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Popkultur

Vier Dinge, die wir durch 'Joker' lernen können

Der Wahnsinn: Dieser Film wirft brennende Fragen auf – auf fragwürdige Weise.

von Alexandra Stanic
21 Oktober 2019, 8:42am

Foto: Imago Images | Prod.DB

Über keinen Film wird derzeit so viel diskutiert wie über Joker. Es steht außer Frage, dass er – wie viele Filme, man möge sich bitte eines der Tarantino-Blutbäder geben – Gewalt ästhetisiert. Es steht auch außer Frage, dass hartgesottene Batman-Fans den Film ablehnen werden (zu weit entfernt von der Comic-Vorlage).

Aber der Joker wirft spannende Fragen auf – nach dem Umgang mit psychisch kranken Menschen, nach dem Frauenbild im Film, nach der gewalttätigen Energie männlicher Sexualität.

Die Sache mit dem "psychisch kranken Einzelgänger"

Es ist keine große Überraschung, dass ein psychisch schwer kranker, traumatisierter Akteur in einem Blockbuster ausrastet und Menschen tötet. So erwartbar, so alt. Aber Joker zeigt, wie sehr das Leben Einzelner von gesellschaftlichen Strukturen geprägt wird. Hätte Arthur Fleck, so der bürgerliche Name des Jokers, intensive und individuelle Unterstützung erhalten, die über die Besuche einer Sozialarbeiterin hinausgeht, vielleicht wäre er ein anderer Mensch geworden. Aber eine katastrophale Sozialpolitik hat ihn und seine kranke Mutter im Stich gelassen. Man streicht ihm die Beratungsgespräche und die Medikation. Die Folgen sind fatal.

Beim Thema psychische Erkrankung hat der Film einen reaktionären Zug: Wer psychisch krank ist, ist eher gewaltbereit, so die Message. Ein mit großem Kunstanspruch daher kommender Blockbuster schafft es nicht, das Stigma einer psychischen Erkrankung zu relativieren. Psychisch Kranke, die nicht in Behandlung sind, wenden eher Gewalt an – so lautet die ideologische Norm. Dabei ist der ausschlaggebendste Faktor, wenn es um Gewalt geht, vor allem das Geschlecht. Die Chancen sind in den USA 15 Mal höher, dass eine Person von einem Blitz getroffen wird, als dass sie von einem Menschen erschossen wird, der eine chronische Psychose hat.

Die Frau, die Lügnerin

Grundsätzlich glaubt unsere Gesellschaft Frauen weniger als Männern. Ist eine Frau auch noch psychisch krank, wird sie komplett marginalisiert. Penny Fleck, die Mutter des Jokers, ist psychisch krank und hat ihren Sohn misshandelt. Ist sie deshalb eine Lügnerin? Hat sie sich ihre Beziehung zum schwerreichen Unternehmer Thomas Wayne nur ausgedacht? Ich glaube, dass Arthur Fleck, also der Joker, der uneheliche Sohn von Thomas Wayne ist und damit Batmans Halbbruder. Dafür sprechen die vielen Briefe, in denen Peggy Fleck dem Magnaten von ihrem Sohn erzählt. Und ein Foto, auf dessen Rückseite "Love your smile" mit den Initialen "T.W." zu lesen ist. T.W. für Thomas Wayne, dessen Sohn Bruce Wayne später zu Batman werden wird.

Die Macht von Medien

Ohne Medien hätte die Bewegung rund um den Joker gar nicht erst begonnen. Arthur Fleck wäre ein pathologischer Einzelfall geblieben, ein Mann, der aus verzweifeltem Zorn in der U-Bahn drei Menschen tötet. Die Medien waren es, die das Bild des rachsüchtigen Clowns kreiert haben, der das System stürzen möchte und mit Gewalt auf soziale Missstände reagiert. Medien haben die Fährte zum Chaos gelegt: Sie haben die Fanbase des Jokers ins Leben gerufen, die mordend und plündernd durch die Stadt zieht.

Wie die Medien in Gotham City mit dem mordlustigen Clown umgehen, ist symptomatisch. Es bezeugt die Realität erzeugende Macht von Nachrichten oder dem, was wir dafür halten. Nicht umsonst wird darüber diskutiert, wie man etwa über rechtsextreme Attentate berichtet. Nicht umsonst betonen Experten und Expertinnen immer wieder, dass man Attentäter nicht zeigen soll. Die Gefahr ist zu groß, dass sich Menschen mit ihnen identifizieren, sie zu einer Galionsfigur machen, auf ein Podest stellen.

Der Talkshow-Host Murray Franklin lädt Arthur Fleck nur aus einem einzigen Grund in seine Sendung ein: um sich über ihn lustig zu machen. Entertainment, das auf dem Rücken der Schwachen, von der Gesellschaft Vergessenen ausgetragen wird. Das kennen wir doch, oder? Nichts weiter als Sozialporno. Wer von euch hat schon einmal Trash TV geguckt und auf Instagram damit angegeben, wie "prollig" er selbst doch sei?

Joker ist kein Incel

In den weiten des Internets schwirren viele Vergleiche zwischen Joker und Incels. Drei Fragen, die man sich dazu stellen muss: Unterdrückt Arthur Fleck Frauen? Nein. Führt er ein privilegiertes Leben? Nein. Nimmt ihn die Gesellschaft als vollwertiges Mitglied wahr? Nein.

Arthur Fleck ist ein weißer, wahrscheinlich heterosexueller Mann – Vorsicht vor heteronormativen Sichtweisen, nur weil er sich einbildet, eine Beziehung zu seiner Nachbarin zu haben, heißt das noch lange nicht, dass er heterosexuell ist –, der übergriffig handelt. Die Vorstellung, dass ein Mann in meine Wohnung einbricht und auf der Couch auf mich wartet, ist nicht nur unangenehm und angsteinflößend, sondern fühlt sich auch unfassbar realistisch an. Das macht Fleck per se aber nicht zum Incel. Das macht ihn in erster Linie zu einem psychisch kranken Mann, der sich eine Beziehung mit der Nachbarin erträumt. Das rechtfertigt den Einbruch in keinster Weise, aber er lanciert keine toxischen, frauenverachtenden Ansichten. Er ist kein durchschnittlicher weißer Mann, der zu viel Zeit im Internet verbringt und dort gegen Frauen hetzt.

Arthur Fleck ist ein von der Gesellschaft Verstoßener, dem es an sozialen Kompetenzen mangelt, auch, weil ihn die Politik im Stich gelassen hat. Nicht, dass es angemessen wäre, einen mordenden Bösewicht in Schutz zu nehmen, aber misogyn ist Joker nicht. Er zeigt viel eher, welche tragischen Konsequenzen soziale Ungerechtigkeit haben kann – für Einzelne, aber auch für die gesamte Gesellschaft.

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