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Ein Interview mit dem Music Supervisor von Breaking Bad und The Walking Dead

Ned Hepburn hat uns geschrieben: „Hey, stand mit Thomas Golubic in Kontakt, das ist der Music Supervisor von Breaking Bad und The Walking Dead, soll ich ihn interviewen?“ Daraufhin meinten wir: „Klar.“

von Ned Hepburn
22 April 2012, 10:35am

Ned Hepburn hat uns geschrieben: „Hey, stand mit Thomas Golubic in Kontakt, das ist der Music Supervisor von Breaking Bad und The Walking Dead, soll ich ihn interviewen?“ Daraufhin meinten wir: „Klar.“ Hier ist das Interview:

VICE: Jeder mag Musik. Wie hast du es geschafft, das zum Beruf zu machen?
Thomas: Es fing damit an, dass ich Mixtapes für Mädchen gemacht habe. Als ich in der High School war—das war zu der Zeit, als man außer Kassettenrekordern und Ghettoblastern kaum etwas Anderes zur Verfügung hatte—, nahm ich Ghettoblaster und spielte auf jedem etwas anderes ab. Diese Mixe schnitt ich dann wiederum auseinander und fügte sie neu zusammen. Ich sampelte sogar Filme. Auch seltsame Filme wie Die Überlebenskünstler (mit Robin Williams und Walter Matthau, was ich aus irgendeinem Grund unheimlich lustig fand). Ich benutzte diese Stücke aus den Filmen als Puffer zwischen den Liedern. Ich nahm also die Filmdialoge und die Lieder und machte daraus Mixtapes für die Mädchen. Das Ding mit einem Mixtape ist, dass du damit die Kreativität eines Anderen nutzt, um deine Gefühle auszudrücken ... Vielleicht ist es feige, diese Dinge für dich sprechen zu lassen, weißt du?

Stimmt, aber die besten sind unheimlich persönlich.
Manchmal behalten sie diese Tapes auch, denn es ist schön, 20 Jahre später von jemandem zu hören: „Weißt du, ich habe immer noch ein Mixtape von dir.“

Machst du immer noch Mixtapes für Mädchen?
Oh ja, das mache ich! Jetzt gehe ich aber technisch etwas fortschrittlicher an die Sache heran. Ich benutze jetzt Ableton, aber ich tue es immer noch. Das ist eine der Sachen, mit denen du nie wirklich aufhörst.

Hast du dabei feste Regeln?
Es ist ein bisschen wie bei Gesprächen auf Partys—wenn du reinkommst und versuchst, jedem zu gefallen, wirst du einfach nur stumpf und langweilig wirken. Und wenn du dich bemühst, zu fordernd und provokativ zu sein, kommst du einfach nur wie ein Arsch rüber. Also versuchst du, irgendwo dazwischen etwas zu finden, was für die Anderen und für dich wahr ist. Und sie an Orte zu führen, die sie nicht erwartet hätten.

Wie hast du den Sprung vom Tapemixer für Mädchen zum Music Supervisor geschafft?
Ich hatte eine Radiosendung auf KCRW. Ich habe in Los Angeles gelebt. Ich war hierher gezogen, um ein Buch zu schreiben, was ich schnell aufgab. Ich arbeitete eine Zeit lang als Aushilfe und lernte kleine Dinge über die Industrie und war schließlich für kurze Zeit als Script Doctor tätig. Danach arbeitete ich gewissermaßen als Journalist und gründete dann ein Internetmagazin namens The L.A. Magnet ...

Hm, ein Magazin im Internet?
... das ein einziges finanzielles Desaster war. Es war ein wenig zu früh, es gab noch keine Online-Zeitschriften. Es war etwas zu früh. Im Grunde zog sich jeder, der Geld einbringen sollte, zurück, sodass ich am Ende selbst viel Geld reinstecken musste und in dem gescheiterten Versuch, ein Unternehmen zu gründen, einen enormen Betrag verlor. Da ich irgendwie pleite war, verließ mich meine Freundin und ich verlor meine Katzen. Ich wohnte in einer ziemlich beschissenen Wohnung und hörte beim Fahren im Radio, dass KCRW Freiwillige sucht, um sie bei ihrer Website zu unterstützen. Also dachte ich: Die machen eine Website, vielleicht kann ich ihnen helfen, nicht den gleichen Scheiß wie ich zu machen. Also half ich ihnen mit der Website aus und jemand sagte: „Hey, du magst Musik, warum machst du kein Volontariat in der Musikarchiv? Es ist keine bezahlte Stelle, aber wenn du am Dienstag vorbei kommen möchtest, würden wir uns total freuen, dich dabei zu haben.“ Also kam ich. Gary Callomar—der damalige Musikbibliothekar—und ich sprachen einfach über Musik und versuchten, die Mädchen zum Lachen zu bringen. Wenn ich dort war, spielte ich viele Songs, denn wenn die DJs gerade nicht nach Musik suchten, hatte ich freien Zugang zu ihrer wunderbaren Musikbibliothek. Ich spielte alles mögliche—Sachen, die ich nicht in meiner Sammlung hatte. Einer der DJs sagte, ich solle ein Demotape zusammenstellen, also machte ich das. Und bevor ich mich versah, hatte ich meine eigene Radiosendung.

Und für wie lange Zeit hast du das gemacht?
Zehn Jahre lang. Von 1998 bis 2008. Im letzten Jahr habe ich eine Sendung, die The Great Escape hieß und im Grunde eine Collage aus Filmen und Musik war, gemacht— das war so ähnlich wie die Mixtapes, die ich als Jugendlicher aufgenommen habe. Es war ein riesiger Aufwand. Am Ende des Jahres wurde ziemlich deutlich, dass KCRW wollte, dass ich weniger künstlerisches Zeug spielte und stattdessen normale Musik, also denke ich, meine Zeit dort war vorbei. Ich verließ den Sender und entschied mich, Music Supervising zu verfolgen.

Damit hast du quasi schon meine nächste Frage aufgegriffen. Wie bist du von der „Hey, schau dir meinen geilen Musikgeschhmack“-Position als College-Radio-DJ zu einem Beruf im Music Supervising gekommen?
Na ja, ich hab‘ dort angefangen, weil ich einen Job als A&R angeboten bekam. Aus einigen Rückmeldungen meiner Kollegen schloss ich jedoch, dass die Bands, die ich mochte, nicht die sein würden, die auf finanzieller Ebene unheimlich erfolgreich werden würden. Keine Frage, sie waren cool, aber im Endeffekt mochte ich die Sorte Bands, die dem Label keine großen Geldsummen einbrachten. Das ist eigentlich das, was dich als A&R entweder umbringt oder am Leben hält. Es war wahrscheinlich nicht der richtige Job für mich, also sagte ich „Nein“. Ich wollte noch immer einen Job in der Musikbranche und ein Freund erzählte mir vom Music Supervising für Film und Fernsehen. Ungefähr ein Jahr lang habe ich mit einem Music Supervisor zusammengearbeitet, bevor ich beschloss, dass ich was eigenes machen sollte.

Wie bist du zu Breaking Bad gekommen?
Ich kam durch Christina Wayne (ehemalige Produzentin von Mad Men und Breaking Bad) mit Breaking Bad in Berührung. Sie hatte die ersten Projekte für die ursprüngliche Serie auf AMC entwickelt. Sie war seit Six Feet Under ein Fan von mir und arbeitet gerade an einer Mini-Serie namens Broken Tail—ich erzählte ihr von einige Ideen, die mir interessant erschienen, aber die Produktionsseite wollte eher auf einem konventionelleren Kurs bleiben, sodass wir schließlich nicht zusammenarbeiteten. Aber sie schätzte die Ideen. Als Mad Men entstand, kam sie auf mich zu und bat mich, ihr ein wenig bei dem Projekt zu helfen, aber Mad Men hatte bereits einen verantwortlichen Music Supervisor. Also konnte ich auch dabei nicht mitarbeiten. Aber das nächste Projekt was anstand, war Breaking Bad.

Der Pilot für Breaking Bad war zweifellos einer der besten TV- Pilotfilme, die es je gab.
Als sie mir den Pilotfilm zeigten, habe ich gesagt, dass ich das mehr als alles andere machen wollte. Ich ging in das Meeting und sagte, dass ich alles daran toll fand, außer der Musik. Ich hasste die Musik und liebte alles andere. Ich schätze, ehrlich zu sein, war die richtige Herangehensweise, da sie mich fragten, was ich daran hasse und nachdem wir etwas mehr darüber gesprochen hatten, hatte ich am Ende des Meetings den Job.
 
Verdammt!
Ich meine, sie hatten die Musik selbst ausgesucht und waren davon ausgegangen, dass sie toll war und ich nahm vor ihren Augen irgendwie ihre Ideen auseinander. Wir haben dann den kompletten Piloten mit neuer Musik überarbeitet. Es ist eine der Situationen, wo du denkst, dass deine Ehrlichkeit dich in den Arsch beißen wird, aber weißt du, wenn du kreative, selbstsichere Leute hast ...
 
Es gibt eine Folge mit einem sehr interessanten Anfang, wo du eine sehr authentische Narcocorrido-Band präsentierst. Wie zur Hölle bist du mit dieser Kultur in Berührung gekommen?
Vince Gilligan [Produzent/ Erfinder von Breaking Bad] hatte mir einen Link zu einem Narcocorrido-Video geschickt. Das Genre war mir vertraut, aber nicht all diese Videos ... und das Video war verblüffend. Es war so ein selbstgemachtes, wirklich schlecht geschnittenes Musikvideo von diesen drei Typen mit Cowboyhüten, die in der Wüste singen. Dazwischen waren all diese Schnitte mit Bildern von Gewehren und Frauen mit riesigen Titten und Bergen von Kokain und leblosen Körpern. Außerdem gab es noch Schnitte mit Bildern von Kerlen, die neben Escalades stehen und mies aussehen und dann wieder zurück zu den drei Typen mit Cowboyhüten, die in der Wüste diese Lieder singen. Weißt du, die Musik an sich war ziemlich spießig. Sie hatten ein Akkordeon und es klang wie die mexikanische Version deutscher „umpa-umpa“-Musik. Es war so eine außergewöhnliche und verrückte Mischung von Dingen, dass Vince so etwas selber machen wollte. Es war kaum machbar, eine der Narcocorrido-Gruppen, mit denen ich in Los Angeles sprach, zu verpflichten, da sie entweder illegale Einwanderer waren oder bar bezahlt werden wollten (was Sony uns nicht erlaubte) oder es lag ein Haftbefehl gegen sie vor. Es war geradezu unmöglich. Ich wandte mich an Telemundo, die uns halfen, diese Gruppe, Los Cuartes de Sinaloa, zusammenzustellen.
 

In der Folge haben sie wie eine Gruppe superjung wirkender Jugendlicher ausgesehen, die diese harten Gangsterhymnen singen.
Genau. Drogenbosse bezahlen Künstler dafür, Lieder über ihre Taten zu singen, um sich damit ihren eigenen Ruf zu schaffen. Wenn du als Drogendealer in unserer Welt erfolgreich bist, wird eine Narcocorrida über dich geschrieben. Wir wählten ein Neureichen-Haus in Burbank aus, um das Ding aufzunehmen. Als Pepe Garza (ein „Star-Produzent“ des Narcocorrido-Genres in L.A., der Thomas und Vince dabei geholfen hatte, das Lied zu schreiben) hineinkam, saßen die drei Typen plötzlich kerzengerade. Wie katholische Schuljungen, wenn eine Nonne reinkommt, Mann.
 
Was passiert, wenn du von der Entscheidung eines Music Supervisors hörst und sie dir nicht gefällt? Ich bin sicher, es gibt Millionen von Stellen, an denen man Journeys „Don’t Stop Believing“ spielen könnte, aber das bedeutet nicht, dass man das tun muss.
Ich denke, es geht darum, etwas tiefer zu graben. Einer der größten Fehler, den Leute begehen, wenn sie Musik für Filme und Fernsehsendungen aussuchen, ist, dass sie denken, sie sollten Musik nehmen, die das widerspiegelt, was bereits auf dem Bildschirm zu sehen ist. Es gibt ein sehr langweiliges Klischee von einem Typen, der im Regen herumläuft, also nimmst du ein trauriges Lied über einen Typen, der im Regen rumläuft. Das Problem damit ist, dass du eigentlich gar nichts Neues hinzufügst. Wenn du gut bist, suchst du nach dem Subtext, der auf den ersten Blick nicht zu sehen ist, oder in den Dialogen. Es ist ganz einfach der Trick, sich nicht mit der einfachen Antwort zufrieden zu geben und zu versuchen, immer etwas Einzigartiges zu finden. Indem man etwas nimmt, das nicht der Intuition entspricht oder eine andere Perspektive darauf wirft, schafft man oft eine wirklich interessante Dynamik in der Szene.
 
Welches Lied würdest du gerne spielen, wenn du einen Raum betrittst? Welchen Song würdest du wählen?
Ich würde gerne „Love TKO“ von Teddy Pendergrass sagen, aber wenn ich ehrlich bin, würde ich „Everybody’s Talkin“ von Harry Nilsson nehmen.
 
Interessant. Eine letzte Frage. Kannst du uns eine Playlist machen, die uns dabei hilft, flachgelegt zu werden?
Ich denke, das ist eine individuelle Angelegenheit. Jedes Mädchen ist anders, jede Situation ist einzigartig. Mein Vorschlag für echte Musik-Nerds, die auch flachgelegt werden wollen: Denkt gar nicht über Musik nach. Mach’ deine entspannteste iTunes-Playlist an, lass den PC neben dem Bett stehen und vergiss, dass sie überhaupt läuft. Es gibt wichtigere Dinge, auf die du dich konzentrieren solltest und kein nacktes Mädchen möchte deine Hintergrundmusik sein, während du auf deinem iPod das richtige Lied suchst.
 
Abgesehen davon wäre dies meine iPod-Playlist für den Bose-Sounddock auf dem Nachttisch:
 
Willie Nelson „Ou es-tu mon amour” (aus Teatro)
Cartola „Preciso Me Encontrar” (aus dem OST von City of God)
Conquering Lion „Yabby Yabby You” (aus Souljazz: 600% Dynamite)
The Peddlers „On A Clear Day You Can See Forever" (Titelsong des gleichnamigen Albums)
Me'shell Ndegeocello „Stay” (aus Peace Beyond Passion)
Cam „Love Junky (feat. Cameo)” (aus Soulshine)
George Benson „Give me the night” (aus der George Benson Collection)
OutKast „West Savannah” (aus Aquemini)
DJ Quik „Medley for a 'V'” (aus Rhythm-Al-Ism)
Marvin Gaye „I Want You (vocal & rhythm)” (aus I Want You (Deluxe Edition)
Chet Baker „You'd be so nice to come home to” (aus Chet Baker plays for Lovers)
 

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