Die Konsequenzen des berüchtigten Anti-Homo-Gesetzes in Uganda

Hunderte LGBTs mussten nach Kenia fliehen, ein Land, in dem sie ebenfalls nicht willkommen sind. Aber was tut die UN, um diesen Menschen zu helfen?

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Mai 19 2016, 5:00am


Ein schwuler Mann, der im Februar 2015 vor dem ugandischen Anti-Homosexuellen-Gesetz geflohen ist, wartet auf seinen ersten UNHCR-Termin, bei dem bestimmt wird, ob er für den Flüchtlingsstatus qualifiziert ist. Fotos von Jake Naughton

Aus der ,Wir haben euch vermisst'-Ausgabe

Ketifa* war 16 Jahre alt, als ihre beste Freundin Sharon sie im Schlafsaal ihrer Privatschule für Mädchen im ugandischen Kampala küsste. Sie waren zusammen in Mutundwe, einem Viertel von Kampala, aufgewachsen, doch Ketifa hatte sich zuvor nie zu einer Frau hingezogen gefühlt. Als einzige Tochter eines konservativen muslimischen Scheichs hatte Ketifa schon früh gelernt, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen gegen die Gesetze des Islam waren. Der Kuss überwältigte sie und ihr Gefühl sagte ihr, er sei falsch. Eine ganze Woche lang sprach sie nicht mit Sharon.

Doch während dieser Zeit ging ihr der Kuss nicht aus dem Kopf. „Ich hatte nicht damit gerechnet", sagte sie. „aber mir wurde klar, dass es mir gefallen hatte." Schließlich ging sie zu Sharon und sagte ihr, sie wolle sie noch einmal küssen. Dass zwei Frauen eine Beziehung führen können, wäre Ketifa nicht in den Sinn gekommen, doch sie wollte tun, was sich gut anfühl­te. Da Sharon Vertrauensschülerin war, hatte sie ihr eigenes Zimmer. Während die anderen Mädchen sonntags im Schlafsaal Filme guckten, blieben Ketifa und Sharon zusammen im Bett. Das Risiko war ihnen bewußt. Homosexualität ist in Uganda bereits seit der britischen Kolonialherrschaft verboten und die beiden hätten 14 Jahre Haft bekommen können. Ketifas Vater hatte sie gelehrt, dass der Islam für den ersten Verstoß 100 Peitschenhiebe vorsah, für den zweiten die Enthauptung. „In Uganda lernt man von klein auf, dass Homosexualität schlecht ist, so wie Stehlen", sagte Ketifa. „Wenn du homosexuell bist, dann bist du ein Fluch, der auf der Welt lastet."

Ketifas und Sharons Beziehung vertiefte sich über viele Monate hinweg und sie planten, nach ihrem Abschluss eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Im Unterricht reichten sie einander Bücher, zwischen deren Seiten Liebesbriefe steckten. Eines Tages vergaß Ketifa eine Botschaft von Sharon in einem Buch und eine Klassenkameradin entdeckte sie. „Sie stellte mich zur Rede", sagte Ketifa. „Ich habe ihr gesagt, es sei nur ein Witz, aber sie erzählte es herum und die Leute zogen ihre eigenen Schlüsse."

Es hatte bereits für Gerüchte gesorgt, dass die beiden allein in Sharons Zimmer Zeit verbrachten, was gegen die Schulordnung war. Doch als die Schulleitung von dem Briefchen hörte, zögerte sie nicht, die beiden Mädchen sofort der Schule zu verweisen. Ketifa zog zurück zu ihrem Onkel, der seit dem Tod ihrer Eltern ein paar Jahre zuvor ihr Erziehungsberechtigter war. Sharon kehrte in ihr Elternhaus zurück. Tagelang konnten sie einander nicht sehen. „Ihre Eltern waren sehr streng", sagte Ketifa. „Sie haben sie eingesperrt." Ein paar Tage nach ihrer Rückkehr nach Mutundwe hörte Ketifa die Trommeln des Gemeinderats: Es gab eine Versammlung im Haus von Sharons Eltern. Ketifa verkleidete sich mit T-Shirt und Cap als Mann und ging hin. Der Vorsitzende des Rats verkündete, Sharon würden homosexuelle Handlungen zur Last gelegt. Es wurde nicht verraten, wer die Anschuldigung gemacht hatte, doch die Hintergründe für ihren Rausschmiss aus der Schule hatten die Stadt erreicht. Der Vorsitzende erwähnte Ketifa nicht namentlich, doch einige Anwesende fingen an, sie zu mustern. Sie befürchtete, erkannt worden zu sein—immerhin war es bekannt, dass Sharon und sie beste Freundinnen waren. Ketifa witterte Gefahr und kehrte zum Haus ihres Onkels zurück, bevor die Versammlung endete.

Stunden später berichtete Ketifas Onkel ihr, wie das Treffen geendet hatte: Der Rat bestrafte die Leute meist mit Zwangsarbeit oder im schlimmsten Fall mit Stockhieben. Doch Sharon war totgeprügelt worden. Entsetzt rannte Ketifa zum Grundstück der Familie, doch es war zu spät. In der Dunkelheit konnte sie nur noch Sharons unverhüllte Leiche ausmachen.

Ketifa wollte zuerst fliehen, doch sie war Waise und wusste nicht, wohin. Außerdem war ihr Onkel ein wohlhabender und angesehener Mann, den herauszufordern sie nicht wagte. Ketifa wähnte sich in Sicherheit, so lange er sie nicht vor dem Gemeinderat outete. Sie trauerte still um Sharon und verhielt sich unauffällig, und nach einer Weile fing sie an einer neuen Highschool an. Vier Jahre später machte sie ihren Abschluss und 2013 schrieb sie sich an einer der besten Universitäten von Kampala ein, um Jura zu studieren. Ihr Onkel bezahlte ihre Studiengebühren und sie zog in ein privates Wohnheim in Campusnähe.

Bald fing Ketifa an, eine Kommilitonin zu daten; es war ihre erste Beziehung seit Sharon. Am Valentinstag 2014 kam Ketifas Zimmergenossin herein und erwischte die beiden beim Sex. Die Mitbewohnerin schrie und schnell versammelte sich das gesamte Wohnheim, um den Grund zu erfahren. Der Hausmeister führte Ketifa und ihre Freundin ab, während die Kommilitonen sie verhöhnten.

Diesmal hatte Ketifa noch mehr Grund zur Sorge. Die Homophobie in Uganda hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Zwei Monate zuvor hatte das Parlament das berüchtigte Anti-Homosexuellen-Gesetz verabschiedet, das in einer frühen Version sogar die Todesstrafe für bestimmte homosexuelle Handlungen vorgesehen hatte. Das Gesetz schrieb für alle, die versuchten, gleichgeschlechtlichen Sex zu haben, sieben Jahre Haft vor. Für solche, die den Sex auch vollzogen, sollte es 14 Jahre Haft geben. Das Gesetz schuf zudem den Straftatbestand der „schweren Homosexualität" für „Wiederholungstäter" sowie für sexuell aktive HIV-positive Personen und andere; hierauf stand lebenslänglich. Die Debatte um das Gesetz, das fast fünf Jahre lang vom ugandischen Parlament verhandelt wurde, trat eine Welle extremer Homophobie los. Titelseiten großer Zeitschriften brachten Schlagzeilen wie „Die Namen der 200 größten Homos in Uganda". Es gab tätliche Angriffe, und schwule, lesbische, bisexuelle und Transgender-Menschen in Uganda waren gezwungen, unterzutauchen.



*Alle Namen in diesem Artikel wurden geändert, um die Identitäten von Personen zu schützen, die der Gefahr homophober Gewalt ausgesetzt sind.


Eine Straße in dem Viertel Eastleigh in Nairobi. Einige Homosexuelle aus Uganda traten die gefährliche Reise in die kenianische Hauptstadt an, nachdem ihr Land das Anti-Homosexuellen-Gesetz verabschiedet hatte.

Wie viele homosexuelle Uganderinnen wurde Ketifa von den Ereignissen dieser Monate entwurzelt. An jenem Valentinstag hatte sie keine andere Zuflucht und kehrte widerwillig zu ihrem Onkel zurück, in dasselbe Viertel, in dem ihre erste Liebe ermordet worden war. Als sie eintraf, hatte der Besitzer des Studierendenwohnheims ihrem Onkel bereits telefonisch mitgeteilt, dass man Ketifa beim Sex mit einer anderen Frau erwischt hatte. „Er packte mich bei der Hand, führte mich ins Zimmer und fesselte mich ans Bett", sagte Ketifa. „Er brachte einige Freunde ins Zimmer und sagte: ‚Sehen wir mal, was Männer können, das Frauen nicht tun können.' Zu den Männern sagte er: ‚Zeigt ihr, was ihr könnt.' Er sperrte mich mit den Männern ein und sie wechselten sich damit ab, mich zu vergewaltigen." Ketifa sagte, jeder Mann habe es zweimal getan. Die Vergewaltigung dauerte eine Stunde.

Ketifas Onkel ließ sie bis zum nächsten Morgen gefesselt. Als er sie endlich losband, befahl er ihr, Hausarbeit zu erledigen. Beim Putzen sah sie dann, wie sie sich näherten: dieselben Gemeinderatsmitglieder, die Sharon ermordet hatten. Ketifa rannte zum rückwertigen Gartentor hinaus und flüchtete mit dem Bus an die kenianische Grenze, da sie überzeugt war, nirgends in Uganda sicher zu sein. Am Grenzübergang Malaba erfuhr sie, dass eine Reise in die kenianische Hauptstadt Nairobi teuer und das Leben dort noch teurer sein würde. Ketifa erinnerte sich, dass eine Kenianerin in ihrer Klasse einmal erzählt hatte, Kenia nähme aus anderen Ländern Vertriebene auf und ließe sie in großen Lagern wohnen. Am Straßenrand sah sie einen Essensverkäufer; sie log, sie wolle eine Freundin in einem solchen Camp besuchen. Könne er ihr den Weg erklären?

Er fragte, ob sie Kakuma meine, ein großes Flüchtlingslager im Norden Kenias, das 1992 gegründet wurde, um vor dem sudanesischen Bürgerkrieg Geflohene aufzunehmen, und das inzwischen fast 200.000 Flüchtlinge aus allen möglichen Konflikten beherbergt. Der Mann erklärte ihr den Weg nach Kitale, einer Stadt im nördlichen Großen Afrikanischen Grabenbruch. Von dort konnte sie mit dem Bus über Lodwar nach Kakuma fahren. Ketifa hatte kein Geld für ein Ticket, also bot ihr der Verkäufer einen Job an: Sie könne für ein paar Stunden abspülen. Drei Tage später kam Ketifa in Kakuma an.

Ketifa war nicht die Einzige, die vor der zunehmend feindseligen homophoben Stimmung in Uganda flüchtete. Ein paar Wochen später, am 11. März, betraten 23 LGBT-Menschen aus Uganda das Gebäude des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in Nairobi. Sie wollten sich als lesbische, schwule und Transgender-Flüchtlinge registrieren. Die meisten waren um die 20 und männlich. Sie kamen aus ganz Uganda, manche gehörten zur Arbeiterklasse, während andere studiert hatten. Ein ugandischer Priester und LGBT-Verbündeter in Kampala hatte ihnen die Adresse gegeben.

Der Priester war bereits seit 1999 eine Art heimlicher Berater der homosexuellen Einwohnerschaft. Nachdem Lokalzeitungen von der Heirat zweier Männer in Kampala berichtet hatten, schrieb er eine Kolumne, in der er die neue Welle der ugandischen Homophobie verurteilte. Unter dem Artikel gab er seine Telefonnummer an. Schnell wurde sein Haus zu einem Zufluchtsort. „Es war ein sicherer Ort, an dem die Leute oft zum ersten Mal in ihrem Leben offen über ihre sexuelle Orientierung sprechen konnten", sagte er. „Ich wollte den Leuten helfen, sich selbst zu akzeptieren, ihr Bewusstsein für die Homophobie zu schärfen und sicherzugehen, dass sie nicht gelyncht werden."

Nach der Verabschiedung des Anti-Homosexuellen-Gesetzes bot der Priester einigen Menschen Zuflucht, die sich vor ihren Familien und der Polizei versteckten. Doch als die Gelder für das Obdach ausgingen, wollten viele von ihnen aus Angst um ihre Sicherheit das Land verlassen. Er selbst glaubte nicht, dass es in Kenia besser sei, doch er sah keine andere Wahl für seine Schützlinge. Er riet ihnen, sich nach der Ankunft in Nairobi an die Vereinten Nationen zu wenden.


Ein lesbischer Flüchtling aus Uganda in einer LGBT-Wohnanlage im Flüchtlingslager Kakuma

Im ersten Stock des UNHCR-Gebäudes saß eine blonde Belgierin namens Inge De Langhe in ihrem kleinen Büro. Die Leiterin der Abteilung für Umsiedlung war 2012 nach Kenia gekommen, um neue Unterkünfte für die glücklichsten unter den 550.000 Flüchtlingen des Landes zu finden. Seitdem waren jedes Jahr nur ein paar Tausend Menschen erfolgreich umgesiedelt worden, während jährlich eine viel größere Anzahl neuer Flüchtlinge nachkam.

Als die 23 Ugander und Uganderinnen an jenem Tag vor ihrem Büro auftauchten, brachte De Langhe sie in einen Konferenzraum, wo sie ihr mitteilten, welche Schrecken sie erlebt hatten. De Langhe sorgte sich um ihre Sicherheit in Kenia, einem noch immer zutiefst homophoben Land, in dem für gleichgeschlechtliche Sexualität bis zu 14 Jahre Haft verhängt werden konnten. Auch in den Flüchtlingslagern herrschte Homophobie. Während die meisten Flüchtlinge den Umständen, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hatten, entkommen waren, drohten den homosexuellen Flüchtlingen hier noch immer dieselben Gefahren. „Ich dachte: ‚Das ist eine besondere Gruppe'", sagte De Langhe. „Sie waren sehr jung und verzweifelt. Die meisten von ihnen waren von ihren eigenen Familien angegriffen worden, was es nur noch härter macht."

Die UN räumt Asylsuchenden Priorität ein, die besonders gefährdet sind und sofortigen Schutzes bedürfen, wie etwa unbegleiteten Minderjährigen und lebensbedrohlich Kranken. In Rücksprache mit der UNHCR-Abteilung für Internationalen Schutz in Genf entschieden De Langhe und ihre Kollegen, dass die Gruppe besonderen Schutz brauchte. Sie beantragten eine Beschleunigung des Asylverfahrens, um sie so schnell wie möglich durch Kenia hindurchzuschleusen.

Am 11. März 2014 betraten 23 LGBT-Menschen aus Uganda das Gebäude des UNHCR in Nairobi. Die meisten waren um die 20 und männlich. Sie kamen aus ganz Uganda. Ein ugandischer Priester und LGBT-Verbündeter hatte ihnen die Adresse gegeben.

Doch wenn das Verfahren für manche Menschen beschleunigt wird, verlangsamt es sich für andere. Es gibt 24.000 Menschen in Kakuma und 8.000 in Nairobi, die auf der Warteliste stehen, um ihren Asylanspruch überhaupt festzustellen. Die Wartezeit beträgt ein halbes Jahr, und das ist nur der erste Schritt in einem Prozess, der für gewöhnlich Jahre dauert. Die meisten Flüchtlinge warten Monate oder sogar Jahre auf Termine, doch De Langhe und ihr Team begannen innerhalb von Wochen, die 23 LGBT-Flüchtlinge zu befragen. Sie kontaktierten auch eine Partner-NGO namens HIAS, um ihnen sichere Unterkünfte und ein wenig Taschengeld zur Verfügung zu stellen. „Um ehrlich zu sein, hatten wir noch nie zuvor eine Gruppe, die so viel Unterstützung und Aufmerksamkeit erhalten hat", sagte De Langhe.

Es ist eine schwierige Zeit für Flüchtlinge, die versuchen, aus Kenia umzusiedeln, doch die Zeiten sind für Asylsuchende auf der ganzen Welt schwierig. Letztes Jahr gab es weltweit mehr als 60 Millionen Flüchtlinge mehr als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und obwohl die Anzahl der Asylsuchenden alle Rekorde sprengt, sinkt die Zahl der Flüchtlinge, die erfolgreich umsiedelt werden: 2014 waren es 73.000, im Vergleich zu 98.400 im Vorjahr. Hatten die LGBT-Flüchtlinge aus Uganda wirklich eine ungewöhnlich hohe Anzahl dieser Plätze verdient? Und wie sollte man sie schützen, während sie warteten?


Ein schwuler Flüchtling aus Uganda posiert in der Wohnung in Nairobi, die er sich mit seinem Freund teilt, für ein Porträt. Sechs Monate zuvor waren sieben Männer mit Macheten dort eingebrochen und hätten ihn fast getötet.

Nachdem die Entscheidung getroffen war, die Anträge vorzuziehen, brachte das UNHCR zusammen mit HIAS einige der Flüchtlinge in einer Wohnung in einem armen Viertel von Nairobi unter, wo sie in kleinen Zimmern wohnten und manche von ihnen Betten teilen mussten. Die traditionell laxe Durchsetzung der kenianischen Gesetze ermöglichte es ihnen, in Nairobi zu wohnen, denn laut Gesetz müssen Flüchtlinge entweder in Kakuma oder Dadaab, einem weiteren großen Lager im Norden, bleiben.

Doch die ugandischen Asylsuchenden kamen zu einer Zeit an, als die Sicherheitskräfte Kenias Flüchtlinge stärker ins Visier nahmen. Nachdem Terroristen der Al-Shabaab-Miliz im September 2013 das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi überfielen und mehr als 60 Menschen ermordeten, richtete die Regierung ihre Aufmerksamkeit auf die Flüchtlinge, um wenigstens vorzugeben, einen Plan zur Terrorbekämpfung zu verfolgen. Im April 2014 trieb die Polizei Hunderte Menschen im somalischen Viertel von Nairobi zusammen und hielt sie vorübergehend im Moi International Sports Complex fest, dem größten Sportstadion Kenias. Bald darauf wurden die Flüchtlinge in die Lager gebracht.

Ende März 2014 führte die Polizei eine Razzia in der Wohnung der LGBT-Flüchtlinge durch und inhaftierte sie. Das UNHCR handelte ihre Freilassung aus, bevor man sie aus der Stadt bringen konnte, und sah sich gezwungen, sie kurzzeitig in einem Hotel unterzubringen. Doch auch dort entdeckte sie die Polizei. Wieder hatte das UNHCR begrenzte Optionen und überredete die Polizei, die Flüchtlinge per Bus nach Kakuma zu schicken, das Flüchtlingslager im Norden Kenias, in das Ketifa geflohen war.

Kakuma liegt in der Region Turkana, unweit der Grenze zum Südsudan. Das Lager ist eine flache, ausufernde Stadt mit 184.000 Menschen aus dem Südsudan, Somalia und anderen Nachbarstaaten. Die UN stellt monatliche Lebensmittelrationen und öffentliche Wasserhähne zur Verfügung und bietet rudimentäre medizinische Versorgung. Hunderte Kilometer semiaride Wüste umgeben das etwa 30 Quadratkilometer große Lager, in dem die Menschen in einstöckigen Hütten zusammengepfercht leben. So gut wie nichts wächst in dem trockenen, harten Boden, und die Temperaturen steigen oft über 40 Grad. Die meisten Bäume der Region wurden bereits vor langer Zeit für Feuerholz oder Holzkohle gefällt, und nur etwa hundert Kilometer vom Äquator brennt die Sonne erbarmungslos. Die meisten Lagerbewohner haben nichts zu tun. Es gibt kaum Arbeit, abgesehen von dem Weiterverkauf von Essensrationen oder Holzkohle zum Kochen. Einige wenige haben das Glück, bei der UN, ihren Partnerorganisationen oder bei im Lager aktiven NGOs Stellen zu finden.

Als Ketifa im Februar in Kakuma eintraf, fragten UNHCR-Vertreter sie nach dem Grund für ihre Flucht, und sie erzählte ihnen von Sharons Mord. Man stellte sie einigen anderen LGBT-Flüchtlingen aus Uganda vor, die in den Monaten zuvor eingetroffen waren. Als die 23 Ugander ankamen, die sich in Nairobi versteckt hatten, schlossen sie sich der kleinen Gruppe an. „Ich war so froh, Menschen aus meinem Land zu finden—sogar jemand aus meinem Dorf—die alle dieselbe Orientierung hatten", sagte Ketifa.

Man gab ihnen einen abgegrenzten Schlafplatz im lager­hallenartigen Empfangscenter, doch er war nur durch ein paar Vorhänge und Laken vom Bereich der anderen getrennt. Ketifa wurde klar, dass sie schon bald aus dem Lager kommen könnte. „Das UNHCR sagte mir, meine maximale Aufenthaltsdauer wäre ein Jahr und dann bekäme ich meinen Status und würde umgesiedelt", sagte Ketifa. Die LGBT-Flüchtlinge entwickelten eine starke Bindung untereinander und wurden gleichzeitig zum Ziel von Angriffen. Sie blieben meist für sich, doch wenn sich ihre Wege bei Mahlzeiten mit denen heterosexueller Flüchtlinge kreuzten, kam es oft zu Kämpfen. „Ich dachte: ‚OK, ein Jahr lang muss ich jetzt hier leben, wo man mich diskriminiert, aber dann kann ich gehen.'"

Eines Tages sah Ketifa auf einem Aushang, dass eine Sekundarschule in dem Lager Lehrkräfte suchte. Sie hatte nie als Lehrerin gearbeitet, doch da sie auf einer weiterführenden Schule und einer der besten ugandischen Universitäten gewesen war, war sie qualifizierter als die meisten. „Ich wusste, dass ich einen Weg finden musste, im Lager zu überleben, aber gleichzeitig hatte ich Angst, dass die Leute herausfinden würden, dass ich LGBT bin", sagte sie. „Wie würden sie reagieren und wie könnte ich mich dann verteidigen?" Trotzdem bewarb sich Ketifa und bekam eine Stelle. Sie hatte nicht vorgehabt, sich in Kakuma ein Leben aufzubauen, und doch nahm es langsam Form an.


Ordner mit Dokumenten über die Menschen im Flüchtlingslager Kakuma säumen die Wände im UNHCR-Bearbeitungsbüro. Es gibt in dem Lager 182.000 Flüchtlinge, von denen der Großteil nie umgesiedelt werden wird.

Als ich Kakuma im Oktober besuchte, begrüßte mich De Langhe, die aus Nairobi hierher versetzt worden war, und führte mich in ein kleines Büro. Regale voller dicker Ordner bedeckten die Wände. Es waren die Daten aus einer Zählung von 2011, bei der man ergründen wollte, wer von den Zehntausenden mit einer Berechtigung für Essensrationen eigentlich noch im Lager lebte.

„Die meisten Bewohner von Kakuma werden den Rest ihres Lebens hier sein", sagte De Langhe. Selbst das eine Prozent, das die Chance auf ein neues Leben gewinnt, muss meist jahrelang warten, bevor die Umsiedlung autorisiert ist. Die unbearbeiteten Asylfälle stauen sich in dem Lager seit dem Tag seiner Eröffnung und zwar nicht nur bei der Umsiedlung, sondern bereits beim ersten Schritt, der Registrierung des Flüchtlingsstatus. De Langhe wurde mit der Priorisierung zwischen den beiden stockenden Vorgängen beauftragt. „Ich wünschte, wir könnten mehr Personen zur Umsiedlung anmelden, aber es verstört mich noch mehr, dass Menschen jahrelang warten, bevor sie überhaupt ihren Flüchtlingsstatus bekommen und ihr Leben weitergehen kann", sagte sie.

Montags bis freitags versucht De Langhe, den Prozess so gut es geht in Bewegung zu halten. Samstags hört sie ehrenamtlich verschiedenen Ältesten und Anführern ethnischer Gruppen zu. Sie klagen über die unwirtliche Umgebung, Angriffe von anderen Flüchtlingen und die Untätigkeit der Polizei. Es gibt in dem Lager mehr als 20 Nationalitäten und viele ethnische Gruppen, und jeden Samstag besucht De Langhe Vertreter von mindestens zwei dieser Gruppen. Die Treffen finden meist draußen statt und dauern mehrere Stunden.

„Sie fangen immer sehr aggressiv an", sagte sie, doch dies sei verständlich. Das Lager sei ein schrecklicher Ort zum Leben. De Langhe hört aufmerksam zu und unternimmt so viel sie kann, um die Probleme zu beheben. Obwohl De Langhe das Gesicht einer Behörde ist, die zwischen ihnen und einem neuen Leben steht, loben die meisten sie in den höchsten Tönen. Ein Flüchtling sagte mir, De Langhe sei „die Frau, die ich von allen am meisten respektiere".


Ein homosexueller Flüchtling deutet auf eine der Standard-Hütten in Kakuma. Eines der vielen Löcher in den Wänden dieses Hauses ist mit einer UNHCR-Plane bedeckt.

Als De Langhe und ihr Team die Asylanträge der ugandischen LGBT-Flüchtlinge bearbeiteten, hielt sie es noch für eine Anomalie in dieser flüchtlingsreichen Weltregion, doch bald trafen mehr LGBT-Flüchtlinge ein. Erst waren es einer oder zwei im Monat, dann mindestens ein Dutzend. Sie flohen vor den Gesetzen in Uganda und auch vor Homophobie in Burundi, Äthiopien und anderen Ländern in Ostafrika. Letzten Frühling gab es mehr als 200 LGBT-Flüchtlinge, die dringend Asyl verlangten. Ein Neuankömmling sagte dem Global Philanthropy Project: „Ich rechne damit, drei Monate in Kenia zu sein und dann in den Westen umgesiedelt zu werden."

Plötzlich war De Langhes Team mit den vielen LGBT-Flüchtlingen überfordert, und sie fürchtete, dass ihre Entscheidung, ihnen Priorität zu geben, zum Teil daran schuld war. Indem sie LGBT-Flüchtlingen eine schnellere Bearbeitung und kleine Geldmengen gewährten, hatten das UNHCR und seine Partner möglicherweise noch mehr Menschen Anreiz geboten, nach Kenia zu fliehen.

Manche suchten auch bei westlichen Verbündeten Rat für die Asylsuche in Kenia. Darunter auch Isaac, ein 25-jähriger Schwuler, der in Kampala lebte. Im April 2015 beschuldigte eine Lokalzeitung Isaac, einen anderen Mann—in Wahrheit sein Freund, Patrick—„sodomisiert" zu haben. Er suchte online Rat und stieß auf den Menschenrechtsblog von Melanie Nathan, einer südafrikanischen Anwältin und Aktivistin, die 1985 in die USA ausgewandert war und eine Klinik eröffnet hatte, die sich für die Rechte von LGBT-Immigranten einsetzt. Nathan hatte die Situation in Uganda verfolgt und stand 2014 bereits mit zahlreichen ugandischen LGBT-Menschen in Kontakt. Sie begann, einen Blog über das Thema zu führen, wobei sie auch manchmal ugandische Geflüchtete beriet. Als Isaac Nathan eine E-Mail schrieb, antwortete sie sofort. Noch im selben Monat brachen Isaac und Patrick nach Kakuma auf.

Es gibt 24.000 Menschen in Kakuma und 8.000 in Nairobi, die auf der Warteliste stehen, um ihren Asylanspruch überhaupt festzustellen. Die Wartezeit beträgt sechs Monate, und das ist nur der erste Schritt in einem Prozess, der für gewöhnlich Jahre dauert.

Nathan war mit ihrer Arbeit nicht allein. Viele Unterstützer in den USA rieten Ugandern und Uganderinnen aktiv zur Flucht, und manche schickten auch Geld, um ihnen die Reise zu ermöglichen. Der Friends Ugandan Safe Transport Fund, eine Quäker-Gruppe, die im US-Staat Washington gegründet wurde, um gefährdeten Menschen die Flucht aus Uganda zu ermöglichen, sagt, sie haben mehr als 1.300 Personen bei der Flucht in Nachbarländer, nach Europa, Nahost und Nordamerika geholfen.

Andere wurde auf sozialen Netzwerken von ihren Freunden, die erfolgreich im Norden angekommen waren, zur Flucht ermutigt. Selbst solche, die noch nicht umgesiedelt waren, rieten ihnen, nach Kenia zu kommen. Laut einem Bericht des Global Philanthropy Project „beschrieben viele Teilnehmer, dass ugandische LGBT-Flüchtlinge in Nairobi Freunde und Partner ermutigten, sich ihnen anzuschließen. Sie teilten Informationen über den Asylprozess und Geschichten aus ihrem freieren Leben".

Im Gegensatz zu Flüchtlingen aus dem Südsudan und Somalia, die meist extrem arm sind, kamen die ugandischen Flüchtlinge aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Viele waren aus Kampala. Manche arbeiteten in der Gastronomie, andere hatten studiert. Manche gingen noch auf die Uni und einige der Jüngsten sogar noch auf die Highschool.

Als immer mehr Menschen die Reise nach Kakuma antraten, richtete der American Jewish World Service mit einer kleinen kenianischen NGO eine Wegstation ein, etwa auf halber Strecke zwischen dem Lager und der Grenze zu Uganda. Das Ziel des Zentrums war es, LGBT-Flüchtlinge aus Uganda abzufangen und ihnen etwa fünf Tage lang Obdach zu bieten, während sie ihre nächsten Schritte planten. An einem dieser Tage wurden die potenziellen Flüchtlinge mit dem Bus nach Kakuma gebracht, herumgeführt und wieder zur Wegstation gebracht. Dort konnten sie sich ein oder zwei Tage lang Gedanken über die widrigen Lebensbedingungen und die Homophobie in Kakuma machen. Viele wählten stattdessen ein illegales Leben in Nairobi. Einige machten kehrt und gingen zurück nach Uganda.


Aus Angst um die LGBT-Flüchtlinge innerhalb Kakumas hat das UNHCR ihnen ein Gelände in der Nähe einer Polizeiwache zu Verfügung gestellt und bebaut, auf dem alle gemeinsam leben können.

Homophobie ist im Lager fest verwurzelt. Nicht lange nachdem Ketifa angefangen hatte zu unterrichten, kursierten bereits Gerüchte über ihre Homosexualität. Obwohl sie sich nicht öffentlich dazu bekannte, wusste man, dass sie mit Menschen zusammenlebte, die homosexuellen Stereotypen entsprachen, und sie hatte weder Freund noch Mann. „Die Schüler rufen ‚Shoga! Shoga!', was homosexuell bedeutet", sagte sie. „Manche kommen direkt auf dich zu und sagen: ‚Mwalimu [Lehrerin], du unterrichtest mich nicht! Meine Eltern haben gesagt, eine Shoga kann mich nicht unterrichten, weil Shoga schlecht ist.'"

Im November 2014 verlangte eine Gruppe von Eltern, die meisten von ihnen laut Ketifa somalisch, ein Treffen mit dem Schuldirektor. Dieser rief Ketifa und zwei weitere homosexuelle ugandische Flüchtlinge zu sich. „Er sagte, wir müssten uns ändern oder wir würden unsere Jobs verlieren", sagte sie. Drei Wochen später erhielten sie Briefe von der Schule: Sie waren gefeuert.

„Die Leute haben sehr starke religiöse Überzeugungen", sagte Muthee Kiunga, ein UNHCR-Schutzbeauftragter unter De Langhe in Kakuma. „Die Somalis, selbst die Christen, sind fest der Meinung, dass [Homosexualität] falsch ist. Es ist für diese Personen daher sehr schwer, sich ins Lager zu integrieren."

Gelegentlich artete die Diskriminierung in Gewalt aus. Somalische und sudanesische Männer griffen die LGBT-Flüchtlinge an; manchmal warfen sie sogar Steine und verletzten sie. Um Konflikte zu meiden, warteten homosexu­elle Flüchtlinge mit dem Essen, bis alle anderen fertig waren. Aus Angst vor noch schlimmerer Gewalt weigerte sich die Gruppe, das Empfangscenter zu verlassen, das eigentlich nur als vorübergehende Unterkunft gedacht war.

Kiunga erkannte, dass sich die Einstellung von 180.000 Flüchtlingen nicht über Nacht ändern ließ und die Sicherheit der LGBT-Gruppe im Lager nicht gewährleistet werden konnte. Also formulierten Kiunga und sein Team einen Plan: Um die LGBT-Flüchtlinge zur Integration ins Lager zu bewegen, würde das UNHCR ihnen ein kleines Stück Land geben, wo sie als Gruppe zusammenleben konnten—in Hörweite eines Polizeireviers. Anstatt wie in Kakuma üblich, den Flüchtlingen Baumaterial (oder Geld für Material) zu geben und ihnen den Bau ihrer Unterkunft selbst zu überlassen, ließ die UN eine Partnerorganisation kleine Hütten mit Lehmwänden und Blechdächern bauen. Arbeiter pflanzten Dornenbüsche um das Grundstück, um etwas Schutz und Privatsphäre zu bieten. Als die Hütten im Juli 2014 fertig waren, zogen mehr als 20 der ersten LGBT-Flüchtlinge widerwillig ein, nachdem sie über zwei Monate im Empfangscenter verbracht hatten. Unter ihnen war Ketifa. Als mehr LGBT-Flüchtlinge nachkamen, baute man eine Anlage direkt neben der ersten.

Die Ansammlung von Hütten ist alles andere als luxuriös. Im Inneren liegen Matratzen am Boden und Kleidung quillt aus offenen Koffern. Mückennetze hängen mit Shorts, Kleidern und Unterwäsche von der Decke. Draußen laufen ein paar kleine Hühner umher. An windigen Tagen flattert die Plane, die zum Sonnenschutz zwischen zwei Häusern gespannt ist.

Die Anlage hat ihren eigenen Wasserhahn, sodass Ketifa und die anderen nicht beim Wasserholen belästigt werden konnten. Ein großes Privileg, denn LGBT-Flüchtlinge sind nicht die einzigen, die an den öffentlichen Wasserquellen abgewiesen werden. In Kakuma gibt es überall Diskriminierung. „Das gibt es auch unter Stämmen innerhalb der sudanesischen Gemeinde. Die Nuer wollen die Dinka nicht trinken lassen. Kinder werden geschlagen, weil sie Hutu oder Tutsi sind", sagte Kiunga. „Wasser ist ein kostbares Gut."

Als sie die Privilegien der LGBT-Flüchtlinge bemerkten, wurden manche Lagerbewohner neidisch. „Die LGBT-Gruppe ist klein, aber sie bekommt so viel Aufmerksamkeit, dass wir manchmal Beschwerden kriegen", sagte Kiunga. „‚Wie könnt ihr sie so besonders behandeln? Ich bin seit sechs Jahren hier. Warum dürfen diese Leute so schnell hier raus?'"

Ein LGBT-Aktivist aus der Region Turkana, der sich Brian nennt, setzte sich schon früh für die homosexuellen Flüchtlinge in Kakuma ein, doch er war auch unter den ersten Kritikern ihrer Sonderbehandlung durch das UNHCR. „Wir sagten zu Muthee: ‚Was ihr da macht, ist nicht gut'", sagte Brian. „‚Ihr baut ihnen gute Häuser in der Nähe der Polizei, gebt ihnen eine abgerie­gelte Wohnanlage und ihr eigenes Wasser. Das sind alles gute Sachen, aber was soll eurer Meinung nach passieren, wenn die anderen Gemeinden anfangen, Fragen zu stellen?" Es sei kein Wunder, sagte er, dass LGBT-Flüchtlinge diskriminiert würden.

Auch nach dem Bau der Anlage setzten sich die Gewaltandrohungen fort. Einmal im Monat gehen alle Bewohner zum Verteilungszentrum, um ihre Essensrationen abzuholen. Mindestens zweimal kehrten die LGBT-Flüchtlinge zurück und mussten feststellen, dass das Gebüsch um ihre Wohnanlage in Brand gesteckt worden war. Letzten September bildeten einige der homosexuellen Flüchtlinge ein Fußballteam, doch die anderen verwehrten ihnen die Teilnahme in der Liga des Lagers. Als einige LGBT-Spieler stattdessen anderen Teams beitraten, wurden diese ebenfalls suspendiert.

Eines Tages im September tauchten handgeschriebene Poster in kenianischem Swahili im Lager auf: „Eure Kinder werden zu homosexuellem Verhalten erzogen. Wenn ihr jemanden bei euren Kindern seht, informiert bitte schnell die Polizei. Lasst uns zusammenarbeiten und dieses homosexu­elle Verhalten ausmerzen." Kiunga sagte: „Es war wie eine Warnung." Er und seine Kollegen studierten die Handschrift und versuchten, die Nationalität der Urheber zu erraten, doch es hätte jeder sein können. De Langhe zeigte die Briefe der Polizei, doch weitere Poster erschienen noch wochenlang in der Nähe der LGBT-Anlage.

Dennoch ist Brian sicher, dass die Vorzugsbehandlung zu dem Pull-Faktor des Lagers beigetragen hat. „Wenn jemand dir eine Chance auf ein besseres Leben bietet", sagte er, „dann gehst du dorthin."


Ein schwuler, HIV-positiver Flüchtling vor seiner Wohnung in Nairobi. Als Flüchtling erhält er monatlich etwas Taschengeld von der NGO HIAS, doch er kann sich oft nicht genug Essen leisten, das er mit seinen Medikamenten zu sich nehmen soll.

Nicht nur in Kakuma haben LGBT-Flüchtlinge gewisse Privilegien. Zwar ließen sich einige—freiwillig oder gezwungenermaßen—im Lager nieder, doch die meisten wählten stattdessen ein Leben in Nairobi. Vor allem für Menschen, die in der ugandischen Metropole Kampala aufgewachsen waren, lag diese Wahl nahe.

Wer nach Nairobi ging, erhielt Hilfe, die andere Flüchtlinge nicht bekamen: Geld. Die internationale Umsiedlungsorganisation für Flüchtlinge HIAS, sicherte UN-Mittel, um LGBT-Flüchtlingen in Nairobi monatlich 6.000 Kenia-Schilling (54 Euro) zu zahlen. Das reichte kaum für die Miete, geschweige denn für Essen oder die Busfahrten, um ihre Umsiedlung zu besprechen. Doch es war besser als nichts. Diese Mittel waren in vielerlei Hinsicht besonders, denn während die meisten Taschengelder nur für eine begrenzte Zeit ausgezahlt wurden, bot HIAS sie anscheinend unbegrenzt an. Selbst unbegleitete Minderjährige erhielten meist nur vier Monate lang finanzielle Hilfe. Doch diese Freigiebigkeit war nicht nachhaltig. Laut dem Global Philanthropy Project gab ein UNHCR-Partner das gesamte Budget für Flüchtlingstaschengelder von 2014 in nur zwei Monaten aus.

Die Privilegien der LGBT-Flüchtlinge könnten ein Grund gewesen sein, warum die UN sich auch um Betrug Gedanken machen musste. Homosexuelle Flüchtlinge berichten, sie hätten gesehen, wie Menschen, die fälschlicherweise behaupteten, homosexuell zu sein, Gelder abfassten. Aaron Gershowitz, der die globalen Aktivitäten von HIAS beaufsichtigt, hält es für unwahrscheinlich, dass dies verbreitet ist. Letztes Jahr verbrachte er mehrere Wochen in Nairobi, um die Verteilung der Gelder zu verbessern, und sein Team dort erwähnte keine Betrüger. HIAS dient nur Menschen, die bereits ihre erste UNHCR-Registrierung als Flüchtlinge haben. Wenn es also tatsächlich Betrüger gibt, die Geld erhalten, liegt die Schuld nicht bei HIAS.

Die Sorge, dass Menschen Homosexualität vortäuschen könnten, um Hilfe oder eine Umsiedlung ins Ausland zu erhalten, wurde letzten Februar für das UNHCR dringlich, als 76 Leute am selben Tag im Büro in Nairobi auftauchten und behaupteten, LGBT-Flüchtlinge zu sein. Die große Gruppe ließ an organisierten Menschenschmuggel denken. De Langhe sagte, der ugandische Priester, der die erste Gruppe unterstützt hatte, habe ihr geraten, bei Neuankömmlingen vorsichtig zu sein. „Wenn an einem Tag 70 Leute auftauchen, ist irgendetwas los", sagte mir De Langhe.

Diese neue Furcht vor Betrügern war für das UNHCR eine weitere Herausforderung unter vielen. De Langhe zögerte den Prozess hinaus, während ihr Team versuchte, die echten LGBT-Flüchtlinge von den Hochstaplern zu unterscheiden. „Unter diesen 76 mag es echte Fälle geben, doch diese werden durch die falschen Fälle in der Gruppe gefährdet", sagte sie.

Wenn es tatsächlich Schwindler unter den Hunderten Flüchtlingen geben sollte, die behaupten, LGBT zu sein, so sagt De Langhe, sie könne ihnen den Versuch im Grunde nicht verübeln. „Warum haben wir Betrugsfälle? Weil wir einen Pull-Faktor haben. Das müssen wir einräumen", sagte sie. „Wenn ein armer, lediger Mann in Uganda in schwierigen Umständen lebt und hört, wie LGBT-Fälle aus seinem Land schnell nach Nordamerika dürfen, dann könnte er es riskieren und sich als LGBT ausgeben. Ich halte das für normal." Kiunga sagte dazu: „Es ist ein heikles und manchmal sehr persönliches Thema." Er weiß von mindestens zwei Fällen, in denen Leuten der Flüchtlingsstatus vorenthalten wurde, weil ihre Behauptung, LGBT zu sein, nicht glaubwürdig wirkte. Die Glaubwürdigkeit nachzuprüfen, hat sich für die UN allerdings als kompliziert herausgestellt. Es ist schlichtweg unmöglich, anhand der sexu­ellen Vorgeschichte eines Flüchtlings zu urteilen. Erstens gibt es vor allem unter den Jüngeren solche, die noch keinerlei sexuelle Erfahrung haben. Zweitens kann das Fehlen einer Beziehung auch darauf hindeuten, „dass er oder sie versucht hat, Gefahren zu meiden", wie es in den Richtlinien des UNHCR heißt. Für manche Flüchtlinge sind die Gespräche belastend. Natah, eine lesbische Frau aus Kampala, erinnerte sich, wie sie in Tränen ausbrach, als sie erzählte, ihre Mutter habe sie verstoßen und ihr Vater sie angegriffen, als sie von ihrer Homosexualität erfuhren. „Die Interviewer haben mir Stift und Papier gegeben und gesagt, ich soll etwas über mich selbst schreiben", sagte sie über ihr erstes UNHCR-Gespräch. „Ich habe geschrieben, dass ich meine Familie verloren habe, weil ich so bin, wie ich bin." Beim zweiten Gespräch „bin ich beim Gedanken an meine Mutter fast zusammengebrochen". Langsam erzählte sie ihre schmerzhafte Geschichte.

Um zu verhindern, dass Flüchtlinge ihre Traumata unnötig neu durchleben müssen, hat die UN einige No-Gos formuliert: „Detaillierte Fragen über das Sexleben des Bewerbers/der Bewerberin sollten vermieden werden." „‚Medizinische Untersuchungen der sexuellen Orientierung verletzen grundlegende Menschenrechte und dürfen nicht eingesetzt werden." „Es wäre auch unangemessen, ein Paar zu einer körperlichen Demonstration aufzufordern, um seine Orientierung zu beweisen." Folglich bleibt der UN nicht viel mehr, als die Schlüssigkeit der Aussagen der Flüchtlinge zu prüfen. Freunde und Familie können meist nicht zur Bestätigung herangezogen werden: Bei vielen LGBT-Flüchtlingen sind das genau die Menschen, die sie überhaupt erst vertrieben haben.


Ein Mann blickt auf die Straße in dem Viertel Eastleigh in Nairobi, wo sich viele LGBT-Flüchtlinge vorübergehend niedergelassen haben.

Nachdem Ketifa ihre Stelle als Lehrerin verlor, wartete sie verzweifelt auf ihre Umsiedlung. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, neue Bewerbungen zu schrei­ben. „Es ist ihnen egal, was du leistest", sagte sie. „Alles, was sie sehen, ist deine sexuelle Orientierung." Da sie kaum mehr tun konnte, außer herumzusitzen und mit den anderen homosexuellen Flüchtlingen zu sprechen, überlegte Ketifa, nach Nairobi zu ziehen. Ihre Freunde ermutigten sie, dass sie dort ein weniger langweiliges Leben führen und leichter der Diskriminierung entgehen könnte. Doch um umzuziehen, müsste sie die Erlaubnis des kenianischen Flüchtlingsamts einholen, was fast unmöglich ist. Sie weiß von ein paar LGBT-Flüchtlingen, die illegal abgehauen sind, doch bis heute hat sie zu viel Angst, ihnen zu folgen.

Nairobi bietet tatsächlich einige Vorteile. Die Großstadt hat viele lesbische und schwule Einwohner. Zwar haben manche der Flüchtlinge homosexuelle Menschen aus Kenia kennengelernt, doch die meisten sind von den entsprechenden Szenen abgeschnitten. Manche haben einen Homo-Club in der Innenstadt besucht, in dem es regelmäßig Polizeirazzien gibt. Doch die meiste Kommunikation mit der kenianischen LGBT-Gemeinde läuft digital ab: Sie schreiben einander auf WhatsApp, teilen Fotos und Videos auf Facebook oder suchen Beziehungen auf Grindr.

An einer felsigen Straße am südlichen Rand der Stadt teilten sich 30 LGBT-Flüchtlinge ein großes Haus. Sie verbrachten ihre Zeit mit Musik, Kochen und gemeinsamem Essen. Draußen spielten sie Netball, einen Teamsport, der an Basketball erinnert. Sie verließen das Grundstück nur, um Essen zu kaufen oder Termine bei diversen Umsiedlungsagenturen, Behörden und ausländischen Botschaften wahrzunehmen. Doch wenigstens lebten sie in relativer Sicherheit in ihrer eigenen Gemeinde. Bis Ende letzten Jahres zumindest, als die Bedrohung durch homophobe Nachbarn so groß wurde, dass sie sich entschlossen, das Haus zu verlassen.

„Was ihr da macht, ist nicht gut'", sagte ein LGBT-Aktivist aus Turkana in Kenia. „Ihr baut ihnen gute Häuser in der Nähe der Polizei, gebt ihnen eine abgeriegelte Wohnanlage und ihr eigenes Wasser. Aber was soll eurer Meinung nach passieren, wenn die anderen Gemeinden anfangen, Fragen zu stellen?"

Die LGBT-Flüchtlinge in Nairobi werden ständig aus ihren Häusern vertrieben. An einem Samstag im Februar 2015 ver­sammelte sich eine Gruppe LGBT-Flüchtlinge in einem Haus in einem dicht besiedelten Viertel, um zu feiern: Francis, einem schwulen Mann aus Uganda, war nach weniger als einem Jahr in Kenia die Umsiedlung nach Schweden genehmigt worden. Sein Glück gab den anderen Hoffnung.

Unter den circa 50 Gästen war auch Natah, die Lesbe aus Kampala, die Anfang 2014 nach Kakuma geflohen war. Natah war schließlich nach Nairobi gegangen, wo sie sich mit Francis anfreundete. Auf der Party trug Francis einen Rock. Normalerweise wies Natah ihn für solches Verhalten zurecht. „Manchmal kam ich vorbei und fand ihn in einem Rock oder Kleid und Make-up vor. Ich sagte dann immer: ‚Vergiss nicht, du bist in Nairobi! Hier sind sie homophob.'" Doch weil Francis' Freiheit schon zum Greifen nah war, sagte sie nichts.

Die Party war in vollem Gange, es lief ugandische Musik und alle tanzten. Doch Natah, die nicht trank, beschloss kurz nach Sonnenuntergang, nach Hause zu gehen und verabschiedete sich von Francis. Eine Viertelstunde später stand Natah an der Bushaltestelle, als ihr Handy klingelte. Es war ihre Freundin Josephine, eine weitere ugandische Lesbe, die noch auf der Party war. „Sie sagte: ‚Die Polizei ist hier. Sie wird uns festnehmen.'"

Natah erfuhr, dass nach ihrem Abschied die kenianische Polizei das Wohngebäude gestürmt hatte. Josephine hatte sich in ein Zimmer gesperrt. Am Telefon beschrieb sie Natah, wie die Beamten sich Zimmer für Zimmer vorarbeiteten, ihre Kleider durchwühlten und unter die Matratzen sahen. Es wirkte nicht, als würden sie nach etwas Bestimmtem suchten.

Die Beamten trieben alle in die Mitte des Gebäudekomplexes und befahlen der Gruppe, sich hinzusetzen. „Sie sagten: ‚Ihr habt ohne Erlaubnis eine Party gefeiert'", erinnert sich Raj, ein schwuler Teenager aus Uganda. Er sagte, Francis habe als Gastgeber auf die Beamten eingeredet und verkündet, er habe eine Erlaubnis. Ein Beamter schrie ihn an, um ihn zum Schweigen zu bringen, und ein weiterer ohrfeigte ihn, so Raj. „Sie sagten: ‚Das hier ist ernst. Wir sind hier in Kenia, nicht in Uganda.'"

Die Polizei bestand darauf, dass alle nach Kakuma geschickt würden, wie es das Gesetz vorschrieb. Sie brachten 35 Personen ins Gefängnis. Dort teilte man sie auf zwei kleine, dreckige Zellen auf. Es war spätnachts, doch niemand schlief, denn es gab auf dem kalten Boden ohnehin nicht genug Platz. Manche wechselten sich mit dem Hinlegen ab, andere saßen oder kauerten.

Am nächsten Morgen wurde es sehr heiß. Manche Flüchtlinge zogen sich die Oberteile aus, um sich zu kühlen. Ein Mann fiel in Ohnmacht und die anderen überredeten die Beamten, ihn in ein nahegelegenes Krankenhaus zu lassen. Der Tag wurde erneut zur Nacht. Erst am Abend des folgenden Tags brachten UNHCR-Vertreter die Polizei dazu, sie gehen zu lassen. Eine Straftat wurde ihnen zu keinem Zeitpunkt förmlich zur Last gelegt.

Sofort gingen manche ins Krankenhaus, um nach dem geschwächten Freund zu sehen. Dort fanden sie Natah vor, die ins Krankenhaus geeilt war, um ihm zu helfen. Er hatte sich schnell erholt, doch das Personal wollte ihn nicht gehen lassen: Er sollte erst seine Rechnung begleichen. Natah telefonierte einen ganzen Tag lang mit allen Freunden und Fürsprechern, die ihr einfielen. Sie musste 2.300 Schilling (21 Euro) auftreiben. Schließlich spendete der homosexuellenfreundliche Priester aus Uganda den Betrag.

Beim Verlassen des Krankenhauses konnte man den LGBT-Flüchtlingen die Erleichterung ansehen, endlich frei zu sein, sagte Natah. Doch der Vorfall hatte sie daran erinnert, dass sie im Grunde noch immer „Gefangene" waren, wie ein Polizist gesagt hatte. Sie lebten als Ausgestoßene in einem fremden Land, in dem ihre Homosexualität ein Verbrechen war. Natah sah Francis an jenem Abend vor dem Krankenhaus. Sein Flug in ein freies Land war nur Stunden entfernt, doch er war schweigsam. „Es war kein glücklicher Moment", sagte Natah. Die Flüchtlinge kehrten zu ihrer Wohnungen zurück, um zu packen. Das Viertel war offensichtlich kein sicherer Ort für sie. Im Laufe der folgenden Tage zogen sie in verschiedene Stadtteile von Nairobi.

Francis war einer der wenigen Glücklichen. Zwar wurde der Asylvorgang für LGBT-Flüchtlinge beschleunigt, doch nur wenigen wurde so viel Aufmerksamkeit zuteil wie der ersten Gruppe von 23 Personen. Der Vorgang geriet ins Stocken, als immer mehr Menschen ankamen, und Leute wie Ketifa, die unter den ersten LGBT-Flüchtlingen aus Uganda waren, mussten warten. „Im Moment weiß ich immer noch nicht, wie es um meinen Flüchtlingsstatus steht", sagte sie letzten Herbst.

Ende 2014 konnte das UNHCR aufgrund mangelnder Mittel nicht länger die Bearbeitung aller LGBT-Fälle beschleunigen, also beschloss De Langhes Vorgesetzte, die Leiterin der UNHCR-Schutzabteilung Catherine Hamon-Sharpe, sie alle einzeln in Erwägung zu ziehen. Dem UNHCR fehlten schlicht die Zeit und die Ressourcen, sich allen Fällen zu widmen.

Vergangenen März protestierten einige der Flüchtlinge, die eine Beschleunigung ihrer Umsiedlung erwartet hatten, vor dem UNHCR-Büro. Eine Gruppe schrieb in einem Brief, die langen Wartezeiten auf Termine hätten „für die LGBT-Migranten in Kenia mehrere lebensbedrohliche Herausforderungen zur Folge gehabt".

Falls das UNHCR dachte, ein Ende der Sonderbehandlung würde auch den Pull-Faktor von Uganda nach Kenia aus der Welt schaffen, hatte es sich getäuscht. Obwohl der Oberste Gerichtshof von Uganda das Anti-Homosexuellen-Gesetz im Juli 2014 aufgrund einer Formalität abwies, änderte das laut dem ugandischen Priester unmittelbar nichts. Der Priester half weiter Dutzenden Menschen aus Uganda, vorübergehende Unterkünfte um Nairobi zu finden. Erst Ende 2015 habe der Pull-Faktor nachgelassen. Die neuen Geschichten von Belästigung, Gewalt, Stagnation und Enttäuschung hätten „eine abschwächende Wirkung", sagte er. „Die Leute überlegen es sich jetzt zwei- oder dreimal. Sie sind nicht gewillt, so lange auf einen Termin zu warten."

Diesen Januar kam für Ketifa endlich die Entscheidung, auf die sie so lange gewartet hatte: Ihr Flüchtlingsstatus wurde bestätigt. „Wir haben Gott gedankt und gebetet, dass andere auch gute Nachrichten erhalten", sagte sie. Nun muss sie in der Botschaft des Landes, das sie aufnimmt, den langen Prozess der Sicherheits- und Gesundheitschecks durchlaufen.


Natah, ein lesbischer Flüchtling aus Burundi, und ihre kenianische Freundin teilen sich mit anderen Flüchtlingen ein Wohngebäude in Nairobi, Kenia.

An einem heißen Sonntagmorgen letzten Oktober ver­sammelte sich eine etwa 20-köpfige Gruppe in einer behelfsmäßigen Kirche in der LGBT-Wohnanlage. Die Planen, die den Boden zwischen zwei der Hütten bedeckten, waren blitzblank. Vier schmale Sitzreihen waren aus unterschiedlichen Holzplanken gezimmert worden. Während sie sich ihre Plätze suchten, sangen die Gläubigen ein Kirchenlied.

Der Priester, Solomon Mugisa, stieß schließlich dazu. Als Sohn eines Priesters der Pfingstgemeinde und einer anglikanischen Mutter besuchte Mugisa sein ganzes Leben christliche Schulen. Er wusste sehr gut, dass die anglikanische Kirche als eine der homophobsten in ganz Afrika gilt. Doch irgendwie hielt das ihn, einen Schwulen, nicht davon ab, anglikanischer Priester zu werden. „Ich weiß, dass Gott keinen Unterschied macht", sagte er. „Er liebt dich, egal wer du bist."

Das kann man von der ugandischen Polizei nicht behaupten. Im März 2014 begannen Fotos online zu zirkulieren, in denen Mugisa beim WorldPride Festival 2012 in London zu sehen war. Er hatte an einem christlichen Austauschprogramm mit Großbritannien teilgenommen und sich eine kleine Auszeit gegönnt. Nach seiner Rückkehr nach Kampala wurde er eines Abends verhaftet. Erst am sechsten Tag wurde er auf Kaution freigelassen. Er floh sofort nach Nairobi, von wo ihn das UNHCR nach Kakuma brachte. Hier wurde er zum Anführer der ugandischen Gruppe—sowohl praktisch als auch spirituell.

Anfangs nahm Mugisa die Flüchtlinge mit in die existierenden Kirchen in Kakuma, doch sie wurden immer verjagt. Also beschloss Mugisa, in der Wohnanlage der LGBT-Flüchtlinge eine eigene Kirche zu gründen.

Wer dem Gottesdienst der homosexuellen Ugander und Uganderinnen im Kakuma Camp 3 beiwohnt, kann kaum glauben, dass Christentum und Homosexualität nicht perfekt vereinbar sind. An jenem Sonntag gab es Danksagungen. Eine Frau dankte Gott dafür, dass sie den medizinischen Abschnitt ihres Umsiedlungsprozesses in die USA bestanden hatte. Ein Mann sagte, er sei dankbar, einen Platz zum Beten zu haben. („Er hätte sich nie ausgemalt, einmal eine Kirche zu finden, die ihn akzeptiert", erklärte Mugisa. „Er fing sogar an, Gott zu hassen.") Ein weiterer Mann stand auf: „Ich danke Gott für seinen Schutz. Letzte Nacht wurde ich auf der Straße angegriffen, doch Gott sei Dank habe ich überlebt."

Selbst Ketifa, eine Muslimin, die vor ihrer Ankunft in Kakuma noch nie Fuß in eine Kirche gesetzt hatte, war zugegen. Sie sagte, die örtlichen Moscheen würden sie ablehnen. Sie stand ganz hinten, hörte aufmerksam zu und stimmte in die christlichen Lieder mit ein.

Als nach über einer Stunde die Lieder und Gebete vorbei waren, hielt Mugisa seine wöchentliche Predigt. „Gott hat ein Buch des Lebens", sagte er seiner Gemeinde. „Er erinnert sich an deinen Namen. Doch um hineingeschrieben zu werden, musst du Gutes tun." Mugisa wandte sich an Einzelne: „Mulondo, Lujja, Kasule, Nansamba, ihr sollt sagen können: ‚Gott, ich habe dir gedient, als ich in Kakuma war.' Ihr sollt sagen können: ‚Ich habe dir in Uganda gedient. Das habe ich alles getan; erinnere dich an mich.'"

Plötzlich hielt Mugisa inne. In der Stille hörte man Amenrufe aus der gelben Kirche am anderen Ende der Straße—eine der Kirchen, die LGBT-Flüchtlinge verjagt hatte. Mugisa sah in die angsterfüllten Gesichter seiner Gemeinde und fand Worte des Trostes: „Glaubt mir, eines Tages werden wir diesen Ort verlassen."

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