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Ausgeschlachtete Busse am Rande Wiens: Selbstbestimmt leben auf einem Wagenplatz

Nach 3 Jahren Grundstückssuche ist ein von Streiten geplagter Wagenplatz ans andere Ende Wiens gezogen. Wir waren dabei.

von Tori Reichel
06 Dezember 2017, 6:00am

Alle Fotos: VICE Media

Wenn man an der nördlichen Endstation der Wiener Linie U2 ankommt und nach rechts schaut, hat man mit der Seestadt Aspern ein gigantisches Städtebauprojekt vor der Nase. Schaut man in die andere Richtung, könnte man aber glauben, man befindet sich in einer nahezu menschenverlassenen Steppe.

Wer ein paar hundert Meter durch diese Ebene marschiert, landet bei einem surreal wirkenden Sammelsurium von Klein-LKW, Bussen und anderen Fahrzeugen, die das genaue Gegenteil der Seestadt Aspern bilden. Sie dienen als Zuhause eines Kollektivs aus Studenten, Künstlern und ehemaligen Obdachlosen. Solche Orte nennen sich "Wagenplätze", in Wien gibt es derzeit drei davon.

Wirklich fahrtüchtig sind nur die wenigsten der Wagen, die meisten benötigen die Unterstützung eines Traktors oder ähnlicher Geräte, um überhaupt bewegt zu werden. Die Bewohner der Wagen wollen auf diesem Platz autark leben. Fast alles, was sie sich aufgebaut haben, ist improvisiert und selbst konstruiert: Strom kommt aus Batterien, Wasser aus Kanistern.

Bereits im Sommer 2015 haben wir den Wagenplatz "Gänseblümchen" an der Seestadt besucht. Dass wir jetzt ein Video über das Ende des Wagenplatz in dieser Form gedreht haben, hat sich eigentlich nur durch Zufall ergeben. Nachdem wir 2015 für unsere Doku über Armut in Wien bei Oli, einem der Wagenplatzbewohner, zu Besuch waren, wollte ich vergangenes Frühjahr erneut dort vorbeischauen, um mich zu erkundigen, wie sich die Dinge für die Bewohner entwickelt hatten. Dort berichteten sie mir zu meiner Überraschung, dass der Wagenplatz nur noch ein paar Tage hier stehen würde.

Das Leben auf so einem Wagenplatz mag auf den ersten Blick ziemlich romantisch wirken – im Fall vom Wagenplatz Gänseblümchen war es in den letzten Monaten und Jahren aber tatsächlich von denkbar unromantischen und banalen Problemen gezeichnet. Man war im andauernden Konflikt mit Anrainern einer mehr oder weniger nahegelegenen Siedlung, denen der Wagenplatz lange ein Dorn im Auge war. Schon bei unserem Besuch vor zwei Jahren wurde deutlich, dass aber auch das Zusammenleben unter den Bewohnern selbst von internen Konflikten geprägt war.

Oli, der ehemals obdachlose Wagenplatz-Bewohner, der uns 2015 auf den Platz mitgenommen hatte, tauchte während meines erneuten Besuches am neuen Wagenplatz auf – was nicht selbstverständlich war, denn er hatte sich mit der restlichen Gruppe ganz besonders gestritten. Nachdem sein Wagen demoliert und geplündert worden war, hatte er beschlossen, sich von der Gruppe zu trennen und seinen Weg ohne sie weiterzugehen, wie er mir erzählte. Und er war nicht das einzige Mitglied, das der Gruppe den Rücken kehrte.

Der vielleicht größte Stressfaktor für die Bewohner war aber wahrscheinlich die Tatsache, dass man schon seit Jahren vergeblich auf der Suche nach einem neuen Standort war, nachdem die Stadt dazu aufgefordert hatte. Zwei Bewohner des Wagenplatzes erklärten mir, dass es diese Landschaft, auf der die Wägen jetzt noch stünden, in dieser Form nicht mehr lange geben würde.

"Da, wo der Wagenplatz jetzt steht, soll das dazugehörige Erholungsgebiet hinkommen", so einer der Bewohner.

Die Seestadt wird in den kommenden Jahren noch größere Dimensionen annehmen als dies bisher schon der Fall ist. "Da, wo der Wagenplatz jetzt steht, soll ein Erholungsgebiet hinkommen", so einer der Bewohner. Tatsächlich bestätigt man uns beim Magistrat, dass das Gebiet bereits als "Schutzgebiet Wald und Wiesen" eingetragen ist.

Das Verhältnis der Stadt zum Gänseblümchen und anderen Wagenplätzen bezeichnet Miley, der Sprecher des Kollektivs, als sehr ambivalent: Einerseits hätte man erkannt, dass solche alternativen Lebensformen für eine progressive, weltoffene Millionenstadt etwas sind, mit dem man sich durchaus ein bisschen brüsten kann. Andererseits wären solche Wagenplätze für die Stadtverwaltung natürlich auch mit gewissen Mühen verbunden, denen man sich dann bestenfalls halbherzig widmen würde. Alleine die Findung eines neuen Grundstücks gestaltete sich lange schwierig bis unmöglich.

Nichtsdestotrotz wirkt er froh über jene Personen im Apparat der Stadtverwaltung, die wirklich daran interessiert sind, gute Lösungen für Wagenplätze zu finden – Mitarbeiterinnen wie die Raumplanerin Jutta Kleedorfer. Sie ist die Koordinatorin für Zwischen- und Mehrfachnutzung beim Magistrat und bezeichnet die Herangehensweise, die man in Wien beim Thema Wagenplätze zeigt, als "politische Uneinheitlichkeit".


Wie alles begann: Unsere Doku "Armut in Wien" aus 2016


Einen einheitlichen Umgang mit solchen Wagenplätzen gibt es schon alleine deswegen nicht, weil es "die Stadt“ als Einheit de facto nicht gibt, erklärt mir Kleedorfer am Telefon. Man müsse sich das Ganze viel kleinteiliger vorstellen. Bei so einer Entscheidung seien alle möglichen Akteure involviert: Stadträte und Bezirksvorsteher mit völlig verschiedenere Ansichten und Haltungen zu alternativen Lebensformen, Grundeigentümer, Bauträger und nicht zuletzt auch eine Baupolizei, die oft noch ein gehöriges Wort mitredet.

Zusätzlich schalten sich wie bei Gänseblümchen häufig Bürger aus der mehr oder weniger nahen Nachbarschaft ein. "Immer wieder müssen wir Anträge politischer Parteien oder vermeintlicher Privatpersonen beantworten, die ziemlich eindeutig parteipolitisch orientiert sind. Sie unterstellen der Stadt Wien, mit einem 'Entgegenkommen' die Ordnung und allgemeine Rechtslage aktiv zu unterlaufen", erzählt Kleedorfer.

Laut der Raumplanerin ändern sich einige Sachen auch zum Guten; gerade bei der Haltung von vielen Bauträgern habe sich in den letzten Jahren etwas spürbar verändert. Während es für die meisten Bauunternehmen vor 10 oder 15 Jahren nicht in Frage kam, ihre Grundstücke zur Zwischennutzung zur Verfügung zu stellen, finden sich heute immer öfter Unternehmen, die bereit sind, zwischenzeitlich leerstehende Grundstücke effizient zu nutzen und für Projekte und Gruppen wie Wagenplätze zur Verfügung zu stellen.

Als sich dann ein Bauträger vor einiger Zeit von sich aus bereit erklärte, einen Teil seines Grundstücks zwischenzeitlich für die Wägen des Gänseblümchen-Kollektivs bereitzustellen, war Kleedorfer richtiggehend verblüfft: "Das Entgegenkommen des Pächters war hier extrem wichtig und konstruktiv. Er war von sich aus bereit, zumindest temporär auf einen Teil seiner Baustofflagerungsfläche zu verzichten, damit die Wagen der Gruppe eine Aufstellmöglichkeit haben."

So kam es, dass nach drei Jahren Suche tatsächlich ein passender Standort für den Wagenplatz gefunden wurde und der längst überfällige Umzug endlich passieren konnte. In Anbetracht all der Dispute der letzten Jahre ist das Verlassen der Seestadt für die Bewohner aber weitaus mehr als nur ein Umzug: Sie ziehen einen Schlussstrich unter das Kapitel Gänseblümchen und sind von nun an der Wagenplatz "Flugrost". Nicht nur der Name, auch die Philosophie der Gruppe soll sich ändern, das Konzept der Zwischennutzung soll viel stärker in den Mittelpunkt rücken.

Miley am neuen Wagenplatz "Flugrost"

Der eigentliche Umzug stellte für die Bewohner dann aber noch einmal eine ziemlich große Herausforderung dar, wie sie berichten: Da die meisten Wagen ja gar nicht fahrtauglich sind, musste ein Großteil des Wagenplatzes mit einem Traktor vom 22. Bezirk nach Meidling, praktisch ans anderen Ende der Stadt, gebracht werden. Ein paar Wochen hat es laut Miley gedauert, bis alles tatsächlich an seinem neuen Platz war.

Während der Wagenplatz an der Seestadt offiziell als "Kundgebung" gemeldet war, hat man diesmal einen sogenannten Präkariumsvertrag angeboten bekommen. Das bedeutet, dass der Verpächter den Platz, anders als bei anderen Pachtverträgen, jederzeit wieder räumen lassen könnte. Wie lange der Wagen Flugrost hier bleiben kann, weiß also niemand so genau. Das sei aber nun einmal Teil des Zwischennutzungs-Konzeptes und der Philosophie, die man als Wagenplatz Flugrost gewählt hat.

Für Miley, den Sprecher des Kollektivs, steht jedenfalls fest, dass er seine Lebensform nicht aufgeben will. "Dass das für die Politik nicht einfach ist, ist klar", sagt er. "Aber jetzt den Kopf in den Sand stecken bringt auch nichts. Wir werden uns nicht in Luft auflösen."

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