Ein Homosexueller berichtet, wie ihn eine Therapie hetero machen sollte

"Ich habe mich meinen Eltern in einem ziemlich verzweifelten Zustand anvertraut. Und sie wollten mich einfach zum geistigen 'Mechaniker' schicken …"

|
18 August 2017, 8:32am

Ronnie mir seinem aktuellen Partner Patrick. Foto: Martin Schoedl

In der Familie meiner Frau gibt es auffallend viele Linkshänder und auch sie selbst hat offenbar die Anlage dafür. Trotzdem macht sie so ziemlich alles mit der rechten Hand – ganz einfach, weil es bis in die 80er-Jahre noch durchaus üblich war, Kinder auf die "richtige" Hand umzuerziehen. Die Folge: massive Probleme bei der Unterscheidung von Links und Rechts, Schwierigkeiten bei den Drehrichtungen und so weiter. Seit man darüber Bescheid weiß, wird diese "Umerziehung" deshalb flächendeckend von so gut wie allen abgelehnt. Das leuchtet ein.

Völlig anders sieht die Sache aber aus, wenn man Linkshänder durch Homosexuelle ersetzt. Noch heute gibt es immer wieder Fälle, wo mittels höchst fragwürdiger Methoden versucht wird, schwule Jugendliche möglichst früh auf Heterosexualität umzuerziehen.

Und das nicht irgendwo im nahen Osten oder im mittleren Westen der USA, sondern hier, direkt in Europa. Für mich war allein die Vorstellung davon völlig absurd, bis ich durch Zufall von meinem Bekannten Ronnie – einem fröhlichen, offen schwul lebenden Mittdreißiger – erfahren habe, dass er in seiner Jugend selbst Opfer einer solchen Konversionstherapie wurde.

Das war in den 90er-Jahren. Ronnie hat seither kaum darüber gesprochen. Angesichts meiner Wut und Fassungslosigkeit gegenüber den Menschen, die andere mit solchen Quacksalberei quälen, erklärte er sich bereit, VICE seine persönliche Geschichte zu erzählen. In der gleichen Hoffnung wie ich: diesen Bullshit ein für allemal aus den Köpfen von Eltern und sogenannten Therapeuten zu verbannen.

"Das werden wir schon hinbiegen."

Wenn man Ronnie gegenüber sitzt, lässt nichts vermuten, dass es unter dem gepflegten Bart, der ein eigentlich sehr junges Gesicht verbirgt, sowie den zahlreichen Tattoos und Piercings ziemlich brodelt. Meine Anfrage und die vorsichtig formulierten Fragen scheinen viele Erinnerungen zu wecken. Neben all den kleinen und großen seelischen Verletzungen, die leider immer noch viel zu viele Schwule von der Jugend bis zum Erwachsenenalter erdulden müssen, ist die Erinnerung an die Konversionstherapie wahrscheinlich eine der massivsten.

Geboren 1980 in Bozen, sind Ronnie familiäre Konflikte seit seiner frühesten Kindheit geläufig. Die Eltern sind noch Teenager, als er bereits unterwegs ist, und werden von ihren konservativen Familien zur Heirat genötigt. Die ohnehin schon prekären Verhältnisse in der Sozialwohnung im Dorf ohne Kaufhaus oder Öffi-Anbindung werden durch drei Brüder, die ihm nachfolgen, nicht unbedingt besser. Auch häusliche Gewalt und Alkoholismus sind immer wieder präsent.

In der Pubertät erkennt Ronnie zum ersten Mal, dass er offensichtlich anders ist als gleichaltrige Buben. Mangels richtiger Informationsmöglichkeiten oder Internetzugang – wir schreiben die frühen 90er – kann er sich aber nicht wirklich orientieren.


Auch auf VICE: Homosexuelle heilen – unsere Doku über Konversionstherapie


Er schiebt sein Anderssein auf sein ohnehin sozial eher aneckendes Verhalten in der Dorfgemeinschaft. Ronnie outet sich zuerst bei Freunden und mit 15 Jahren auch vor dem Schulseelsorger. Dieser ist es auch, der sofort vehement für eine Konversionstherapie wirbt.

Verunsichert vertraut er sich seiner Familie an, die erst mal drei Tage schweigt. Erst dann öffnen sich die Eltern einer Diskussion, die aber sehr einseitig verläuft. Kein Wunder: Ronnies Mutter konsultiert zur Lebensbewältigung und Erziehung Bücher der konservativen Autorin Christa Meves, die vor allem für den Satz bekannt ist: "Die Frau hat von ihrer biologischen Aufgabe her ein natürliches Bedürfnis nach Unterwerfung, der Mann nach Eroberung und Beherrschung."

Auch der Input der Tante – der einzigen Person in der Familie, die in ihrem Leben so etwas wie ein Umfeld mit schwulen Personen hat – trägt eher negativ zur Debatte bei: Sie ist eine ehemals Heroinabhängige und war szenebedingt in erster Linie mit Strichern in Kontakt, die ihr Bild von Homosexualität geprägt haben.

"Ich geriet komplett in Panik – Selbstmordgedanken inklusive. Und meine Mutter hing jeden Abend mit der Therapeutin am Telefon, um meinen 'Fortschritt' zu besprechen."

Die Großmutter erfährt bei einem Vortrag einer Hypnosetherapeutin in einem katholischen Familienzentrum, dass Homosexualität wahrscheinlich durch ein Erlebnis im Unterbewusstsein ausgelöst wird und daher tiefenpsychologisch zu beheben ist. Die Therapeutin antwortet damals: "Das werden wir schon hinbiegen." Mir bleibt die Luft weg, als mir Ronnie den Wortlaut bestätigt.

Es folgen zwei Wochen der sogenannten "Therapie" in den Weihnachtsferien – damit die Schande im Ort weniger auffällt. Das Geld kommt von Ronnies Oma, die Therapeutin kassiert ohne Quittung oder Belege. In Summe belaufen sich die Gesamtkosten laut Ronnies Schätzung ungefähr auf die Höhe des dreifachen Monatslohn seines alleinverdienenden Vaters. Ein ziemlicher Haufen Geld also für die Familie.

Jeden Tag fährt Ronnie mit dem Moped zu seinen Sitzungen. Jeden Tag von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 18 Uhr lässt die Therapeutin in seinem Unterbewusstsein herumstochern. Diese ist um die 60, klein und korpulent, trägt eine rot gefärbte Dauerwelle. Sie entlockt im geschickt seine – rechtlich nötige – Zustimmung und legt los. Die Sitzungen finden nicht etwa in einer Praxis statt, sondern in ihrer muffigen, dunklen Privatwohnung.

Ronnie beschreibt seine Erlebnisse so:

"Ich kann mich nur noch wenig daran erinnern, das Ganze passierte irgendwie komplett über meinen Kopf hinweg. Ich weiß nur noch, dass ich anfänglich irrsinnig deprimiert war, weil meine Eltern mich dort reingesteckt hatten. Ich hatte mich ihnen ja eigentlich in einem ziemlich verzweifelten Zustand anvertraut, weil ich Angst hatte, wie mein Leben weitergehen würde und damals keine anderen Anlaufstellen hatte. Und ihre einzige Reaktion war, mich zum geistigen 'Mechaniker' zu schicken, weil sie mich nicht haben wollten, wie ich war. Ich lag also bei der Therapeutin auf der Couch und hatte mich selbst irgendwie aufgegeben. Das Absurde daran war meine Panik, die ich empfand, weil ich auf der einen Seite natürlich nicht daran glaubte, dass die Therapie etwas bewirken konnte, aber auf der anderen Seite den Druck empfand, dass sie trotzdem ein Erfolg werden musste. Wer konnte wissen, was meinem Umfeld sonst noch für mich einfallen würde, wenn das Ganze nichts gebracht hätte?"

In den Sitzungen versetzte die Therapeutin Ronnie in Hypnose, um angeblich mit seinem Unterbewusstsein zu kommunizieren. Dabei stellte sie Fragen, die sein Unterbewusstsein mit Fingerzeigen für "ja/nein/weiß ich nicht/sag ich nicht" beantworten sollte. Wenn sie nicht die gewünschten Antworten erhielt, wurde Ronnie entsprechend zurechtgewiesen.

"Zum Glück war ich damals klug genug, herauszufinden, was sie hören wollte. Dadurch hab ich die 'richtigen' Antworten gegeben und sie konnte sich einen Erfolg einbilden. Keine Ahnung, wie ich da sonst rausgekommen wär …"

Nach einer kurzen Anfangsphase, in der Ronnie an seine mögliche Umpolung glauben wollte und auch versuchte, daran mitzuarbeiten, um möglichst rasch aus dieser Situation herauszukommen, gestand er sich schnell ein, wie sinnlos das Vorhaben war.

"Ich geriet komplett in Panik – Selbstmordgedanken inklusive. Ich kann mich noch erinnern, dass meine Mutter jeden Abend, wenn ich zuhause ankam, schon mit der Therapeutin am Telefon hing, um meinen 'Fortschritt' zu besprechen. Und ich höre immer noch, wie sie ihr wiederholt erklärte, dass sie mich nur ja nicht schonen sollte. Damit die Therapie Wirkung zeigte, müsste man schließlich erst mal meine Arroganz brechen, hörte ich sie sagen. Einmal auf dem Nachhauseweg lag ein großer Stein auf die Straße – er war aus einer Felswand herausgebrochen und auf der Fahrbahn liegengeblieben. Ich bin direkt in ihn reingefahren, weil ich ihn in meinem Zustand einfach nicht registriert hatte …"

Erwartungsgemäß hat sich natürlich nichts getan und Ronnie blieb schwul. Nach einem peinlichen Jahr So-tun-als-ob finden sich seine Eltern und Ronnie stillschweigend mit den Tatsachen und dem verpulverten Geld ab. Ronnie maturiert, geht nach Österreich und fasst nach einigen Jahren stabil in der Versicherungsbranche Fuß; die Eltern lassen sich nach 28 Jahren scheiden. Immer noch können sie nicht loslassen und begegnen auch schwulen Mitgliedern in anderen Familien mit Spott.

Für Ronnie endet die Geschichte damit aber nicht. Ungefähr eineinhalb Jahre nach der Therapie versucht er, mittlerweile wesentlich selbstsicherer, seine Therapeutin mit ihren fragwürdigen Methoden zu konfrontieren. Kaum in der altbekannten Wohnung der Therapeutin angekommen, überkommt ihn aber wieder das alte Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins und er bringt kein Wort heraus, wie er mir erzählt.

"Die 22 Jahre zwischen der Konversionstherapie und heute war ich nicht mal fähig, das Thema anzusprechen. Ich reagiere immer noch unverhältnismäßig aggressiv darauf, wenn jemand versucht, mich in eine Rolle zu drängen oder mir vorzuschreiben, wie ich zu sein habe. Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, sitzt heute noch tief in mir drin. Ich hatte eigentlich geglaubt, das Ganze recht gut weggesteckt und hinter mir gelassen zu haben. Erst letztens hat mir eine Therapeutin die Augen dahingehend geöffnet, dass ich die Sache eigentlich nur verdrängt hatte, und aufgezeigt, wie sehr mich die Auswirkungen bis heute negativ prägen und beeinflussen. Ich bin in meiner Beziehung übertrieben anhänglich, eifersüchtig, fühle mich bei jeder Kleinigkeit ungeliebt und unterstell meinem Partner ständig schlechte Absichten, weil ich bis heute nicht akzeptieren kann, dass mich jemand um meiner selbst willen lieben könnte. Dabei reißt sich mein Freund regelrecht den sprichwörtlichen Haxen aus, um mir zu verstehen zu geben, dass er komplett vernarrt ist in mich.

Es ist das erste Mal in über 20 Jahren, dass Ronnie in diesem Detail mit jemandem darüber spricht, Langzeitpartner eingeschlossen. Inzwischen versucht Ronnie, die Traumata aus seiner Konversionstherapie mit einer seriöseren Form von Therapie zu bewältigen und ist in psychologischer Betreuung.

Was meine Familie betrifft, habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Brüdern, die liebe ich über alles. Zu meinen Eltern hab ich praktisch keinen Kontakt mehr, und das passt auch so. In der Hinsicht ist die Konversionstherapie nur ein Baustein von sehr vielen, die das Verhältnis nachhaltig zerstört haben. Eigentlich wollte ich mit meinem Umzug nach Wien den Kontakt komplett abbrechen, hab mich aber dagegen entschieden, weil meine Brüder damals noch recht klein waren, und das mit Sicherheit auch den Kontakt mit ihnen gekillt hätte. Mit meinen Eltern beschränkt sich das Ganze auf eine SMS zum Geburtstag oder an Weihnachten und vielleicht alle zwei Monate mal ein Telefonat mit meiner Mutter…"

Aufgrund seiner stabilen Psyche haben die negativen Erfahrungen mit homophoben Menschen (abgesehen von der Aufarbeitung im Therapierahmen) heute sehr wenig nachhaltigen Einfluss auf Ronnies Leben. Er ist frisch verliebt, zieht in Kürze mit seinem Partner zusammen und kann sich durchaus vorstellen, irgendwann mal zu heiraten.

Entsprechend findet er die Gesetzesnovelle in Deutschland längst überfällig und die österreichische Lage einfach nur peinlich. Die Papa-Rolle sieht er eher bei seinen drei Brüdern (allesamt hetero) – ihm selbst reiche die Rolle als schräger Onkel, wie er mir erzählt. Allen Betroffenen dieser zweifelhaften Therapie-Methoden empfiehlt Ronnie:

"Hilfe in Anspruch nehmen. Das Internet ist voller Anlaufstellen, an die man sich wenden kann. Und egal, ob es um Therapie geht oder dass man Opfer körperlicher Gewalt geworden ist: auspacken. Ehrlich sein. Niemandem ist geholfen, wenn man hinterm Berg hält! Das war auch der Grund für mich, diesem Artikel zuzustimmen: es kann sich nur etwas ändern, wenn Betroffene bereit sind, die Fakten klar auf den Tisch zu legen. Einfach ist es nicht – aber immerhin einfacher als die Alternative."

Ronnie bevorzugt übrigens Mac'n'Cheese als Beilage zu seinem Steak, ist begeisterter Steampunk-Fan, zupft einen mörderisch guten Bass von Heavy über Funk bis Musical und findet Metallica richtig Scheiße. Auch das alles erzählt er mir.

Wenn ihr selbst Hilfe benötigt oder jemanden kennt, der wegen seiner Sexualität Probleme im eigenen Umfeld hat, könnt ihr euch an Anlaufstellen hier oder hier wenden.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Mehr VICE
VICE-Kanäle