Fragen, die ProSiebens neues Survival-Format ‚Wild Island – Das Pure Überleben‘ aufwirft

Hunger Games? Herr der Fliegen? Oder doch nur Big Brother unter Palmen? Dieser Überlebenskampf auf einer einsamen Insel ist ziemlich fragwürdig.

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09 November 2015, 4:28am

Schon im Vorfeld sorgte Wild Island für Schlagzeilen—und das nicht, weil die Öffentlichkeit von diesem wahnsinnig mutigen und außergewöhnlichen Konzept (14 Männer und Frauen werden auf einer einsamen Insel ausgesetzt und müssen dort vier Wochen überleben) begeistert war. Viel mehr ging es um den Fakt, dass die ausgesetzten Deutschen sich die Steaks für den lauschigen Grillabend unter Palmen selbst erjagen mussten. Unter dem Hashtag #stopwildisland wurde von Tierquälerei gesprochen, als wäre es für viele passionierte McDonald's-Kunden da draußen nicht vielleicht ein dringend nötiger Reality-Check, ganz konkret damit konfrontiert zu werden, wo ihr Fleisch eigentlich herkommt. Und während wir uns mit dieser Diskussion bereits eingehend auseinandergesetzt haben, blieb zum Start des Formats eine ganz große Frage: Wie krass wird es wirklich? Wie weit geht ProSieben, wie viel „Survival" steckt wirklich in der Sendung, die „das pure Überleben" im Titel trägt? Ich bin am gestrigen Sonntag besonders lange aufgeblieben und habe mir das Ganze mal angeschaut. Statt Antworten zu bekommen, bin ich allerdings noch ein bisschen verwirrter ins Bett gegangen. Warum? Darum:

Wer dachte sich, dass ‚Hunger Games Light' eine gute Showidee ist?

Also, klar. Irgendjemand hat das Ganze für ProSieben produziert und so, wie das Format im Vorfeld gepusht wurde, scheint sich der Sender einiges davon zu versprechen. Aber mal ganz ehrlich: Schon Adam sucht Eva—gestrandet im Paradies hat bewiesen, dass es nicht so wahnsinnig spannend ist, wenn man typische Reality-Show-Teilnehmer (jung, ansatzweise attraktiv, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, in abgeschmackten TV-Formaten sein innerstes Selbst zu erforschen) auf einer einsamen Insel aussetzt—und da waren die Leute immerhin nackt. Bei Wild Island haben alle Wechselkleidung dabei und werden den Großteil des Tages damit beschäftigt sein, Trinkwasser abzukochen. Selbst mit Sami-Slimani-Jumpcuts halte ich es für eher schwierig, mit solchen Szenen sonderlich viel Spannung zu erzeugen.

Ich verstehe, dass man irgendwie an den allgemeinen Survival-Boom zwischen postapokalyptischen Videospiele-Blockbustern a la The Last of Us, Serien wie The Walking Dead und den Hunger Games-Filmen anknüpfen möchte. Aber: da geht es um wirkliche Gefahr (und sei sie auch fiktiv). Nicht um gelangweilte Großstädter, die sich irgendwas beweisen wollen und nach dem ersten Mückenstich tränenreich darüber nachdenken, das „Experiment" abzubrechen.

Verfallen wir in Extremsituationen automatisch in Rollenklischees?

Apropos Tränen: Vielleicht ist man als beruflicher Fernsehgucker immer ein bisschen zu versessen darauf, irgendetwas irgendwo reinzulesen, um sich anschließend en detail darüber auszulassen. Aber ein bisschen auffällig war es dann schon, wie unterschiedlich die männlichen und weiblichen Teilnehmer dargestellt wurden. Alleine schon, dass die Gruppen nach Männer und Frauen getrennt auf der Insel ausgesetzt wurden und das schöne Geschlecht dadurch einen deutlich kürzeren und weniger beschwerlichen Weg zum Strand hatte—der aber natürlich trotzdem von Zickerei und sinnlosen Diskussionen geprägt war. Weil Frauen sind halt so, höhö. Die Männer hingegen haben Jobs oder zumindest Hobbys, die ihnen im „Überlebenskampf" tatsächlich irgendwie weiterhelfen könnten (Jäger und Ärzte gegen Kommunikations-Studentinnen und Schuhverkäuferinnen), und finden auf dem Weg durchs gefährliche Unterholz dann tatsächlich auch die bisher einzige Wasserquelle. Die erste Folge endet mit einem jungen, blonden Mädchen in Tränen, das sich einen Dorn eingetreten hat und den Strand mit den Kokosnüssen plötzlich doch nicht mehr so toll findet. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich eine der Kandidatinnen als militante Veganerin entpuppt oder versucht, aus potentiell giftigen Beeren Lippenstift herzustellen.

Hat ProSieben die Teilnehmer des Formats bewusst nach möglichst stereotypen Rollenklischees gecastet oder verwandeln wir uns in ungewohnten Stresssituationen tatsächlich alle in einen Mario-Barth-Gag? Ich weiß nicht, was ich schlimmer fände.

Auch eine Grenzerfahrung: Ein Besuch der Friedhof-Slums der Philippinen. (VIDEO)

Ist WIRKLICH kein Kamerateam dabei?

Um die Isolation der Teilnehmer von der Außenwelt authentischer zu gestalten, zeichnen die ihren „Überlebenskampf" (bewusst schreibe ich dieses Wort immer in Anführungszeichen) mit verschiedenen Kameras selbst auf. Neben Go-Pros, die sie sich wie besonders abenteuerlustige Extremsportler um den Kopf schnallen, gibt es auch vier „normale" Fernsehkameras. Damit es zumindest ansatzweise versendbares Material gibt, werden die von drei Kandidaten, die auch im Berufsleben mit Kameras zu tun haben, bedient—so richtig glaubwürdig erscheint das bisher allerdings nicht. Seltsamerweise sind nämlich immer dieselben zwei Leute mit Kameras im Bild. Und was passiert eigentlich, wenn alle aufgrund von Krankheit/Verlassen des Formats/sehr starkem Tropendurchfall ausfallen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ProSieben den Erfolg eines solchen Formats, das vor allem dadurch funktioniert, dass die Kameras immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort die wirklich wichtigen Geschehnisse einfangen, davon abhängig macht, ob die ausgehungerten Teilnehmer noch genug Kraft haben, die mehrere Kilo schwere Kamera durch die Gegend zu tragen. Falls ihr euch außerdem fragt, wie die Inselbewohner täglich an aufgeladene Akkus und neue Speicherkarten kommen: per „Dropbox" (nicht das Computerprogramm).

Ab wann wird von Seiten des Senders eingegriffen?

Im Allgemeinen stellt sich bei derartigen TV-Experimenten die Frage, wie viel von außen interveniert werden darf, bevor aus dem knallharten Survival-Experiment ein weichgespültes Big Brother unter Palmen wird. Wenn die Kandidaten beispielsweise kollektiv an sehr starkem Durchfall leiden, weil sie mehr als zwei Kokosnüsse am Tag gegessen haben (das denke ich mir nicht aus, das wurde genau so in der ersten Folge süffisant aus dem Off eingeworfen), und dadurch noch mehr Flüssigkeit verlieren als sowieso schon—ist das dann als Situation lebensbedrohlich genug, um Medikamente oder zumindest Trinkwasser zur Insel zu karren? Gibt es außer recht entspannt wirkenden Würgeschlangen nicht nur potentiell gefährliche, sondern auch nicht ganz so scheue Tiere, die das Lager angreifen könnten? Was, wenn das Ganze in eine Herr der Fliegen-artige Situation ausartet und der jammerige Typ mit der großen Brille von der Allgemeinheit durchs Dickicht gejagt wird? Das würde Wild Island zwar deutlich spannender machen, so richtig in Gefahr bringen darf ein Fernsehsender seine zusammengecasteten Reality-Show-Selbstdarsteller aber auch nicht—oder?

Noisey: Ein Einblick in Pete Dohertys Aufenthalt in einer thailändischen Entzugsklinik.

Wird irgendwann noch irgendetwas passieren?

Die erste Folge des so ambitioniert angekündigten Formats war ähnlich spannend wie ein Grundschul-Wandertag. Niemand wusste so richtig, wo es langgeht, alle jammern, weil es so anstrengend und heiß ist, und irgendjemand hat immer Durst. Vielleicht ist es schwer, nach den ersten 60 Minuten zu beurteilen, ob das Ganze ähnlich ereignislos wird wie die letzten „TV-Events" dieser Art, aber wenn die letzten Big Brother-Staffeln, Adam sucht Eva und sogar das Dschungelcamp eins gezeigt hat, dann das: Nur weil man mehrere Leute nach irgendwelchen Rollenklischees zusammencastet und anschließend im Dschungel/auf einer einsamen Insel/in irgendeinem abgezäunten Areal aussetzt, ist das noch lange kein spannendes Fernsehformat. Selbst hemmungsloses Rumgebumse, das, was noch jede langweilige Sendung irgendwie gerettet hat, gestaltet sich auf der Insel eher schwierig. Außer die Kandidaten schaffen es, aus Tierdärmen funktionsfähige Kondome herzustellen. Wenn ProSieben schlau ist, peppen sie das Ganze nach den ersten zwei Wochen durch ein paar Raubtiere (Tiger, Bären, sehr wütende Komodowarane) auf. Oder schicken ein paar YouTube-Stars mit Selfie-Sticks ins Camp. Follow Me Around—die Survival-Edition: Wie wär's, Mediakraft?

Lisa wäre die Erste, die auf einer einsamen Insel einen Nervenzusammenbruch bekommt. Folgt ihr bei Twitter.