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Neue Nachbarn

Alle Fettnäpfchen, in die ich seit meiner Ankunft in Großbritannien getreten bin

Ich war noch nie in meinem Leben in einem großen Einkaufszentrum. Woher sollte ich also wissen, dass man dort seine Hosen besser nicht ausziehen sollte?

von Mohammed Muumin
01 Juni 2017, 3:00pm

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie 'Neue Nachbarn', in der junge Geflüchtete aus ganz Europa Gastautoren auf VICE.com sind. Lies hier das Editorial dazu.

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I'd never been to a big shopping centre before. How was I supposed to know you're not allowed to take your trousers off?

Mohammed ist 19 Jahre alt und lebt in London.

Als ich in Somalia lebte, bin ich oft nach der Schule zu einem Freund nach Hause gegangen und habe amerikanische Filme geschaut. Wo ich wohnte, gab es kein Kino und er war das einzige Kind, dessen Eltern einen Fernseher besaßen. Da ich damals kein Englisch sprach, verstand ich die Handlung nicht und ich erinnere mich an keine Filmtitel. Stattdessen habe ich mich früher auf die Bewegung und die Reaktion der Schauspieler konzentriert. Woran ich mich jedoch erinnere, ist, dass die meisten Horrorfilme mit Morden und gefälschten Leichen gefüllt waren. Ich hatte aber nie Angst, denn mein wirkliches Leben war beängstigend genug.

Meine Stadt hatte auch kein Theater. Ich glaube, es gibt nur eines in Mogadischu, der Hauptstadt von Somalia, aber ich war noch nie da. Dementsprechend war das die einzige Schauspielerei, die ich gesehen hatte, bis ich nach Großbritannien kam. Ich war erst zwei Wochen im Land, als meine Betreuerin Kate mich für einen Schauspielkurs angemeldet hatte, welcher im Haus stattfand, in dem ich mit ein paar anderen jungen Flüchtlingen zusammen wohne. Kate gab mir nicht wirklich eine Wahl. Sie sagte, dass der Kurs obligatorisch sei. Später erfuhr ich, dass das gar nicht so war – Kate wollte nur, dass ich mich mit den anderen Jungen im Haus befreunde.

Die ersten Schauspielversuche waren ziemlich schwierig – ich sprach die Sprache kaum, was es schwer machte, Anweisungen zu befolgen, und ich war verlegen und schüchtern. Aber das hat sich im Laufe der Zeit geändert und mein Selbstvertrauen begann zu wachsen.

Nach drei Monaten Schauspielklassen haben wir ein Theaterstück namens "Dear Home Office" zusammengestellt, das sich um unsere Erfahrungen als unbegleitete Minderjährige in Großbritannien drehte. Unser erster Auftritt war im Southbank Centre in London. Ich erinnere mich daran, wie ich hinter der Bühne stand und hören konnte, wie sich das Publikum setzte. Ich war so nervös, aber sobald es anfing, bin ich zur Bühne gelaufen, wie auf Autopilot. Natürlich habe ich meine Zeilen ein paar Mal durcheinandergebracht – das mache ich noch immer, aber ich glaube, mit jeder Aufführung werde ich besser.

Mohamed

Am Ende des Sommers wurden wir eingeladen, am Edinburgh Fringe Festival, dem größten Kulturfestival der Welt, teilzunehmen. Um von London nach Edinburgh zu gelangen, mussten wir eine elfstündige Busfahrt machen. Da mir gesagt wurde, dass das ein riesiges Angebot ist, bin ich in London an der Bushaltestelle in Anzug und Fliege aufgetaucht – und ich wurde während der ganzen Fahrt ausgelacht. Wie sollte ich das wissen? Ich wollte für die Schotten frisch aussehen!

Doch Schluss mit Witzen, das Fringe Festival war eine unglaubliche Erfahrung. Für uns genauso wie für unser Publikum, denke ich. Jeder schien wirklich interessiert daran, unsere Geschichte zu hören. Aber einer meiner Lieblingsmomente war, als wir zu einem traditionellen schottischen Tanz gingen. Einer meiner Freunde und Hauptdarsteller stammt aus Afghanistan und mitten im Tanz ließ er Musik aus seinem Land laufen und begann, den traditionellen afghanischen Tanz aufzuführen. Jeder im Raum schloss sich ihm an, es war unglaublich.

Mo und Kate führen die Primark-Szene auf der Bühne auf.

Seit ich nach Großbritannien gekommen bin, bin ich noch in ein paar lustige Fettnäpfchen getreten. Einige von ihnen mach ich in "Dear Home Office" nach. Eine Szene im Stück dreht sich um unseren Primark-Besuch. Damals war ich gestresst, da ich zu viele Sachen kaufen musste: Hosen, Westen – Jungs-Sachen halt. In meiner Panik nahm ich eine super Jeans. Kate sagte, ich solle sie zuerst anprobieren, also fing ich mitten im Laden an, meine Hosen auszuziehen. Ich war noch nie zuvor in einem großen Einkaufszentrum wie Primark, wie sollte ich also die Regeln kennen? Es war mir peinlich, da ich Kate nicht einmal gekannt hatte, aber ich sagte meinem Herzen, dass ich ihr vertrauen müsse – ich hatte keine Wahl. Als das passierte, fühlte ich mich sehr verwundbar, aber wenn ich es heute auf der Bühne aufführe, lacht das Publikum mit mir und ich fühle mich stark.

Es ist gut für mich, mich daran zu erinnern, was ich bis jetzt geschafft habe und wie weit ich gekommen bin. Es gibt viele Menschen auf der Welt und manche verstehen vielleicht nicht wirklich, was mit Flüchtlingen passiert. Ich denke, dass es meine Aufgabe ist, ihnen das mitzuteilen. Ich freue mich, dass ich als Flüchtling unser Publikum wissen lassen kann, dass wir Menschen sind. Wir verdienen Rechte. Wir brauchen Freundinnen und Freunde wie jeder andere. Eine Ausbildung, gute Arbeitsplätze und eine rosige Zukunft wie alle anderen auch. Niemand ist illegal.

Ich weiß nicht, was mit mir in der Zukunft passieren wird. Als ich in Somalia gelebt habe, wollte ich Sportjournalist werden. Jetzt will ich auch Schauspieler werden.

Unterschreibe hier die Petition des UNHCR, die Regierungen dazu aufruft, eine sichere Zukunft für alle Flüchtlinge zu garantieren.

Wenn ihr jemanden unterstützen wollt, die Gruppe Phosphoros Theatre arbeitet mit Flüchtlingen...

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