Fotos: Nicole Bazuin

Ich wollte einen Sixpack in 80 Tagen und habe mein Leben zerstört

Ich habe 13 Kilo abgenommen und ein Drittel meines Körperfetts verloren. Der Preis: mein Sozialleben, meine Beziehung und zweimal Kot in meiner Hose.

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03 Jänner 2018, 6:30am

Fotos: Nicole Bazuin

Je beliebter Superhelden-Filmen werden, desto verblüffender sind die Body-Transformationen in Hollywood. Die Hauptdarsteller sehen dabei immer mehr wie Comic-Charaktere aus: Hugh Jackman war in seiner Rolle als Wolverine im ersten X-Men-Film noch normal durchtrainiert, in einer Fortsetzung sieht er bereits aus wie ein stählernes, dehydriertes V (siehe Foto).

Die Body-Transformation von Chris Pratt für Guardians of the Galaxy sorgte wochenlang für Schlagzeilen – vom Dad-Bod zum Hot-Bod, vom Pummel-Comedian zum durchtrainierten Helden. Der Tenor: Pratts Körper konnte vor seinem Sixpack höchstens als Witzgrundlage herhalten. Tatsächlich sieht der Parks and Recreation-Pratt oben ohne besser aus als die meisten Typen, die ich kenne. Wenn das als Moppel-Standard gilt, was ist dann der Rest von uns? Eine Frage, die am Selbstbewusstsein nagen kann.

Alle Vorher-/Nachher-Fotos: Nicole Bazuin

Anfang des Jahres fiel ich im Zuge einer Recherche für einen Artikel in ein YouTube-Loch und schaute mir mehrere Stunden lang Fitness-Videos an. Ehemals dicke Menschen redeten über die Freude an ihrem neuen Leben und Pseudo-Wissenschaftler priesen Wunderpillen und -shakes an. Ich fragte mich, was mir eine tatsächliche Body-Transformation alles abverlangen würde. Könnte selbst ich es mit der nötigen Disziplin schaffen, mir einen Sixpack anzutrainieren? Und sollte ich das trotz der Essstörungen und dem gestörten Selbstbild in meiner Jugend wirklich probieren?

In den darauffolgenden Monaten schaue ich mir zahlreiche Body-Transformation-Videos an und hole mir auf Webseiten Diät- und Ernährungstipps. Meine Freunde sind skeptisch, als ich ihnen von meinem Vorhaben erzähle. Sie raten mir, das Ganze lieber ohne Zeitdruck anzugehen. Dabei ziehe ich diese pragmatische Herangehensweise jetzt schon sehr lange durch: Ich gehe mehrmals die Woche ins Fitnessstudio, ich trinke regelmäßig Protein-Shakes und ich habe Yoga-Videos ehemaliger Wrestler heruntergeladen. Scheiß auf die pragmatische Herangehensweise, ich will Bauchmuskeln!

Mein Ernährungshelfer

Mein Ziel: ein Sixpack in 80 Tagen. Sichtbare Ergebnisse in diesem Zeitraum sind zwar nicht einfach, aber machbar. Spoiler: Am Ende der elfeinhalb Wochen befinde ich mich zwar in der besten körperlichen Verfassung meines Lebens, habe aber auch mein soziales Umfeld vergrault, meine Beziehung fast an die Wand gefahren und mir zweimal in die Hose geschissen.

Woche 1: 95 Kilogramm, 22,3 Prozent Körperfettanteil

Als Berater für mein Projekt stelle ich den Fitness-Profi Geoff Girvitz an. Als ich ihn zum ersten Mal mit meinem Vorhaben konfrontiere, sagt er mir unverblümt, dass er ein solches Projekt normalerweise nicht gutheiße. Wie meine Freunde bevorzugt Geoff einen langfristigen Wechsel zu einem nachhaltigen und gesunden Lebensstil. Für mich prognostiziert er eher eine lehrreiche Erfahrung als einen Sixpack. Und trotzdem erstellt er mir einen umfassenden Fitness- und Ernährungsplan – unter der Bedingung, dass ich während des gesamten Projekts offen und ehrlich mit ihm bin.

Als ich Geoff von meinen früheren körperlichen Problemen erzähle, bombardiert er mich mit Fragen. Warum willst du überhaupt einen Sixpack? Ich murmle etwas von Willensstärke und dem Überwinden von Grenzen. Was haben Menschen mit Sixpack, das du nicht hast? Ich antworte, dass ich attraktiver sein und mein Sexleben aufpolieren wolle. Ersetzt ein Sixpack dein richtiges Selbstbewusstsein? Wahrscheinlich schon, aber ersetzt nicht immer irgendetwas unser Selbstbewusstsein? Geoff schüttelt den Kopf und bittet mich auf die Waage.


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Ich erfahre, dass ich 95 Kilogramm wiege und mein Körperfettanteil bei 22,3 Prozent liegt. Geoff sagt, dass ein Sixpack bei mir nur dann möglich sei, wenn ich mein Körperfett halbiere.

Woche 3: 94 Kilogramm, 20,5 Prozent Körperfettanteil

Von meiner Wohnung bis zu Geoffs Fitnessstudio brauche ich 45 Minuten. Ich stehe sechsmal die Woche um 7:30 Uhr auf, um zum Training zu gehen. Eineinhalb Stunden lang hebe ich schwere Gegenstände hoch. Manchmal schiebe ich auch einen Gewichtsschlitten vor mir her oder planke so lange, bis ich nicht mehr weiß, wie sich mein Körper im Normalzustand anfühlt. Und alles, was ich konsumiere, wird in einer Smartphone-App festgehalten, damit ich meine Essgewohnheiten später analysieren und verbessern kann. Essen ist für mich kein Genuss mehr, sondern reine Zweckmäßigkeit.

Als ich mich fürs Training fertig mache, will meine Freundin wissen, ob ich das Sixpack-Experiment als Single leichter fände.

Vor meinem Projekt war mir nicht klar, wie sehr sich mein Sozialleben um Alkohol und Essen dreht. Wenn ich nicht gerade arbeite, interagiere ich eigentlich nur in Bars oder Restaurants mit Menschen. Mein neuer Ernährungsplan – Alkohol und Kohlenhydrate sind tabu – ist dementsprechend isolierend. Vor allem meine Freundin bekommt das zu spüren: Wegen meines Projekts ist die Date-Planung plötzlich kompliziert, unser Schlummertrunk nicht mehr möglich und der gemeinsame Kochabend kulinarisch eintönig.

Als ich eines Morgens neben ihr aufwache und mich für mein Training fertig mache, fragt sie, ob ich das Sixpack-Experiment als Single leichter fände. Ich weiß nicht, ob das eine Frage oder eine Drohung ist. Sie sagt, dass sie mit meinem Körper glücklich sei. Jetzt aber wirkte ich gestresst und müde. Sie mache sich Sorgen, dass mein Projekt nicht wirklich gesund ist. Als Antwort küsse ich sie auf die Stirn, denn ich muss los. Ich will ja nicht zu spät zum Training kommen.

Woche 5: 93 Kilogramm, 21 Prozent Körperfettanteil

In Woche 5 kacke ich mir in die Hose. Das Ganze geschieht ohne Vorwarnung, als ich gerade meine frisch gewaschene Sportkleidung nach Hause trage. Keine Explosion, kein Geräusch. Nur ein einzelner Köttel rutscht leise zwischen meinen Pobacken heraus. So watschle ich den Rest des Weges zu meiner Wohnung zurück und überlege, welcher Bestandteil meines Ernährungsplans für das Malheur verantwortlich ist. Der Grünkohl? Das zusätzliche Protein? Oder doch der Stress?

Eine weitere Tatsache verstärkt mein Schamgefühl: Das letzte Wiegen verlief nicht gut, mein Körperfettanteil ist wieder nach oben gegangen. In den YouTube-Transformationsvideos wird das immer auf einen Fehler zurückgeführt – einen "Scheiß drauf"-Moment, der in einer verdrückten Pizza endet. Aber ich habe keine Fehler gemacht – oder zumindest keine offensichtlichen. Ich gehe immer zum Training, nehme regelmäßig meine Vitamine und schlage – abgesehen von einer Handvoll kleiner Ingwerkekse – nicht über die Stränge. Ich gebe mir bei meinem Projekt wirklich so viel Mühe wie möglich. Immerhin habe ich schon zwei Kilo abgenommen.

Woche 7: 92 Kilogramm, 19,4 Prozent Körperfettanteil

Geoff und ich setzen uns jede Woche zusammen, um meine Fortschritte zu analysieren. Dabei läuft es immer gleich ab: Er schaut sich die Zahlen der Waage an, während ich darüber scherze, dass ich Brot mehr vermisse als so manchen verstorbenen Verwandten. Normalerweise ist die Stimmung fröhlich, aber nach der Hälfte meines Projekts ändert sich das: Ich betrete Geoffs Büro, lasse mich verschwitzt und fertig in den Stuhl fallen und versuche, einen Witz zu reißen. Geoff reagiert nicht darauf. Er schließt die Tür und legt los.

Zuerst die gute Nachricht: Ganz unabhängig vom Kontext meines Projekts sei mein Fortschritt beachtlich. Geoff lobt meine neue Ernährungsweise und mein regelmäßiges Training. Er bewundere meine Neugier und meine Fähigkeit, mich immer weiter zu pushen. Dann folgen die schlechten Nachrichten: Wenn ich bis zum Ende meines Experiments wirklich sichtbare Bauchmuskeln haben wolle, dann hinge ich weit hinterher. Mit diesen Worten zeigt mir Geoff die Ernährungs-App und deutet auf Unregelmäßigkeiten hin. Außerdem sagt er, wie unglücklich ich im Laufe der vergangenen Wochen gewirkt hätte, und fragt mich ganz offen, ob es das alles bei diesen Resultaten überhaupt wert sei. Ich könne mit gutem Gewissen das Handtuch werfen.

Ich weiß nicht mehr, was ich mir von meinem Experiment versprochen habe. Ich weiß nur, dass ich es durchziehen muss.

Aufgeben ist jedoch keine Option. In meinem Kopf gehe ich alle Opfer durch, die ich für dieses Projekt schon gebracht habe. Geoff erinnert mich noch einmal daran, dass ich ja nicht unter normalen Umständen trainierte und wie Body-Transformationen uns ein falsches Bild von Fitness vermittelten. Und dann fragt er mich erneut, warum ich überhaupt einen Sixpack wollte.

Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten. Wenn Gewichtsverlust mich glücklicher machen soll, dann klappt das nicht. Wenn sich dadurch mein Sexleben verbessern soll, warum sind meine Freundin und ich uns dann so fremd wie nie? Und jegliches dazugewonnenes Selbstvertrauen ging sofort flöten, als ich mir in die Hose kackte. Ich weiß nicht mehr, was ich mir von meinem Experiment versprochen habe. Ich weiß nur, dass ich es durchziehen muss.

Deswegen überlege ich mit Geoff zusammen, wie ich weiter vorgehen werde. Er ist sich zwar nicht sicher, ob ein Sixpack bis zum Ablauf der gesteckten Zeit noch möglich ist, aber wenn ich mich doppelt anstrenge, sollte ich zumindest in die Nähe kommen. Und so fange ich an, mein Essen genau abzuwiegen und zweimal täglich ins Fitnessstudio zu gehen.

Woche 9: 90 Kilogramm, 18,1 Prozent Körperfettanteil

Morgens hebe ich Gewichte, abends verbringe ich manchmal mehrere Stunden auf dem Stepper und steige eine endlose Treppe hoch. Ich komme mir vor wie Sisyphos. Mein gesamtes Essen bekomme ich jetzt von einem speziellen Lieferservice für Athleten, der mir jeden Mittwoch und Sonntag kleine Plastikbehälter voller mir unbekanntem Gemüse und Fleisch von grasgefütterten Tieren an die Haustür bringt. Das Ganze schmeckt so, wie es klingt.

Das Sixpack-Projekt bestimmt mein Leben. Ich plane meine Tage nur noch danach, wann ich ins Fitnessstudio gehe und wann ich esse. Abgesehen von ein paar spätabendlichen Besuchen bei meiner Freundin habe ich kein Sozialleben mehr. Ich fühle mich einsam und bin hungrig und gereizt. Dafür trägt mein Training endlich Früchte: Zum ersten Mal seit Jahren wiege ich wieder weniger als 90 Kilogramm. Mein Hüftspeck verschwindet. Auch Geoff ist beeindruckt: Laut ihm bin ich mir jetzt endlich der Mühen bewusst, die man für einen Sixpack aufbringen muss.

Dann stehe ich eines Abends nach meinem Workout in der Umkleidekabine vor einem Spiegel und begutachte meinen nackten Körper. Zum ersten Mal seit dem Anfang meines Projekts schaue ich mich wirklich an. Und trotz all der Anstrengungen erblicke ich nur einen einigermaßen fitten und definierten Mann. In mir macht sich Enttäuschung breit.

Woche 10: 85 Kilogramm, 17,2 Prozent Körperfettanteil

Um die letzten Tage meines Experiments noch mal voll auszunutzen, stellt mich Geoff einem Arzt vor, der vor allem mit professionellen Bodybuildern zusammenarbeitet. Am Telefon erklärt mir besagter Arzt die Feinheiten meines neuen Ernährungsplans, der vor allem aus Hühnchenbrust, Spinat und Angst besteht. Für einen Energie-Boost nehme ich eine Mischung aus Aspirin, Ephedrin und Koffein zu mir. Dazu kommen täglich zwei Trainingseinheiten und Wiegen, um meinen Fortschritt festzuhalten.

Am zweiten Tag meines neuen Plans gehe ich – gepusht durch die Energiemischung und einen Proteinpulver-Grünzeug-Shake – ins Fitnessstudio, mache Squats und kacke mir dabei erneut in die Hose. Wo beim ersten Mal noch alles kaum hörbar und heimlich ablief, fühlt sich der Schiss diesmal wie ein nasser Schrei an. Stinkend drücke ich mich wieder nach oben, schleiche mich in die Umkleide und dusche ausgiebig. Am gleichen Tag poste ich allerdings auch ein Trainingsfoto in den sozialen Medien und die Resonanz ist durchwegs positiv. Man sagt mir, ich sähe richtig gut aus. Balsam für die Seele.

Foto: Geoff Girvitz

Woche 11: 82 Kilogramm, 15 Prozent Körperfettanteil

Die letzte Woche meines Projekts bricht an und ich habe 13 Kilogramm abgenommen und meinen Körperfettanteil um ein Drittel reduziert. Trotzdem bin ich von einem Sixpack noch weit entfernt. In der Nacht vor dem Nachher-Fotoshooting kann ich nicht schlafen. Ich frage mich, wie die Leute auf diesen Artikel reagieren werden. Dann denke ich auch an die Mitarbeiter des Fitnessstudios, die mich während meines Experiments unterstützt haben, und befürchte, dass meine fehlenden Bauchmuskeln ein schlechtes Licht auf sie werfen. Eigentlich kann ich nichts Positives zu den Themen Körperbild und Fitness sagen. Das Projekt ist von Anfang bis Ende richtig schwer gewesen. Und letztendlich habe ich mein Ziel nicht erreicht – und denke auch nicht, dass es das alles wert war.

Genau das will Geoff bei unserem letzten Treffen aber wissen. Ich versuche, positiv zu bleiben, aber dann fange ich doch an, mich über Medien und unrealistische Erwartungen an sich selbst auszulassen. Mein Trainer lacht und gibt mir einen Rat: Man nehme immer an, dass Body-Transformationen ein Allzweckmittel gegen Unzufriedenheit seien, aber das stimme nicht. Außerdem sei ein Abbau von so viel Körperfett selbst ohne Sixpack etwas, über das viele Leute nur reden, dann aber nie durchziehen. Ich hätte deutliche Fortschritte gemacht und darauf könne ich sehr stolz sein. Zum Abschluss klopft mir Geoff auf die Schulter und gibt mir als Belohnung einen Protein-Cookie mit. Den hätte ich mir verdient.

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