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Früher war alles besser

Damals, als Britney noch realen Scheiß machte und Samy Deluxe der beste deutsche Rapper der Welt war.

von Lisa Ludwig
26 Oktober 2012, 2:00pm

Früher war alles Besser. Eine Phrase, die nicht nur windelwerbungskonformen Best Agern mit Tränen der Melancholie über die Lippen kommt. Nein, mittlerweile verlieren sich auch fast volljährige Hipsterkids auf Youtube gerne in der allumfassenden Traurigkeit über die schöne, vergangene Zeit, in der Britney noch realen Scheiß gemacht hat und es bei Jambaspots im Musikfernsehen noch primär um Klingeltöne ging. Warum das so ist? Weil Künstler egomanische Arschlöcher sind, die dich in deiner Jugendzeit mit guten Alben anfixen, um dich für den Rest deines Lebens sabbernd, auf Turkey und mit wirrem Blick in der Gosse der musikalischen Belanglosigkeit liegen zu lassen.

Ich gebe euch mal ein Beispiel.

Als sich mein Musikgeschmack langsam von Blümchen und Tic Tac Toe Richtung Ernsthaftigkeit entwickelte, formte sich in mir eine tiefgreifende, alles überstrahlende Liebe zu Rap. Insbesondere zu zwei Künstlern. Dahingehend fand ich mich als heranwachsendes Mädchen mit lächerlichem Hautbild ziemlich cool, tatsächlich war ich nämlich die einzige Person in meinem erweiterten Freundeskreis, die irgendetwas mit dieser Musik anfangen konnte. Es war ungefähr 2001/2002, als ich stundenlang auf dem Boden vor meiner Anlage gesessen, „Deluxe Soundsystem“ auf Repeat gehört und parallel die Songtexte im Booklet mitgelesen habe. Ich war 12, mein Taschengeld betrug 20 Mark (oder Euro. Was weiß ich, es ist ewig her) und wenn es etwas gab, worin ich mir zu tausend Prozent sicher war, dann war es folgendes: Samy Deluxe ist der beste deutschsprachige Rapper und niemand wird je an ihn rankommen.

Schnitt. Selbes Jugendzimmer, selbes Jahr, andere Platte. Neben meiner damals beinahe fanatischen Leidenschaft für Rap aus Hamburg im Allgemeinen und Samsemilia im Besonderen, gelang es hauptsächlich einem anderen, mein Herz zumindest zum Teil zu erobern. Eminem. Ja, jeder findet Eminem irgendwie gut. Eminem ist der Wodka der Musikindustrie und in Anbetracht dieser Metapher denke ich wehmütig an die Zeit zurück, in der noch nicht jeder aus meinem Freundeskreis ein Alkoholproblem hatte. Bis heute gibt es wahrscheinlich keinen Rapper, der mehr Hass in seine Stimme packen kann und obwohl sich mein Aggressionspotential erst noch in besorgniserregende Höhen schrauben sollte, fand ich das schon mit zarten 12 Jahren ziemlich super. Ganz nebenbei verhundertfachten sich meine Englisch-Skills durch die Tatsache, dass ich wirklich ALLES verstehen wollte, was da wütend ins Mikrofon gespuckt wurde, weshalb ich große Teile meiner Jugend mit einem Finger auf dem „Pause“-Knopf und einem anderen im Wörterbuch verbracht habe.

Springen wir jetzt ins Jahr 2012. Ich habe bereits einige Jahre Musikjournalismus hinter mir, bin zu einem zynischen, freudlosen Wrack mutiert und verbringe wesentlich mehr Zeit vor meinem Laptop als auf dem Teppich vor meiner Anlage. Meine ehemaligen Idole haben sich dafür entschieden, entweder nur noch esoterisch angehauchten FDP-Sonnenschein-Rap zu machen oder pseudo-deepe Plattitüden dreschend neben Rihanna in einem Roggenfeld zu stehen, während sie Nicolas Cage im Overacting mehr als nur Konkurrenz machen.

Manchmal krame ich meine alten CDs raus, schenke mir noch ein bisschen Wein nach und verbringe die komplette Nacht damit, von meinem Sessel aus durch meine Jugend zu skippen. Wäre das Leben ein Film, würde ich dabei weinen. Manchmal mache ich es auch.

Kein Wunder also, dass Oldschool-Rap Partys momentan so wahnsinnig Konjuktur haben und sich hunderte Menschen, die eigentlich schon ein bisschen zu alt für keck schräg sitzende Caps sind, sich vor Wohlbehagen schaudernd in den Armen liegen, während im Hintergrund „Can It Be All So Simple“ gespielt wird. Ich für meinen Teil tue mittlerweile einfach so, als wären meine Helden auf dem Höhepunkt ihres Schaffens auf dramatische Art und Weise gestorben. Und als würde „Fett MTV“ immer noch laufen.

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