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THE CROWN AND SCEPTER ISSUE

Genie, Gott und Anarchie: Ein Gespräch mit Italiens bekanntestem theoretischen Physiker

Carlo Rovelli wollte früher die Regierung stürzen.

von Yohann Koshy
21 Februar 2016, 5:28am


Fotos von Daniel Castro Garcia, Design von Tom Saxby

Aus der Crown and Scepter Issue

Als der theoretische Physiker Carlo Rovelli Student war, studierte er nicht sonderlich viel: Er war zu sehr damit beschäftigt, die Regierung zu stürzen. Bologna und ganz Italien war 1977 der Schauplatz eines erbitterten politischen Kampfs, dessen Hauptakteure die außerparlamentarischen Gruppen der Neuen Linken waren. Während die Kommunistische Partei Italiens auf ihr Ende zusteuerte, besetzten die Neuen Linken in Bologna Universitäten, bekämpften Faschisten auf der Straße und etablierten autonome Gemeinschaften. Sie strebten alle auf ihre eigene Art eine Revolution an. „Es war sehr zersplittert", sagt Rovelli. „Manche von uns waren marxistisch-leninistisch, andere trotzkistisch; manche waren Hippies, die auf Sex, Drugs and Rock 'n' Roll standen, andere interessierten sich für fernöstliche Mystik."

Obwohl Rovelli mit den Metropolitani Indiani zu tun hatte, einer Hippie-Gruppe, die sich als amerikanische Ureinwohner verkleidete und „mehr Show als Substanz" war, fand sein Radikalismus auch sinnvolle Ventile. Er arbeitete für den subversiven Sender Radio Alice, der Demonstranten informierte und Unruhen auslöste, als er berichtete, die Polizei habe einem Studenten in den Rücken geschossen. Er war auch Mitautor eines Buchs über die „1977er-Bewegung" namens Fatti Nostri, bestehend aus Radiotranskripten, politischen Dokumenten und leidenschaftlichen Essays. Man versuchte, die Veröffentlichung zu verbieten, und als das Buch heimlich gedruckt wurde, durchsuchte die Polizei sein Elternhaus und leitete ein Strafverfahren gegen die Herausgeber ein, das schließlich von einem Richter eingestellt wurde.

Die 1977er-Bewegung war letztendlich eine „völlig gescheiterte Revolution". Zu viele ihrer Akteure waren Kinder der Bourgeoisie und „miss­trauisch gegenüber jeglichem Versuch, Struktur [in ihre Aktionen] zu bringen", weswegen ihre Kurzlebigkeit von Anfang an unvermeidbar war. Rovelli verließ also die Barrikaden und überlegte, wie er es vermeiden konnte, den Rest seines Lebens mit Büroarbeit zu verbringen. („Schon komisch", sagt er, „heute haben junge Leute Probleme, einen Job zu finden, doch in meiner Generation war das Problem, wie man keinen finden konnte.") An diesem Scheideweg „verliebte [er sich] in die Wissenschaft", ein ideologisches Gebiet, „in dem Revolutionen tatsächlich glü­cken, Revolutionen des Denkens".

Doch Revolutionen in der theoretischen Physik laufen sehr viel leiser ab als politische. Das öffentliche Leben wird davon kaum beeinflusst. Es dauerte ein ganzes Jahrhundert, bis die kopernikanische Revolution zum Allgemeingut geworden war. Einsteins allgemeine Relativität und Bohrs Quantenmechanik, die zwei Physik-Revolutionen des letzten Jahrhunderts, die Newtons vorherrschende Theorien ungültig machten, wirken auf ein heutiges Publikum obskur. „Wer heutige Schüler nach Zeit und Raum fragt, wird im Grunde Newton'sche Antworten erhalten", erklärt Rovelli. Unsere Intuition gibt vor, dass der Raum völlig leer ist, Zeit linear vergeht und die Schwerkraft als metaphysische Anziehungskraft fungiert, doch das entspricht seit Einstein nicht mehr dem wissenschaftlichen Verständnis des Universums—weswegen Rovelli Sieben kurze Lektionen über Physik geschrieben hat. Wenn Fatti Nostri Propaganda für eine fehlgeschlagene Revolution war, ist Sieben kurze Lektionen über Physik Propaganda für zwei Revolutionen, die an uns vorbeigegangen sind, nämlich die Einstein'sche und die Bohr'sche.

Sein erstes Buch für die breite Öffentlichkeit ist in Italien ein Hit: Sette Brevi Lezioni di Fisica verkaufte sich in Rovellis Heimatland innerhalb von sechs Monaten 140.000 mal, womit es zwei Monate lang 50 Shades of Grey (und die Erwartungen des Verlags) übertraf. Es wurde in 24 Sprachen übersetzt und die deutsche Version ist diesen August bei Rowohlt erschienen. Als ich mich bei seinem britischen Verleger Penguin mit Rovelli treffe, ist er freundlich und neugierig, doch seine Frage zur Etymologie eines Londoner Straßennamens kann ich leider nicht beantworten. Er ist klein, trägt einen Rucksack und hat schwarz-graue Locken, mit denen er spielt, wann immer er nachdenkt. Wie die Forscher, über die er in seinem Buch schreibt, ist er bestimmt in seiner Unbestimmtheit: Überzeugung wird von Zweifel begleitet und Aussagen über das Universum werden mit „zumindest ist das mein Eindruck" ergänzt. Gerade im Vergleich zu anderen aktuellen Forscherpersönlichkeiten ist seine fehlende Arroganz erfrischend.

Ich zeige ihm ein Flugblatt von 1977 namens Memoiren eines Stadtindianers, verfasst von einem Beteiligten der gescheiterten Revolution. „Oh, meine Jugend!", ruft er. Seine Erinnerungen an jene Tage sind positiv, also frage ich, ob er noch Kontakt zu seinen alten Kameraden habe. „Ja. Überraschend viele leben noch in der Erinnerung an damals, was total dumm ist", sagt er. „Wir haben uns vorgestellt, alles abschaffen zu können: die Familie, die Polizei, Geld ... Aber man muss die Welt so nehmen, wie sie ist, und sie nach und nach ändern." Er mag sich nicht mehr der völligen Erneuerung der Gesellschaft verschrieben haben, doch in dem Buch blitzt der Student von damals hervor: Er schreibt davon, dass Wissenschaft dann „hell erstrahlt", wenn Menschen sich bemühen, „sich vorzustellen, was sich noch nie jemand vorgestellt hat". Das lese sich weniger wie Physik, denn wie utopische Politik, sage ich. Rovelli ist irritiert, doch er stimmt zu. „Ich spreche normalerweise nicht darüber, aber es ist immer im Hintergrund. Zu meiner Arbeit gehört ein Aspekt der Rebellion."

Sieben kurze Lektionen über Physik beginnt mit der Allgemeinen Relativitätstheorie. Einsteins Überarbeitung des Newton'schen Modells des leeren Raums und der Schwerkraft ist, so Rovelli, „atemberaubend einfach": Die Schwerkraft ist keine magische Kraft innerhalb des Raums, sondern sie ist selbst der Raum. Dieses Bild wird durch die Quantentheorie kompliziert, die besagt, „dass Elektronen nicht immer existieren", sondern nur, wenn sie mit etwas anderem interagieren. Nach Lektionen über den Aufbau des Universums, die Partikel, aus denen es besteht, und das illusionäre Wesen der Zeit erfahren wir von Rovellis eigenem Beitrag zur Forschung: der Schleifenquantengravitation oder Loop-Quantengravitation. Sie ist ein Versuch, die Widersprüche zwischen der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantentheorie aufzulösen. Und hier wird seine Arbeit von utopischen Idealen beeinflusst. Als Direktor des Centre de Physique Théorique in Marseille ist er der Pionier einer Theorie, die besagt, der Raum bestehe aus winzigen „Raumkörnern", die wie eine Kettenrüstung ineinander verwoben sind. Bei der mathematischen Formel, die diese Körner beschreibt, fehlt die Konstante „Zeit", die meist in solchen Gleichungen enthalten ist: Rovellis Universum ist buchstäblich zeitlos. „Es ist ein riesiger theoretischer Sprung", sagt er, und er und seine Kollegen hätten ihn gemacht, indem sie „die Tendenz der theoretischen Physik vermieden, mit dem Strom zu schwimmen".

Das Thema ist komplex, doch die Sprache ist einfach. Die Kapitel sind kurz, das Buch hat nur 80 Seiten, und Rovelli sagt, das Editieren habe am längsten gedauert: Der Inhalt der Theorie wird auf die einfachste Behauptung reduziert, und die daraus folgenden Schlüsse werden elegant philosophisch präsentiert. Doch es gibt Lücken, die zu wünschen übrig lassen, wie etwa bei den zentralen Figuren des Buchs. Obwohl er ein zeit- und raumloses Universum beschreibt, das über Individuen hinausgeht, ist es von großen Individuen bevölkert: den Genies. Dieses Wort verwendet Rovelli häufig, für Einstein, Bohr, Maxwell und Heisenberg. Die Genies stecken voller Anmaßung und Zweifel, sie bringen den Stand der Wissenschaft voran, doch sie sind für immer unzufrieden. Rovelli versucht, im Geiste dieser Ideologie der jugendlichen Rebellion zu erklären, woher Genies kommen. Er verweist auf Einsteins Gasthörerschaft bei Vorlesungen, die er aus reiner Neugier besuchte, doch sie bleiben mysteriöse Gestalten. Also frage ich, wie Genies entstehen. Sollte eine Geschichte der Wissenschaft nicht eher untersuchen, wie die Umstände der jeweiligen Ära Durchbrüche begünstigten, als sich auf ein paar herausragende Menschen zu konzentrieren? Hat die Wissenschaft nicht ein soziohistorisches Wesen und wird, wie wir alle, von der Gesellschaft bestimmt?

Nach einigen Augenblicken des Schweigens sagt er, das möge sein, doch es gebe bestimmte Ideen, die um gewisse Individuen „zusammenfließen". Dann zögert er: „Doch wenn das stimmt, wie ist es dann möglich, dass Einstein so viele großartige Dinge getan hat? Es war nicht eine Sache, es waren sechs oder sieben. Er hatte also offensichtlich das richtige Werkzeug." Er sorgt sich, dass die Betonung eines historischen Wahrheitsanspruchs Relativismus nach sich zieht, der wiederum objektive Aussagen unmöglich macht. Es ist die erste unbefriedigende Antwort, die er in den bisher 40 Minuten gegeben hat, und er spürt es. „Pass auf", fügt er hinzu, „Einstein entwickelte die Spezielle Relativitätstheorie, bei der es um Gleichzeitigkeit geht, während er in einem Patentamt für französische, deutsche und schweizerische Züge arbeitete, als man an der Synchronisation von Bahnhofsuhren tüftelte. Die technischen Probleme seiner Zeit beeinflussten also seine Theorie. Die Thermodynamik entstand in England, als die Dampfmaschinen den Leuten zum ersten Mal Hitze in Aktion zeigten. Mehr noch, unsere gesamte Ideologie beeinflusst unsere Denkweise. Aber du weißt bei all dem, was Hitze ist—und das bleibt wahr! Du weißt, dass die Erde rund ist, und zwar nicht, weil der Feudalismus vorbei ist, sondern weil sie rund ist, Punkt. Vielleicht haben wir es erst verstanden, weil wir unseren Geist vom Feudalismus befreit haben, aber sie war schon immer rund und wird es auch immer sein!"

Nachdem ich einen weltberühmten Physiker dazu gebracht hatte, mir zu erklären, dass die Erde keine Scheibe sei, sah ich in meine Notizen. Dort stand noch ein heikles Thema: Gott. „In Italien", sagt er, „ist die katholische Religion derart dominant, dass ich denke, mein Buch wird geschätzt, weil es die Menschheit einfach und ohne Blödsinn erklärt." Doch selbst als „rationalistischer Atheist" stellt Rovelli oft kosmische Begriffe zum besseren Verständnis aus einer göttlichen Perspektive vor, die als „Gott" oder als „hypothetisches übersinnliches Wesen" bezeichnet wird. Er widerspricht meiner Aussage, seine Arbeit würde Raum für Gott lassen („Nein, nein, das ist nur meine Art, Dinge zu erklären!"), doch er erkennt dennoch die anti-intellektuelle Strömung des heutigen Atheismus und sagt mir, er sei „gegen die Absichten von Menschen wie Richard Dawkins", die durchgehend predigen, Gläubige seien alle dumm. „Religiosität ist ein Teil von uns und daran ist auch nichts Verkehrtes." Doch als ich ein paar Tage später per E-Mail frage, was er wirklich vom Neuen Atheismus halte, ist er so diplomatisch, dass es schon fast komisch wirkt: „Ich denke, es ist gut, wenn gute wie schlechte Ideen sichtbar gemacht werden. Dann können die Menschen zuhören, nachdenken, wählen, entwickeln ..." Doch ich verstehe die Zurückhaltung, immerhin wird er sich ein paar Wochen darauf eine Bühne mit Richard Dawkins teilen.

Hippie, Revoluzzer, theoretischer Physiker ... zum Abschluss frage ich ihn, was er von seiner vierten Karriere halte: der des öffentlichen Intellektuellen. Was hat sich geändert, jetzt, wo er die Welt bereist, um TED Talks zu halten, und Kolumnen für Sonntagszeitungen schreibt? Er wirkt angenehm unbeeindruckt. „Bücher schreiben ist nicht mein Job. Ich liebe es, mich zu Hause hinzusetzen, das Internet abzustellen und meine kleinen Berechnungen zu machen. Dann bin ich glücklich", antwortet er. „In letzter Zeit mache ich zu viele ..." Er bricht ab und lächelt, als ein Penguin-Mitarbeiter den Raum betritt.

Wir beenden das Interview und verlaufen uns ein paar Mal auf dem Weg aus dem Verlagsgebäude. Ich denke noch immer an die Politik seiner Jugend, genau wie er. Er spricht von Herbert Marcuse und den Philosophen der Neuen Linken, die er damals las. Marcuse, so sagt er, habe ihm beigebracht, dass die Menschen im Westen weniger frei gewesen seien als die in der Sowjetunion, weil die individuellen Freiheiten, die man ihnen gelassen habe, ihnen den Blick auf die Diktatur des freien Markts geraubt hätten.

Wir verabschieden uns und ich weiche auf der Straße Touristen aus—eine Straße, die Wochen zuvor blockiert war, als Tausende Demonstranten zum britischen Parlament marschierten—, während ich darüber nachdenke, wie sich im Laufe eines Lebens politische Überzeugungen ändern können. Ich denke an die enttäuschten Radikalen von Rovellis Generation, die entweder in Nostalgie leben oder ihre Vorstellungen angepasst haben, um zu pragmatischen Reformisten zu werden. Ich denke an theoretische Physiker, die utopische Prinzipien auf ihre Arbeit anwenden, nicht um eine bessere Welt zu erschaffen, sondern um die Welt besser beschreiben zu können. Der Beruf fasziniert mich, doch eine Frage—der Art, über die Rovelli seit Jahren nicht mehr nachgrübelt—drängt sich auf: Welchen Sinn hat es, den subatomaren Aufbau einer Welt zu beschreiben, die derart armselig und sinnlos ist?

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