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Ich habe Menschen auf Chatroulette gefragt, warum sie noch Chatroulette benutzen

Ich habe mich zwischen nackte Männeroberkörper und ausgebeulte Jogginghosen begeben, um zu erfahren, warum sich Menschen 2016 noch bei Chatroulette einloggen.

von Sander Roks
29 September 2016, 6:00am

Chatroulette ist eine Videochat-Seite, die dich mit einer zufälligen Person irgendwo auf der Welt verbindet. Die Seite ging 2009 online und hatte im März 2010 ihre absolute Hochzeit mit Millionen registrierten Nutzern. Auf ihrem Höhepunkt besuchten täglich eine halbe Millionen User Chatroulette und etwa 35.000 Menschen waren zu jeder Tageszeit gleichzeitig online. Das New York Magazine fragte, ob Chatroulette "die Zukunft des Internets" sei, und die Website The Frisky nannte die Seite "Den Heiligen Gral des Online-Spaßes."

Und es war in der Tat ein großer Spaß, auf einer Hausparty ein Mädchen vor die Kamera zu setzen, das dann einen Mann in einem fernen Land darum bat, seine Genitalien auszupacken, nur um dann gemeinsam ins Bild zu springen und "Überraschung!" zu rufen. Allerdings nutzte sich das Prinzip ziemlich schnell ab. Einen Monat später sprach schon niemand mehr über "die Zukunft des Internets". Chatroulette war wohl einer der am schnellsten wieder verschwindende Internethype der letzten zehn Jahre. Die 921 User, die gerade online sind, während ich diese Zeilen schreibe, scheinen da allerdings anderer Meinung zu sein. Also habe ich sie gefragt, warum zur Hölle sie sich 2016 noch auf Chatroulette rumtreiben.

Auf Chatroulette kannst du deinen Gesprächspartner mit einem Knopfdruck wegschicken. Ich verbrachte dementsprechend die meiste Zeit auf der Seite damit, mich von halbnackten Männern wegdrücken zu lassen, die wahrscheinlich auf der Suche nach Frauen waren. Frauen sind auf Chatroulette in der Tat ziemlich rar. Und so drücken sich diese Männer pausenlos gegenseitig weg, nur um etwa eine Stunde später wieder beieinander zu landen und sich wieder wegzudrücken.

Aus Gründen, die nur er weiß, drückte mich der Typ hier oben nicht sofort weg. Stattdessen begann er, bevor er überhaupt ein Wort gesagt hatte, einen Phallus mit der Bemerkung "9 inch" auf den Bildschirm zu malen. Er war anscheinend auf Chatroulette, weil er auf einer ähnlichen Seite ungefragt seinen Schniedel in die Kamera gehalten hatte und dafür blockiert worden war. Jetzt muss er sich damit begnügen, seinen Penis auf den Bildschirm zu malen. Er war auf der Suche nach "Pussy" und da ich gerade keine zu bieten hatte, war die Unterhaltung auch schnell wieder vorbei.

Die zweite Person, die mich nicht sofort wegdrückte, war Nabila aus Frankreich. "U suck like 'journalist'", schrieb sie in unserer Unterhaltung. "Schön, diese Anführungszeichen um das Wort Journalist", dachte ich mir. Oft fühle ich mich tatsächlich mehr wie ein "Journalist" als ein Journalist. Nabile war eine arbeitslose Apothekenhelferin, die dermaßen pleite war, dass sie ihre Wohnung nicht verlassen konnte und sich ihre Dosis sozialer Interaktion bei Chatroulette holte. Wir spielten später noch eine Runde Tic-Tac-Toe über die Malfunktion.

Etwas später landete ich in einem marokkanischen Wohnzimmer. Eine Frau lief ständig mit Töpfen und Pfannen zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Nach etwa fünf Minuten setzte sich der Mann, der die ganze Zeit im Hintergrund gestanden hatte, vor die Webcam und unterhielt sich mit mir. Er ist anscheinend seit sechs Jahren jeden Tag auf Chatroulette und findet die Seite "nutzlos". OK. Auf der ganzen Welt tun Menschen nutzlose Dinge, wie Roboterhunde entwickeln, als Kandidatin bei Der Bachelor mitmachen und anderes überflüssiges Zeug. Sich sechs Jahre lang jeden Tag bei Chatroulette einzuloggen, ist dann aber noch eine ganz andere Liga.

Dieser Libanese verwendet Chatroulette, um "verschiedene Kulturen kennenzulernen" und "Menschen zu melden, die masturbieren". Er will Chatroulette von der ganzen nackten Haut befreien. Er bezeichnete sich selbst als Idealisten und sagte, dass er Menschen beibringen will, dass es falsch ist, seine Genitalien auf einer Website öffentlich zur Schau zu stellen. "Die Menschen hier haben verdorbene Gedanken", sagte er. "Ich hole meinen Schwanz nicht einfach so vor allen raus. Das mache ich lieber auf Skype."

Als ich langsam traurig wurde, weil mich ständig alle wegdrückten, rief ich meine Kollegin Lisa zur Hilfe. Lisa hat eine Vagina. Es dauerte nicht lange, bis sie sich in einer Unterhaltung mit einem nackten Typen befand, der auf der Suche nach unverbindlichem Sex war. LOL. Bislang hatte das für ihn über Chatroulette zwar noch nie geklappt, aber das schien ihn auch nicht weiter zu stören. Als ich versehentlich durchs Bild lief, war der Spaß aber schnell vorbei und er verließ den Chat.

Es gab eine Reihe Menschen, die angaben, auf Chatroulette Freunden zu suchen. Besonders prägend war dieses Erlebnis mit einem irakischen Mann. Er war um die 50 und meinte zu mir, dass er nicht viele Freunde hat. Als ich ihn nach dem Grund fragte, verabschiedete er sich und drückte mich weg.

Nachdem ich weitere zehn Minuten damit verbracht hatte, mich von nackten Oberkörpern und ausgebeulten Jogginghosen wegdrücken zu lassen, wurde ich blockiert. Meine Chatroulette-Kollegen fanden mein Verhalten offensichtlich dermaßen unangemessen, dass ich ein 24-Stunden-Chatroulette-Verbot bekam. Auf Chatroulette gehört es sich anscheinend nicht, Menschen zu fragen, warum sie tun, was sie tun. Also besser einfach Klappe halten, den kleinen Penis in der Jogginghose auf Vorzeigegröße bringen und ab vor die Webcam.

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