Mathias, I am your father

Mathias Illigen hat seinen Vater erschlagen und wurde vier Jahre später freigelassen. Wir haben mit ihm über den Mord gesprochen.

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16 April 2012, 11:00pm


 

Mathias Illigen studierte Philosophie, Kunstgeschichte, Ethik, bildende Kunst und Kulturwissenschaften an der Universität Wien, der Akademie der bildenden Künste und der Universität für angewandte Kunst Wien. Ende Jänner 2007 erschlägt er seinen Vater mit einem Bügeleisen und erstickt ihn anschließend mit einem Plastiksackerl. Vier Jahre später wird er aus der Psychiatrie entlassen. Wäre da nicht die Sache mit dem Bügeleisen und dem Plastiksackerl würde ich nach meinem ersten Eindruck als klassischen Bobo bezeichnen, der Samstags am Naschmarkt brunchen und anschließend im WoodWood einkaufen geht. Das tut er vielleicht trotzdem aber der Grund wieso ich ihn auf ein Kaffeekränzchen getroffen habe ist das Buch, das er über die Zeit vor, während und nach dem Mord geschrieben hat. Weil er sich zum Zeitpunkt der Tat in einem hochpsychotischen Zustand befunden hat erklärte ihn das Gericht für unzurechnungsfähig und ließ ihn auf die Psychiatrie überstellen. Die Diagnose lautete paranoide Schizophrenie, die Selbe die man auch dem norwegischen Attentäter Anders Breivik stellte, der 77 Menschen tötete. Dass Illigen nach nur vier Jahren wieder entlassen wurde hat er guter Führung zu verdanken, jetzt lebt und arbeitet er in Wien. 

Vice: Wie war die Beziehung zu deinem Vater?

Mathias Illigen: In der letzten Zeit vor der Tat war sie eher distanziert, auch aufgrund der Entfernung und der Zeit, die verging. In der Kindheit habe ich meinen Vater sehr vergöttert und idealisiert da ich nicht bei ihm aufgewachsen bin. Später war ich von meiner Idealisierung etwas enttäuscht. Ich war ein aufbegehrender Jugendlicher, in meiner Pubertät war ich mit den konservativen Werten nicht sehr einverstanden.

Und zu deinen Geschwistern? Wie war die Beziehung vorher und wie ist sie jetzt?

Zu meinem Bruder habe ich immer schon eine gute und intensive Beziehung gehabt. Zu meiner Schwester war die Beziehung immer etwas distanzierter, auch aufgrund der großen räumlichen Distanz. Mittlerweile sind wir uns jedoch näher als wir uns früher waren. Wir sind verbundener, meine Geschwister haben mich während der ganzen Zeit begleitet und waren sehr solidarisch mit mir. Jetzt geht jeder seinen eigenen Weg und das ist gut so.   

Du nimmst jetzt Medikamente, stehst du die ganze Zeit unter ihrem Einfluss? Wie lange musst du sie noch einnehmen?

Ja, ich nehme sie regelmäßig und habe immer ein Medikament in meinem Blut. Ich muss sie so lange wie die Weisungszeit geht nehmen, das sind noch acht Jahre. 

Hast du Sorge, was danach passiert?

Nein, eigentlich nicht. Das liegt so weit weg, dass ich mir keine Gedanken darüber mache. Viel Auswahl gibt es nicht, entweder ich nehme die Medikamente weiterhin oder ich nehme sie nicht mehr. Es hängt vom Verlauf der Krankheit und meinem psychischen Zustand ab, was dann passieren könnte. Fakt ist nur, wenn ich sie jetzt absetzen würde, würde erstmal gar nichts passieren. Irgendwann könnte dann eine kritische Phase eintreten. Da die Medikamente für eine Langzeitbehandlung ausgelegt sind kann das Ganze nicht von heute auf morgen kippen, sodass ich mich wieder in einem hoch psychotischen Zustand befinde.

Wieso wolltest du das Buch veröffentlichen? Du hättest deine Geschichte auch nur für dich schreiben und zusammenfassen können.

Ein Autor ist man erst dann, wenn man das Buch auch veröffentlicht. Ich wollte die Geschichte erzählen um sie auch anderen zugänglich zu machen. Für mich ist das der Beginn einer neuen Lebensphase. Ich habe es nicht so gesehen, dass ich mich damit exponieren würde. Ich wollte ein Buch schreiben, dass der Leser gut findet. Es stecken immer mehr Menschen in psychischen Problemsituationen aber es gibt nur sehr wenige Betroffene, die normal und offen darüber sprechen. Ich sehe das als meinen gesellschaftlichen Beitrag, den ich mit dem Buch leisten möchte. 

Wie gehst du mit der großen Medienaufmerksamkeit um?

Ich hoffe gut. Ich merke, dass ich nicht abhebe sondern recht gelassen bin. Ich nehme das Ganze nicht zu ernst und spüre keine persönliche Befriedigung wenn ich mein Gesicht in der Zeitung sehe. Diese Dinge gehören mittlerweile einfach zur Tätigkeit eines Autors dazu. Womit weder der Verlag noch ich gerechnet haben ist, dass es tatsächlich so ein großes Interesse gibt. So etwas kann man nicht kalkulieren.

Hast du manchmal ein schlechtes Gewissen, weil du aus dem Ganzen Profit schlägst?

Man muss extrem viele Bücher verkaufen um daraus Profit schlagen zu können. Ich habe kein schlechtes Gewissen, dass ich mit dem Schreiben ein normales Einkommen verdiene. Um wirklich große Summen handelt es sich erst wenn man so viele Bücher verkauft wie Charlotte Roche oder Richard David Precht, das ist aber eher die Ausnahme als die Regel. Sollte sich das Buch doch noch so verkaufen, dass ich davon Profit hätte werde ich das Geld entsprechend umleiten, sodass ich auch dann kein schlechtes Gewissen zu haben brauche.

Findest du es gerecht, dass du nicht härter bestraft wurdest?

Ich wurde ja gar nicht bestraft und ich finde es wichtig, dass man das differenziert betrachtet. Fakt ist, dass ich ohne eine psychische Erkrankung keine Straftat begangen hätte. Insofern finde ich es richtig, dass die Gesellschaft, der Staat und die Gerichte das so entschieden haben, ich wurde ja auch nicht umsonst wieder entlassen. 

Was hälst du von den Vergleichen zu Anders Breivik?

Nicht viel. Das ist leider irgendwie so reingekommen aber es ist eine völlig andere Kategorie. Ich halte es für einen politisch rechtsradikalen Massenmord und Terroranschlag und nicht für eine Tat während einer psychotischen Episode. Insofern macht mich auch die Vermutung, dass Breivik an paranoider Schizophrenie leiden könnte stutzig weil man so etwas in einem psychotischen Zustand nicht über Jahre hinweg planen und geheim halten kann. Es könnte meiner Meinung nach auch sein, dass dies ein politischer Versuch in Norwegen ist um diese enormen Auswirkungen auf die Gesellschaft erträglich zu machen indem man sagt es lag an der Schizophrenie.  

Erzähl mir von dem Tag an dem du deinen Vater getötet hast, was ging da in dir vor?

Als gesunder Mensch kann man es sich so vorstellen als würde man träumen. In diesem Traum wird man zum Beispiel verfolgt oder Dinge verwandeln sich. Jeder Mensch hat einen psychotischen Kern und Träume, die so wie Psychosen sind, das kennt eigentlich fast jeder. Ich hatte an diesem Tag Todesängste und war an der totalen Grenze meiner Existenz. Ich war am Ende meiner Kräfte und überzeugt davon, dass ich nicht mehr lange leben werden und versuchen muss mein Leben noch zu retten.

Und wie war es nach dem Mord? Hast du dich erleichtert gefühlt?

Danach war zuerst einmal Stille und ich habe gehofft, dass dieser Zustand der Psychose aufhört. Lange Zeit gibt es eine psychotische Logik wo alles seine Folgerichtigkeit hat aber selbst die ist dann zusammengebrochen. Grundsätzlich gilt die Regel, je intensiver und grenzenloser die Psychose ist, desto größer sind die Heilungschancen bei guter, regelmäßiger Betreuung. Wenn man ein gewisses Level nicht überschreitet kann sich das so chronifizieren, dass man zwar völlig paranoid bleibt, die Realität aber trotzdem irgendwie noch schafft.

Wann hast du das erste Mal das Ausmaß deiner Tat realisiert? Wie war das für dich?

Das war nach ein paar Monaten auf der Psychiatrie. Wichtig für mich war, dass man mir gesagt hat: „Es könnte sein, dass alles was Sie erlebt haben nicht so war, wie Sie glauben es erlebt zu haben.“ Die Konfrontation und zu hören, dass ich eine Diagnose bekommen habe war gut. Die Reaktion war Entsetzen, Verzweiflung und die Frage, wer ich eigentlich bin und wie das alles passieren konnte. Es ist auch noch heute oft so, dass ich mich manchmal frage: „Bin das überhaupt ich? Ist das mein Leben? Ist das meine Geschichte?“. Auch dass ich jahrelang auf der Psychiatrie war ist für mich manchmal schwierig zu verstehen. Insofern hoffe ich auch, dass ich mit diesem Buch einen Abschluss finde.

War es schwer, wieder in den Alltag zurückzufinden?

Durch die Vollzugslockerungen wird man wieder an den Alltag gewöhnt. Am Tag der Entlassung ist es trotzdem ein Phänomen wenn man dann am 13A steht und er fährt sowie jeden Tag. Die Leute sitzen drin, machen ihr Tagwerk und der 13A ist auch die letzten Jahre jeden Tag gefahren. Er fährt jetzt auch nicht extra für dich sondern ohnehin immer. Du sitzt dann im Bus und merkst, die Welt dreht sich einfach auch ohne dich weiter. Das ist seltsam weil die Welt für einen selbst vier Jahre lang stehen geblieben ist. Man muss schauen, dass man sich wieder mit der Welt dreht und das eigene Leben weitergeht. Das ist dann eine Situation wo Alltag total erleichternd ist. Wo sonst Menschen die Schnauze voll haben weil sich immer alles wiederholt ist die alltägliche Routine ein unglaublich wichtiges Ereignis. 

Du bist zum Haus deines Vaters zurückgekehrt, wie war das? Was hast du dir davon erwartet?

Das war nicht so toll. Meiner Meinung nach sind das Dinge mit denen man sich in so einer Situation konfrontieren muss um weitermachen zu können und einen Abschluss zu finden. Es hilft unglaublich dafür die Dinge nachzuempfinden. Das ist wie mit Liebesbeziehungen: wenn man sich trennt ist der größte Fehler gleich eine neue Beziehung anzufangen weil das Neue dadurch total überschattet wird.

Wie hat dir die Beziehung zu Anna, die du in der Psychiatrie kennen gelernt hast geholfen?

Das war Motivation, Ziel und Hoffnung. Es hat Perspektive eröffnet, das war das Wesentliche daran. Das ist sowie Rihanna es singt: „We found love in a hopeless place“. Ich finde Rihanna nicht so toll aber eigentlich war es so.

Wieso glaubst du dass Religion so eine große Rolle in deinen Wahnvorstellungen gespielt hat?

Das liegt an der Erziehung in meiner Kindheit und Jugend, ich wurde stark katholisch erzogen. Kinderbibel im Religionsunterricht in der Volksschule, die ganze Klasse muss gemeinsam beichten gehen. Ich habe diese Werte eigentlich vergessen gehabt aber in meiner Psychose hat sich alles wieder vergegenwärtigt. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht irgendwann in meinem Leben ganz stark damit in Berührung gekommen wäre. In meiner Psychose hat sich praktisch die Biografie meiner Kindheit und Jugend so vergegenwärtigt, dass ich sie anschauen und darin wie in einem Buch lesen konnte. Wenn man sowie ich eine Stimme hört fragt man sich „Was ist das?“. Wenn man mit Religion so stark in Kontakt gekommen ist kann man eben darauf kommen, dass es der liebe Gott ist, der da mit einem spricht. Es sind auf der Psychiatrie unglaublich viele Leute, die sich für Jesus oder einen Propheten halten. Dann gibt es noch die politische Fraktion, die sich für Napoleon oder im schlimmen Fall für Adolf Hitler halten. Es gibt aber so gut wie niemanden auf der Psychiatrie, der sich für Buddha hält weil wir keine buddhistische Kultur sind.

Wie stehst du heute zu Religion?

Ich bin sowie früher wieder Atheist.

Gab es eine Journalisten-Frage, die dich wahnsinnig geärgert hat?

Ja, in einem Radiointerview wurde ich gefragt ob ich denn jetzt ungefährlich bin, das fand ich schon ziemlich frech. Wenn man aus der Psychiatrie entlassen wird basiert das auf dem worse case scenario. Du bist also im worse case scenario ungefährlich. Das war ein Weltbild, das auf Vermutungen und Behauptungen basiert, was ich ärgerlich finde.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Was möchtest du weitermachen?

Ich habe keine großartigen Pläne. Ich werde auf jeden Fall weiter schreiben und es wird auch irgendwann ein neues Buch von mir herauskommen. Wie es die Zeit erlaubt werde ich auch weiter an Bildern und bildender Kunst arbeiten. Für mich ist dies nicht die Lebensphase großer Pläne, entscheidend ist dass ich mit meinen Arbeiten zufrieden bin. 

Du malst ja, bringen deine Wahnvorstellungen dir Inspiration?

Nein. Ich arbeite künstlerisch überhaupt nicht aus mir heraus sondern verarbeite immer das, was ich wahrnehme. Wenn man die klassische Trennung vornimmt arbeite ich eher impressionistisch, alles was ich wahrnehme interpretiere ich. Es hat insofern etwas Psychotisches weil es eine Form der Zeichendeuterei ist aber ich glaube, dass sich Literatur viel besser dazu eignet persönliche Geschichten zu verarbeiten und zu reflektieren.

Was bedeutet Anikan?

Das war mal ein Pseudonym, ein Label unter dem ich früher gearbeitet habe.

Erzähl mir etwas zu deinen Arbeiten.

Das hier sind Thermo-Sublimationen. Es wird im Tiefdruckverfahren hergestellt, da wird Farbe auf einen Stoff auf eine tiefe Ebene aufgesprüht. Es ist ein etwas aufwendiges Verfahren, das Tuch ist auch wasch- und bügelbar. Das sind Übergangsformen zwischen Camouflage, Tapetenmuster und Stoffdruck, es soll sich vermischen. Es stellt den Horizont und die Erde in Camouflage Muster dar um ein atmosphärisches Gleichgewicht zu schaffen. Teilweise sind es chaotische avantgardistische Formen, Kombinationen wie Mensch-Balken, abstrakte geometrische Formen mit anthropomorphen Darstellungen. Das müsste ich wohl auch wieder mal bügeln.

Hat dir das Malen auf der Psychiatrie geholfen?

Es war auf der Psychiatrie lange Zeit so, dass ich ein Verbot bekommen habe. Bildnerische, gestalterische Dinge mussten immer unter dem therapeutischen Aspekt stehen. Erst nach zwei Jahren durfte ich wieder etwas machen, dass eventuell auch ein Kunstwerk hätte sein dürfen. Kunst bedeutet abdriften. Teilweise saß ich in der Werkstatt und musste absichtlich die Kurve kratzen um nicht Kunst zu machen. Ich habe Zwischenformen gefunden zum Beispiel als ich in der Textilwerkstatt war. Ich habe Bilder von mir auf Taschen gemalt, das war dann ein Gebrauchsgegenstand. Die Abbildung wäre zwar als Kunstwerk durchgegangen aber ich habe es dann so verpackt, dass es noch durchging. Das Ärgerliche war dann, dass sie viele meiner Sachen in die ich viel Kreativität investiert habe für 10 Euro auf dem Markt verklopft haben. Die sind aber gut gegangen, meine Sachen waren fast immer ausverkauft.

 Hast du einen Lieblingskünstler?

Das ist eine schwere Frage. Ganz klassisch, sowie Kazimir Malevic Kunst gemacht finde ich gut. Aber solche historischen Figuren sind auch etwas, das in die heutige Zeit einfach nicht mehr passt. Aber den Versuch geistige oder kulturelle Dinge in einfache Formen zu übersetzen halte ich für ein gutes Projekt. Das hatte dann zwar auch Auswüchse, die Suprematisten haben dann Sekten gegründet, von solchen Kultgeschichten halte ich nicht viel. Aber ein schwarzes Kreuz find ich schon ziemlich gut.

Fotos: Piotr Sokul

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