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Warum Zombies total langweilig sind – und wir sie trotzdem lieben

Von ‚The Walking Dead' bis ‚The Last Of Us' und ‚DayZ'—die Popkultur ist besessen von Untoten. Wir haben uns auf Ursachenforschung begeben.

von Lisa Ludwig
19 Mai 2015, 8:14am

Steinigt mich nicht wegen des Eingangsstatements, aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, haben Zombies eigentlich nichts von dem, was einen spannenden Antagonisten ausmacht. Sie sind dumm, triebgelenkt, in aller Regel nicht sonderlich schnell und ziemlich voraussehbar. Sie haben kein höheres Ziel, sind nicht dazu in der Lage, verschiedene Parteien gegeneinander auszuspielen und entbehren so sehr jeglicher Menschlichkeit, dass das Identifikationspotential auch äußerst gering ist. Sie verkörpern kein Sexy-Badboy-Image, liefern keine Badass-Oneliner (vielleicht interpretieren wir ihr stetiges Gegrunze aber auch einfach nur falsch) und sind im Allgemeinen laute, stinkende Fleischklumpen, die sich eigentlich nur an eine taube Person ohne Nase anschleichen können sollten.

Trotzdem sind Zombies seit Jahren eines der Lieblingselemente der Popkultur—sei es nun im Fernsehen und Film, oder in Comics und Videospielen. Packt Untote dazu und es wird ein Hit. Das zeigen Zombie-Mods wie DayZ oder GoatZ (wenn Jay Z wirklich ein so guter Geschäftsmann wäre, würde er was aus seinem Namen machen). Das zeigt vor allem aber auch der Erfolg von The Walking Dead. Das Franchise gehört nicht nur zu den populärsten Comicreihen der letzten Jahre und wurde von Telltale Games zu einem gefeierten Episodenspiel adaptiert. Die TV-Serie bricht seit ihrer Erstausstrahlung auch in regelmäßigen Abständen Fernsehrekorde. Und das, obwohl die Handlung als solche seit Jahren mehr oder minder stagniert. Wie kommt das?

Auch interessant: Die Zombies von Haiti und die Suche nach einem geheimen Gift in unserer Doku „Nzambi"

Ich habe beschlossen, mich auf Ursachenforschung zu begeben und meine Zombie-Expertise (Videospiele, Comics, Serien, Filme) mit der von meinen Arbeitskollegen und meinem erweiterten Bekanntenkreis abzugleichen. Nach einer eher wenig aufschlussreichen Umfrage im VICE-Büro („Zombies sind die Bauern der Bösewichte. Sie sind uninteressant und können nichts", „Alles ist mit Zombies besser", „Ich habe keine Meinung zu Zombies") und stundenlangen Diskussionen darüber, ob Untote in der Lage sind, über Balkone in Wohnungen zu klettern, kristallisierten sich schließlich vier Punkte heraus, die zumindest ein bisschen klarer machen sollten, warum uns die untoten Menschenfleisch-Junkies trotz aller offenkundiger Fadheit so wahnsinnig faszinieren. Es lebe der popkulturelle Konsens.

Foto: Drew Stephens | Flickr | CC BY-SA 2.0

Sie sprechen unsere Urängste an

Der Mensch als solcher befindet sich ja immer irgendwie auf Sinnsuche und kann es sich so gar nicht vorstellen, dass seine Existenz in keinem höheren Zusammenhang steht und irgendwann einfach vorbei sein soll. Deswegen gibt es Religionen, die einem die Option auf ein Leben nach dem Tod bieten. Mit dem Bild des auf ewig verdammten Zombies hat die Popkultur sich jetzt allerdings ihre eigene, ganz ideologiebefreite Hölle geschaffen. Neben der Furcht, selbst auf ewig ein Leben voller Qual (zumindest klingen Zombies immer, als würden sie unfassbare Schmerzen leiden) und unstillbarem Hunger führen zu müssen, ist natürlich auch die Gefahr, einen geliebten Menschen zu verlieren, omnipräsent. Wie so oft im Bereich der Fiktion ist aber alles ein bisschen schlimmer als in echt.

Ihr seid am Boden zerstört, weil eure Großmutter gestorben ist? Stellt euch vor, ihr müsstet ihr nur wenige Sekunden später auch noch in den Kopf schießen, um sie wirklich endgültig von ihrem Leiden zu erlösen. Ihr habt Angst davor, dass euch euer Lebensabschnittspartner verletzt? Kein Herzschmerz dringt so tief wie das Gebiss eurer langjährigen Freundin, nachdem sie sich in einen Zombie verwandelt hat. Wir sind auf uns selbst gestellt, es gibt kein Sicherheitsnetz mehr. Und selbst die Menschen, denen du vertraut hast, können sich plötzlich in etwas verwanden, das deinen Tod (oder deine Infizierung) bedeuten könnte.

Das Gruselige an Zombies und der Welt, in der sie existieren, ist nicht unbedingt nur die Tatsache, dass Leichen durch die Straßen ziehen und nach einem menschlichen Mitternachtssnack Ausschau halten. Es ist auch der Umstand, dass das System, das uns Sicherheit gibt und unser Überleben sichert, nicht mehr existiert.

Foto: Global Panorama | Flickr | CC BY-SA 2.0

Sie sind nicht die wahre Bedrohung

Ja, Zombies sind nicht sonderlich aufregend. Sie mögen zwar aus der Zeit vor ihrer Infektion eine interessante Backstory haben, erzählt und emotionalisiert werden kann die allerdings nur über die Personen, die sich ihre Menschlichkeit noch bewahrt haben—zumindest ansatzweise. Das macht sie allerdings nicht weniger zu einer stetigen Bedrohung, die das komplette Umfeld und Leben der Überlebenden in eine solche Extremsituation verwandelt, dass die absoluten Abgründe der Menschheit zu Tage treten. Und das ist dann auch der Punkt, ab dem eine Zombiegeschichte spannend wird.

Nehmen wir zum Beispiel The Last Of Us. Das Videospiel, nach dessen Intro-Mission bereits der Großteil der Spieler einen emotionalen Zusammenbruch erlitten haben dürfte. Auch wenn es sogar verschiedene Zombie-Variationen gab, die zum Teil mehr nach Monster als nach infiziertem Menschen aussahen, ging die konkreteste und größte Gefahr IMMER von den Menschen aus. Die Zombies wollen nur eines: Uns fressen. Der Mensch hingegen hat eine Agenda. Egal ob Kannibale, Vergewaltiger oder einfach nur eine Gruppe, die genau so verzweifelt ums Überlegen kämpft wie man selbst. Die Zombie-Apokalypse fördert die dunkelsten Seiten von uns zu Tage und lotet aus, wie weit wir gehen würden, um unseren eigenen Arsch zu retten. Und sie stellt unsere Definition von Menschlichkeit in Frage—vor allem dann, wenn wir in einem Spiel wie Telltales The Walking Dead selbst entscheiden müssen, wen wir für das eigene Überleben opfern würden.

Foto: Casey Florig | Flickr | CC BY 2.0

Sie legitimieren Gore und Gewalt

Das ist jetzt natürlich einer der Punkte, die deutlich weniger gesellschaftsanalytisch zu sehen sind, aber: Sämtliche moralische Fragen, mit denen sich Spieleentwickler und Filmemacher sonst in blutigen Action-Spektakeln herumschlagen müssen, greifen im Fall der Zombie-Apokalypse nicht. Im großen Stil Menschen abknallen, darunter sogar Kinder? Normalerweise nicht möglich. Kannibalismus in der Popkultur? Ganz heißes Eisen. Zombies hingegen sind Menschen, die aber gerade so nicht mehr menschlich genug sind, um einen in eine moralische Zwickmühle zu bringen.

Man könnte sogar sagen, dass man den Untoten einen Gefallen tut, wenn man ihnen den Schädel eintritt, einen Schraubenzieher ins Hirn rammt oder ihnen zwischen die Augen schießt. Statt Mord und Totschlag verbreitet man also eher Frieden und Gerechtigkeit. Und wenn bei all dem Zombie-Gerangel auch mal unter den gierigen Augen der Gore-Gemeinde ein nicht infizierter Mensch in seine Einzelteile zerlegt wird, dann muss das eben so sein. Zombies stehen halt auf Menschenfleisch. Das klingt zynisch? Ist es irgendwie auch. Fakt ist aber eben: Wer schon immer mal mit reinem Gewissen menschenähnlichen Kreaturen die Schädel spalten wollte, kann diesem Wunsch nirgendwo so frei nachgehen wie in einem Zombie-Setting.

Foto: Todd | Flickr | CC BY 2.0

Das Setting ist vergleichsweise realistisch

Drogen, die Menschen dazu bringen, anderen das Gesicht wegzufressen, oder Parasiten, die das Hirn ihres Wirts befallen können und ihn somit zu einer willenlosen, leicht zu kontrollierenden Kreatur machen—so weit entfernt ist die Realität gar nicht von Lebewesen, die unter bestimmten Umständen in einen Zustand verfallen, der an den eines Zombies erinnert. Die stetige Angst vor uneindämmbaren Krankheiten, die nach und nach die gesamte Bevölkerung befallen könnten, ist in Zeiten von Ebola und Vogelgrippe ziemlich realistisch und wie es sich auf die Menschheit auswirken könnte, wenn unsere Gesellschaft vor dem Ende steht, ist ein Gedankenspiel, das die Wissenschaft seit Jahren umtreibt. (Falls die Zombie-Apokalypse wirklich vor der Tür stehen sollte, druckt euch doch schon mal unseren Artikel über die zombiesichersten Bundesländer aus.)

Das vordergründig Böse, das es zu bekämpfen gilt, besteht nicht aus Aliens, überzeichneten Monstern oder überirdischen Identitäten, die jeder realen Basis entbehren. Der Gegner ist der Mensch, der all seine Menschlichkeit verloren hat und auf seine niedersten Instinkte heruntergebrochen wird. Und das ist vielleicht genau das, was uns bei Zombies den eiskalten Schauer über den Rücken jagt oder das Adrenalin durch die Adern pumpt.

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Titelfoto: Daniel Hollister | Flickr | CC BY 2.0

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