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"Wer soll die Atombombe auf Deutschland schmeißen?" Antilopen Gang im Interview

Marcus Staiger hat sich mit der Antilopen Gang zusammengesetzt, um über die Revolution, Tierbefreiungsscheiße, die RAF und eine antideutsche Haltung zu reden.

20 Jänner 2017, 2:56pm

Foto: Robert Eikelpoth

Als vor zwei Jahren die Antilopen Gang ins Rampenlicht einer breiteren Öffentlichkeit trat, atmeten die altgedienten Musikredakteure in den großen Sendeanstalten und Magazinen auf: endlich mal wieder was Politisches, was Freches, was Rebellisches im deutschsprachigen HipHop. Endlich mal wieder was, was man auch im Tagesprogramm spielen lassen kann und nicht immer diese schmuddeligen "Ich ficke deine Mutter"-Reime. Die Antilopen wurden zum Liebling der Mainstream-Medien, gewannen 2015 den mit 10.000 Euro dotierten und von verschiedenen ARD-Jugendsendern verliehenen New Music Award und galten forthin als Aushängeschild einer Repolitisierung der deutschsprachigen HipHop-Landschaft. Parallel dazu verscherzte es sich die Band allerdings mit einem Teil der linken Szene, als sie im Neuen Deutschland ein Interview gaben, in dem sie betonten, dass sie im Falle von pogromartigen Stimmungen, die sie in Zusammenhang mit den Blockupy-Protesten und den Protesten um Stuttgart 21 brachten, sich auf jeden Fall auf die Seite der Polizei schlagen würden. Diese Debatte, die sich ausschließlich in linken Zirkeln und weitestgehend unbeachtet vom Rest der Gesellschaft abspielte, führte im echten Leben zu Auftrittsverboten und Ausladungen von verschiedenen Festivals.

Nun haben die Antilopen ein neues Album veröffentlicht, das Anarchie und Alltag heißt. Über das Verhältnis von Revolution und Gewalt, über alte Szenestreitigkeiten und die Schwierigkeiten, Politik und Popkultur auseinanderzuhalten, unterhielt sich Marcus Staiger mit Panik Panzer, Koljah und Danger Dan, der das Interview allerdings kurz vor Ende verlassen musste. Wahrscheinlich, weil ihm das alles zu viel wurde.

Noisey: Euer Album schwankt zwischen Geschichten des persönlichen Scheiterns und einer großen politischen Bühne, auf der eine Art Anti-Alles-Attitüde kultiviert wird. Macht ihr immer noch Musik für Außenseiter?
Panik Panzer: Ich frage mich, ob wir jemals Musik für Außenseiter gemacht haben? In unserer Musik, wie zum Beispiel bei dem Song "Patientenkollektiv", kann das passieren, aber es ist nicht meine Intention, nur Musik für Außenseiter zu machen.
Koljah: Welche Außenseiter? Außenseiter wovon? Außenseiter von HipHop, der Gesellschaft, in ihrem Freundeskreis, oder haben sie keine Freunde? Schwierig, das zu beantworten.
[Alle schauen erwartungsvoll auf Danger Dan]
Danger Dan: Muss ich jetzt auch was sagen?

Nein, aber gerade der Song "Patientenkollektiv" spielt ja schon auf so eine Außenseiterrolle in der Gesellschaft an. Wahnsinn als eine Möglichkeit, diese Gesellschaft zu ertragen
Danger Dan: Und vielleicht auch als Produkt dieser Gesellschaft. Es ist ja auch eine wahnsinnige Gesellschaft.
Koljah: Ich glaube, das ist schon eine Identifikationsfläche für Leute, die sich in so einem Lied selbst wiederfinden können, weil wir unsere biografischen Erzählungen reingebracht haben, warum wir fast wahnsinnig geworden sind. Und wenn wir dann im Refrain sagen: Komm wir schließen uns zusammen im Patientenkollektiv, dann appellieren wir natürlich an die Patienten. Gleichzeitig ist das aber natürlich auch eine Referenz auf das sozialistische Patientenkollektiv. Das war eine K-Gruppe Anfang der 70er Jahre, die ein Psychiatriearzt gegründet hat, und von dem am Ende auch ein paar zur RAF gegangen sind. Der Slogan "Aus der Krankheit eine Waffe machen" ist zum Beispiel von denen. Da haben wir uns ein bisschen drauf bezogen.
Danger Dan: Ein bisschen ist gut. Sehr eindeutig, wenn man es weiß. In dem Song haben wir aber auch das Scheitern in Verbindung mit politischen Begebenheiten gebracht. Wenn du in einer warenförmigen Welt nur noch als Arbeitskraft giltst und vollkommen entfremdet bist ... Dass du da Depressionen bekommen kannst, liegt ja vollkommen auf der Hand. Oder, dass du dir so viel Scheiße angucken musst, dass du halt anfängst, viel zu kiffen und abzukacken, und das hat halt auch politische oder gesellschaftliche ... Äh ... Du weißt schon.

Gründe?
Danger Dan: Ja genau, Gründe. Und das sind verschiedene Möglichkeiten, Krankheiten oder Depressionen zu untersuchen.

Was auch immer wieder auftaucht auf dem Album, ist die Verlogenheit der Gesellschaft. Ist die Lüge, neben dem Wahnsinn, die einzige Art und Weise diese Gesellschaft auszuhalten?
Panik Panzer: Indem man lügt oder sich selbst belügt, ist eine Möglichkeit mit dem Wahnsinn umzugehen. Sich selbst in einer Lügenblase verstecken und zurückziehen, oder die Welt als Lüge wahrnehmen. Es geht alles.

Wünscht ihr euch eine Gesellschaft ohne Lüge?
Koljah: Nee. Ich auf jeden Fall nicht. Manchmal will man angelogen werden. Manchmal ist es auch eine gute bürgerliche Tradition, so etwas wie Höflichkeit oder Etikette. Ich muss nicht alles wissen von allen Leuten und finde eine gewisse Distanz durchaus auch angebracht. Wenn alles auf Lüge oder Ideologie basiert, dann fängt es an schwierig zu werden. Da müsste man dann unterscheiden, ob wir von strukturellen Lügen sprechen oder sowas, aber wenn ich dich jetzt frage, wie es dir geht, dann musst du mir nicht erzählen, dass du Magen-Darm-Grippe hast und gestern deine Oma gestorben ist. Dann reicht es zu sagen: Ja, danke, gut. Das ist eine Lüge, aber das finde ich völlig in Ordnung.
Danger Dan: Also, ich fände es natürlich netter, wenn du sagen würdest, mir geht es nicht gut, aber ich will nicht drüber reden. Das sind Begegnungen, die mir mehr Spaß machen und natürlich wäre es schön, wenn man in einer Welt leben würde, die nicht so widersprüchlich ist, dass sie die ganze Zeit lügen müsste. Nehmen wir die Verpackung dieser fettarmen Milch zum Beispiel, die hier vor uns steht. Da ist irgendwas Grünes drauf, damit man denkt, eine Kuh hätte irgendwann einmal auf einer Wiese gestanden. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese 1,5%-Fett-Milch-Kuh auf einer schönen grünen Wiese gestanden hat, mit einem blauen Himmel darüber, die ist nicht so hoch. Ich vermute, die Kuh lebt in Wirklichkeit in einem grauen fiesen Stall, und natürlich würde diese Verpackung niemals so gestaltet werden, dass man mitkriegt, unter was für Bedingungen diese Kuh ihre Milch hergeben muss. Schön wäre es, wenn es eine Welt geben würde, die einem nicht diese Scheiße vorgaukeln müsste.

Und was wäre dann schöner? Wenn der graue Stall auf der Milchpackung abgedruckt wäre, oder wenn die Kuh tatsächlich auf der Wiese stehen würde?
Danger Dan: Das Schöne wäre, wenn die Kuh in Ruhe auf der Wiese chillen könnte und ..
Koljah: Das artet jetzt aber echt zu irgendsoeiner Tierbefreiungsscheiße aus.

Was ist gegen Tierbefreiungsscheiße einzuwenden?
Koljah: Gar nichts. Aber erstmal feiere ich doch Menschbefreiungsscheiße. Aber ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Tiere artgerecht behandelt werden. Das möchte ich jetzt auch nicht falsch verstanden wissen. Ich bin auf jeden Fall für pro Bio-Milch, oder wie man das auch immer nennt.

Bevor wir zur Befreiung des Menschen übergehen, habe ich aber noch eine andere Frage an dich, Koljah. Du sagst auf dem Album "Mein Vater meinte, ich soll nicht mehr kiffen, wie recht er damit hat, habe ich erst heute begriffen." Ist das eine bürgerliche Lüge, die du ihm aus Höflichkeit aufs Album gepackt hast oder ist das eine tiefere Einsicht?
Koljah: Es ist tiefere Einsicht.

Und du dachtest, das tut den jungen Menschen gut, wenn du das mal als Message mit auf die Platte packst?
Koljah: Das ist natürlich eine blöde Situation, weil ich 13 Jahre meines Lebens gekifft habe, von 13 bis 26, und ich hätte mir von niemandem sagen lassen, dass Kiffen scheiße ist. Vor allem nicht von meinem Vater, und wenn ich jetzt damit ankomme, dann wird das wahrscheinlich niemandem was bringen. Trotzdem war es für mich ein ganz zentraler Punkt in meinem Leben, damit aufzuhören und auch zu verstehen, dass mir das geschadet hat. Mein Vater hat mir schon ganz früh immer wieder gesagt: "Mach das mal nicht. Es gibt Leute, die vertragen das. Es gibt Leute, die vertragen das eher nicht. Ich glaube, du, mein Sohn, gehörst eher zu denen, die das nicht vertragen." Und ja, er hatte mit allem Recht. Ich fand das dann einfach nett, das irgendwie mal so zu sagen. Das ist eine kleine Hommage an ihn. Falls jetzt irgendein 14-jähriger Antilopen-Fan auf die Idee kommt, deswegen nicht zu kiffen, dann habe ich da nichts dagegen, aber natürlich geht es nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben und zu sagen: "Kifft alle nicht!" Trotzdem kann ich heute sagen: Das war nicht gut. Das ist auch scheiße, mit 13 anzufangen. Ich glaube, das ist für so eine Persönlichkeitsentwicklung suboptimal.
Panik Panzer: Sieht man ja.

Der Song "Gestern war nicht besser" auf eurem neuen Album klingt ein wenig resignativ. Da heißt es zum Beispiel "Probleme werden nur getauscht". Seid ihr glücklich mit dem, was passiert ist in den letzten zwei Jahren?
Panik Panzer: Glück?! Da schwingt immer mit, dass man nach dem vollkommenen Glück streben würde, wo es nichts Falsches mehr gibt oder nichts Negatives. Aber das ist ja klar, dass das nicht erreichbar ist.
Danger Dan: Also, ich kenne auch das Leben als Zeitarbeiter, der seine Miete bezahlen muss und so niedrige Bildungsqualifikationen hat, dass nur die Zeitarbeitsfirma ihn angestellt hat. Das war schon eher scheiße und insofern halte ich das, was wir jetzt machen, für großes Glück. Trotzdem ist es jetzt nicht so, dass ich glücklich wäre, sondern ich glaube, das ist für mich nur eine Zwischenphase. Dieses Ding, was vorher nur ein Hobby war: in zwei Tagen ein Album aufnehmen und dann auf Tour gehen und sich betrinken. Diese Befreiung vom Alltag ... Das haben wir eingetauscht mit dieser Anarchie, die auf einmal zum Alltag wird, der mehr Zeit beansprucht, als eine Gewerkschaft überhaupt zulassen würde. Also, das sind schon bis zu 70 Stunden-Wochen, die Standard werden irgendwann.
Koljah: Du siehst, wir haben es echt schwer.

Ihr habt einen Track auf dem Album, in dem es heißt, jeder Revolutionär braucht Pizza und Gewehr. Braucht man als Revolutionär tatsächlich ein Gewehr?
Danger Dan: Wenn man eine Pizza hat, dann ist das Gewehr vielleicht gar nicht so wichtig. Aber wenn man keine Pizza mehr hat, dann muss man irgendwann mal ans Gewehr.
Koljah: Die Revolution wird keine gewaltfreie sein. Allerdings sehe ich halt keine Revolution kommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn eine käme, sie friedlich verlaufen würde.

Ihr behauptet von Euch, dass ihr ein trojanisches Pferd seid und einmal sagt ihr auch "wir zerstören Euch von innen." Wer ist Euch?
Danger Dan: Du bist auf jeden Fall dabei und der Rest der Mainstream-Presse.
Koljah: Die Lügenpresse ganz allgemein.
Panik Panzer: Alle, die im Schweinesystem drin sind und ihm dienen. [Gelächter]
Koljah: Alle, die uns eingeladen haben, auf ihren Bühnen zu tanzen. Wenn wir es irgendwie schaffen, aus diesem trojanischen Pferd rauszukommen. Das ist ja auch groß, so ein Pferd, und wir sind ja auch nicht die Geschicktesten. Aber wenn, ...
Danger Dan: Die Revolution frisst ihre Kinder und wir sind schon im Bauch eines trojanischen Pferdes. Wir sind schon längst runtergeschluckt worden.

Das heißt, auf die Alternativlosigkeit dieser Welt, mit einer Revolution, die nicht in Aussicht ist, kann man nur mit Sarkasmus reagieren?
Danger Dan: Nein, wir haben ja auch konkrete Utopien formuliert. Zum Beispiel einen Baggersee. Ein schöner Tag am Strand mit Chillen. Du kannst Tretboot fahren, angeln, schnorcheln, Wasserski und es gibt Eis. Die Sonne scheint. Das ist schon so etwas, wo wir drauf hinarbeiten werden.

In "Beate Zschäpe hört U2" heißt es, "Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien." Diese Vision, die du beschreibst, beinhaltet ja auch die Vernichtungsfantasie von Deutschland. "Atomwaffen auf Deutschland", das ist die Utopie.
Danger Dan: Nee, das Bild, das ich gerade beschrieben habe, ist ja eher das von verliebten Pärchen, die am Strand sitzen und sich den Sonnenuntergang angucken. Dafür braucht man aber erstmal einen großen See, und ich finde den Ort Deutschland für diesen See gar nicht so falsch. Das Land ist weg und an der französischen und polnischen Grenze gibt es endlich ein wunderschönes Erholungsgebiet.

Wo dann französische und polnische Nationalisten darauf Boot fahren. [Gelächter] Warum denkst du, dass da bessere verliebte Pärchen anzutreffen sind als in diesem Land?
Koljah: Die Franzosen haben wenigstens republikanische Werte.

Marine Le Pen hat also wenigstens republikanische Werte?
Koljah: Ja, meine Güte ... Dann werden die Leute schon irgendwie ihre Wege finden, wie das Zusammenleben am Ufer des Baggersees organisiert wird. Wir werden nur die Voraussetzungen schaffen.
Danger Dan: Da gehört natürlich noch ein bisschen mehr zu, aber der See liegt uns auf jeden Fall stark am Herzen.

Ihr werdet teilweise als antideutsches Feindbild aufgebaut. Zu Recht? Seid ihr Antideutsche?
Danger Dan: Was heißt das für dich, antideutsch?

Leute, die Atomwaffen auf Deutschland werfen wollen und dann sagen, dass das die Lösung des Problems sei. Und zwar welches Problems eigentlich?
Koljah: Na, von Deutschland.

Also der Nationalstaat als Problem, oder geht es um ein gewisses deutsches Problem?
Koljah: Es geht ja auch um eine Ideologie. Die Idee von Deutschsein ist so eine völkische Idee, die gar nicht mal so sehr eingrenzbar ist. Es gibt auch Ideen, die vom Nationalsozialismus inspiriert sind, die gar nicht in den Grenzen der BRD stattfinden. Das Problem liegt in diesen Ideen. Ich bin auf jeden Fall so gesehen antideutsch, dass ich diese deutsche Ideologie ablehne und würde mich auch immer dagegen verwehren, prodeutsch zu sein. Das sehe ich nicht wirklich als Beschimpfung.
Danger Dan: Ich kann mich dem nur anschließen. Vielleicht hilft es dir ja auch, dieses Lied mit der Atombombe auf Deutschland nicht ganz so bildlich zu sehen, nichtsdestotrotz würde ich mich über den See sehr freuen.
Koljah: Das ist ja auch schön, gerade wenn man so resigniert ist, weil die Revolution in weiter Ferne ist, dass dann so ein Schimmer einer Utopie durchschimmert, wie dieser Baggersee. Das ist etwas, woran man sich festhalten kann. Wenn man dann auch noch ein paar Leute ärgern kann, dann ist das doch perfekt. Wir waren bei Circus HalliGalli und sind aus diesem Schrank gesprungen und haben gesungen: "Ihr seid 80 Millionen, die man abschlachten muss" und dann haben wir einen Shitstrom kassiert. Aber da haben sich genau die richtigen Leute darüber aufgeregt. Denen nochmal so ein Lied mitzugeben, das ist für mich so eine kleine Genugtuung.

Wer wirft diese Bombe eigentlich? Wäret ihr als verweichlichte Kriegsdienstverweigerer den Streitkräften eine Hilfe?
Panik Panzer: Ich will Kollateralschaden sein, wenn's geht.
Danger Dan: Ich verwahre mich dagegen, als verweichlichter Kriegsdienstverweigerer bezeichnet zu werden. Ich bin nämlich Vollverweigerer und habe sogar die Musterung verweigert. Da lege ich sehr viel Wert drauf. Ich habe alles verweigert. Ich habe mit der Bundeswehr nie geredet und nie kooperiert.
Koljah: Ich wurde komplett ausgemustert.

In einem Interview mit dem Neuen Deutschland habt ihr gesagt, dass ihr die Polizei gegen einen wütenden Bürgermob unterstützen würdet. Wärt ihr als totale Kriegsdienstverweigerer und Ausgemusterte der Polizei überhaupt eine Hilfe, oder würdet ihr der Polizei nur dumm im Weg rumstehen?
Danger Dan: Also wer ernsthaft den Wahn mitbringt, dass so etwas 1:1 ernst gemeint sein könnte und sich daraus zusammen konstruiert, wir würden grundsätzlich mit Polizisten Demonstranten verprügeln wollen, dem kann ich auch mit Argumenten nicht weiterhelfen. So viel muss man sich dann doch mit uns auseinandersetzen, um den Witz zu verstehen. Wenn man schon so sauer ist.

Trotzdem. Habt ihr Blockupy mit Occupy verwechselt?
Danger Dan: Ich habe in dem Moment ... Äh ...
Koljah: Ja.
Danger Dan: Ich vermute, ja. In dem Moment gab es tatsächlich eine kleine Verwechslung, aber ich würde behaupten, das war ein Transkriptionsfehler vom Neuen Deutschland.
Koljah: Wenn wir aber schon darüber reden, muss man auch mal sagen, dass diese ganzen Diskussionen ganz falsch geführt wird. Es wird immer darauf herumgehackt, dass Daniel gesagt hätte, dass er mit irgendwelchen Bullen Demonstranten verprügeln will und wir deshalb Polizistenfreunde sind. In dem Interview ging es aber darum, dass Daniel gesagt hat, dass Demonstranten, die immer gegen Banker agitieren und das durchsetzen könnten, was sie wollen, dann ein Lynchmob wären. Und dann hat er gesagt, dass er sich der Polizei anschließen würde, weil er Morde verhindern will.

Bringen Blockupy oder auch Occupy einen mordenden Lynchmob hervor?
Koljah: Bislang jedenfalls noch nicht, was sehr gut ist, Dank der deutschen Polizei ... Nein, das darf ich nicht sagen, sonst gibt es wieder Ärger [lacht].

Das heißt, dass die Polizei die revolutionären Kräfte daran hindert, Morde zu begehen und sie so vor sich selber beschützt.
Koljah: Das wäre ja dann auch eine Konterrevolution, wenn die jetzt irgendwo hingehen und Leute lynchen würden. Das wäre auf jeden Fall nicht die Revolution.

Trotzdem glaubst du schon, dass die Revolution eine gewalttätige Sache sein wird. Zumindest hast du das vorhin gesagt.
Koljah: Aber ich habe ja nicht gesagt, wen die Gewalt treffen wird. Und dass eine eventuelle Revolution gewalttätig verlaufen wird, heißt ja nicht im Umkehrschluss, dass Leute, die ernsthaft denken, Banker seien an allem schuld, eine revolutionäre Situation schaffen, indem sie jetzt mal ein paar Banker hängen. Abgesehen davon, darf man sich doch kein Bild machen von der Revolution. Die wird kommen oder auch nicht. Da gibt es ein Bilderverbot.
Danger Dan: Eieiei, ich kann dem allen gar nicht mehr folgen.
Koljah: Ich finde es auf jeden Fall sehr schön, wie diese ganzen Versatzstücke aus dem Neuen Deutschland-Interview unserer Rechtfertigung von damals bei Facebook mit diesem Baggerseelied und dem trojanischen Pferd jetzt so nachträglich zu einer nicht ganz kohärenten, aber irgendwie sehr attraktiven Idee zusammengeschustert werden. Mir gefällt das.
Danger Dan: Mir gefällt das auch, aber so ein bisschen dumm finde ich es leider auch.

Nun, ich habe ja jetzt etwas sehr Ehrenhaftes unternommen und euch die Fragen gestellt, die ihr damals in eurem eigenen Statement aufgeworfen habt.
Danger Dan: Das ist lieb von dir.
Koljah: Ich finde es eher schwierig, dass sich da verschiedene Ebenen vermischen. Dass da so ernste Aussagen, mit überspitzten Witzen zu einem Brei vermischt werden, der am Ende auch wieder von niemandem verstanden wird. Auch von uns vielleicht nicht so ganz.
Danger Dan: Ich muss jetzt leider los. Ohne Scheiß. Ich habe unverschiebbare Termine. Ich muss zur Massage. Tschüss.
Koljah: Das klingt jetzt sehr glaubhaft.

Habt ihr Schwierigkeiten den Sarkasmus, Politik, Polit-Rap, Rap und die Musik gegeneinander abzugrenzen. Fällt euch das schwer?
Koljah: Ich glaube, das hat man gerade ganz gut gemerkt. Dadurch, dass wir jetzt keine klassische Politband sind, die bestimmte politische Programmatiken mit ihrer Musik transportieren will, haben wir gar nicht den Anspruch, dass immer alles so eindeutig zu erklären. Da vermischen sich dann halt ernste Aussagen mit etwas aberwitzigen Spinnereien.
Panik Panzer: Will man das überhaupt so abgrenzen? Muss man das, oder gefällt es einem nicht, hier und da mal zu verwirren und zu provozieren?

Auf der anderen Seite seid ihr auch von einer Mainstream-Presse mit offenen Armen aufgenommen worden, die allesamt gesagt haben, endlich gibt es auch wieder politischen Rap. Wie fühlt sich das an für Euch?
Koljah: Ich kann es mir manchmal nicht ganz erklären, dass wir mit gewissen Inhalten, mit denen wir gar nicht hinterm Berg halten, trotzdem als die politisch korrekten Supertypen eingeladen wurden. Das hat mich manchmal irritiert. Ich glaube aber, das hat damit zu tun, dass die Medien alles was es gibt, aufsaugen können. Es gibt immer einen Platz, mal sowas richtig Rebellisches zu zeigen. Und diese Funktion sollen dann halt wir einnehmen. Davon handelt ja auch der Song vom trojanischen Pferd, um aufzudecken, dass das alles nur Strategie von uns war, um dann irgendwann aus dem Pferd zu humpeln und zu gucken, was wir dann Großes vorhaben.

Ihr habt auch ein Lied über die RAF gemacht, das eher gehässig klingt. Gleichzeitig habt ihr im Lied "Trojanisches Pferd" einen positiven Bezug zu Ulrike Meinhof hergestellt. Warum ist so ein Song notwendig für euch? Um auch damit die richtigen Leute zu ärgern?
Koljah: Gibt es überhaupt noch RAF-Sympathisanten? Na gut, bei deinen Freunden vielleicht.
Panik Panzer: Christian Klar findet den Song vielleicht auch nicht so lustig, wenn er ihn hört.
Koljah: Vielleicht konnte man die Bezugnahme im Trojanischen Pferd so auch nicht stehen lassen und da musste dann auch, so widersprüchlich wie wir sind, der RAF-Rentner-Song wieder drauf sein. Die Inspiration kam natürlich durch die Medienberichte über dieses RAF-Trio, die im letzten Jahr gehäuft auftauchten. Diese alten RAFler, die wieder Banküberfälle gemacht haben, weil sie Geld brauchten und da hat jeder so ein bisschen erzählt, was er von der RAF hält. Wir haben jetzt nicht richtig viele gute Haare an denen gelassen und die Bezugnahme im "Trojanischen Pferd" bezieht sich ja auch auf Ulrike Meinhofs Position, bevor sie abgetaucht ist. Da sage ich ja auch, wir sind ein bisschen frech, jung, ein bisschen kritisch. Wir werden überall in Talkshows eingeladen und erfüllen diese Funktion des Rebellischen, und so eine ähnliche Rolle hatte Ulrike Meinhof bis 1970 auch. Die war eine gefragte Chefredakteurin, die saß in Talkshows und konnte sagen, dass der Schah irgendwie scheiße ist und die Polizeigewalt nicht klar geht und dann kam der Punkt, wo sie abgetaucht ist. Ich halte es eben mit der Ulrike Meinhof von davor.

Man könnte aber eben auch sagen, Ulrike hat die Lüge dieser Welt nicht mehr ertragen und hat gesagt, sie macht jetzt einen Strich und macht das jetzt verbindlich mit der Revolution.
Koljah: Sie war dann aber auf einem Irrweg. Diese ganze antiimperialistische Ideologie, die sie dann vertreten hat, war halt nicht die richtige Antwort auf die falsch eingerichtete Welt. Geiles Schlusswort, oder?

Koljah als Gewinner der Geschichte, der den Stab über Ulrike Meinhof gebrochen hat. Ich denke, das wird die nächsten Diskussionen nach sich ziehen. Vielen Dank für dieses Gespräch.

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