Wie es ist, wenn man den Führerschein erst beim fünften Antritt besteht

Meine Freunde lassen mich nicht fahren, meine Familie auch nicht. Ich möchte auch gar nicht fahren. Gott sei Dank habe ich dafür mehr als 3000 Euro ausgegeben.

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06 April 2017, 4:00am

Foto: Ethan | flickr | by CC 2.0

Um es kurz zu machen – die Antwort lautet: scheiße. Man fühlt sich minderwertig, dumm, unfähig und zusätzlich macht es einen auch noch richtig pleite. Mit 18 bin ich den typischen Weg eines Vorstadt-Mädchens gegangen. Gleich nach der Matura war mein nächstes Ziel der Führerschein. In einer Vorstadt ist man eben kein vollwertiger Mensch, wenn man den "Schein" nicht hat.

L17 kam für mich nicht in Frage, da beide Elternteile keine guten Autofahrer sind. Außerdem war ich damit beschäftigt, nicht in Spanisch und Mathe durchzufallen – somit musste das Projekt Führerschein warten. Der Schein ist mehr als nur die Berechtigung, am Verkehrsleben wie ein starker, tötender Alpha teilzunehmen: Es ist der Schein in Richtung Freiheit und Selbstständigkeit. Was ist schon groß dabei, außer dem ausgegebenen Elterngeld? Richtig: gar nichts. Immerhin konnte ich zu dieser Zeit in einem Zeitfenster von einem Monat Integrale rechnen.

Gut. Ein Auto, die Versicherung fürs Auto, ein Parkpickerl und diverse andere Kosten, die so anfallen, hätte ich mir ohnehin nie leisten können – und kann es nach wie vor nicht. Aber mit 18 war mir das egal. Außerdem dachte ich, dass meine Eltern mir dann sowieso für jedes Großraumdisco-Fortgehen ihr Auto borgen würden. Da ich aber erst mit 21 mit dem Führerschein fertig war und nicht wie geplant mit 18, habe ich sämtliche Rechte am Familienauto verloren. Aber passenderweise auch die Lust auf Großraumdiscos. Oder aufs Fahren. Ich darf bis heute nur Mitfahrer sein. Gott sei Dank.

Abgesehen von den sozialen Aufstiegsgründen gab es noch ein anderes gutes Argument für den Führerschein: Jobs. OK, die Jobs waren ungefähr mit sieben Euro die Stunde bemessen, aber das war für mich damals quasi ein Managergehalt. Wenn man heute bei Jobportalen schaut, wird man sehen, dass bei Jobs, für die man eigentlich nur einen aufrechten Gang und eine gleichmäßige Atmung braucht, der Führerschein von Vorteil oder sogar tatsächlich ein Kriterium ist. Und als Maturant hat man dem Arbeitsmarkt auch nicht sehr viel mehr als eine gleichmäßige Atmung und einen aufrechten Gang zu bieten.

Ich habe also einen Sommer-Intensivkurs belegt. Seither weiß ich: Es gibt nichts Beschisseneres, als seinen Sommer in einem klimatisierten, fensterlosen Raum zu verbringen, wo dir auf trockenste und surrealste Weise die Theorie der Straßenverkehrsordnung näher gebracht wird. Anderseits ist es eine wundervolle und treffende Vorbereitung auf das Studierenden-Dasein.

"Ich habe eine selbstdiagnostizierte Links-Rechts-Schwäche. Das ist blöd, weil ich bis heute links nur anhand der Narbe auf meiner Handinnenfläche erkenne."

Damals hatte ich auch schon die ersten Stunden absolviert, die Sache aber nicht so ernst genommen. Immerhin wollte ich zuerst die Theorie bestehen – und wie schwierig konnte dieses Autofahren schon sein? Also habe ich die im Paket verfügbaren Stunden verprasst wie Rapper Cristal-Flaschen im Club. Zur Theorie-Prüfung bin ich dann tatsächlich ein volles Jahr später angetreten, weil mir das echte Studentenleben (sprich: nur saufen, nie studieren) dazwischengekommen ist.

Damit hier aber kein falsches Bild entsteht: Die Theorie habe ich auf Anhieb geschafft. Nicht umsonst hat mich das Schulsystem auf ein erfolgreiches Binge-Learning und ein zweckgeformtes Kurzzeitgedächtnis getrimmt. Aber genau da fing der Horror an. Weil die Fahrschule dachte, dass ich schon am Verkehrsleben teilnehmen kann, obwohl die Parkplatz-Stunden ein Jahr her waren, haben sie mich etwas vorschnell auf eben dieses losgelassen.

So habe ich die Stunden in meinem Paket relativ schnell ohne jeden Lerneffekt aufgebraucht: Ich habe immer nur das gemacht, was der Lehrer mir sagte. Dabei habe ich gezittert und den Motor getötet – bei jeder Berührung des Pedals oder Schalthebels. Nachdem meine bereits bezahlten Stunden aufgebraucht waren, haben meine Eltern mir zurecht den Finger gezeigt und es mein finanzielles Problem werden lassen. Eine Scheiß-Stunde kostet übrigens 100 Euro. Ich hatte im Monat 250 zur Verfügung.

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Foto: pexels

Sicher, ich hätte darauf scheißen können, aber ich hatte die Theorieprüfung erledigt und mit jedem investierten Euro wurde das Loslassen schwieriger. Im Poker nennt man das Commitment (in der echten Wirtschaftswelt vielleicht auch, aber woher soll ich als Maturantin das wissen). Außerdem wirkte damals noch die Überlegenheit nach, die man zirka ein Jahr nach der Matura verspürt.

Mein psychischer Zustand im Auto wäre reif für eine Telenovela gewesen, aber Paul, der nicht mal die Hauptschule geschafft hat, hatte schließlich auch den Schein und Jessica, die blöde Tussi, auch! Habe ich maturiert, um mich den Rest meines Lebens diesen beiden Menschen kognitiv unterlegen zu fühlen?

Nein. Ich habe maturiert, weil es mir einen sozialen Aufstieg versprach – genau wie der Führerschein. Wenn ich die Matura habe, dann kann doch so ein Scheiß nicht das Problem sein, dachte ich mir. Keine Sorge, die Überlegenheit ist seither gewichen und ich fühle mich inzwischen so ziemlich der gesamten Gesellschaft unterlegen. Ihr könnt euch also wieder entspannen und versichert sein, dass ich im Geiste eine brave, unterwürfige, gebrochene Katholikin geworden bin.

So in etwa war es bei mir auch.

Jedenfalls übte ich die ganze Zeit – und zwar um sehr viel Geld. Dank meiner finanziellen Lage gab es das ein oder andere Problem an der Sache: Ich hatte nie genug Geld, um jede Woche zu üben. Ab und zu konnte ich intensiver fahren, dann wieder mehrere Wochen nicht. Im Auto war ich nur gestresst: Es waren zu viele Eindrücke, zu viele Regeln, die ich längst nicht mehr kannte, und zu viel Verantwortung. Wenn man erst mal im Auto sitzt, wird einem erst bewusst, wie verdammt groß das Ding ist und wie beängstigend schnell es fahren kann. Nur ein Fehler und man löscht Gamma-Verkehrsteilnehmer aus. Gamma-Verkehrsteilnehmer sind Fußgänger, Radfahrer, Moped-Fahrer, Motorrad-Fahrer und ganz besonders Mütter mit Kinderwägen.

Abgesehen davon, dass meine Psyche offenbar zu fragil für diese Verantwortung war (und alle anderen, die nachher folgten), habe ich auch im Zuge der Fahrstunden auch noch herausgefunden, dass ich nicht halb so klug bin wie ich dachte. Ich habe eine selbstdiagnostizierte Links-Rechts-Schwäche. Das ist blöd, weil ich bis heute links nur anhand der Narbe auf meiner Handinnenfläche erkenne. Es ist eher nicht so leiwand, bei der Prüfung bei jedem "Jetzt nach links bitte" reflexartig seine Hände vom Steuer zu nehmen, um nachzusehen, welche Richtung jetzt gemeint ist.

Irgendwann hatte ich wirklich keine Lust mehr auf Stunden und war der Meinung, dass ich Formel1 fahren hätte können, weil mein Motor beim Start nicht sofort abgestorben ist. Also habe ich mich angemeldet. Das erste Mal durchgeflogen bin ich, weil ich nicht einparken konnte und beim Abbiegen Kontakt mit einem Gehsteig hatte. Und mit Kontakt meine ich, dass ich auf meine Handinnenfläche gesehen habe, um herauszufinden, wo links ist, statt der Bremse das Gas erwischt habe und fast gegen die Wand gefahren bin. "Najo, so kann ich sie nicht durchlassen", hätte sich der Prüfer, angesichts meines mentalen Herzinfarktes, sparen können.

Mein Geist reagiert auf die totale Niederlage mit irrationalem Ehrgeiz. Ich kaufte mir noch zwei Stunden, hatte das erste Mal die grenzgeniale Idee, meine Hände zu beschriften. Ich versuchte es noch mal. Ich konnte zwar noch immer nicht einparken, aber fahren? Bestimmt! Vor allem ging es bei den Stunden immer besser. Die unbekannte Prüfungssituation wurde da schon viel eher zum Problem. Aber in weiter Ferne habe ich mich schon in Musikvideos und auf lässigen Roadtrips gesehen, mit meiner Handtasche neben mir am Beifahrersitz.

Das zweite Mal fiel ich durch, weil ich fast einen Radfahrer angefahren hätte. Er ist im Schneckentempo mitten auf der Fahrbahn gefahren, als mein Fahrlehrer meinte: "Überholen Sie halt!" Anscheinend darf man aber nicht auf dem Zebrastreifen überholen. Und anscheinend ist so ein Auto breiter als gedacht. Ich mag bis heute keine Fahrradfahrer und finde sie auf einer Fahrbahn neben Autos völlig fehlplatziert. Vor allem, weil die meisten wirklich keine Ahnung von Verkehrsregeln haben. Also ähnlich wie ich, nur dass sie mich mit ihren Fehlern nicht töten können.

"Bei Lebenswichtigkeit fährt mein Hirn die Leistung dummerweise auf 0 Prozent runter. Ich wurde offenbar nicht geboren, um zu überleben."

Ich will hier wirklich keine Klischees nähren. Viele meiner Kolleginnen konnten auf Anhieb einparken und auch fahren. Mich versetzt es bis heute in einen argen Stress, auf einer belebten Straße zu fahren. Bei Zeitdruck und Lebenswichtigkeit fährt mein Hirn die Leistung dummerweise auf 0 Prozent runter. Was bleibt, sind impulsive Handlungen, die meistens noch viel mehr Stress verursachen. Ich wurde offenbar nicht geboren, um zu überleben. Danke für alles, 21. Jahrhundert.

Bei meinem dritten Mal – diesmal auch mit Theoriewissen – war ich dann schon einigermaßen nervös. Wenn man es beim dritten Mal nicht schafft, muss man nämlich zum Verkehrsarzt, der im Endeffekt nur schauen soll, ob man nicht vielleicht einfach zu blöd – oder tatsächlich zu psychisch krank – für den Führerschein ist.

Bis dato hatte ich auch eher Mitleid als Gelächter bekommen; immerhin schaffen recht viele Menschen den Führerschein nicht auf Anhieb. Beim dritten Mal fiel ich durch, weil ich unabsichtlich jemanden den Rechtsvorrang genommen habe. In der Fahrschule ist das ein Durchfallgrund, im Autofahrer-Leben eine alltägliche Realität. Was für eine Doppelmoral. Aber auch diese Sager konnten den Prüfer nicht überzeugen. Zu diesem Zeitpunkt schwang das Mitleid im Freundeskreis in Gelächter um und meine Eltern machten sich ernsthaft Sorgen um meine körperliche und geistige Fitness.

Als nächstes musste ich zum Verkehrsamt. Dort mit all den Alkoholikern zu sitzen hatte etwas wahnsinnig Ernüchterndes.

Als nächstes musste ich zum Verkehrsamt. Dort mit all den Alkoholikern zu sitzen hatte etwas wahnsinnig Ernüchterndes. Man kommt ins Grübeln, ob der eigene Alkoholkonsum schuld daran sein könnte, dass man bis jetzt keine einzige Prüfung geschafft hat. Ob man vielleicht einfach zu dumm ist. Oder eben psychisch zu angeschlagen. Heute weiß ich, dass mir eigentlich vor allem die Praxis gefehlt hat. Menschen, die keine Naturtalente sind, sollten unbedingt den L17 machen, oder einfach sehr reich geboren werden. Alternativ kann man es auch bleiben lassen, falls das eine Option ist.

Ich konnte das Projekt aber längst nicht mehr loslassen, da es mich zu dem Zeitpunkt wie gesagt bereits zu pleite gemacht hatte. Objektiv gesehen wäre es natürlich für alle Beteiligten besser gewesen, aber mein sparender Geist hat es nicht übers Herz gebracht, dieses Geld ins Nirwana zu schießen. Ab dem dritten Antritt wusste ich allerdings bereits, dass ich niemals fahren werde. Die Roadtrip-Fantasie verwandelte sich in eine, bei der ich ein psychisch-stabiler Durchschnittsbürger mit Führerschein war, der sich unter dem gesellschaftlichen Druck langsam einen Szenario wie am Ende von Falling Down näherte.

Ich habe mich innerlich auf psychischen Beistand vorbereitet – vielleicht konnte mir ja der Verkehrsarzt etwas sagen, was mir die Sorgen nehmen würde, oder mir erklären, was mit mir nicht stimmte. Ich hatte schon ziemlich viele Antworten auf die Frage parat: "Wie ist die Beziehung zu ihrem Vater?"

Das tatsächliche Gespräch dauerte dann etwa zwei Minuten und verlief zirka so:

"Was machen Sie so im Leben?" "Ich studiere." "Ah, eh. Was studieren Sie?" "Soziologie." "Spannend. Viel Erfolg weiterhin."

Beim vierten Antritt habe ich niemandem mehr erzählt, dass ich antrete. Die großartige Idee des Goschen-Haltens hätte ich eigentlich schon beim zweiten Antritt haben können. Wegen meines Mitteilungsbedürfnisses werde ich bis heute im Freundeskreis wie eine führerscheinlose Person behandelt. Zu diesem Zeitpunkt sind sicherlich an die 3000 Euro in das eher erfolglose Projekt geflossen. Bei meinem vierten Antritt – davor hatte ich ungefähr fünf Fahrstunden genommen – habe ich nicht bestanden, weil mein Prüfer ein blödes Arschloch war.

Ich schwöre, ich habe niemanden gefährdet und bin eher gut gefahren. Menschen, die von Beruf her Prüfer werden, könnten auch Lehrer oder Schwarzkappler sein. Niemand, der so etwas freiwillig tut, sollte es tun dürfen.

Beim fünften Mal dann hat es endlich geklappt. Ich musste aber auch dort versprechen, wirklich nicht allzu oft zu fahren. Bei meiner ersten Fahrt habe ich beim Ausparken einen Seitenspiegel mitgenommen, die Räder entlang des Straßenrandes geschliffen und wurde von der Polizei angehalten, die mir riet, einen Freund mit mehr Erfahrung fahren zu lassen.


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Das ist leider keine Lüge. Seither bin ich kaum gefahren. Manchmal fahr ich nachts mit dem car2go. Das geht echt ganz gut, auch wegen des Automatik-Getriebes. Aber ich muss auch das nicht wirklich haben. Überall wo man mit dem car2go hin kann, kann man auch mit den Öffis hin.

Meine Freunde lassen mich naturgemäß nie fahren, möge die Reise noch so lange sein. Im Endeffekt habe ich diesen Wisch nie wirklich gebraucht. Ich habe nie einen dieser Jobs bekommen, bei dem ich fahren musste, und ich fahre fast immer mit den Öffis oder gehe zu Fuß. Dabei kann ich Musik hören, entspannen, ärgere mich nicht und suche nicht ewig nach einem Parkplatz.

Wenn es mich nach außerhalb zieht, gibt es immer eine Möglichkeit. Ich weiß auch nicht wirklich, wo sich mein Führerschein aktuell befindet. In meiner Geldbörse ist er schon seit 2014 nicht mehr. Die 3000 Euro hätte ich bestimmt in angenehmere Dinge investieren können, wie zum Beispiel eine Jahreskarte. Oder einer Fahrschule, die nicht in Wien ist. Oder für alle DVD-Staffeln von Spongebob Schwammkopf.

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