Diät

Für die Schönheit habe ich mich drei Tage nur von Eiern, Steak und Weißwein ernährt

In den 70ern veröffentlichte die 'Vogue' eine Diät, die so durchgeknallt war, dass sie zu einem Meme wurde.

von Aleksandra Bliszczyk
03 Oktober 2018, 10:45am

Alle Fotos: Nick Buckley

Früher war mehr Alkohol. Das wissen wir nicht erst seit Mad Men. Und da, wo man heute mit ganzheitlichen Tipps zu Gesundheit und Ernährung bombardiert wird, war man vor 50 Jahren ... sagen wir: ergebnisorientierter. Als besonders bizarre Manifestation dieser verbreiteten Einstellung kann man diese glorreiche Diät sehen, die 1977 in der Vogue erschien:

Ursprünglich erschienen war dieser Abnehmtipp 1962 im New York Times-Bestseller Sex and the Single Girl der späteren Cosmopolitan-Chefin Helen Gurley Brown. Das Buch mit dem deutschen Titel Sex und ledige Mädchen enthielt Ratschläge zu Dating, "sexuellen Freundschaften", Affären, Work-Life-Balance, Geldsparen, Styling, Essen und Trinken. 1977 wurde die Diät dann im Vogue Body and Beauty Book neu veröffentlicht und 2018 als Meme wieder zum Leben erweckt.

Gurley Brown hatte ihre Diät für nur drei Tage angelegt. Sie empfahl außerdem, sie an einem Wochenende zu machen, weil man davon – welch Wunder – "benebelt" würde. Immerhin solltest du 2,5 Kilogramm abnehmen, wenn du drei Tage nichts anderes als Eier, Wein, Steak und schwarzen Kaffee zu dir nimmst. Und so entschied ich mich, drei Tage lang das Leben der 70er-Jahre-Schickeria zu führen.

Tag eins, Sonntag, 60,9 Kilogramm

Mein Tag begann mit einem Besuch bei der Fleischerei, um mir drei 150-Gramm-Steaks zu kaufen. Der Fleischhauer musste die Filets viermal schneiden, bis sie endlich klein genug waren. Danach ging's ins Weingeschäft für den Chablis, einen speziellen französischen Weißwein. Da ich in Australien lebe und der billigste Chablis hier umgerechnet fast 50 Euro pro Flasche kostet, fiel meine Wahl auf den erheblich günstigeren "Classic Dry White".

Wieder daheim erwies sich mein verkaterter Freund Nick als wenig hilfreich. Ich hatte noch nicht mal mit der Diät begonnen und meine Stimmung war schon im Keller. "Werden *wir* das durchhalten?", fragte er. Ich wollte mein Ei.

Nick aß Avocado, Ziegenkäse und Prosciutto auf Sauerteigbrot. Das Arschloch. Währenddessen erstickte ich halb an meinen Ei-Vierteln, die ich wie ein Seehund im Zirkus runterwürgte. "Iss langsam. Das ist alles, was du kriegst", klugscheißerte Alex mein Mitbewohner.

Der Wein? Er schmeckte wie Katzenpisse, aber immerhin verschwand mein Kater. Angeschwippst am Sonntagmorgen, es hätte schlimmer sein können.

14:00 Uhr

Zum Mittagessen gab es noch mehr Ei. Überraschenderweise war mehr Ei das Letzte, worauf ich Lust hatte. Das Problem war nicht, wie hungrig ich war. Das Problem war, dass die Eier das Einzige waren, das die ganze Säure in meinem Magen aufsog. Ich machte mir dann noch zusätzlich das Leben schwer, indem ich meine zwei Gläser Wein unfassbar langsam trank. Kein Rausch, null Energie. Ich fühlte nur noch die dämpfende Wirkung des Alkohols. Mit voller Wucht.

19:00 Uhr

Wer hätte gedacht, dass Steak mit Zitrone so lecker ist? Inzwischen war ich gar nicht mehr so hungrig und hatte sogar Probleme, meine Portion aufzuessen. Bedeutete das, dass ich schon im Hungermodus war? Nach dem Essen fühlte ich mich fantastisch. Mein Körper war zu neuem Leben erwacht. Nachdem ich den ganzen Tag vollkommen ausgelaugt vor mich hingedämmert hatte, war ich plötzlich wieder voller Energie.

Ich setzte meine neu gefundene Kraft sinnvoll dazu ein, betrunken rumzukichern, bis ich um 22 Uhr einfach wegpennte.

Tag zwei, Montag (ich arbeite von zu Hause). 60,3 Kilogramm

Normalerweise bin ich sofort hellwach, wenn mein Wecker klingelt, aber an diesem Morgen fühlte ich mich so kraftlos wie während der Tropengrippe, die mich in Vietnam erwischt hatte. Aber hey: Mein Bauch war tausendmal flacher als vor 24 Stunden.

Die Diät soll gute Laune und Selbstbewusstsein freisetzen. "Wenn du bereits einen Haufen Übergewicht hast, musst du etwas tun oder du wirst nie darauf hoffen können, ein glückliches Single-Leben zu führen", schrieb Gurley Brown damals.

Als ich endlich aus meinem Bett kroch, spürte ich einen stechenden Schmerz in den Nieren. Und ich hatte Verstopfung. Gute Laune geht anders.

10:00 Uhr

Meine Mitbewohnerin backte einen Kuchen, während ich mein Ei halbierte, um es möglichst schnell runterzukriegen. Wie sich herausstellte, ist auf einem halben Ei rumzumampfen genauso eklig wie ein Teller voller Eiviertel. Immerhin erwies der Frühstückswein sich als verlässliche Energiequelle. Nach dem Frühstück hatte ich tatsächlich keinen Hunger mehr. Vielleicht war das das Geheimnis: eine Diät nur aus Appetitzüglern.

Keine 20 Minuten später fühlte ich mich allerdings wie kurz vorm Verhungern. Mein Magen schmerzte. Die Geräusche, die mein Bauch machte, reichten von gedämpftem Gurgeln bis zu hochfrequenten Walgesängen.

Später fand ich ein Online-Archiv mit Covern der US-Vogue von 1977, dem Jahr, in dem sie die Diät veröffentlichten. Während sich die meisten Titelbilder um Make-up drehten, lautete der Untertitel im Juli: "Wie man toll aussieht und sich lebendig fühlt!" Ich war ziemlich überzeugt, dass diese Diät weder das eine noch das andere bei mir auslöste. Trotzdem lächelten mich die wunderschönen Vogue-Frauen so entspannt sexy an. "Wie kann ich auch so aussehen?", fragte sich 1977 jede amerikanische Frau.

14:00 Uhr

Eier, geviertelt. Nur so ging es. Eier mit nix dazu sind irgendwie eklig. Um möglichst nichts von dem Geschmack mitzubekommen, hielt ich mir beim Runterschlingen die Nase zu. Vielleicht war das das Geheimnis der Diät: Du verzichtest drei Tage lieber komplett aufs Essen.

Eine Freundin, die Biochemikerin ist, meinte, dass eine reine Wasser-Diät wahrscheinlich sinnvoller gewesen wäre. "Wein und Eier? Das ergibt einfach keinen Sinn", lautete ihr Urteil.

Mein Mittagswein knallte nicht so schön wie der Frühstückswein. Nach dem Mittagessen baute ich rapide ab.

16:30 Uhr

Ich konnte nicht mehr arbeiten und lag mit hämmernden Kopfschmerzen im Bett. Aber: "Allein im Bett zu sein, ist sexy", schrieb Gurley Brown. Ok, wenn Frau Cosmopolitan das sagt.

19:00 Uhr

"Schau mich nicht mit diesen toten Augen an", sagte mein liebevoller Freund Nick zu mir, während er sich eine ganze Packung Käse-Nachos reinstopfte.

Nach dem Abendessen hatte ich wieder einen sitzen, aber auf eine ungewohnte, nicht besonders spaßige Art. Ich fühlte mich benebelt und von meinem Körper losgelöst. Als würde ich mich gerade an einen Spenderkörper mit schweren Leberproblemen gewöhnen. Meine Gedärme blubberten vor sich hin und ich musste pausenlos rülpsen. Meine Augen waren schwer und ich ging um 21 Uhr schlafen.

Tag drei, Dienstag (Büro-Tag), 59,7 Kilogramm

Als ich aufwachte, fühlte ich mich zittrig und schlapp. Vollkommen kraftlos. Erschöpft. Meine Magenschmerzen hatten noch mal einem Zahn zugelegt und sich auf so ziemlich alle Organe ausgeweitet.

Ich sah dünn und gräulich aus. Aber immerhin: dünn.

Gurley Brown widmete ein ganzes Kapitel ihres Buches dem Thema "Wie man sexy ist". Darin zählte sie auf, wie man das Interesse von Männern weckt. "Fleisch, das nicht eng am Knochen liegt", ist nicht sexy, schrieb sie. Während ich das las, fühlte ich mich verwelkt, als würde mir jeden Augenblick das Fleisch von den Knochen fallen. Irgendwas passte hier nicht.

Und weiter schrieb Gurley Brown, dass Männer, die behaupten, "mollige" Mädchen zu mögen, "ihrer Männlichkeit nicht sicher sind". Mit abgemagerten Skeletten an ihrer Seite fühlen sich Männer also mehr als Mann? Fabelhaft.

9:10 Uhr

Ein paar Leute bei der Arbeit wussten von meiner Tortur. Meinen Vorgesetzten hatte ich aber nichts erzählt. Diskret trank ich meinen Frühstückswein aus einer Thermosflasche an meinem Platz.

Leicht bedüselt und hungrig wie ich war, tanzten die Buchstaben auf meiner Tastatur, als hätte ich LSD genommen. "Betrunken?", fragte ein eingeweihter Kollege neckisch. Ich konnte seine Frage nicht beantworten. Ich wusste nicht, ob ich betrunken oder einfach am Ende war. Der schöne Riesling, den ich mir an meinem letzten Tag gönnte, schmeckte wie Essig. Meine Geschmacksknospen nahmen nur noch die sauren Noten auf. Meine Zunge wollte mich warnen: Hör auf, Säure in dich reinzuschütten, verdammt.

12:00 Uhr

Meine Atmung machte mir Probleme. Mein Magen, meine Nieren, meine ganzen Gedärme schmerzten. Mein Kopf pochte, meine Zähne und mein Kiefer taten weh und ich torkelte beim Gehen. In meinem Kopf hörte ich Gurley Browns Stimme: "Sehr still sitzen zu können, ist sexy."

Vielleicht wäre das alles erträglich gewesen, wenn ich nur zu Hause rumhocken, Zigaretten rauchen und in der Vogue blättern würde, aber ich versuchte zu arbeiten.

"Gute Gesundheit ist sexy. Müde Mädchen machen müde!", lautet eine weitere Gurley-Brown-Weisheit. "Ich kenne einen Mann, der sagt, er habe seine Frau geheiratet, weil sie so viel Vitalität habe."

WAS WILLST DU VON MIR, HELEN?! WAS WOLLT IHR VON MIR, MÄNNER?!

13:30 Uhr

Jeder Schluck Wein führte zu Magenzuckungen. Ich konnte nicht mehr. Auf der Toilette versuchte ich, mich zu übergeben. Es kam nur ein wenig Galle hoch. Das war nicht cool. Das war schon lange nicht mehr OK.

Unter Tränen erzählte ich Nick, was passiert war. Ich solle die Not-Avocado auf meinem Tisch essen, sagte er. Weil ich absolut keinen Bock mehr auf Magenkrämpfe hatte, tat ich das auch.

"Du siehst schon so viel besser aus", sagte meine Kollegin, nachdem ich zwei große Löffel Avocado gegessen hatte. Ich fühlte mich so unfassbar erleichtert.

Was habe ich daraus gelernt?

Obwohl ich die Diät gerade mal acht Stunden vor dem eigentlichen Ende abgebrochen hatte, hatte ich nur 500 Gramm verloren – weit entfernt von den versprochenen 2,5 Kilogramm. Emotional hatten mich Eier, Wein und Steak aber wie eine tonnenschwere Lawine in die Tiefe gerissen.

Es ist kaum zu fassen, dass Frauen über ein Jahrzehnt lang zu dieser Diät geraten wurde. In ihrem "Wie man sexy ist"-Kapitel schrieb Gurley Brown: "Sexy sein bedeutet, dass du alle Teile deines Körpers als wertvoll und liebenswert akzeptierst." So richtig dieser Satz ist, so schwierig ist es, sich daran zu halten, wenn man sich wie ein Wrack fühlt und alles schmerzt.

Ich fand schließlich einen anderen Weg, alle Teile meines Körpers als liebenswert und wertvoll anzunehmen: Fick dich, Patriarchat. Fick dich, Schönheitsstandards. Und fick dich, schlechter Weißwein.

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