Gewalt

Ein Polizist erzählt, wie es sich anfühlt, einen Menschen aus Notwehr zu erschießen

"Erst beim dritten Schuss fing der Mann langsam an zu wanken, beim vierten noch mehr. Aber er stand immer noch da. Erst nach dem fünften Schuss ging er langsam zu Boden."

von Rebecca Ramlow
09 Februar 2017, 8:49am

Michael Muche war 30 Jahre lang davon überzeugt, dass bei der Polizei zu arbeiten sein Traumberuf war. Dann wurde er zum ersten Mal mit einer Waffe bedroht und erschoss einen Menschen. Rechtlich gesehen war die Sache schnell klar: Es war Notwehr. Muche hat keine Schuldgefühle, aber Albträume und Panikattacken. Es folgten Therapien, Klinikaufenthalte – und schließlich der Abschied vom Job. Heute lebt der 59-Jährige mit seiner Lebensgefährtin und seinen Katzen in einem abgeschiedenen Haus auf dem Land im bayerischen Geldersheim bei Schweinfurt.


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Polizisten dürfen in Deutschland nur im äußersten Notfall die Waffe ziehen: zum Beispiel, wenn sie sich selbst oder einen Bedrohten schützen müssen. Die Zahl der Menschen, die jährlich durch Polizeiwaffen getötet werden, ist dementsprechend klein: 2016 waren es zehn Menschen. Generell liege diese Zahl im Schnitt im einstelligen Bereich, sagt Stefan Hegger, Pressesprecher der Polizeigewerkschaft Nordrhein-Westfalen.

Michael Muche sagt, inzwischen habe er sein Trauma verarbeitet. Er lacht viel, macht Witze. Wenn er seine Geschichte erzählt, wirkt er gefasst. Aber er spricht so schnell, dass man merkt, wie groß sein Bedürfnis, darüber zu reden, ist, dass die Geschichte ihn immer noch umtreibt.

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Alle Fotos: Rebecca Ramlow

"Es war der 1. März 2004, etwa viertel vor 11 nachts. Eine Frau hatte angerufen, sie hätte eine Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Mein Kollege Gustav* und ich fuhren zu ihrer Dachgeschosswohnung. Es war eine von diesen offenen Wohnungen, in denen die Räume nicht voneinander abgetrennt sind. Die Frau war um die 30 und hatte keinerlei Verletzungen – eigentlich untypisch, wenn jemand wegen häuslicher Gewalt die Polizei ruft.

Auch in der Wohnung war nichts kaputt, sie war perfekt aufgeräumt und dunkel. Ein Riesentyp, Mitte 30, mit kahlgeschorenem Hinterkopf, saß an einem kleinen Tisch – im Schneidersitz, die Hände unter seinen Oberschenkeln vergraben. Als ich die Frau fragte, was passiert sei, holte der Mann unvermittelt seine rechte Hand unter seinem Oberschenkel hervor und hielt mir eine Pistole entgegen. Aus fünf Metern Entfernung. Das war das erste Mal, dass mir überhaupt jemand eine Schusswaffe entgegengehalten hat. Ich schrie: 'Vorsicht, der hat 'ne Waffe!' Gustav und ich gingen hinter dem Kamin in Deckung. Der Mann sagte kein Wort, steckte uns nur die Waffe entgegen. Ich schrie: 'Knarre weg! Knarre weg!' Doch von ihm kam keine Reaktion. Er hockte einfach nur da.

Mein Gehirn fing an zu rattern: Was machst du jetzt?

Rein rechtlich hätte ich schießen können – schließlich wurde ich bedroht. Aber ich war nicht dazu bereit. Selbst als der Mann aufstand und langsam mit seiner Waffe auf mich zukam, konnte ich nicht abdrücken. Mein Hirn schaltete auf Notstrom. Ich hatte Todesangst. Ich schaute in diese Mündung hinein und dachte, da kommt gleich Munition heraus. Ich verlor völlig die Kontrolle, fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben hilflos.

Das Ganze hatte nichts mit den Schießübungen zu tun, die wir bei der Polizei trainiert hatten. Bei einem sogenannten Schießkino schießt man auf eine Leinwand – da bin ich ruhig, da atme ich ganz langsam. Echte Todesangst kann man nicht trainieren. Ich konnte nicht schießen und fliehen konnte ich auch nicht – schließlich wollte ich Gustav nicht im Stich lassen.

Der Mann wandte sich von mir ab. Dann hörte ich einen Knall. Bumm. Ich sah, wie mein Gustav umfiel. Ganz ruhig lag er da, die Augen weit offen. Ich dachte: 'Jetzt ist der Gustav tot!' Der Angreifer kam wieder ein paar Schritte auf mich zu und richtete die Waffe auf mich. Wieder rief ich: 'Knarre weg!' Wieder kam keine Reaktion. Diesmal schaute ich aus eineinhalb Metern in die Mündung seiner Pistole. Mündung, Mündung, Mündung. Ich sah keinen Mann, keinen Kopf mehr. Das war der Moment, in dem ich dachte, entweder schießt du jetzt, oder du bist bald tot. Ich schoss.
Der Erste Schuss ging auf seinen Rumpf. Doch er zeigte immer noch keine Reaktion. Ich schoss noch einmal. Er stand immer noch da, mit seiner Waffe. Ich dachte: Er muss sich doch bewegen, irgendetwas. Erst beim dritten Schuss fing er langsam an zu wanken, beim vierten noch mehr. Aber er stand immer noch da. Erst nach dem fünften Schuss ging er langsam zu Boden.

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Das Ganze kam mir vor wie mehrere Stunden. Gustav, den ich tot geglaubt hatte, bewegte sich plötzlich. Er war unverletzt. Der Schuss, den ich gehörte hatte, war nicht der des Angreifers gewesen. Gustav hatte ihn selbst aus Angst abgegeben. Dieser verfehlte aber den Mann. Gustav war daraufhin in eine Schockstarre gefallen. Kurz vor 23 Uhr trafen mehr Kollegen und der Notarzt ein. Ich war völlig neben der Spur, fühlte mich wie Falschgeld, saß versteinert da, während sie sich um den Verletzten kümmerten. Seine Lebensgefährtin, die vor der Schießerei in die Küche geflüchtet war, schrie die ganze Zeit. Die ganze Wohnung war voll Pulverdampf.

Der Angeschossene wurde mit Bauchverletzungen ins Krankenhaus gebracht – drei meiner Schüsse hatten ihn getroffen. Es stellte es sich heraus, dass er alkoholisiert war und Drogen genommen hatte. Zunächst bestand noch Hoffnung, dass er überleben würde. Aber er verstarb zweieinhalb Tage später an den Folgen seiner Verletzungen. Als ich das erfahren habe, habe ich nur gedacht: Jetzt habe ich wirklich jemanden getötet. Etwas später erfuhr ich, dass die Waffe des Mannes nur eine Schreckschusspistole war. Die Kriminalpolizei äußerte den Verdachte eines sogenannten 'Suicide by cop'."

"Suicide by cop" heißt, dass ein Mensch sich umbringen möchte und einen Polizisten so lange bedroht oder provoziert, bis er schießen muss, erklärt Polizeigewerkschaftler Stefan Hegger. Der Begriff "Suicide by cop" stammt von amerikanischen Polizeipsychologen. Aus verschiedenen Studien geht hervor, dass in den USA etwa die Hälfte aller Polizeischießereien einen "Suicide by cop"-Hintergrund haben.

Eine Studie des Delta Police Departments aus dem Jahr 2004 spricht sogar davon, dass etwa drei Viertel aller Vorfälle aus diesem Jahr darauf zurückzuführen waren. "In Deutschland sind die Zahlen auf jeden Fall geringer, konkrete Statistiken gibt es aber nicht", sagt Hegger. "Die Ausbildung bereitet die Polizisten nicht wirklich darauf vor. Wie soll man auch erahnen, dass ein Angreifer sich selbst töten möchte?"

"Die Kriminalpolizei kam zum Schluss, dass es sich in meinem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit um einen 'Suicide by cop' handelte. Mehrere Indizien wiesen darauf hin: Der Mann soll zum Notarzt gesagt haben: 'Macht mich doch endlich platt!' Außerdem hatte es zuvor keinen großen Streit gegeben. Der Mann hat seine Partnerin selbst dazu aufgefordert, die Polizei zu rufen, und sie so lange mit dem Messer bedroht, bis sie es tat. Außerdem litt er wohl an Depressionen. Es hieß, er hätte sich als Kind am Kopf verletzt und sei seitdem psychisch labil.

Als ich erfuhr, dass der Mann mich angriff, damit ich ihm sein Leben nehme, war meine erste Reaktion: 'So eine feige Sau!' Warum musste er mich da mit reinziehen? Aber als ich darüber nachgedacht habe, hat es sich relativiert: Einem psychisch Kranken kann man keine Vorwürfe machen. Inzwischen überwiegt mein Mitgefühl. Aber was er mir damit angetan hat, ist harter Tobak. Schuldig fühlte ich mich nicht. Ich hätte in der schummrigen Wohnung nicht erkennen können, ob es eine echte Waffe oder nur eine Schreckschusspistole war.

Aber ich fragte mich ständig: 'Hast du alles richtig gemacht? Hast du überreagiert?' Eine Endlosschleife an Fragen. Ich konnte monatelang nicht richtig einschlafen und wenn es mir doch gelang, hatte ich Albträume. Noch schwieriger wurde es, als ich erfuhr, dass der Mann der Bruder meines Freundes Arne* war. Drei Monate zuvor hatte ich noch zusammen mit ihm Silvester gefeiert. Die Eltern waren auch dabei. Einen Bruder oder Sohn hatten sie nie erwähnt. Ich wusste gar nicht, dass es ihn gibt. Wahrscheinlich war der Getötete das schwarze Schaf der Familie. Mit Arne habe ich noch einmal gesprochen, aber die Freundschaft hat sich erledigt. Die Mutter hat mich komplett abserviert. Bis heute spricht sie kein einziges Wort mit mir. Für sie bin ich nur noch Mike, der Mörder ihres Sohnes.

Rein rechtlich war schnell geklärt, dass mich keine Schuld traf. Aber es machte mich schon fertig. Zwei Tage lang hatte ich gemäß meines Dienstplans schichtfrei, aber als ich wieder zur Arbeit erschien, merkte ich sehr bald, dass mein Akku leer war. Mein Gefühl der Unversehrtheit war dahin. Bis zum Vorfall war ich ein grenzenloser Optimist gewesen. Jetzt war ich leicht reizbar, wurde schnell aggressiv, konnte keinen Stress mehr ertragen. Bei Einsätzen wollte ich immer die Hände sehen. Einmal habe ich einen Mann angeschrien, nur weil er seine Hände in der Hosentasche hatte. Da dachte ich, so kann es nicht weitergehen."

Muches Symptome sind typisch für Polizisten, die von einer Schusswaffe Gebrauch gemacht haben und seitdem an einer posttraumatischen Belastung leiden.

"Menschen, die in eine solch belastende Situation wie Muche geraten, sollten am besten eine Traumatherapie machen und viel über das Geschehene reden, damit das Trauma nicht noch größer wird", rät Stefan Hegger. Muche hat über den Vorfall viel mit Kollegen gesprochen und bekam eine soziale Betreuerin zur Seite gestellt. Aber das hat nicht gereicht: Er hatte Panikattacken, kam im Alltag nicht zurecht.

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Um die Ereignisse zu verarbeiten, hat Michael Muche aufgeschrieben, was er erlebt hat. Was als Schreibtherapie begann, ist inzwischen zu einem Buch geworden. Ich habe getötet: Chronik eines Polizistenlebens ist 2009 erschienen

"Erst der Traumaspezialist, den ich mir selbst gesucht habe, hat mir geholfen. Ein paar Mal hat er mich auch stationär einliefern lassen – unter anderem in eine Klinik in Bielefeld für Traumata und psychosomatische Erkrankungen. Insgesamt habe ich fast zehn Monate in unterschiedlichen Kliniken verbracht. Im Sommer 2007 ging ich schließlich wegen Dienstunfähigkeit in den Vorruhestand.

Da war ich 48. Ich hätte sehr gerne weitergemacht, aber ich litt an verschiedenen psychosomatischen Erkrankungen: Tinnitus, Schlafstörungen, hoher Blutdruck, zweimal hatte ich einen Herzinfarkt. Doch für meinen verfrühten Abgang bei der Polizei wurde ich von einigen Kollegen schief belächelt: 'Wieder der und sein Wellness-Programm.' Diese Kollegen haben mein Leid nicht richtig gesehen und verstanden. Ich bin eben ein guter Schauspieler: Ich habe so getan, als sei alles in Ordnung, dabei ging es mir richtig dreckig.

Heute geht es mir besser: Ich habe keine Panikattacken, aber noch immer Schlafstörungen. Ich bin ein lebensbejahender Mensch. Aber der Jahrestag des Geschehens erzeugt immer noch ein mulmiges Gefühl in mir. Ich kann heute allerdings besser damit umgehen, gehe zu einer Selbsthilfegruppe, mache Entspannungsübungen. Anti-Depressiva habe ich nie genommen. Ich hatte Angst, wie ferngesteuert herumzulaufen. Ich will ich sein. Ich habe mir geschworen, mir keine Vorwürfe zu machen. Das Leben ist sowieso schon zu kurz. Wenn ich jetzt noch weiter leide, dann bin ich selbst suizidgefährdet."

*Namen von der Redaktion geändert

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