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Wir haben uns das Theaterstück über die „Pizzeria Anarchia“ in der Neuköllner Oper angesehen

Hier ein amüsanter Text über einen Abend Wien in Berlin.

28 Oktober 2015, 1:30pm

Fotos: Musiktheatertage Wien

Als ich neun Jahre alt war, ging ich das erste Mal ins Ballett. Dem ging folgender Dialog voraus. Ich: „Ich will nicht ins Ballett, das ist etwas für Mädchen!“ Elternteil: „Was habe ich für ein konservatives, patriarchalen Vorstellungen unterworfenes Kind erzogen, natürlich gehst du ins Ballett!“ Ich ging und kam verstört, aber begeistert und beglückt zurück, obwohl ich genau genommen nichts von dem, was auf der Bühne vor sich ging, verstanden hatte. Seither geht es mir eigentlich immer so, wenn ich in ein Theater gehe, das irgendetwas mit Tanz zu tun hat.

Als ich 26 Jahre alt war, zog ich aus Österreich nach Berlin. Eine meiner ersten Aufgaben für mein Studium bestand darin, in Neukölln Passanten zur Neuköllner Oper zu befragen, die seit den späten 80er Jahren an der Karl-Marx-Straße residiert und für einen nicht elitären Zugang zu Musiktheater steht. Es war eine sehr lustige Umfrage, mit Antworten von: „Ich bin da jede Woche!“ bis zu „Kennen Sie Joppi Heesters?“

Meine ersten Monate in Berlin hatten aus Arbeit und meterhochliegenden Schnee bestanden, aber jetzt schien die Sonne. Wir tranken draußen Kaffee und ich bemerkte das erste Mal, wie schön und lebendig Neukölln war. An einem lauen Frühlingsabend saß ich dann auf einem Dach in Neukölln, fühlte mich sehr angekommen und war bereit, allen, die nach mir herziehen würden, zu erzählen, wie gut es hier noch vor drei Monaten gewesen war, als sie noch nicht da waren.

Seitdem sind fast sechs Jahre vergangen und die Mieten in Neukölln—traditionell eines der ärmsten Viertel der Stadt—sind noch einmal drastisch gestiegen. Eigentumswohnungen werden hier teurer verkauft denn je. Neukölln ist zu einem Symbol für die Debatte um Gentrifizierung mit all ihren Widersprüchen und Problemen geworden. Eine Debatte, die gerade in Berlin immer drängender wird und immer weniger mit der Frage zu tun hat, wo wer wie seinen Kaffee trinkt. Sondern eher darum, wie alle in einer Stadt in Würde leben können.

Deshalb gibt es keinen passenderen Ort um das Stück „Pizzeria Anarchia“ aufzuführen, das die Neuköllner Oper gemeinsam mit den Musiktheatertagen Wien und dem Balleto Civile, einer Tanztheatergruppe aus Italien, produziert hat.

Die Geschichte der Räumung der Pizzeria Anarchia im letzten Jahr schreit geradezu nach einer Fiktionalisierung: Ein Investor, dessen Plan nicht aufgeht; Hausbesetzer, die sich mit Altmietern solidarisieren; 1.700 Polizisten gegen 19 Punks; 870 000 Euro, die der Einsatz kostet—das ist der Stoff, aus dem die guten Geschichten sind, die schönen, die absurden, die von denen man nicht glauben kann, dass sie auf einer wahren Begebenheit beruhen und die genau das aber tun.

Heute sagt man gerne, dass die großen Themen unserer Zeit in Serien erzählt werden, aber tatsächlich gibt es kaum ein Medium, das so schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren kann, wie das Theater—ein paar Menschen auf eine Bühne zu stellen ist immer noch um einiges unbürokratischer und günstiger als eine TV-Serie zu produzieren. Und so ist die erste literarische Adaption der Räumung der Pizzeria Anarchia ein Tanztheaterstück geworden. Wahrscheinlich auch, weil diese Form des Geschichtenerzählens so schön zugänglich und antielitär ist.

Weil ich es liebe, wenn Deutsche Dinge erklären, die in Österreich passiert sind—sie sind dabei immer so sachlich und transparent—, besuche ich die Einführung vor dem Stück. Allerdings wird über den konkreten Fall kaum gesprochen. Nur die unglaublichen Zahlen, die an diesem Abend immer wieder fallen werden, werden genannt. 1.700, 19, 870.000. Dann wird noch erklärt, dass in Wien, im Gegensatz zu anderen europäischen Städten, Hausbesetzung keine große Tradition hat und die Stadt deshalb sehr unerfahren bei der Räumung agierte. Das Balletto Civile habe aus der Geschichte kein Dokumentartheater machen wollen, sondern eine Groteske, ein Comic. Tatsächlich bietet sich das sehr an und ich muss an den Ausdruck Operettenstaat denken. Also los.

Erst wird es nicht dunkel. Dann betritt ein Mensch in einem Bärenkostüm die Bühne und läuft im Zuschauerraum herum. Er quietscht, stöhnt, macht Tiergeräusche und bietet den Zuseher_innen Pizza an. Wilde, heiße Urangst vor dem Mitmachtheater steigt in mir auf, und ich bin sehr glücklich, dass ich in der 4. Reihe in der Mitte sitze—einem Ort, an den der Bär unmöglich gelangen kann, obwohl ich eigentlich ganz gerne ein Stück Pizza hätte. Aber ich will, dass es dunkel wird, ich möchte auf keinen Fall in theatrale Interaktionen einbezogen werden. Ich möchte im Dunklen sitzen, schauen und Wörter in ein Notizbuch schreiben, die nachher keinen Sinn mehr ergeben werden. (In diesem Fall: Trotzki, Haube!!!, Pumuckl).

Als es dann endlich doch dunkel wird, beginnt ein junger Mann ein Lied über Altmieter zu singen, das die Situation erklärt. Die Bühne besteht aus einem leeren Raum, links und rechts steht jeweils eine Art Baugerüst, das das Haus und seine Zimmer symbolisiert. Im Hintergrund eine graue Wand. Man erkennt Kleidungsstücke, die wie hineingemeißelt wirken.

Wir lernen die Punks kennen, die Polizisten, einen bezaubernden Punkerhund, zwei alte Schwestern, die noch im Haus wohnen und ein bisschen auch die Schauspieler_innen selbst, weil das Stück natürlich selbstreferenzielle Stellen hat. („Ich mache nie wieder Tanztheater, man schwitzt die ganze Zeit und die Gage ist beschissen.“) Die Punks sind sehr sympathisch, aber manchmal ein bisschen hysterisch. („21 Zacken hat so ein Bierkronkorken, 21! 9. 11. 2001!“) Die Polizisten tanzen einen schönen Hampelmann-Tanz und wirken etwas trottelig.

Der Polizeichef singt Opern und verkörpert so das kultivierte, banale Böse. Es gibt Anspielungen auf Mozart und auf anarchistische und linke Theoretiker und Künstler. An einer Stelle werden die Ereignisse der Nacht am Beispiel eines Marmeladenglases durchdekliniert.

Polizist: „Die subversive Marmelade wurde sicher gestellt.“

Punk: „Alter, die Marmelade“.

Alte Frau zu ihrer Schwester: „War eh zu wenig Zucker drin“.

Außerdem will ein Polizist einen Punkerhund zum Überlaufen bewegen und in einem wunderschönen Duett wird die Beziehung zwischen Punk und Hund thematisiert.

Punk: „Du sollst frei sein, du bist nicht so ein Hund“.

Hund: „Ich will nur, dass du mich besitzt“. Das alles vage an Mozart angelehnt.

Das Stück ist sexy, auf eine italienisch-linksradikale-die-fetten-Jahre-sind-vorbei-Art, aber es erzählt nichts über die spezifische Situation der Pizzeria Anarchia. Nicht einmal die beiden alten Damen, die am Fenster lehnen und sich über ihre neuen Mitbewohner—die schönen, jungen Punks—freuen, haben etwas Wienerisches. Wienerisch ist es nur in der Musik, durch die Nähe zur Oper, zum Operettenhaften, zum Slapstick.

Seht auf VICE die Fotos von der Räumung der Pizzeria Anarchia

Das Stück versucht, nicht schwarzweiß zu sein und Widersprüche zu thematisieren—in einer der selbstreferenziellen Stellen beschwert sich ein Schauspieler, dass er seine Wohnung verloren hat, nachdem er sie über Airbnb vermietet hat. Irgendwann reißt sich der Investor seine „Ich bin ein böser russischer Investor“-Maske vorm Kopf und verwandelt sich in einen sympathischen, jungen Typen, der halt nicht weiß, wohin mit der Kohle.

Am Ende wird „aus der Komödie ein Drama“ und ein kleiner ferngesteuerter Hubschrauber fliegt über die Bühne hinweg. Polizei, Punks und alte Damen in Aufregung. Dann ist alles vorbei und der Bär macht Tauchbewegungen. Wir klatschen sehr heftig.

Bei der Vertreibung aus einem Haus, gehe es um etwas sehr Körperliches, deshalb sei Tanztheater eine gute Form, um zu erklären, was das bedeutet, heißt es im Making-of zum Stück, das im Anschluss gezeigt wird. Nachher stehen die Schauspieler_innen noch im Café der Neuköllner Oper bereit, um Fragen zu beantworten.

Das freundliche und gut gelaunte Ensemble sitzt fünf schüchternen Zuseherinnen gegenüber. Sie essen Pizza und bestätigen, dass die Geschichte aus Wien nur eine Vorlage sei—ein Symbol dafür, was Gentrifizierung in Europa mit unserem Leben und in unseren Städten macht. Am Rande wird erwähnt, dass die Hausbesetzer_innen der Pizzeria Anarchia nicht besonders begeistert von dem Stück gewesen wären und es eine Vorstellung gegeben hätte, in der die „Punks sehr laut“ waren.

Wenn man heute an der ehemaligen Pizzeria Anarchia vorbeigeht, ist es ein ganz normales saniertes Gründerzeithaus mit einem ausgebauten Dachgeschoss. Eins von vielen in den europäischen Großstädten. Seine Geschichte erzählt es nicht mehr. Wem gehört eine Geschichte? Wem gehört eine Stadt? Am Ende kommt auf jeden Fall das Tanztheater.

„Pizzeria Anarchia“ erzählt einen sehr österreichischen Fall, der am Ende überhaupt nichts mehr mit Österreich zu tun hat—und gerade dadurch in seiner ganzen Absurdität entlarvt wird. Ich freue mich trotzdem, wenn es einmal einen streng der Wahrheit verpflichtenden Dokumentarfilm geben wird, in dem die Hausbesetzer_innen und Altmieter_innen ihre Geschichte erzählen.

Dann reden wir darüber, warum die Arbeiterklasse nicht mehr ins Theater geht und es ist eigentlich ganz schön. Ich fahre mit der U8 an den Stadtrand, denn ich lebe schon lange nicht mehr im Zentrum und an der Osloer Straße sagt ein Mädchen: „Ich bin ja nicht aus Wedding, ich wohne nur hier.“

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