DIE LITERATURAUSGABE 2017

'Wie man seine Frau im Schach besiegt' – Eine Erzählung über einen unsichtbaren Rosenkrieg

Ein ganz normaler Haushalt: ein Mann, eine Frau ... und der Liebhaber der Frau. Wer trägt die Krone, wer ist der Bauer und wer ist einfach nur dreist?

von Paul Maliszewski
26 Februar 2017, 5:00am

Fotos: Mirka Laura Severa

Aus der Literaturausgabe 2017.

DIE ERÖFFNUNG

Meine Frau und ich (und Elgar) hatten gerade zu Abend gegessen—Putenfleischklößchen mit irgendeiner Sahnesoße drauf. Sie und Elgar quatschten beim Abspülen in der Küche. Elgar ist ein Freund meiner Frau. Er kommt aus Deutschland. Er wohnte damals eine Weile in unserem Keller. Ich war im Wohnzimmer, in meinem Sessel. Ich drehte die Lautstärke des Fernsehers runter. „Liebling?", sagte ich.

Sie antwortete nicht. „Wir sollten heute Abend Schach spielen", sage ich. Ich musste mich schwer zurückhalten, um nicht zu lachen; es ist sehr wichtig, bei der Eröffnung nicht zu lachen. Beim Schach geht es immerhin um Planung, Gerissenheit und Verstand.

„Was meinst du?", fragte ich.

Meine Frau rief rüber: „OK, Schatz."

„Im Fernsehen spielen sie Schach", sagte ich. „Es ist gerade Weltmeisterschaft oder so."

Meine Frau sagte, sie würde bei mir sein, sobald sie den verdammten Müll rausgebracht habe.

Ich sah zu, wie sie und Elgar den Müll zur Hintertür rausschleppten.

Eine halbe Stunde später kamen sie nach Zigarettenrauch riechend zurück. Ich hatte mein Schachbrett mitsamt allen Figuren aufgestellt. „Na, bist du bereit?", fragte ich.

Sie und Elgar gingen die Treppe hoch.

„Hey, wo gehst du hin?", fragte ich.

Sie sagte, sie müsse Wäsche zusammenlegen. Oben machten sie laute Musik an. Es klang wie eine von Elgars Playlists. Elgar mag amerikanische Country-Musik, Songs über Trucks und staubige Straßen und Frauen in Jeans und all den Kram. Nach einer Weile kamen Elgar und meine Frau wieder runter. Sie sah müde aus. Sie umarmte ihn lang und fest, bevor er in den Keller ging. Das, so dachte ich, war der perfekte Moment für meine Eröffnung.

Ich nahm einen weißen Bauern in die eine Hand und einen schwarzen in die andere und hielt ihr meine Fäuste hin. Sie sah mich mit diesem „Was willst du jetzt, Gene?"-Blick an, den sie oft hatte.

„Wähle eine", sagte ich. Ich musste einfach lächeln.

Sie zeigte etwas widerwillig auf meine linke Hand und ich öffnete sie. Es war der schwarze Bauer. Der erste Zug war mein. Ich führte einen kleinen Tanz auf.

DIE SPANISCHE PARTIE

Die klassischste Eröffnung beim Seine-Frau-im-Schach-Besiegen ist bekannt als Ruy Lopez oder „die Spanische Partie". Lopez war ein spanischer Priester. Ich schätze, er spielte gegen andere Priester. Er wird ja kaum gegen die Nonnen gespielt haben. Lopez selbst war also nie verheiratet, doch er entwickelte eine Methode, um Ehefrauen im Schach zu schlagen, die noch heute funktioniert. So geht's:

1. e4

Deine Frau hat jetzt viele Optionen, aber wenn sie auch nur das Geringste mit meiner Frau gemein hat, wird sie vermutlich viel mit Elgar tuscheln, dann kichern beide und sie nimmt den Bauern, der deinem direkt gegenüber steht, ihren Königsbauern, und bewegt ihn zwei Felder vor. Damit hat sie deinen triumphalen Vormarsch unterbrochen. Der Bauer hatte mal Großes vor, doch jetzt sitzt er fest und kann nichts mehr tun, als mit den Jungs im Café sitzen und über Theorien sprechen, Theorien über den US-Bürgerkrieg und den Zweiten Weltkrieg. Ehefrauen finden solche Blockiermanöver urkomisch. Als ob man gegen sein eigenes Spiegelbild spielt.

Als Nächstes machst du etwas mit einem Springer. Nimm einfach einen von beiden, welcher ist egal. Du verlierst diese Partie ohnehin. Deine Frau ist vielleicht einfach objektiv besser im Schachspielen. Meine Frau stellte sich als sehr gut im Schach heraus. Bei der Hälfte unserer Partien stinke ich gnadenlos ab. Vielleicht sogar mehr als die Hälfte.

DAS DAMENGAMBIT

Vielleicht magst du es subtiler als Padre Lopez, der Frontalangreifer. Vielleicht bist du einer, der langfristig denkt und der gern ganz langsam einen Plan ausheckt, um seine Frau methodisch im Schach zu besiegen. Wenn ja, dann ist das Damengambit das Richtige für dich.

Eines Abends spielten meine Frau und ich Schach. Ich hatte meine Positionen schon alle im Auge. Das Damengambit war wie ein Strick, der sich langsam um ihren kleinen Hals legte. Ich hatte sie genau da, wo ich sie wollte. Dann kam Elgar aus dem Keller.

Elgar stand hinter meiner Frau, knetete ihre Schultern und studierte das Brett. Dann sagte er zu mir: „Ist das ein Damengambit, was du da versuchst?"

Ich durchbohrte ihn mit meinem Blick. Elgar nickte, grinste, als denke er an einen Witz, der zu Hause in Deutschland kein Auge trocken lassen würde. Er beugte sich über die Schulter meiner Frau und zeigte auf ihre Dame. Dann flüsterte er ihr zu und ich hörte nichts davon, doch sie zog mit ihrer Dame und bedrohte meine Dame, also musste meine Dame sich zurückziehen und mein Angriff war torpediert. Das gesamte Damengambit fiel dadurch ins Wasser. Ich hasse das Damengambit.

„Schach ist schon 'ne feine Sache", sagte Elgar. „Dermaßen viele Züge und Kombinationen und weiß nicht was."

„Ja, ganz toll, Elgar", sagte ich.

„Ja", sagte er, schon wieder grinsend. „Ich war damals als kleiner Schuljunge Nachwuchsschachmeister, und auf der Uni war ich der Chef vom Schachklub."

Irgendwie waren dann die Figuren nicht mehr auf dem Brett. Ich weiß nicht, was passiert ist. Vielleicht habe ich wirklich gegen den Tisch getreten. Ich wusste nicht mehr, wie alles gestanden hatte, also packte ich das Brett weg für ein anderes Mal, wenn Elgar nicht dabei war.

DER SIZILIANER

Sagen wir, du konntest deine Frau schon zwölfmal zum Schachspielen überreden, und vielleicht hast du sie ein- oder zweimal besiegt, oder vielleicht noch nie—auch egal! Auf jeden Fall ist deiner Frau, schlau wie sie ist, langsam klar, dass du bei deinen Eröffnungen immer eins machst:

1. e4

Was also, wenn sie mal den ersten Zug hat—und wenn das noch nicht passiert ist, dann wird es das noch—und sie macht dann einfach auch

1. e4

Genau wie du zuvor! Was dann? Ich sag's dir. Du brauchst eine Verteidigung, mein Freund, und zwar dalli. Sonst hast du keine Chance. Ich empfehle die Sizilianische Verteidigung. Der Sizilianer ist eine sehr aggressive Verteidigung, und wenn deine Frau nicht nebenbei noch Bücher über Schach liest (und das bezweifle ich sehr, denn wenn sie irgendwas mit meiner Frau gemein hat, dann schaut sie ständig mit Elgar im Keller Filme), dann wird diese Verteidigung dir ein treuer Freund sein. Stell dir den Sizilianer als deinen Freund aus Sizilien vor, nur dass dieser Freund nicht nächtelang Rom-Coms schaut, um sein Englisch aufzupolieren, und er auch nicht immer unter deiner liebsten Navajo-Decke kuschelt, wegen seiner schlechten Durchblutung.

FESTUNG

Ich war mit den Jungs im Café. Ich war gerade dabei, meine Theorie zu erklären, die ich schon den ganzen Sommer entwickelte und die ich irgendwann nächstes Jahr veröffentlichen will. Sie besagt, dass der große Südstaatengeneral Robert E. Lee seinen Generalmajor Pickett einfach nur in eine klassische Verteidigungsposition hätte bringen müssen. Wenn sie keinen Angriff gestartet hätten, wäre die ganze Schlacht von Gettysburg vielleicht anders verlaufen.

Mein Freund Chad unterbrach mich. „Alter", sagte er, „ist das deine Frau?"

Ich blickte über meine Schulter. Sie war es. Sie und Elgar spazierten auf uns zu. „Ja", sagte ich. „Sie gehen zur deutschen Botschaft. Elgar muss sein Visum erneuern oder so."

Chad sagte: „Halten die etwa immer Händchen?"

„Ja", sagte ich. „Wenn sie unterwegs sind, schon." Ich verlor langsam die Geduld mit Chad. Ich wollte zurück zu meiner Theorie. Ich stellte mir Pickett als König vor und seine Truppen wie eine Festung aus Bauern, die ihn umgab. Manchmal mache ich das, eine Festung um mich bauen und mich einfach verschanzen. Ich sah zu Chad, der Elgar und meine Frau beobachtete. „Da du schon fragst", sagte ich, „Elgar fällt es schwer, amerikanische Straßen zu überqueren, also hilft ihm meine Frau. OK?"

„Oh", sagte Chad.

Elgar und meine Frau liefen vorbei. Sie unterhielten sich angeregt. Ich winkte. Ich schätze, sie bemerkte mich nicht.

DIE GROSSE SCHEIDUNG

Ich sehe mir gern Videos von alten Schachpartien an. Man findet sie am Computer. All die alten Meister sind da: Kasparow, die anderen. Martindale? Hieß einer von ihnen Martindale? Ich kenne ihre Namen nicht alle! Jedenfalls sah ich mir dieses eine Video mit Kasparow an. Und Kasparow, das ist einer, der keine Gnade kennt. Man spürt einfach, dass er seine Frau jedes Mal im Schach besiegt haben muss. Wenn er verheiratet war. Ich weiß nicht, ob Kasparow das war. Du kannst es ja nachher googeln! Kasparow stellt seine Fallen so methodisch, und Stunden später geht der Plan auf, wie eine Falle in der Falle und bevor du auch nur die erste Falle erkannt hast, steckst du schon bis zum Hals drin. Bei Kasparow wird es zum Schluss immer ganz übel.

Ich weinte beim Zusehen. Tränen strömten über mein Gesicht. Die Schönheit des Spiels, wie makellos es war. Keine Fehler. Und ich dachte an Pickett und Gettysburg, seinen Fehler, und was wenn er nie Fehler gemacht hätte. Sie machten mich traurig, die ganzen Fehler in der Welt.

Meine Frau kam aus dem Keller hoch und fragte, ob wir reden könnten? Ich sah im Zimmer umher, als wollte ich sagen: „Meinetwegen. Eigentlich bin ich gerade mitten in diesem Video."

Sie wollte wissen, ob ich vielleicht ausgehen und woanders reden wollte.

Ich seufzte. Eigentlich hatte ich es mir gemütlich gemacht. Ich hatte sogar schon meine Schlumperhose an und all das. „Wenn du willst", sagte ich. „Ist es das, was du willst?"

„Wir müssen nicht", sagte sie. „Außer du möchtest." Sie machte dieses Lächeln, das zuerst ganz breit und überzeugend aussieht und dann einfach verschwindet.

„Will Elgar vielleicht mit?", sagte ich. Manchmal gingen wir alle zusammen aus. Es war in Ordnung. Ich versuchte, Elgar das Gefühl zu geben, dass er dazugehörte.

Sie blickte Richtung Keller. „Elgar duscht eben", sagte sie. „Wir haben Schlaflos in Seattle angeschaut."

Ich nickte und machte meinen Laptop zu. Ich fahre ihn immer richtig herunter, indem ich Windows beende.

Da sagte meine Frau, sie brauche mehr Platz. Sie hatte die Idee, dass ich in den Keller ziehen sollte.

„Und was ist mit Elgar?", sagte ich.

Sie schaute mich an, als wüsste sie gar nicht recht, was ich meinte.

Ich wollte den Keller nicht mit ihm teilen. Das sollte ich auch nicht müssen, fand ich.

„Ich bin nicht dumm", sagte ich.

„Hab' ich nie behauptet."

„Und du bist auch nicht so schlau", sagte ich. „Oder ge­rissen oder wie auch immer."

„Elgar zieht nach oben", sagte sie schließlich.

Es war wie eine Rochade beim Schach, wenn man den König hinter eine lange Reihe Bauern schiebt. Ich liebe es zu rochieren. Es ist eine Art Flucht, der König wird schnell in seinen Bunker geführt und überlebt, um doch noch weiterzukämpfen. Ich dachte nicht, dass meine Frau wusste, wie man rochiert. Sie hatte es in unseren Partien nie getan, doch hier stand sie nun und führte einen noch komplexeren Zug aus. Sie tauschte den weißen König gegen den schwarzen ein. Der schwarze König nahm seinen Platz hinter einer Reihe weißer Bauern ein. Und der weiße König—ich spiele schon immer am liebsten Weiß—wurde einfach quer übers Brett gepfeffert. Ins Exil, sozusagen. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Ich wette, Kasparow hatte so was auch noch nie gesehen. Es war meisterhaft, das musste ich zugeben.

PATT

Neulich Abend kam Elgar in den Keller runter. Ich lag im Dunkeln unter meiner Decke und schaute Schachvideos.

„Na, was machst du?", sagte er. Er schaute auf den Computer, dann zu mir.

„Das ist Schach", sagte ich. „Ich schaue Schach."

„Oh", sagte Elgar. „Ich dachte, vielleicht ist das ein Porno."

„Äh, nein", sagte ich. „Einfach nur Schach."

Elgar nickte und schaute sich um, als vermisse er etwas.

„Hey, Elgar", sagte ich, „denkst du, du könntest nächstes Mal klopfen?" Das kam mir nicht zu viel verlangt vor.

„Sorry, dass ich dich gestört hab'."

„Macht ja nichts", sagte ich. „Was kann ich für dich tun?" Ich stellte meinen Laptop beiseite und sah ihn an. Er grinste. Er grinste ständig.

„Ganz schön duster hier drin", sagte er.

„Ja, ich hab' gar nicht gemerkt, wie dunkel es geworden ist", sagte ich. „Sorry. Willst du dich setzen?" Ich wollte nicht, dass er sich setzte, doch ich deutete auf die Schlafcouch, die nun mein Bett war. Er konnte am Fußende sitzen. Ich bewegte die Beine etwas zur Seite.

Elgar winkte ab. „Nee, passt schon. Ich bin nur hier, weil ich dich um einen Gefallen bitten muss."

„OK."

„Mir sind die Kondome ausgegangen."

„Oh", sagte ich.

„Also", sagte ich, „in meinem Nachttisch sind Kondome, glaube ich. Das letzte Mal, als ich reingeschaut hab. Ich würde mal da suchen. In meinem alten Nachttisch."

„Einwandfrei", sagte Elgar. „Sehr gut. Ich schau mal im Nachtkästchen. Danke, Gene."

Ich klappte den Laptop wieder auf und ließ das Video weiterlaufen. Kasparow gegen Karpow, 1984. Kasparow hatte schon fünf Partien gegen den Weltmeister verloren. Er musste gewinnen. Und das tat er. Er zerstörte Karpow. Es war eine der großartigsten Partien aller Zeiten.

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