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10 Fragen an einen Schützenkönig, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Seid ihr eine Horde saufender Waffennarren? Wie rechts sind Schützenvereine? Ist das Festzelt nicht einfach nur der Swingerclub des Dorfs?

von Laura Binder
26 August 2019, 9:45am

Alle Fotos: Annika Schüler

Die Grundwerte von Leon Dietrichs Schützenbruderschaft klingen, als hätten die paar übrig gebliebenen christlich-konservativen Politiker der Kurz-ÖVP einen Slogan entworfen: Glaube, Sitte, Heimat. Tätsächlich geht es während des viertägigen Schützenfests in Ovenhausen, einem Tausend-Seelen-Örtchen im deutschen Ostwestfalen, aber eher um Saufen, Schießen, Schlager. Der 21-Jährige Leon ist seit vier Jahren Mitglied im "Heimat- und Schützenverein Ovenhausen – von 1575". Und seit diesem Jahr regiert der ausgebildete Bank- und Industriekaufmann zum ersten Mal als Schützenkönig, auch wenn er das gar nicht unbedingt vorhatte: "Was aus fünf Korn-Cola und ein bisschen Spontaneität beim Königsschießen entstehen kann", habe er sich in seiner Amtsantrittsrede Ende Juli gewundert, erzählt Leon. Später stand er dann zusammen mit seiner Freundin Tabea winkend auf dem Balkon seines Elternhauses, bekam feierlich die Königskette umgehängt, ließ sich von mehreren hundert Gästen bejubeln und ein ganzes Wochenende lang im Festzelt feiern.

Schützenbruderschaften entstammen militärischen Bürgerwehren. Leon sagt aber, er habe nicht mehr das Gefühl, er müsse sein Dorf vor irgendwas beschützen. Ihm gehe es eher darum, mit Freunden zusammen zu sein. Als Schützenkönig gehört er zur Dorfprominenz. Dass ihn in der nächsten Stadt keiner kennt, sei ihm egal: "Ich mache das für meine Heimat, man wird noch mehr in den Ort integriert und aufgenommen, hat neue Connections und könnte mal eher um einen Gefallen bitten", sagt er. Große Verpflichtungen hat er keine, außer bei anderen Schützenfesten mit seinem Hofstaat mitzumarschieren – und nicht geizig zu sein, wenn es darum geht, Bier und Schnaps für die Mitglieder seines Schützenvereins zu kaufen.

Wir haben Fragen.

VICE: Wie viel Kultur steckt wirklich in eurem mehrtägigen Trinkmarathon?
Leon: Es gibt eine sehr große Bier- und Schnapskultur [lacht]. Früher habe ich gar nicht so hinterfragt, dass das Fest viel mit Kultur zu tun hat, aber nachdem ich so richtig nah dabei war, steckt viel Tradition dahinter. Es geht darum, einfach gut zu feiern und sich einen reinzuhauen. Und es gibt viele alte Bräuche, die man als Dorf feiert und wahrt, zum Beispiel die Königsproklamation, die Schützenmesse, den Umzug. Oder die Ehrung der Verstorbenen am Friedhof, da gibt es einen Festakt, es wird ein Kranz niedergelegt und die Nationalhymne gespielt. Bei uns in Ovenhausen gibt es montags immer noch eine Einlage der Offiziere, der ranghöheren Schützen. Die veranstalten für den Hofstaat ein kleines Spiel. Das hat immer etwas mit den Interessen des Königs zu tun, bei mir ging es um Fußball, bei einem anderen ging es mal um seinen Job bei der Bundeswehr. Aber im Grunde wissen alle aus dem Dorf, dass es beim Schützenfest eigentlich darum geht, gemütlich zusammen an der Theke zu stehen.

Schuetzenfest Ovenhausen Schuetzenbruderschaft
Blaskapelle und Schützengilde nach Rang sortiert. In den Gewehren steckt statt Munition nur Grünzeug

Seid ihr eine Horde saufender Waffennarren?
Ja, wobei das alles mit Waffen gar nicht so viel zu tun hat. Die meisten im Verein trinken, aber schießen nie. Der Schützenverein hat rund 500 Mitglieder, unsere aktive Schießgruppe besteht aber nur aus 15 bis 20 Leuten. Sie ist bei Landes- oder Bundesmeisterschaften oft sehr erfolgreich, wir haben schon einen Deutschen Meister unter uns. Nur diese Mitglieder haben einen Waffenschein. Wir schießen als Schützen mit einem Kleinkalibergewehr aus 50 Metern, aber nur auf der Schießanlage, immer beaufsichtigt von jemandem mit einem Waffenschein. Ich besitze keine einzige Waffe.

Wurdest du Schützenkönig, weil du am besten schießt oder weil du am meisten Kohle hast?
Es wird definitiv nicht der beste Schütze zum König ernannt, denn ich schieße richtig schlecht. Beim Luftgewehrschießen an der Schießbude bin ich immer der Verlierer, der die Runde zahlen darf. Ich würde eher sagen, es wird derjenige König, der Bock hat, sich feiern zu lassen und nicht auf jeden Euro guckt.

Ich hatte bei unserem Königsschießen einfach Glück. Bei uns hängt ein Holzvogel aus zehn Metern Höhe herab und wir schießen mit einem Schrotgewehr drauf. Wer das letzte Stück Holz runterschießt, wird König. In anderen Dörfern wird auf eine Zielscheibe geschossen, da würde man sehen, wer am besten geschossen hat. Allerdings steht dort oft der König vorher fest und man kann diese Löcher im Nachhinein in die Scheibe stanzen und behaupten, wie toll derjenige schossen hätte. Ich denke, in vielen Dörfern ist das Gemauschel und alles entscheidet sich im Voraus am Stammtisch.

Wie hoch hast du dich verschuldet, um Schützenkönig zu werden?
Gar nicht, zum Glück. Die gesamten Kosten liegen im mittleren vierstelligen Bereich. Der Festwirt bezahlt das Zelt, besorgt und verkauft die Getränke und kümmert sich um die Party. Ich als König muss die ganze Verpflegung für zu Hause kaufen. Wenn der Hofstaat und Leute aus dem Schützenverein mich abholen, lade ich sie ein Stündchen ins Haus und in den Garten ein. Da gehen dann schon mal 20 bis 30 Bierkästen und viel Schnaps drauf.

Dann muss meine Uniform umgenäht werden und in der Regel, auch wenn es keine Pflicht ist, bezahlt man das Kleid der Königin. Das war extrem teuer und ich habe mich mit meiner Freundin darauf geeinigt, dass wir die Kosten teilen. Vom Verein gibt es Königsgeld, das habe ich auf alle Frauen im Hofstaat aufgeteilt, damit sie Geld für die Kleider haben.

Schuetzenpaar Leon Dietrich Tabea Loehr Ovenhausen Schuetzenkoenig
"Fühlte sich ein bisschen nach Hochzeit an", sagt Leon. Für die Königstracht gibt es keine einheitlichen Regeln, in Ovenhausen ist es eine Königskette. Das Kleid sucht sich die Königin selbst aus

Ist das Festzelt nicht einfach nur der Swingerclub des Dorfs?
Auch wenn die Frage gut ist, würde ich sagen: Nein. Jeder kennt jeden, viele sind verwandt, das wäre schon peinlich. Außerdem sind die meisten verheiratet oder mit dem Partner da. Für Singles und Jüngere ist es sicher eine Art Flirtveranstaltung, aber alles, was im Nachhinein passiert, passiert nicht im Zelt.

Findest du es gut, dass Frauen bei euch nur winkend in Ballkleidchen mitlaufen dürfen?
Das ist nicht mehr so. Unsere Satzung hat sich geändert und es sind nun auch Frauen im Verein erlaubt. Wir wollen dem heutigen Zeitalter gerecht werden, die alte Regel war dann doch ziemlich letztes Jahrhundert. Es gibt jetzt Frauen im Heimat- und Schützenverein, die haben ihre eigenen Uniformen bekommen und sind auch beim Umzug mitgelaufen. In Zukunft ist es sogar erwünscht, dass eine Frau im Vorstand ist. Sie dürfen auch beim Königsschießen mitmachen und wenn in zwei Jahren eine Frau den Vogel runterholt, dann hätten wir das erste Mal eine richtige Schützenkönigin.


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Wie übergriffig oder gewalttätig geht es bei euch zu, wenn viel Alkohol fließt?
Da jeder jeden kennt, hat man alles gut im Blick. Wenn jemand sehr aufdringlich wäre, gerade gegenüber Frauen, würde sofort wer einschreiten. Das ist ein No-Go.

Im schlimmsten Fall kommt es dann zu einer Schlägerei. Das passiert immer mal wieder. Ich erinnere mich an eine Situation, da hat ein Typ einen anderen zum Wetttrinken herausgefordert. Der, der gewonnen hat, war trotz seines Sieges irgendwie schlecht drauf, es haben sich immer mehr Leute eingemischt und es wurde handgreiflich. Letzten Endes ist der Krawallmacher dann über unseren Schotterplatz geschliffen und aus dem Zelt rausgeschmissen worden. Am nächsten Tag lachen wir darüber. Was auf dem Schützenfest passiert, bleibt auch auf dem Schützenfest. Ansonsten ist es eher lustig und friedlich bei uns, man kennt sich und will einfach nur zusammen feiern.

Schuetzenfest Ovenhausen Schuetzengilde
Der König wird von allen zu Hause abgeholt, nur nach Hause muss er alleine finden

Wie rechts sind Schützenvereine?
Seitdem ich im Verein bin, habe ich nicht eine Situation mitbekommen, die darauf schließen lassen würde. Nur weil wir unsere Heimat feiern und irgendwie mit Waffen zu tun haben, kann man das nicht mit Rechten vergleichen oder über einen Kamm scheren. Ich kann nur für unsere Region sprechen, aber wir heißen wirklich jeden Willkommen, egal ob Auswärtiger oder Flüchtling.

Wir feiern neben Schützenfest bei uns auch immer groß Karneval. Unsere Grundschule wurde geschlossen, weil es zu wenig Kinder gab und als Flüchtlingsunterkunft umgebaut. Das sind überwiegend Menschen aus Syrien und Afghanistan. Die haben wir schon zum Karneval eingeladen oder in der Freizeit mit ihnen Fußball gespielt. Und der ein oder andere war auch beim diesjährigen Schützenfest.

Würdest du dir die Mitgrölmusik vom Schützenfest auch nüchtern reinziehen?
Kommt drauf an. Es wird natürlich viel Schlager gespielt und die ganze Palette Partylieder. Für manche Songs braucht man schon den gewissen Pegel, zum Beispiel für "Aloha Heja He". Ich höre privat sowieso alles durch von Rap bis Pop bis zu älteren Liedern, deshalb bin ich da sehr locker. Als König durfte ich auch einen Musikwunsch äußern, das war "Wonderwall", das höre ich auch nüchtern. Und "Hard, Style & Volksmusik" von Harris & Ford. Das ist schon sehr speziell, dafür brauchen dann die älteren Leute im Zelt bestimmt genug Alkohol zum Feiern. Ansonsten gibt es ein paar lokale Klassiker wie das "Weserlied", was zu unserer Heimat hier im Weserbergland passt, das geht immer.

Schuetzenfest Ovenhausen Hofstaat Schuetzengilde
Leons männlicher Hofstaat: Freunde aus dem Schützenverein. Es hätte auch noch jemand last minute beitreten können, sagt er. Dafür muss nur ein Formular im Internet ausgefüllt werden

Brauchst du Drogen, um das ganze Wochenende durchzuhalten?
Außer Alkohol nichts. Man hat drei, vier Tage einen wahnsinnig hohen Adrenalinspiegel, sodass der Körper keine Probleme damit hat, mal richtig Gas zu geben. Ich bin nicht immer der Letzte, der geht, wenn die offiziellen Dinge durch sind, die Band das Zelt verlässt, dann kann man jederzeit nach Hause gehen. Am Samstag um ein Uhr nachts abzuhauen, wäre natürlich uncool. Ich war circa um halb fünf Uhr zu Hause und bin um neun Uhr wieder aufgestanden, um aufzuräumen. Dann geht es auch direkt weiter mit Messe und Umzug, man lädt viele Gastvereine ein und will auch repräsentativ im Dorf bei allem dabei sein. Nach dem Schützenfest kann man immer noch schlafen.

Ich glaube, Drogen findet man auf dem Schützenfest eher in Form von Schnaps. Es kommt sicher vor, dass hier und da mal gekifft wird. Ecstasy, Speed und Koks, davon habe ich noch nie was mitbekommen. Es geht ja ums Saufen.

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