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Musik

Ohrenbluten für den Führer: Nordkoreas befremdliche Pop-Bands wollen Olympia erobern

Im Einsiedlerstaat bestimmt der Diktator, was gespielt wird. Nun schickt er seine Lieblingsbands nach Seoul.

von Jemayel Khawaja
19 Jänner 2018, 9:24am

The Moranbong Band. Screencap via YouTube

Wir wissen nicht viel über den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un. Wir wissen nicht, wann er geboren ist oder wie viele Kinder er hat. Was seine Lieblingsband ist, wissen wir allerdings. Und schon bald könnte die ganze Welt die Band aus rund 20 Musikerinnen kennenlernen. Gerüchte kursieren, nach denen Kim Jong-un plane, seine Lieblingsgruppe, die Moranbong Band, zu den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang zu schicken. Klar ist: Der Diktator plant ein musikalisches Großaufgebot. Die Samjyon Band, die in Seoul auftreten soll, besteht aus 140 Mitgliedern.

Die Reisegruppe von Musikern, Sportlern und Politikern ist Teil einer diplomatischen Zeitenwende im Verhältnis von Nord- und Südkorea. Anlässlich der Olympischen Spiele wollen die verfeindeten Koreas zusammen einmarschieren und ein gemeinsames Eishockey-Team stellen. Die Musik ist für Kim Jong-un mehr als ein Begleitprogramm, Musik ist in Nordkorea staatlich reglementierte Propaganda.


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Die Musikerinnen der Moranbong Band singen vom Stolz auf ihr "sozialistisches Land", das die anderen "hinter sich lässt". "Wir sind einzigartig in der Welt", trällern sie in Mini-Uniformen, die Stimmlage hoch, begleitet von Streichern, Synthesizern und Gitarren. Sie klingen wie ein militärisch präziser Musikantenstadl mit ABBA-Einflüssen und einer Prise Modern Talking. Seit 1974 ist die totalitäre Ideologie der Kim-Dynastie Staatsräson, und spätestens seitdem wird jegliche Musik im Einsiedlerstaat, ob militärisch, patriotisch, folkig, orchestral oder poppig, auf Verlangen des Obersten Führers vom Staat produziert. Ausländische Musik ist streng verboten, alle nichtstaatliche einheimische Musik ist so gut wie ausradiert.

"In Nordkorea läuft einfach überall Musik: am Arbeitsplatz, zu Hause, auf der Straße", sagt Darren Zook, Professor für Politikwissenschaft an der UC Berkeley. "Das nordkoreanische Fernsehprogramm – das auch nur aus Propaganda besteht – läuft nicht den ganzen Tag. In den Stunden ohne TV-Programm spielen sie pausenlos Propagandamusik." Zook sagt, es gelte dort als Bürgerpflicht, den Fernseher durchgehend laufen zu lassen, damit die Musik immer im Hintergrund bleibe und an die Präsenz des Staats erinnere. "Es ist Verhaltenskonditionierung. Ihnen wird ununterbrochen signalisiert, dass der Staat sie beobachtet." Die totalitäre Kontrolle des Regimes über die Produktion und den Konsum der Musik ist der wohl effektivste Einsatz von Soft Power weltweit.

Der Musikgeschmack des Landes richtet sich danach, welcher Kim gerade an der Macht ist. In den 1970ern und 80ern genoss Kim Il-sung gediegene Volksmusik und Orchesterarrangements, die koreanische Geschichte und sozialistische Arbeiter in aller Welt priesen. In den 1990ern zeigte sich Kim Jong-ils paranoide wie irritierende Sicht auf die Moderne in dem staubigen Synth-Pop, den sein Pochonbo Electronic Ensemble spielte. Die Band produzierte Titel wie "Ein Mädchen im Sattel eines Hengstes" und "Lied vom Panzermann" – und auch ein Cover des Modern-Talking-Hits "Brother Louie", neben dem das Original überraschend erträglich wird. Und nun versucht Kim Jong-un, mit seiner Moranbong Band den Erfolg des südkoreanischen K-Pop einzufangen – NK-Pop, sozusagen.

Propaganda ist kein K-Pop

Die 21 weiblichen Mitglieder der Moranbong Band tragen glitzernde Miniröcke oder Mini-Uniformen, spielen auf E-Geigen und wurden mit Videos wie "Moranbong Band - My country is the best!" zum YouTube-Hit.

"Wenn das Regime sieht, dass die Videos der Band eine Million YouTube-Views haben, denken sie, ihr Plan gehe auf", sagt Darren Zook. "Ihnen ist nicht klar, dass die Menschen sich darüber lustig machen und draufklicken, weil es wie ein Unfall ist, bei dem man nicht wegschauen kann. Das Regime fragt sich, warum seine Musik nicht so beliebt ist wie K-Pop."

Abgesehen von dem überlebensgroßen Persönlichkeitskult der Kim-Dynastie sind die staatlichen Popgruppen das, was einer nordkoreanischen Promi-Kultur am nächsten kommt. In dem Land bietet das Leben als Musiker eine der wenigen sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, neben militärischen, cybermilitärischen und wissenschaftlichen Berufen. "In Pjöngjang, und dort passiert nun mal fast alles, haben sie in den Schulen alle möglichen Instrumente für die Kinder, die auch nur ein bisschen musikalisches Interesse zeigen", sagt Zook. "Wer Talent hat, wird gedrillt und auf die Universität für Musik und Tanz geschickt. Dort bekommt man erstaunliche Privilegien – eine gewisse Macht, andere Einkaufsmöglichkeiten, bessere Unterkünfte. Die Konkurrenz ist extrem hart." Kim Jong-uns Ehefrau Ri Sol-ju war selbst Mitglied des inzwischen abgeschafften Unhasu Orchestra. Kim Jong-il wählte sie persönlich als zukünftige Frau seines Erben aus.

Gefährlicher Ruhm

Ein Star der nordkoreanischen Pop-aganda zu sein, ist allerdings nicht ungefährlich. Im August 2013 berichtete die südkoreanische Zeitung Chosun Ilbo, das Regime habe Mitglieder der Wangjaesan Light Music Band und des Unhasu Orchestra beschuldigt, sie hätten Pornografie produziert. Den südkoreanischen Medien zufolge ließ Kim Jong-un 12 Menschen durch ein Erschießungskommando hinrichten, während die Bandkollegen und Angehörigen zusehen mussten. Nordkorea streitet die Hinrichtungen ab.

Aber gefällt den Menschen in Nordkorea überhaupt die Musik, die sie hören und hören müssen? "Ich denke, es gibt große Unterschiede, wie sehr die Menschen der Propaganda glauben", sagt Peter Moody, er promoviert in ostasiatischer Sprache und Kultur in Peking. Er glaubt, Kim Il-sung wurde höher geschätzt als Kim Jong-il, aufgrund der schlechten Informationslage sei das aber nicht eindeutig zu belegen.

Freiheit durch USB-Sticks

Doch nicht einmal ein totalitärer Staat wie Nordkorea kann den Informationsfluss komplett aufhalten, wie Kim Jong-un nun feststellen muss. Laut einem Bericht der Forschungsagentur InterMedia von 2017 haben zwar 100 Prozent der Nordkoreaner Zugang zum Fernsehen, aber nur 2 Prozent zum Internet. Schwarzmarktmedien erreichen die Nordkoreaner auf DVD-Playern. 93 Prozent der von InterMedia befragten Überläufer gaben an, per DVD-Player ausländische Medien geschaut zu haben. 81 Prozent hatten USB-Sticks und 78 Prozent hatten Handys verwendet – alles aus dem Nachbarland China importiert. 98 Prozent der Befragten gaben an, die beliebtesten Medien im Tauschhandel, oft unter Freunden und Verwandten, seien TV-Dramen und Musik aus Südkorea. Die Grenze zwischen den Koreas ist die schwerstbewachte der Welt, aber einen Ohrwurm kann sie nicht aufhalten.

Kim Jong-uns Regime versucht, hart gegen ausländische Medien durchzugreifen. Eine Spezialeinheit des Militärs namens Gruppe 109 zieht durch Pjöngjang und umliegende Regionen, um die Handys von Passanten zu kontrollieren und Wohnungen nach DVDs und USB-Sticks zu durchsuchen. Die Strafen für verbotene Waren reichen von öffentlicher Bloßstellung über "Selbstkritik-Briefe" bis hin zu Inhaftierung in Arbeitslagern. Doch gerade USB-Sticks können sie kaum aus der Welt schaffen, denn sie lassen sich gut verstecken und im Notfall sogar verschlucken.

Zwar teilen die heimlich rebellierenden Nordkoreaner hauptsächlich Medien aus dem Bereich Entertainment und nicht aus der Politik, aber der Zugang, den sie gegen den Willen des Regimes zur Außenwelt haben, ist größer denn je. Am Ende besiegt vielleicht kein Atomkrieg oder wirtschaftlicher Kollaps die Diktatur, sondern der langsame Verfall, durch die Abkehr der Menschen von schrecklichem Synthpop.

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