will.

GQ: Das Heft für die Barney Stinsons dieser Welt

Die GQ ist ein großes Lifestyle-Magazin für Männer, das über 400.000 Personen pro Monat erreicht und seine Zielgruppe mit Infos rund um all das versorgt, was ein richtiger Gentleman (wofür auch das "G" in GQ steht) einfach lieben muss: Cognac, Uhren, Muskeln, Luxus. Die GQ schafft es zwar, Geschlechter-Klischees ein bisschen subtiler in die Gestaltung des Magazins und seiner Inhalte einfließen zu lassen als die Men's Health, aber vorhanden sind sie auch hier ohne Zweifel, wie sich beim Durchblättern zeigt.

Im Gegensatz zu Men's Health gibt es in der GQ viele Modetipps. In der GQ geht es nicht vordergründig um die Optimierung des eigenen Körpers, sondern unter Gentleman-Flagge um die Optimierung des gesamten Ichs – durch eine Anpassung des Äußeren an ein gewisses Ideal des sexy Business-Mans und der Barney Stinsons dieser Welt, die zum Feierabend gerne ein Glas Cognac schlürfen und sich mit Arbeitskollegen über die neueste Breitling unterhalten. In seinen Promi-Porträts widmet sich GQ auf dem Spektrum der Männertypen vor allem dem "Work hard, play hard"-Testimonial, zum Beispiel in der Form von Robert Downey Jr. und lässigen Abenteurer-Loolalikes wie Antonio Banderas.

GQ ist aber nicht nur Männer-Knigge, sondern adressiert auch die Bedürfnisse eines echten Kosmopoliten: mit welcher Reise man seine Freundin beeindrucken kann (offensichtlich Paris), welchen Ledersessel man sich für sein neues Junggesellen-Loft kaufen soll, welche Bomberjacke um 2.000 Euro gerade total angesagt ist und welchen Staubsauger-Roboter man als Mann von Welt einfach kaufen muss.



Auf der Startseite des Online-Ablegers werden den Lesern die neuesten Autos und sehr männlichen Parfums präsentiert, gefolgt von der "Grooming-Frage der Woche", unter anderem: Was eigentlich ein Fußpeeling bringt oder wie oft und lange man denn nun eigentlich duschen sollte. In der Rubrik "Leben als Mann" finden die Leser Anleitungen zum perfekten Steak, Tipps für sehr teuren Alkohol und Regeln für zielstrebige Businessmänner. Ein eigener Anzugguide hilft den Gentlemen dabei, pastellfarbene Anzüge zu "meistern"und beantwortet die Frage, ob man als echter Gentleman die Hände in die Hosentaschen seiner sehr teuren Anzughose stecken darf.

Besondere Erwähnung: Matador

Fazit: Männermagazine wollen eine seltene Spezies von Mann ansprechen

Lasst es uns kurz machen: Männermagazine sind auf die gleiche Art sexistisch, reaktionär und kurzsichtig wie Frauenmagazine, nur eben in "männliche" Farben getaucht. Angefangen bei Men's Health, wo den Lesern vor allem Körperoptimierung beigebracht und Literaturwissen für den Aufriss ohne Lese-Umweg mitgegeben, über GQ, wo es um Uhren, teuren Alkohol und gut sitzende Anzüge geht, bis hin zur InStyle Men, die einen modischen Spagat zwischen Bestätigung und Aufbrechen aller Männerklischees versucht.

Das Männlichkeitsbild, das Lesern solcher Magazine vermittelt wird, ist kaufaffin und körperbetont, sagt auch Ulli Weish, Lehrbeauftragte an der Universität Wien mit Schwerpunkt auf kritische Medien- und Werbeforschung und Gender Studies und Feministische Medienwissenschaft: "Meist weiß, heterosexuell, mittelschichtsorientiert, leistungsasketisch, aufstiegswillig und ewig jung, aktiv und abenteuerlustig. Risikosport, Mode, Tipps für Freizeit und Beruf füllen die Seiten dieser Lifestyle-Magazine, die durch unzählige Produkt- und Dienstleistungsangebote mit Hochglanzwerbung aufgefüllt sind." Laut der Expertin erreichen Männerzeitschriften jedoch eher selten die Zielgruppe – nicht zuletzt, weil hier eine seltene Spezies von Mann vertreten werde: "Perfekter Körper trifft auf Cis-Mann, der aktiv ist und sich magazin-basiert beraten lässt."

Die Tatsache, dass dieses Männlichkeitsbild weit seltener thematisiert wird als problematische Frauenbilder, die von Magazinen verbreitet werden, sieht Weish dem Nischenthema der kritischen Genderforschung geschuldet, wie sie gegenüber VICE erklärt. Männlichkeitsbilder zu hinterfragen, sei außerdem ein kritischer Akt, zu dem sich nur wenige hinreißen lassen: Denn das Hinterfragen sei immer profeministisch, herrschaftskritisierend und damit "spaßbremsend", die Darstellung der hegemonialen Männlichkeit zu kritisieren.

Durch die ständige Betonung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen schaffen die untersuchten Magazine jedenfalls einen fast schon bemerkenswerten Spagat: "Durch augenzwinkernden Doppelsprech werden eine Erweiterung von Lebensbereichen und -Erfahrungen, zum Beispiel durch klugen Produkteinsatz, und ein gleichzeitiges Aufrechterhalten von traditionellen Geschlechterrollen bedient", so die Expertin.

Wie sich unser Weltbild jemals von schwarz-weiß zu zumindest schwarz-dunkelgrau-hellgrau-weiß bewegen soll, ist mir angesichts dieser Magazine und des Männlichkeitsbildes, das darin vermittelt wird, mindestens so ein Rätsel wie InStyle-Lesern pinke Hemden. Mir fallen viele Gründe ein, warum die Männerwelt beschissene Magazine verdient haben könnte: Sexismus, jahrhundertelange Unterdrückung von Frauen und ein wunderschönes Leben ohne die Periode zum Beispiel. Aber sollten Männer in diesem Fall nicht viel eher die Magazine bekommen, die sie brauchen, und nicht die, die sie verdienen? Magazine, die nicht jede einzelne Fußballmetapher dieser Galaxie für extrem lustig halten und sich nicht lesen wie der Bro Code? Warum lesen wir überhaupt Magazine, die uns ständig daran erinnern, was für unzulängliche Wesen wir sind? Oder, um es noch mal mit der InStyle Men zu sagen: "Was muss rein, was ist zumutbar? Was ist zu viel?"

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